22.04.2013

PROTESTEWiderstand aus Zimmer 105

Im Jobcenter Hamburg-Altona kämpft ausgerechnet eine Arbeitsvermittlerin gegen Hartz IV: Inge Hannemann weigert sich, Arbeitslosen das Geld zu kürzen, wenn sie nicht erscheinen.
Es gibt bestimmt jede Menge Gründe, warum sich das Arbeitsverhältnis von Inge Hannemann in einem Zustand zwischen Krise und Krieg befindet, jeden Tag ein Stück weniger Krise, jeden Tag ein Stück mehr Krieg.
Aber ein Grund lautet: 142.
Vor fünf Jahren hat Inge Hannemann einen IQ-Test gemacht, nur so aus Spaß, sie hatte einen "sauguten Tag", 142 Punkte, wie sie sagt, genial also. Das müsste natürlich auch ihren Arbeitgeber freuen. Wenn Hannemann in Quantenphysik forschen oder Computer-Chips entwickeln würde. Tut sie aber nicht. Stattdessen sitzt Hannemann im Jobcenter Hamburg-Altona, in einer Behörde, als Arbeitsvermittlerin für Jugendliche ohne Stelle. Und genau das ist das Problem. Nicht für Hannemann. Aber für ihren Arbeitgeber. Denn Hannemann hat einen Plan.
Gerichtet gegen ihren Arbeitgeber.
Gegen Hartz IV.
Gegen das System.
In den vergangenen Monaten hat Hannemann aufgehört, das zu tun, was von ihr erwartet wird: sich ans Routineverfahren zu halten. Die Routineregel lautet: Wer einen Termin bei ihr schwänzt, bekommt zehn Prozent weniger Geld, beim nächsten Mal 20 Prozent und so weiter. Wer einen möglichen Arbeitgeber versetzt oder nicht zur Fortbildung geht, verliert 30 Prozent, dann 60, dann alles. "Sanktionieren" nennt sich das im Behördendeutsch, so sieht es das Sozialgesetzbuch II vor, Paragraf 31 und 32 in Verbindung mit den fachlichen Hinweisen für Mitarbeiter der Agentur für Arbeit.
Aber Hannemann sanktioniert nicht. Mehr noch: Weil sie die besonders schwierigen Fälle bekommt, die Jugendlichen, die von Kollegen schon abgestraft worden sind, hebt sie Sanktionen auch wieder auf. Und weil Hannemann dafür immer einen guten Grund braucht - und auch findet, etwa eine Erkrankung, um den ausgefallenen Termin erklären zu können -, weiß das Jobcenter offenbar nicht so recht, was es mit ihr tun soll. Mit dieser Widerborstigen in Zimmer 105. Dieser, ja was? Querdenkerin? Quertreiberin? Querulantin? Die außerdem ein Internetblog betreibt über die Härten von Hartz IV. Darüber, dass angeblich alles in die falsche Richtung läuft, mit zu viel Fordern, zu wenig Fördern. Und über all die -losigkeiten eines Apparats, in dem sie selbst arbeitet: Herz-losigkeit, Gnaden-losigkeit, Skrupel-losigkeit. So lesen das zumindest ihre Vorgesetzten, und dafür braucht man auch keinen IQ von 142.
Vor ein paar Tagen wollte Hannemann mal wieder an ihren Arbeitsplatz, sie hatte noch Urlaub und wollte sich ein paar Bücher aus dem Büro holen, die ihr gehören. Sie schildert es so, dass sie durch die Eingangstür ging und ein Mann vom Sicherheitsdienst sich ihr in den Weg stellte, obwohl es schon nach Mittag war und der Sicherheitsdienst dann normalerweise gar nicht mehr im Haus sei.
