18.12.1995

JapanRitt auf dem Löwen

Ein schwerer Störfall legte den Schnellen Brüter Monju still. Tokio muß sein ehrgeiziges Atomkraftprogramm überprüfen.
Im Fischerdorf Shiraki sind sonnige Tage selten. "Wenn es im Winter stürmt und schneit, ist Monju kaum zu sehen", sagt Usa Nakagawa und zeigt hinüber auf den Schnellen Brüter. "Aber heute unter blauem Himmel, da sieht er prächtig aus."
Die Atomanlage hat Wohlstand in das kleine Dorf gebracht. Im letzten Jahr bekam jedes Haus einen Abwasseranschluß, erzählt die alte Frau, "vorher mußten wir den Kot auf die Rettichbeete kippen".
Auch sonst ist vieles neu in Shiraki: das Gemeinschaftshaus, der Hafen, die Straßen und die kleine rote Brücke vor dem Shinto-Schrein. Jeden Monat stiftet die Betreibergesellschaft des Kernkraftwerks dem Heiligtum zwei Flaschen Sake und läßt Gebete für die Sicherheit der 280-Megawatt-Anlage sprechen.
Genutzt hat es nichts - den schweren Störfall, der sich vor zehn Tagen in Japans stolzer Nuklearanlage ereignete, haben die Götter jedenfalls nicht verhindert.
Erst im August hatte Japans einziger Schneller Brüter die Stromproduktion aufgenommen, vorläufig nur mit einer Leistung von 40 Prozent. Nun geschah, was die Ingenieure stets als unmöglich bezeichnet hatten: Aus defekten Rohren des Kühlsystems entwichen mehrere Tonnen Natrium. Tage brauchten die Betreiber, um das Leck unter Kontrolle zu bekommen.
Dabei hatten sie Glück. Denn das Natrium, dessen Verwendung als Kühlmittel eine Hauptgefahr beim Betrieb Schneller Brüter darstellt, kam nicht mit Wasser in Verbindung - sonst wäre es explodiert.
Im Innern der jetzt stillgelegten Nuklearanlage suchen die Experten noch immer nach den genauen Ursachen der Beinahe-Katastrophe. Monju versinkt in einen langen Winterschlaf. Mindestens für die nächsten zwei Jahre bleibt das Kraftwerk abgeschaltet. Falls man die Fehler nicht schnell in den Griff bekomme, habe die kommerzielle Nutzung des Schnellen Brüters in Japan keine Zukunft, warnt schon der Vorsitzende der Nuklearen Sicherheitskommission, Yasumasa Togo.
Doch so schnell will die japanische Regierung ihr ehrgeiziges Atomprogramm nicht aufgeben. Das rohstoffarme Land könne auf Kernenergie nicht verzichten, belehrte Yasuoki Urano, Chef der Behörde für Wissenschaft und Technik in Tokio, besorgte Lokalpolitiker.
51 Kernkraftwerksblöcke (Deutschland: 20) versorgen die Industrienation bereits mit Strom, sie erzeugen zusammen 33 Prozent der benötigten Elektrizität. In den nächsten 15 Jahren sollen sogar 42 Prozent der Elektrizität aus Atommeilern kommen (Deutschland heute: 29 Prozent). Mit Schnellen Brütern, die neben Uran auch Plutonium als Spaltstoff verwenden, wollen sich Japans Planer einen Traum erfüllen: die weitgehende Unabhängigkeit von ausländischen Uranlieferungen.
Daher trieben sie den Bau des Prototyps Monju auch dann noch voran, als Länder wie Deutschland und Großbritannien bereits auf die teure und gefährliche Technologie verzichteten. Weltweit setzten nur noch Frankreich und Rußland auf den Schnellen Brüter.
Kiyoshi Yoshimura, Rentner in Tsuruga bei Monju, kämpft seit 30 Jahren mit einer Handvoll Mitstreitern dagegen, "daß unsere schöne Küste durch Atomkraftwerke verschandelt wird". Allein auf der Tsuruga-Halbinsel entstanden dicht gedrängt vier große Atom-Komplexe, Monju eingerechnet. Westlich von Tsuruga reihen sich auf etwa 60 Küstenkilometern weitere acht Reaktoren. Zusätzliche Meiler sind geplant.
Yoshimura weiß, warum ausgerechnet hier, in einem der berühmtesten Nationalparks des Landes, so viele Atomkraftwerke errichtet wurden: Aus den armen Fischerdörfern mit ihrer überalterten Bevölkerung ist kaum Widerstand zu erwarten.
Wichtiger aber noch: Die Reaktoren liegen in günstiger Entfernung von der Industrieregion um Osaka, in die sie den Strom liefern. Außerdem soll der felsige Boden besonders erdbebensicher sein.
Doch darüber streiten die Atomgegner derzeit vor Gericht mit Behörden und Betreibern. In unmittelbarer Nähe von Monju verlaufen zwei Erdspalten; bei einem Beben seien der Brüter und die benachbarten Kraftwerke unmittelbar gefährdet, fürchtet Yoshimura.
Bei dem schweren Erdbeben von Kobe im Januar zitterte zwar auch der Boden unter Monju. Aber das Werk sei sicher, beteuert Ingenieur Seiji Nakanishi und klopft auf ein Stück Fels.
Über mögliche Terroranschläge gegen die plutoniumbetriebene Anlage scheinen sich die Experten ebenfalls wenig Sorgen zu machen - nach den Erfahrungen mit der Giftgas-Sekte Aum eine erstaunliche Nachlässigkeit.
Nonchalant gehen die Atombehörden auch beim Transport des hochgiftigen Plutoniums vor. Die jüngste Fuhre des radioaktiven Materials schafften fünf Lastwagen in über zwölfstündiger Fahrt vom Atomzentrum Tokai nach Tsuruga. Auf angeblich erdbebensicheren Autobahnen durchquerte der Konvoi zentrale Wohn- und Geschäftsviertel Tokios, ohne daß der Verkehr gesperrt worden wäre.
Doch vorerst braucht Monju keinen Nachschub mehr. Je länger die Anlage stilliegt, um so praller füllen sich Japans Lager für Plutonium. Weitere Lieferungen aus Frankreich und Großbritannien sind vorgesehen. Bei seinen asiatischen Nachbarn nährt Japan damit alte Ängste, daß Tokio in aller Stille die Voraussetzungen schafft, um eines Tages doch noch Kernwaffen herstellen zu können.
Nachdem die Shinto-Gottheiten von Shiraki versagt haben, vertrauen die Energieplaner jetzt ganz auf Monju, die buddhistische Gottheit der Weisheit, deren Namen der Schnelle Brüter trägt: Auf Tempelbildern reitet Monju einen Löwen, und in der Überlieferung gelingt es ihr, das wilde Tier zu bändigen.
[Grafiktext]
Kartenausriß Japan - Lage Schneller Brüter Monju
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DER SPIEGEL 51/1995
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