22.04.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„All das gehört zum Leben“

Der Historiker Götz Aly über seine behinderte Tochter Karline, die Inklusionsdebatte und seine Euthanasie-Studie
In Deutschland sind in der Zeit des Nationalsozialismus 200 000 Menschen umgebracht worden, die psychisch krank oder behindert waren. Euthanasie (Altgriechisch: schöner Tod) war der zynische Name für das Vernichtungsprogramm. Diese fürchterliche Vergangenheit hat den Umgang mit unheilbar Kranken und Behinderten hierzulande geprägt. Die Vorschriften zur Sterbehilfe sind in Deutschland restriktiv, auch bei der Präimplantationsdiagnostik gibt es strengere Regeln als in den meisten europäischen Staaten.
Die Vereinten Nationen haben sich im Jahr 2006 auf eine Behindertenrechtskonvention geeinigt, die 2009 von Deutschland ratifiziert wurde. Vorgesehen ist darin ein sogenanntes inklusives Bildungssystem für alle Schüler. Kinder mit Behinderungen und Verhaltensstörungen sollen die Regelschule besuchen dürfen. Bremen hat die Verpflichtung zur Inklusion schon 2009 übernommen, andere Bundesländer sind dabei, sie umzusetzen.
Nun ist eine Debatte über das Für und Wider der Inklusion entbrannt. Die Befürworter sagen, es müsse normal werden, verschieden zu sein. Gegner meinen, die Inklusion gehe auf Kosten der Förderschulen, die Lehrer seien überfordert, die leistungsstarken Schüler kämen zu kurz, die behinderten Kinder fühlten sich in den Regelklassen ausgeschlossen.
Es ist eine Debatte, in der die einen als Idealisten, die anderen als Ideologen beschimpft werden, letztlich geht es um die moralischen Normen des Miteinanders.
Der Berliner Zeithistoriker Götz Aly, 65, hat eine behinderte Tochter, sie heißt Karline und ist 34 Jahre alt. Im Gespräch erzählt er von den Freuden und Nöten, die der Alltag mit einem behinderten Kind mit sich bringt. Aly hat 32 Jahre lang über die Euthanasie geforscht. Sein Buch "Die Belasteten" ist jetzt im S. Fischer Verlag erschienen (352 Seiten, 22,99 Euro).
SPIEGEL: Herr Aly, Sie haben die sogenannte Euthanasie erforscht - die Ermordung von Behinderten und psychisch Kranken im Nationalsozialismus. Und Sie haben eine behinderte Tochter. Kam Ihnen dieses Thema nicht zu nahe?
Aly: Natürlich weiß ich, dass meine Tochter damals zu den Todeskandidatinnen gehört hätte. Aber Karlines Erkrankung vor 34 Jahren war ja der Anlass, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, womöglich war das auch eine Form der Verarbeitung. So bin ich zur NS-Forschung gelangt. Es stört mich nicht, wenn Themen mir nahekommen, im Gegenteil: Ich finde es unangenehm, dass viele Deutsche, die über die NS-Zeit schreiben, so tun, als hätten sie keine eigenen Bezugspunkte. Ich mache mir manchmal einen Spaß daraus und frage ältere Kollegen: "Was hat denn Ihr Herr Vater im Zweiten Weltkrieg gemacht?"
SPIEGEL: Ihr Buch über Euthanasie ist Karline gewidmet, und Sie schreiben auch einige Sätze über sie. Dennoch wird Ihre Tochter in Rezensionen und Interviews kaum erwähnt. Gibt es da eine Scheu?
Aly: Es ist ein wissenschaftliches Buch; nach diesen Kriterien wird es besprochen.
Deutsche Historiker pflegen die sogenannte Objektivität. Sie bilden sich ein, sie könnten das Subjektive und damit auch das Verstörende ausschalten. Es gibt jedoch einen deutschen Geschichtsprofessor, der mich regelmäßig fragt, wie es Karline geht, und das ist Hans Mommsen. Das unterscheidet ihn von anderen.
