22.04.2013

ZEITGESCHICHTESchwach bestückt

Abgetauchte Agenten, demotivierte Mitarbeiter, verwirrte Analytiker: Für den westdeutschen Geheimdienst geriet der Aufstand der Ostdeutschen am 17. Juni 1953 zum Fiasko.
Die westdeutschen Agenten waren fraglos zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Sie standen am 16. Juni 1953 unter den gut 10 000 Demonstranten, die sich vor dem Haus der Ministerien in Ost-Berlin versammelten hatten, um gegen eine Erhöhung der Arbeitsnormen zu protestieren. In dem Gebäude residierte ein Teil der DDR-Regierung.
Auch die Informationen der Agenten trafen zu: dass die Menge immer wütender wurde, dass sie DDR-Minister Fritz Selbmann niederschrie, als dieser vor die Tür trat und zum Reden ansetzte ("Du bist ein Lump und Verräter!"), dass sie skandierte: "Wir wollen frei sein."
Acht Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reichs" begehrten die Ostdeutschen gegen die sowjetische Besatzungsmacht und das von ihr installierte SED-Regime auf. Am nächsten Tag brach dann ein Volksaufstand los. Etwa eine Million Menschen gingen auf die Straße, stürmten Gefängnisse, entwaffneten Polizisten.
Doch Sehen bedeutet nicht zwangsläufig Verstehen. In der Zentrale der Organisation Gehlen (Org), des Vorläufers des Bundesnachrichtendienstes (BND), wollte man nicht glauben, was offenkundig war. In der wöchentlichen "Übersicht" für Kanzler Konrad Adenauer und andere Spitzenpolitiker berichtete die Org, es bestehe "kein Zweifel", dass die Sowjets die Demonstrationen zunächst "inszeniert" hätten.
Die Analytiker aus Pullach glaubten, es gebe zwei Fraktionen im Kreml: Die Hardliner wollten angeblich durch Unruhen demonstrieren, dass bei "Lockerung der Zügel die Pferde sofort durchgingen". Die Reformer wollten ihren Gegenspielern in Moskau zeigen, dass die Ostdeutschen unzufrieden seien - und man den Bürgern entgegenkommen müsse. Dann sei die Lage allerdings außer Kontrolle geraten, so deutete Pullach die Umstände, und gemeinsam hätten beide Fraktionen die sowjetische Armee in Marsch gesetzt, um den Aufstand niederzuschlagen.
Letzteres immerhin stimmte. Am 17. Juni 1953 rollten Moskaus Panzer durch die Städte der DDR.
Die abwegigen Einschätzungen der Org finden sich in einem Konvolut bislang geheimer Akten, das nun die Bundesregierung auf Antrag des SPIEGEL freigegeben hat. Gemeinsam mit Unterlagen aus dem Koblenzer Bundesarchiv ermöglichen sie erstmals, die Rolle der Org während des Aufstands zu rekonstruieren, einer der letzten weißen Flecken in der Geschichte des 17. Juni.
Jahrzehntelang hatten SED-Propagandisten behauptet, westliche Agenten hätten die Rebellion gesteuert. Der BND wiederum ließ durchblicken, man habe sich glänzend geschlagen. 1985 erstellte der Dienst sogar eine Studie, derzufolge die Org "alle wesentlichen Entwicklungen" erfasst und die Bundesregierung "präzise und zutreffend" unterrichtet habe.
Davon kann nach Analyse der neuen Papiere keine Rede sein. Obwohl der Geheimdienst über mehrere hundert Agenten in der DDR verfügte, wurde er von dem Aufstand überrascht. "Wo bleiben Meldungen? Wir haben doch so viel Geld investiert", schimpften am 18. Juni 1953 Vertreter der amerikanischen Besatzungsmacht, der die Org unterstand.
Die meisten Spione des Pullacher Diensts beobachteten die DDR-Wirtschaft und die sowjetischen Truppen. Auf dem "Gebiet der Politik" war die Gehlen-Truppe hingegen nach eigener Einschätzung "schwach bestückt". Entsprechend wenig wusste sie über die Absprachen der SED-Führung mit den sowjetischen Machthabern.
Auch konnten Spitzenquellen in Ost-Berlin in den Stunden des Aufstands die Büros nicht verlassen, ohne das Risiko einzugehen, enttarnt zu werden. Und sie sahen keinen Weg, ihren Kontaktleuten von der Org Berichte zu übermitteln.
Viele Verbindungsführer trafen sich mit ihren Quellen am liebsten in West-Berlin. Doch während des Aufstands wurde der Westteil der Stadt hermetisch abgeriegelt. Und Pullachs internen Unterlagen zufolge zeigten die Verbindungsführer wenig Initiative, um auf andere Weise mit ihren Agenten Verbindung aufzunehmen. Stattdessen nutzten viele die Gelegenheit, so steht es in den Akten, für "Papierkrieg".
Der Meldungseingang insgesamt sei "gering" gewesen, räumte der Dienst intern ein. Erst am 19. Juni - da war der Aufstand längst niedergeschlagen - befahl die Org allen Agenten in der DDR, die funken konnten, Berichte abzusetzen.
Das Ausmaß der Rebellion unterschätzte der Dienst, so wie er die Zahl der Toten überschätzte; es waren wenige Dutzend, nicht Hunderte. Analytiker der Org fabulierten über den "arteigenen Fatalismus" sowjetischer Soldaten oder erklärten die Politik der Besatzer aus dem "slawischen Volkscharakter", zu dessen Wesen angeblich "Selbstanklage und Selbsterniedrigung" zählten.
Der Aufstand vom 17. Juni lief an der Org "weitgehend vorbei", urteilt denn auch Ronny Heidenreich von der "Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND".
Für Pullach kam das Fiasko zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die USA wollten die Behörde in absehbarer Zeit in deutsche Hände geben, und die Geheimen fürchteten, dass sie abgewickelt würden. Entsprechend engagiert zeigten sich Angehörige der Org beim Erfinden von Ausreden. Mal hieß es, für Aufstände in der DDR sei der Geheimdienst nicht zuständig. Ein anderer behauptete, "Augenblicksentwicklungen können von einem ND ( Nachrichtendienst -Red.) nicht vorher gemeldet werden". Da seien Journalisten "zwangsläufig" schneller.
Geheimdienstchef Reinhard Gehlen, ein geschickter Verkäufer seiner Behörde, redete die Pleite einfach schön. Allen beteiligten Mitarbeitern dankte er für die "großartige Pflichterfüllung"; der Dienst habe "wertvolle Erkenntnisse" gewonnen.
Eine Konsequenz der Schlappe war, verstärkt politische V-Leute in der DDR-Führung anzuwerben. Das zumindest behauptete der BND 1985 in seiner Studie zum Aufstand.
Besonders weit ist man damit aber nicht gekommen: Als vier Jahre später die Mauer fiel, wurde der Dienst erneut kalt erwischt. Der damalige BND-Chef war auf Reisen und verfolgte die Grenzöffnung am Fernsehgerät, in einem Hotel in Washington.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 17/2013
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