26.06.1995

„Ich bin eine Niete“

Fronleichnam, nach der Herrgottsfrühe, am ersten himmelblauen Tag nach langem Grau, führt Bischof Franz Xaver Eder in Passau seine Katholiken durch die Altstadt.
Voll Andacht trägt er die Monstranz, Kinder streuen Blumen, und die Goldhaubenfrauen präsentieren stolz ihren Kopfschmuck. Fast alle Häuser sind geschmückt, mit jungen Birken und Flaggen, für die Kirche gelb-weiß und weißblau für Bayern. 3000 Gläubige singen und beten.
Rosemarie Mörtlbauer, 45, betet nicht mit ihnen. Sie sitzt daheim in ihrer Zweizimmerwohnung am Wohnstubentisch wie angeheftet auf der vordersten Kante eines Sessels. Sie raucht, als ob ein Automat in ihr den Zigarettenrauch zum Funktionieren brauchte. Ihre Hände blättern in einer Illustrierten.
Äußerlich fast bewegungslos, aber innerlich bis aufs äußerste bewegt, sitzt sie da wie eine, die etwas erwartet. Einen Hosenanzug aus schwarzer Seide trägt sie und um den Hals ein Goldkettchen mit zwei Kreuzen sowie eine kleine schmuddliggelbe Ente aus Holz an einem Lederband. Das haben die Sanitäter ihrem 16jährigen Sohn aus erster Ehe, Daniel H., vom Hals getrennt, nachdem er vor gut sechs Wochen seine Drohung wahr gemacht und seinem Leben ein Ende gesetzt hat: Am 28. April, kurz vor Mitternacht, hat sich "Hölli", wie seine Freunde ihn nannten, in Folge eines heftigen Streites mit seiner Freundin Martina*, 15, vom obersten Stockwerk des Einkaufszentrums Nibelungenpassage zehn Meter tief in die Heuwieserstraße gestürzt.
In dieser Nacht, da unter mysteriösen Umständen auch der gerade 20jährige Hans-Jürgen F. in seiner Wohnung unweit von Passau zu Tode kommt - der Obduktionsbericht steht noch aus, die Polizei spricht von Drogentod -, in dieser Nacht entzündet sich in der Dreiflüssestadt ein lang aufgestautes Gemenge aus Hetze, Hilflosigkeit und Heuchelei. Weil unter dem Deckel kleinstädtischer Verschwiegenheit eine solche Mixtur kaum explodieren _(* Martina K. ist die auf dem ) _(Titelbild abgebildete junge Frau. )
kann, implodiert das Gemisch dort, wo die Gesellschaft ihre schwächsten Stellen hat.
Spätestens seit sich genau einen Monat nach Höllis Tod der arbeitslose Matthias H., 16, gegen Mitternacht an der Innpromenade mit einer seinem Vater entwendeten Pistole in den Kopf schießt, macht in Passau das Gerede von der "Todes-Serie" die Runde.
Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die ungewöhnliche Anhäufung von Todesfällen unter Jugendlichen mit jener Nachricht, auf die Frau Mörtlbauer am Fronleichnamsmorgen in ihrem Wohnzimmer hockend zu warten scheint.
Als das Telefon läutet, drückt sie die Zigarette im Aschenbecher aus und hört sich ruhig die Nachricht an, als sei sie keine Neuigkeit.
"Die Martina", murmelt sie schließlich, als sie schwer den Hörer wieder sinken läßt. "Jetzt ist sie beim Daniel."
Seit Höllis Tod bangt sie um Martina, bei der Trauer und Wut und Suff allen Lebensmut zu einer gefährlichen Lebensmüdigkeit verdreht haben. Nun ist das Mädchen, nach polizeilicher Lesart, an den Folgen eines Autounfalls gestorben. Ob sie ihren Tod wollte oder gar absichtlich herbeiführte, um ihrer großen Liebe Hölli zu folgen - Fragen, die Rosemarie Mörtlbauer am liebsten gar nicht vorließe bis in die kühle Gemütlichkeit ihrer Zweizimmerwohnung. Das Nachkriegseinheitsmietshaus steht in einem Teil Passaus, den Touristen, wenn überhaupt, nur versehentlich zu Gesicht bekommen. Um dorthin zu gelangen, führt der Weg aus der enggassigen Altstadt über den Ludwigsplatz, bei McDonald''s vorbei, wo sich die Rapper treffen, und weiter an der Nibelungenhalle, wo die Feinde der Rapper leben, die Punks, von denen einige zu der frühen Stunde noch in Schlafsäcken ihren Rausch auspennen.
Die Nibelungenhalle, kurz Niha, ein Bau vom Reißbrett der NS-Architekten, wo die CSU alljährlich ihren politischen Aschermittwoch begeht und die rechtsradikale DVU ihren Oktoberkonvent, genauer gesagt: die überdachte Treppe zum Eingang der Niha ist seit langem ein öffentlicher Jugendtreff.
Seit sich die Punks dort breitmachen, gegen Abend mitunter 30 bis 50 Kinder und Jugendliche, seit sie dort saufen, auch mal pöbeln, gelegentlich randalieren, ist in Passau die "Niha-Clique" fast zum Synonym für "Punkerszene" geworden. Und die Niha-Treppen avancierten zum Schandfleck der Stadt.