SPIEGEL: Wie wirkt sich die Scheu vor Persönlichem auf die Wissenschaft aus?
Aly: Ich stehe am Rande des akademischen Ringelreihens und in Spannung dazu - einer Spannung, aus der ich Energie, Einfälle und Fragen beziehe. Dieser Betrieb ist weithin auf tumbe Weise mit sich selbst beschäftigt, da werden in großer Zahl sterile Texte geschrieben - oft mit einem unglaublichen Aufwand an öffentlichen Geldern -, die ein Lehrbeispiel dafür sind, wie man Leser verjagt und sich an geschichtlichen Einsichten vorbeidrückt. Zu großen Teilen ist die NS-Forschung eine Distanzierungs- und Beschwörungswissenschaft. Da wird so getan, als wären die Menschen im Nationalsozialismus Monster gewesen - als wären sie ganz anders als wir heute.
SPIEGEL: Wo liegen die Gemeinsamkeiten?
Aly: Der Untertitel meines neuen Buchs heißt: "Eine Gesellschaftsgeschichte". Ich schaue nicht nur auf die 500 Mörder und 200 000 Euthanasie-Opfer, sondern versuche, das Zwischenfeld auszuleuchten: Wie haben sich Angehörige verhalten und Nachbarn? Da stößt man auf Reaktionsweisen, die allgemeinmenschlich sind: Chronisch Kranke und Behinderte können für die Familie zur Last werden. Diese Erfahrung ist niemandem fremd.
SPIEGEL: Deswegen der Titel Ihres Buchs: "Die Belasteten". Sie weisen nach, dass die massenhafte Ermordung nicht ohne die stillschweigende Zustimmung der Angehörigen möglich gewesen wäre.
Aly: Ich spreche nicht von Zustimmung. Die Organisatoren der Euthanasie-Morde erfragten systematisch, wie oft ein Patient von wem besucht wurde. Hatten sie den Eindruck, die familiäre Bindung sei nicht eng, wurde der Kranke sehr viel eher abtransportiert als ein Leidensgenosse, der regelmäßigen Besuch erhielt. Nach der Ermordung bekamen die Verwandten eine amtliche Sterbeurkunde mit fingierter Todesursache. Die meisten fanden sich damit ab, sie akzeptierten das staatliche Angebot, die wirkliche Todesursache nicht wissen zu müssen. Auf derselben gesellschaftlichen Grundlage - im Halbdunkel, unter der Voraussetzung des Wegsehens - konnte später auch der Holocaust ins Werk gesetzt werden. Die Mörder, die 1939 mit der Euthanasie begannen, waren überrascht, wie gering der Widerstand blieb. Das hatte mit der Scham vieler Angehöriger zu tun.
SPIEGEL: Eine Scham, die sich bis heute nicht gelegt hat.
Aly: Jeder achte heutige Deutsche ist direkt mit jemandem verwandt, der Opfer dieser Morde wurde. Und wenn Sie die angeheirateten Verwandten dazunehmen, würde fast jeder in der Familie einen finden. Aber in den meisten Familien wurde darüber nicht gesprochen. Die Ermordeten sind vergessen.
SPIEGEL: Angehörige könnten in Archiven forschen.
Aly: Die Institutionen, die heute über die Akten der Opfer verfügen, veröffentlichen meist nicht die Namen - obwohl es keine datenschutzrechtlichen Gründe gibt. Ich habe den Präsidenten des Bundesarchivs und den Bundesdatenschutzbeauftragten gefragt, warum. Sie antworteten beide: "Nehmen Sie bitte Rücksicht auf die noch lebenden Angehörigen." Im Fall der Juden würden wir niemals Namen unterdrücken, aber bei den sogenannten Irren heißt es auf einmal, wir wollen die heutige Verwandtschaft schützen. Warum? Wovor?
SPIEGEL: Es ist die Angst der Angehörigen, dass in ihnen selbst etwas steckt, was nicht normal sein könnte.
Aly: Ja. Als vor 20 Jahren die ersten Gedenkstätten entstanden und die ersten Briefe von Angehörigen dort eingingen, wurde vor allem gefragt: Haben wir eine Erbkrankheit in der Familie?