Er fragte: "Wer sind Sie?" Dann sagte er: "Hm", mehr nicht, Hannemann ließ es nicht darauf ankommen und ging, angeblich weil sie keine Scherereien machen wollte. Am vergangenen Mittwoch, beim zweiten Versuch, tauchte beim Rausgehen wieder ein Sicherheitsmann auf, der sonst nicht im Eingang steht, fragte, was sie im Haus gemacht habe. Alles höflich, aber nicht ganz geheuer.
Seitdem ist die Lage unübersichtlich: Hausverbot hat sie nicht, aber wie es weitergeht, dazu will die Leitung des Jobcenters ebenso wenig sagen wie die Sozialbehörde Hamburg, ihr eigentlicher Arbeitgeber, der das Jobcenter mit der Bundesagentur für Arbeit betreibt.
An diesem Montag endet nun ihr Urlaub, aber Hannemann ist nicht die Frau, die einfach nicht wiederkommt, was ihren Chefs wohl am liebsten wäre. Oder sich wenigstens versetzen ließe, was ihnen vermutlich das Zweitliebste wäre. Eine Stelle im Bezirksamt Eimsbüttel, wo sie viel mit Akten und wenig mit Menschen in Berührung gekommen wäre, hat sie schon abgelehnt.
Hannemann, 45, will diesen Kampf, das hat auch mit ihrer Erziehung zu tun. Ihr Vater war bei Greenpeace aktiv, ihre Mutter in der Frauenbewegung, zu Hause lag immer die "Emma" auf dem Tisch, und ein Zimmer war meist mit Frauen belegt, die mit ihren Kindern vor prügelnden Ehemännern weggelaufen waren. Mit zehn oder elf ging Hannemann zu ihrer ersten Demo, "irgendwas gegen Springer", und danach zu ziemlich vielen: Friedensbewegung, 1. Mai, Ostermärsche. Den Rest der Prägung besorgten die Platten von Herman van Veen und Konstantin Wecker, die Bücher von Günter Wallraff und Bertolt Brecht.
Mit der Schule kam sie nicht klar. Damals der erste IQ-Test, "der ergab 139", es sei das typische Scheitern einer Hochbegabten, findet sie. Und so landete sie über einen Versuch in der Altenpflege und einer Lehre zur Speditionskauffrau 2005 in der Sozialverwaltung. Erst in Süddeutschland, dann in Hamburg, ihrer Geburtsstadt, aus Heimweh.
Damit war sie zwar daheim, dafür wurde aber ein anderes Weh immer größer, das zwischen ihr und ihrer Behörde. Denn 2005 war auch das Jahr, in dem Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden, Hartz IV in Kraft trat. Und je länger sie mitmachte, mit immer mehr Zweifeln, umso klarer wurde für sie: Das System ist falsch. Aber gerade weil es aus ihrer Sicht so falsch war, saß sie darin genau richtig. Um es anzugreifen.
Ganz zu Beginn, erzählt sie, im Jobcenter im badischen Müllheim, hatte sie einen Chef, der aus dem Sozialamt kam. "Der sagte, macht, was ihr wollt, solange es den Menschen hilft und noch im Rahmen der Vorschriften ist." Also machte Hannemann. Mit einer Familie spielte sie monatelang immer wieder "Mensch ärgere dich nicht", damit die Eltern begannen, sich um ihre Kinder zu kümmern, statt den ganzen Tag vor der Glotze zu sitzen. Dass sie dem Vater schließlich eine Stelle als Lagerist besorgen konnte, war für Hannemann zwar wichtig, aber nicht entscheidend.
In Hamburg sei so etwas zunächst auch noch möglich gewesen, doch schon 2006 habe es begonnen - immer mehr Vorschriften aus Nürnberg, immer klarer die Ansage: in Arbeit vermitteln, Hauptsache, raus aus der Statistik. Und dafür hinein in Ein-Euro-Jobs, Zeitarbeit. Und wer sich querstellte: Sanktionen.
