18.12.1995

ArchitekturGeruch von Schuld

Kalt und zugig ist es in dem Bau, Schritte hallen wie in einem Tunnel. Wenn es wärmer wäre, würde man die Fenster aufreißen, um den Geruch von muffigem Teppichboden, Staub und Verlassenheit zu vertreiben. Kein Möbelstück steht mehr in den Zimmern.
Im siebten Stock haben sich schon die Tauben breitgemacht. Sie flattern durch menschenleere Zimmer, hinterlassen Flatschen schwarz-weißen Taubendrecks. Einige haben den Weg nach draußen nicht mehr gefunden; ihre Kadaver verwesen übelriechend auf Boden und Treppen.
Nur mit viel Phantasie kann man sich vorstellen, wie hier vor 60 Jahren die Großkopfeten der deutschen Chemieindustrie durch die elegant geschwungenen Gänge zu den Sitzungszimmern eilten, wie emsige Stenotypistinnen die Drahtberichte nach Übersee eintippten.
Zur Mittagszeit, wenn sich über 2000 Angestellte in die Paternoster drängten, muß das Haus fast geborsten sein vor Leben. Um Chaos zu vermeiden, war jedes Stockwerk in einer eigenen Farbe gehalten - "da wußte man automatisch", erzählt die frühere Angestellte Hanni Dietze, 75, "wann man aus dem Paternoster aussteigen mußte". Über 50 Jahre hat die einstige Buchhalterin das Gebäude an der Frankfurter Fürstenbergerstraße nicht betreten. So lange war die ehemalige Konzernzentrale der mächtigen Interessengemeinschaft Farben, in der die größten deutschen Chemiefirmen wie BASF, Hoechst und Bayer vereinigt waren, von der US-Armee besetzt. 1945 diente das Gebäude zunächst der US-Militärregierung als Sitz, später war es dann das Hauptquartier des V. Korps.
Das Hauptportal, das die grauhaarige Dame mit energischen Schritten betritt, war früher für simple Angestellte wie sie tabu. Das Fußvolk strömte morgens durch die Seiteneingänge zu den Schreibtischen.
Mühelos findet Hanni Dietze den Weg zu ihrem alten Büro im zweiten Stock. Doch den Raum selbst erkennt sie nicht mehr. Was der Pensionärin als helles Großraumbüro mit militärisch aufgereihten Schreibtischen und wuchtigen Registraturkästen vertraut war, sind jetzt kalte Arbeitsparzellen, unterteilt durch blaugestrichene Rigipswände.
Die US-Besatzung hat Spuren hinterlassen wie in einer abgenutzten Wohnung: amerikanisch beschriftete Türschilder, Trinkwasserspender in den Ecken, verfleckte Teppichböden, gekappte Kabel in den Verteilerkästen. In die prächtigen Sitzungssäle der Chemiemanager zimmerten sich die GIs Gymnastikräume und Saunakabinen.
Im siebten Stock verließ als letzter der Soldat R. D. Greer sein Office. "Last one here", hat er mit Kuli an die Wand gekritzelt und dazu seine Bilanz als US-Soldat in Deutschland: "The nazis won."
Aus der I.G.-Farben-Zeit sind nur wenige Original-Überreste geblieben: Linoleumfliesen im Flur, die silberne Decke in der Ausstellungshalle, alte Porzellan-Sicherungen von Siemens-Schuckert, sorgsam mit Tinte beschriftete Kontroll-Lämpchen und Zähler im Aufzugsbetriebsraum: "Direktionsaufzug Q 4", "in Betrieb 21. II. 38".
50 Jahre stand das Haus wie unter Quarantäne - off limits für Deutsche. Als der Regisseur Bernhard Sinkel 1985 die Geschichte des I.G.-Farben-Konzerns fürs Fernsehen verfilmte, mußte er die Kameras statt am Originalschauplatz in einer Prager Bank aufstellen.
Selbst für Architekten war das Werk des angesehenen Berliner Baumeisters Hans Poelzig, gebaut von 1928 bis 1930, vielfach tabu. Noch vergangenes Jahr beklagte das Fachblatt Bauwelt, daß dieses berühmte Ensemble der klassischen Moderne und des Funktionalismus "in den meisten Büchern der Architekturgeschichte fehlt".
Seit die Amerikaner im Mai abgezogen sind, pilgern die Architekten wieder dutzendweise zur Frankfurter Grüneburg, wie das ehemals der Bankiersfamilie Rothschild gehörende Parkgelände früher genannt wurde.
Die Deutschen haben einen Schatz zurückbekommen, doch die Gabe liegt ihnen im Magen. Das Haus ist zurückgekehrt wie ein versprengter Nazi-Onkel aus der Kriegsgefangenschaft. Nun weiß die Familie nicht so recht, wie sie ihn behandeln soll.
Denn mit dem Namen "I.G. Farben" verbindet sich auf immer die Erinnerung an den Holocaust. Der Konzern schmierte mit seinen Stoffen die Nazi-Kriegsmaschinerie. Auf einer gigantischen I.G.-Baustelle bei Auschwitz wurden Tausende von KZ-Häftlingen zu Tode geschunden. Überdies lieferte eine gemeinsame Tochter von I.G. Farben und Degussa, die Degesch, Zyklon B, das Todesgift der Gaskammern.