SPIEGEL: In Ihrem Buch zitieren Sie die Aussage eines Vaters, der in der NS-Zeit vom Leiter einer Anstalt erwartete, ihn von der Verantwortung für sein Kind zu befreien. Diese extreme Kälte wirkt auf uns heute dann doch befremdlich.
Aly: Die Extreme schon, aber das Grundgefühl der Last doch nicht. Mein Vater war viele Jahre lang dement, dann kam er in ein Heim. Wir wussten, das war nicht ideal, aber es ging nicht anders. Und noch ein Beispiel: Vor 35 Jahren löste sich meine Wohngemeinschaft auf, einer von uns kam in die Nervenklinik. Wir anderen treffen uns bis heute, sprechen aber nicht über den einen, wir wissen nicht, ob er noch lebt. Es ist ja nicht so, dass psychisch Kranke einfach wären. Wenn ein Kind psychisch krank wird, kann es in Familien Schuldzuweisungen geben.
SPIEGEL: Es werden viele behinderte Ungeborene abgetrieben. Andererseits gibt es ein Bemühen, Behinderte zu integrieren, Schulen sind dazu aufgefordert. Insofern unterscheidet sich die heutige Gesellschaft sehr von der damaligen.
Aly: Das ist so. Karline und wir Eltern haben sehr viel Hilfe bekommen von staatlichen Stellen, sehr viel Freundlichkeit von privater und professioneller Seite. Es heißt oft, es werde nicht genug getan, aber das stimmt nicht. Ich kann nur sagen: danke. Wir leben insoweit in einem glücklichen Land. Als Vater einer behinderten Tochter weiß ich, wie wichtig Unterstützung für die innere Balance ist. Im Nationalsozialismus spürten die Angehörigen den Druck der Propaganda, galten selbst als erblich belastet, die meisten lebten in materiell engen Verhältnissen, zudem herrschte Krieg. Dass Menschen unter diesen Umständen wankten, kann ich verstehen.
SPIEGEL: Ihre Tochter Karline kam gesund zur Welt und erkrankte wenige Tage nach der Geburt. Was ist passiert?
Aly: Sie bekam an ihrem dritten Lebenstag eine Streptokokken-Infektion und wollte nicht mehr trinken. 30 Prozent der schwangeren Frauen haben Streptokokken B, wenn man das früh bemerkt und Antibiotika gibt, passiert nichts. In den siebziger Jahren waren diese Tests nicht üblich. Außerdem: Es war die Zeit der sanften Geburten, Karline kam in einer Privatklinik zur Welt - der Kinderarzt wurde am Telefon gefragt und bagatellisierte das Problem als Durstfieber. Karline verfiel stündlich, morgens war sie noch blühend und am Abend grau, fahl und faltig. Es dauerte zu lange, bis sie in die Kinderklinik verlegt wurde.
SPIEGEL: Ärztliches Versagen?
Aly: Ja - aber wir Eltern haben eben auch eine sanfte Geburt gewollt. Doch solche Dinge werden immer wieder passieren, auf die eine oder andere Art. Behinderungen gehören zu unserem Leben, nur die Formen ändern sich. Auch wenn so ein Fall wie Karline heute seltener vorkommt, auch wenn 90 Prozent der Ungeborenen mit Down-Syndrom abgetrieben werden, gibt es heute zum Beispiel vermehrt Schädigungen infolge von Frühgeburten. Und es gibt mehr schwerverwirrte alte Menschen.
SPIEGEL: Wie haben die Ärzte in Ihrem Fall reagiert?
Aly: Der Oberarzt auf der Intensivstation der Universitätsklinik hat mich nach drei Tagen zur Seite genommen und gesagt: "Wenn Ihre Tochter die kommende Nacht überlebt, wird sie sehr schwer behindert sein." Ich habe das als codierte Frage aufgefasst und erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen.
SPIEGEL: Als Frage, ob die Ärzte dafür sorgen sollen, dass Karline die Nacht nicht überlebt? Was haben Sie gesagt?
