09.09.1996

Wahrhaft Wissende

"Independence Day" heizt Verschwörungstheorien an

Irgend etwas muß wohl sein an der Geschichte über die Außerirdischen, die mit ihrem Sternengleiter vor rund 50 Jahren abgestürzt sein sollen, mitten im Süden der USA. Warum sonst, so fragt die Ufo-Gemeinde, die große Geheimniskrämerei der US-Militärs? Für die Weltall-Phantasten gibt es nur einen Grund: Das Volk soll dumm gehalten werden. Deshalb sei auch Regisseur Roland Emmerich von höchster Stelle gebeten worden, das Absturzgebiet nahe des Städtchens Roswell in seinem Film nicht zu erwähnen.

Natürlich tat er es dann aber doch, und sogar gern. Schließlich weiß er, daß der Mythos die Massen lockt. Schon eine Fernsehserie rund um die Roswell-Saga und ein angeblicher Dokumentarfilm, in dem ein wasserköpfiges Wesen obduziert wird, sorgten für viel Aufsehen. Jetzt spinnt Emmerich das Sternengleiterepos weiter - und Amerika ist begeistert.

Jeder zweite glaubt dort ernsthaft an fliegende Untertassen und daran, daß die Regierung die Landung der fremden Wesen verheimlicht. Selbst Wissenschaftler wie der Harvard-Professor John E. Mack halten Entführungen durch Außerirdische für wahrscheinlich, und pseudokirchliche Bewegungen, die Buddha, Jesus und Mohammed kurzerhand zu Außerirdischen erklären, genießen regen Zulauf - auch in Deutschland.

Immerhin glaubt fast jeder dritte Bundesbürger, daß hin und wieder Raumschiffe aus fremden Sternensystemen durch unsere Stratosphäre kreuzen. Und wer im Internet nach außerirdischem Leben fragt, trifft auf eine eingeschworene Gemeinde.

Schon Monate bevor Emmerichs Film in den USA angelaufen war, diskutierte die weltweit vom Roswell-Mythos infizierte Jüngerschaft aufgeregt über das kommende Ereignis: Viele fühlen sich in ihrem Ufo-Glauben bestätigt: "Es ist wirklich eine Tatsache", so eine Zuschrift.

Für die All-Spintisierer ist das Kinoereignis ein Anlaß, sich als wahrhaft Wissende zu fühlen - "Independence Day" ist ein weiteres Puzzleteil im selbstgezimmerten Weltbild der Verschwörungstheoretiker, die im Internet ihr ideales Medium gefunden haben.

Jeder, der ein Ufo gesehen hat, jeder, der meint, neue Beweise für die verheimlichten Machenschaften à la Roswell zu haben, jeder, der die endgültige Erklärung für die Schrecknisse dieser Welt gefunden hat, kann sich im Netz zu Wort melden - und findet viele Gleichgesinnte, die freudig einstimmen in den apokalyptischen Gesang der Konspiration.

Ob der Absturz der TWA-Maschine, der Anschlag von Oklahoma oder das Ozonloch: Für alles wird ein Schuldiger gefunden. Die Regierung sei unterwandert, heißt es auf vielen Internetseiten, Kommunisten, Juden, Außerirdische arbeiteten an einer neuen Weltordnung. Mit Aids wollten sie die Ghettos säubern, mit Drogen die Jugend vergiften, und die Monroe hätten sie auch auf dem Gewissen.

Aus dem unverdaulichen Nachrichtenwust wird in den Hinterzimmern des Datennetzes ein vermeintlicher Sinnfaden gesponnen, Pseudofakten verschmelzen zur Gewißheit: Plötzlich ist die Welt erklärlich - und steht kurz vor ihrem Untergang.

Doch Emmerich, der Meister des Mythos, hat eine versöhnliche Botschaft für die endzeitgestimmten Rechner- und Ufo-Hörigen: Wer stets wachsam am Computer sitzt, wird die Welt schon retten können - wie Jeff Goldblum, der Laptop tragende Held aus "Independence Day". Als das Ende dräut, haut der Heros mächtig in die Tasten: ein Sieg des Akkus über die Apokalypse.

* Aus einem Film über den Roswell-Absturz.

DER SPIEGEL 37/1996
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