Das Jobcenter Hamburg sagt dagegen, in der Stadt hielten sich gerade mal vier Prozent der Geldempfänger nicht an die Regeln, rund 5000. Nur die müsse man sanktionieren, und das tue man "mit Augenmaß". Warum also dieser Widerstand, soll das wohl im Subtext heißen. Aber Hannemann sind schon vier Prozent zu viel, und bei denen auch schon die ersten zehn Prozent Kürzung. "Das sind bei Jugendlichen, die allein wohnen, 38,20 Euro", und wenn Hannemann schon 382 Euro im Monat für zu wenig hält, dann 382, gekürzt um 38,20 Euro, erst recht.
Sie las Gerichtsurteile, mit denen Sanktionen gekippt worden waren, sie wühlte sich durch Teile der Sozialgesetzbücher, die für ihre Arbeit eigentlich keine Rolle spielten, sie lieferte Jugendliche bei der Drogenberatung ab und bereitete Termine bei der Schuldnerberatung vor. Angeblich sagte ihr Teamleiter, sie solle sich auf das beschränken, was ihre Aufgabe sei, in Arbeit vermitteln, notfalls mit Sanktionen. Ob das so stimmt oder nicht - sicher ist: Hannemann machte einfach weiter. Druck erzeuge bei ihrer Klientel doch nur Gegendruck, meint sie, und von den 800 Kunden, die sie bisher betreut habe, seien höchstens 50 bis 60 "ausgestiegen" - ihr Begriff dafür, wenn einer gar nicht mehr arbeiten will. Das müsse das Land aushalten.
Daran glaubt sie, deshalb kämpft sie. Schon 2007 schrieb sie Mails an die Bundesregierung, eine Antwort bekam sie nie. Vergangenen Dienstag hatte sie in Berlin einen Drei-Stunden-Termin bei Katja Kipping, der Parteichefin der Linken, es ging um eine mögliche Zusammenarbeit. Und wenn einer von der Bundesagentur für Arbeit mit ihr über das ganze Thema reden wolle, dann doch bitte mindestens der Vorstand Heinrich Alt, zuständig für Hartz IV, oder gleich der oberste Chef, Frank-Jürgen Weise.
Nur da, ganz oben, glaubt sie etwas erreichen zu können, damit alles eine andere Richtung nimmt. Dass man an den Ursachen für Arbeitslosigkeit arbeitet, statt irgendeine Arbeit für Erwerbslose zu finden.
Und so überzeugt sie davon ist, dass dieser Wechsel unbedingt nötig sei, so überzeugt auch, dass nur sie, die Insiderin, das dafür Nötige tun könne. Ihr Mann, ihre erwachsene Tochter unterstützen sie; auch deshalb fühlt Hannemann sich offenbar frei in dem, was sie tut. Und doch hat dieser Kampf sie im vergangenen halben Jahr vier Kilo Gewicht gekostet. Jetzt sind noch 47 übrig, und man kann den Eindruck haben, dass ihr Eifer sie ganz verzehren könnte.
Sie steht ständig in Kontakt mit einem Unterstützerteam - Anwälten, Freunden, Erwerbslosen. Sie will eine Stimme sein, die gehört wird, selbstverständlich im Bundestagswahlkampf.
Der Ton in ihrem Blog ist darum so scharf geworden, dass sie die Bundesagentur dort im Februar in einem Brandbrief fragte, "wie viele Tote, Geschädigte und geschändete Hartz-IV-Bezieher Sie noch auf Ihr Konto laden wollen?" Für den 8. Mai hat sie auch noch zu einer Demo in Hamburg gegen Hartz IV aufgerufen. Motto: "Wir wollen leben!". Etwas kleiner geht es wohl nicht mehr.
Aber während sich ihre Kritik in Widerstand und ihr Widerstand in Provokation gewandelt hat, so dass man nicht sagen kann, wo das alles enden wird für Inge Hannemann, möglicherweise nicht allzu gut, ist sie sich ihrer Sache sicher: "Seit über einem Jahr schlafe ich zum ersten Mal wieder gut", sagt sie, "ich bin jetzt endlich ausgelastet."
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 17/2013
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