Aly: Er solle alles tun, damit sie überlebt.
SPIEGEL: Schon vor Karlines Geburt war geplant, dass sie bei der Mutter leben würde. Die Mutter, Morlind Tumler, hat ein Kind aus einer anderen Beziehung, Sie selbst haben drei Kinder aus Ihrer Ehe. Wie hat sich das Leben für Sie durch Karline verändert?
Aly: Den Großteil, das möchte ich betonen, hat Karlines Mutter übernommen. Das erste Jahr hat sie mit der Arbeit ausgesetzt, aber nach einem Jahr wieder angefangen als Lehrerin, ihre Schule wurde damals Integrationsschule. Ja, und ich habe durch Karline eben den Anstoß für meine Arbeit bekommen.
SPIEGEL: Sie wirken glücklich, wenn Sie über Karline sprechen, und doch ist das Leben mit einem behinderten Kind anstrengend.
Aly: Karline kann nicht sprechen, sie sitzt im Rollstuhl, sie kann sich nicht kontrolliert bewegen, ihr Oberkörper muss gestützt werden, sie hat manchmal epileptische Anfälle.
SPIEGEL: Sie muss gefüttert, gewickelt und manchmal auch getragen werden?
Aly: Ja, aber sie ist zart und klein, wiegt nur 20 Kilo, das ist ein Vorteil. Ich glaube nicht, dass ein Leben mit einem schwerbehinderten Kind mühsamer ist als ein Leben mit einem Kind, das nicht so stark eingeschränkt ist. Ich meine sogar, dass Eltern bei mittleren Behinderungen viel größere Schwierigkeiten haben können, sich hineinzufinden. Sie geben dann jahrelang Mühe rein, veranstalten Dutzende Therapien, bis sie akzeptieren, dass ihr Kind so ist, wie es ist.
SPIEGEL: Bei Karline war von Anfang an klar, dass es wenig Besserung geben wird?
Aly: Nach etwa einem Jahr. Und so war es leichter für uns zu sagen: Gut, wir versuchen, dem Kind das Leben so leicht wie möglich zu gestalten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Eltern gegenüber einem behinderten Kind auch Aggressionen, selbst Todeswünsche entwickeln - das geschieht aus Überforderung, Verlassenheit oder Verzweiflung. Solche ambivalenten Gefühle belasten das Gewissen schwer, weil sie sich gegen einen nahen, noch dazu vollständig wehrlosen Menschen richten. Die NS-Gesundheits- und Fitnessprogrammatik hat solche durchaus menschlichen Ambivalenzen verstärkt - hier setzte die Politik des Mordens an.
SPIEGEL: Eltern wollen sich in ihren Kindern spiegeln, auch so entsteht Bindung. Wenn das Kind begabt ist, glauben Eltern gern, dass das an ihnen liegt. Sich in einem behinderten Kind zu spiegeln dürfte schwieriger sein. Wie ergeht es Ihnen?
Aly: Das funktioniert durchaus. Karline ist sehr sanft und ausgeglichen, das hat sie sicherlich von ihrer Mutter. Sie ist hübsch. Sie lacht und weint, liebt Musik, gutes Essen und Gesellschaft. Sie trinkt auch mal ein Bier. Manchmal guckt sie verschmitzt. Dann sagen wir: Sie schaut sehr intelligent.
SPIEGEL: Ihre Tochter war in einem Kinderladen, kam dann in eine Sonderschule und lebt heute in einer betreuten WG. Was halten Sie von den jüngsten Bestrebungen nach Inklusion, dass also allen Kindern alle Schulen offenstehen sollen? Kritiker sagen, dass die behinderten Kinder auf der Regelschule eher spürten, dass sie von der Norm abweichen, und dadurch zusätzlich belastet würden.
Aly: Es gibt Kinder, die merken, dass sie eine Sonderrolle haben, und das genießen, aber es gibt viele, die spüren, dass sie doch nicht so können wie die anderen, und froh sind, wenn sie in eine beschützte Schule kommen. Es hängt von den Persönlichkeiten ab. Deswegen sollte es die Wahlmöglichkeit geben.