Auch wenn die Degesch bei Degussa in der Frankfurter Innenstadt residierte, die entscheidenden Stabsstellen der I.G. in der Reichshauptstadt Berlin saßen und das industrielle Herz der I.G. in den Werken in Ludwigshafen, Leverkusen und anderswo schlug, war das "I.G.-Hochhaus" doch die Zentrale, der Sitz der Hauptverwaltung.
So stand der Bau jahrzehntelang als Symbol für die Verwicklung der I.G. Farben in das Verbrechensregime der Nazis - wohlverwahrt hinter den Sicherheitszäunen der Amerikaner.
Als das Haus im Oktober erstmals wieder für die Öffentlichkeit zu besichtigen war, strömten Tausende von Neugierigen in den Komplex mit der Faszination eines schönen Schurken: Über der architektonischen Raffinesse liegt ein Geruch von Nazi-Zeit und Schuld.
Von diesem Hautgout, hofften Politiker in Stadt und Land, sei das Gebäude durch die US-Besatzung gereinigt. Doch als die Europäische Zentralbank einziehen sollte, Lieblingsidee der Stadtplaner, war die NS-Diskussion sofort wieder da. Die Euro-Banker winkten ab, sie mochten den Historienbau nicht.
Auch der Versuch der Landesregierung, die Geschichte des Monumentalbaus in einer Gedenktafel zu fixieren, scheiterte. In dem Bemühen, ja nichts zu verharmlosen, schoß das Wissenschaftsministerium über das Ziel hinaus.
Der Text, bereits in Acrylplatten eingeritzt, schob der I.G. ein Maß an Schuld am Holocaust zu, das kein ernsthafter Historiker vertreten würde: "Hier arbeiteten bis 1945 Personen, die mit wissenschaftlicher Systematik den Massenmord an Millionen Mitmenschen in den Gaskammern der nationalsozialistischen Konzentrationslager vorbereiteten." Nach öffentlicher Kritik ließ die Wissenschaftsministerin Christine Hohmann-Dennhardt die Enthüllung der Gedenktafel im Oktober platzen.
Der Bau hat den schlechten Leumund nicht verdient. Wie auf einer Perlenkette reihen sich sechs mächtige Querflügel in ein sanft gebogenes Längsschiff. Poelzig gelang es, Funktionalität und Ästhetik zu verbinden, und das bei 26 000 Quadratmetern Büroraum - die "genialste Lösung eines Arbeitshauses für zwei- bis dreitausend Menschen", lobte sein Freund Theodor Heuss, der spätere Bundespräsident.
Alles war licht und luftig, die Halle, die Gänge, die modernen Großraumbüros. Ehemalige I.G.ler schwärmen noch heute von den feinen Hölzern, mit denen die Sitzungssäle und Chefzimmer ausgekleidet waren, vom Park mit Seerosen-Bassin und Wasserfall, von der Bedienung bei Tisch in der Kantine, den Kulturveranstaltungen im Kasino.
Die I.G. betrieb eine fortschrittliche Sozialpolitik. Für ihre Mitarbeiter unterhielt sie eine eigene Pensions- und Sterbekasse sowie Ferienheime, die Firma baute Tausende von Werkswohnungen. Das schweißte die Leute mit ihrem Unternehmen zusammen.
Auch Hanni Dietze sagt noch immer "wir", wenn sie von der I.G. spricht. Als der Konzern 1952 von den Alliierten zerschlagen wurde, hielt die Buchhalterin der I.G.-Abwicklungsgesellschaft, die heute noch die Liquidation des Unternehmens betreibt, die Treue bis zu ihrer Rente.
Eine pflichtbewußte deutsche Frau, schrecklich tüchtig. Um der Langeweile im Haupthaus zu entkommen, ließ sie sich 1942 auf eine Baustelle in den Osten versetzen - nach Auschwitz. Im benachbarten Monowitz baute die I.G. ein kriegswichtiges Werk für künstlichen Kautschuk, Markenname "Buna".
Fast drei Jahre verbrachte Dietze neben dem größten Massenmord der Geschichte, zum Schluß als Assistentin des Bauleiters. Aber daß bis zu 30 000 KZ-Häftlinge und ausländische Zwangsarbeiter durch die Schinderei in Monowitz oder, als arbeitsunfähig aussortiert, im Gas von Birkenau starben, davon will sie nie etwas bemerkt haben: "Ich habe keinen einzigen Toten gesehen, der von der Baustelle getragen wurde." Erst nach dem Krieg habe sie das "Fürchterliche" erfahren, das sich da abspielte.
Wie andere ehemalige I.G.-Farben-Mitarbeiter empört sich Dietze darüber, daß die Geschichte ihrer Firma stets im Kapitel Nationalsozialismus abgelegt wird. Der "Großteil der I.G.ler", beteuert ihre ehemalige Kollegin Marianne Grätz, 87, "waren keine Nazis".
Mehrere Historiker sollen nun im Auftrag der Wissenschaftsministerin eine Gedenk-Inschrift für das I.G.-Farben-Haus finden, die vor der Geschichte und den Fachhistorikern bestehen kann. In den Komplex zieht demnächst, laut Planung, ein Teil der Frankfurter Universität.
Die vorerst letzten Bewohner haben mit der Vergangenheit ihres Domizils bis heute solche Beschwernisse nicht. "Ein wundervolles Gebäude", schwärmt etwa der Militärhistoriker Charles Kirkpatrick vom V. Korps, "ich habe es geliebt."
Annette Großbongardt

DER SPIEGEL 51/1995
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