SPIEGEL: Die Forderung nach den Gemeinschaftsschulen kommt eher aus dem linken Spektrum der Gesellschaft. Sie selbst waren einmal Protagonist der linken Bewegung, haben sich aber nun von manchem distanziert. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Ideologie, die zur Euthanasie führte, von der Reformbewegung, also eigentlich von links, inspiriert worden war. Wie kamen Sie zu dieser Erkenntnis?
Aly: Es hat keinen Widerstand von linker und laizistischer Seite gegen die Euthanasie-Morde gegeben. Die Vorstellung von einer gesunden Gesellschaft, von leis-
tungs- und genussfähigen Menschen entstand in den bürgerlich-liberalen, den linken und den nichtkirchlichen Milieus der Gesellschaft. Der Euthanasie-Gedanke kam weder aus der rechtsradikalen noch aus der konservativen Ecke. Er war und ist Teil der Moderne und des Fortschrittsdenkens - nur wurde dieses Denken nirgendwo auf der Welt mit solcher Radikalität exekutiert wie im Nationalsozialismus. In manchen europäischen Gesellschaften, die sich sehr an der Moderne orientiert haben, wird Sterbehilfe mit großer Selbstverständlichkeit praktiziert.
SPIEGEL: Welche meinen Sie?
Aly: Neulich traf ich eine niederländische Kollegin. Sie erzählte, sie hätte gerade mit ihren Geschwistern telefoniert, weil sie einen Termin suchten, an dem ihre krebskranke Mutter auf künstlichem Weg sterben sollte. Der Sohn der holländischen Königin, der seit einem Skiunfall im Koma liegt, wird in England versorgt, weil es in den Niederlanden fast keine Einrichtungen mehr gibt, in denen solche Patienten gepflegt werden.
SPIEGEL: Die Niederlande sind das erste Land der Welt, in dem die aktive Sterbehilfe legalisiert wurde.
Aly: Das ist geschichtlich konsequent. Die Niederländer schufen den ersten modernen bürgerlichen Staat Europas. Sie setzten früh auf Selbstbestimmung, auf diesseitiges Glück und Wohlstand.
SPIEGEL: Widerstand gegen die Vernichtung des sogenannten unwerten Lebens kam von kirchlicher Seite, von Clemens August Graf von Galen, der von 1933 bis 1946 Bischof von Münster war. Galen war sehr konservativ. Es zeigt sich, dass der Euthanasie mit Kategorien wie links und rechts kaum beizukommen ist.
Aly: Graf Galen wetterte in derselben Predigt, in der er die Euthanasie als schweres Verbrechen brandmarkte, gegen vorehelichen Sex. Die Motive für Galens Widerstand sind uns Heutigen fremd, und dennoch verdient Galens singulärer, mutiger Widerstand Hochachtung.
SPIEGEL: Die meisten Menschen wollen selbstbestimmt leben und Abtreibungen und Sterbehilfe unter gewissen Umständen tolerieren. Zugleich wissen wir, dass uns das Leitbild des Perfekten zu Unmenschen macht. Die Kirche verliert an Einfluss, es gibt keine moralischen Leitlinien mehr. Brauchen wir eine neue Ethik?
Aly: Ja, wir müssen moralische Maßstäbe neu formulieren. Menschen müssen sich in ihren Handlungen und Wünschen Grenzen setzen. Es gibt in der Bibel den schönen, sehr radikalen Satz: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes - gleichgültig, wie krank, arm oder beschädigt er ist. Wir sollten versuchen, diese Maxime in unser weltliches und rechtsstaatliches Selbstverständnis zu transponieren.
SPIEGEL: Herr Aly, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Foto aus einer Ausstellung 2012 der Berliner Stiftung "Topographie des Terrors".
Das Gespräch führte die Redakteurin Susanne Beyer.
Von Beyer, Susanne

DER SPIEGEL 17/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 17/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„All das gehört zum Leben“