Postkartenschön ist Passau. Aus aller Welt kommen Besucher, um sich am Zusammenfluß von Donau, Inn und Ilz die italienisch anmutende Altstadt mit dem alles überragenden Dom St. Stephan anzusehen. Jährlich fast 400 000 Übernachtungs- und 1,3 Millionen Tagesgäste kommen auf rund 50 000 Einwohner, 8 Parkhäuser, 66 Sport-, 23 Schützen- und 11 Soldaten- und Kriegervereine. Größter Veranstaltungssaal ist mit 7000 Plätzen die Nibelungenhalle. Auf den knapp 65 Quadratmetern Sozialbaubehaglichkeit haben sich Teile des Dramas, vermutlich die drastischsten, abgespielt.
Es beginnt im April letzten Jahres, "bis dahin war mein Sohn unauffällig". Einer seiner Freunde stirbt an einer Überdosis Heroin. Der Drogentod ruft unter den Jugendlichen nicht Angst oder Ablehnung hervor. Vielmehr macht gerade das Heroin den Toten zum Heroen. Zur Beerdigung kommen jede Menge Punks, die ihn auf ihre Weise verabschieden: Sie werfen leere Schnapsflaschen, Spritzen und Tablettenröhrchen ins offene Grab.
Daniel kommt aufgewühlt nach Hause und sagt zu seiner Mutter: "Genau so will ich beerdigt werden."
"Aber du stirbst doch nicht", entgegnet sie erschreckt. "Doch, ich werde bald sterben", sagt er ruhig, "ich werde keine 18. Das Leben ist zum Kotzen, schau dich doch um in der Welt."
Daß er die Welt mit ihren Kriegen, ihrem Hunger, ihrer Not für beschissen hält und "Kapitalistenschweine", auch seine Eltern, verabscheut, daraus hat Daniel keinen Hehl gemacht, seit er sich für die linksradikale Antifa engagiert.
Wie nicht wenige Heranwachsende, deren Jugend beim abrupten Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenleben auf der Strecke bleibt, fühlt auch er sich von jenen Menschheitsproblemen bedrängt, für die auch die Alten keine Lösung haben. Die Phase der Pubertät erlebt er in einem Zustand, den er selbst als "versatzstückhaft" bezeichnete.
Irgendwie hatte sich die Entwicklung der Gedanken von der Entwicklung der Gefühle abgekoppelt und umgekehrt, so daß er sich in immer verwirrenderen Widersprüchen wiederfand. Vier Monate vor seinem Tod hat er seinem zehn Jahre älteren Bruder Rainer einen Brief geschrieben, in dem er seine Entwicklung in poetischer Selbstbeschau analysiert:
"Es war, als würde mein Herz nicht mehr für mich schlagen. Plötzlich war es aus mit der Gedankenlosigkeit, und ich mußte handeln. Zu spät; meine Chance war vertan. So zog ich durch die Welt, und ich dachte und dachte und dachte."
Das Gerede vom Tod, erinnert sich die Mutter, "das kam erst schlagartig an diesem Abend", nach der Beerdigung des drogentoten Freundes. Doch wem sie auch davon erzählte, alle versuchten sie damit zu beruhigen, das sei doch jugendliche Spinnerei. "Nur ich habe vom ersten Augenblick gewußt, daß er es ernst meint."
Folgerichtig beginnt Rosemarie Mörtlbauer schon damals, im April 1994, während sie gleichzeitig um sein Leben kämpft, Abschied von ihrem Sohn Daniel zu nehmen - eine anfangs allein nach innen gerichtete, in aller Heimlichkeit gelebte Haltung, die sich jedoch vom Augenblick seines Todes an ohne weiteres nach außen kehrt und damit öffentlich wird. Sein Zimmer hat sie in eine Art private Gedenkstätte verwandelt, in der sie alles aufbewahrt, was ihr von ihm geblieben ist, Reliquien eines prominenten Toten.
"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können", haben seine Freunde mit Filzstift auf das Geländer geschrieben, von dem er in den Tod gesprungen ist.
Nicht ohne Stolz zeigt Daniels Mutter seine erste schriftliche Liebesbekundung her, ein Zettelchen, auf das der damals Siebenjährige in ungelenken Buchstaben "Das Die liebe nicht kabutghenkan" gemalt hat. Nichts deutete damals darauf hin, daß aus dem aufgeweckten, fröhlichen Grundschüler einmal ein so sensibler, so aggressiver und folglich sich selbst so gefährlicher junger Mann werden würde.
Irgendwann kommt der Tag, von welchem an einer alles nur noch falsch machen kann. Aber was muß einen Heranwachsenden bestürmen und bedrängen, daß er sich selbst so zum Rätsel werden kann? Daß er, geschehen gut ein Jahr vor seinem Todessprung, nachdem er sich beide Arme aufgeschnitten hat, vom Krankenhaus nach Hause kommt, dort neben seinem Stiefvater seinen leiblichen Vater mit seinem Bruder sitzen sieht, in sein Zimmer rast, sich die Verbände herunterreißt und das Hemd, mit nacktem Oberkörper in die Küche rennt, sich ein Messer greift und auf die drei verdutzten Männer in der Wohnstube losstürmt, drei starke Männer, die den Tobenden kaum bändigen können mit seinen Bärenkräften, bis nach 20 Minuten endlich die Polizei kommt und ihn mitnimmt, im Blick von Nachbars Argusaugen, ungezählte Paare hinter ungezählten Gardinen.
Punk ist er damals schon, draußen, an der Niha, und äußerlich, mit möglichst verkommenen Klamotten, Springerstiefeln und Irokesenfrisur. Drinnen, in der Zweizimmerwohnung, wo er in der Regel noch nächtigt, ist alles beim verhaßten alten geblieben. Er sieht sich umstellt von Kinderzimmermöbeln und Spießertum.
Sein Stiefvater wiederum lehnt, ohne sich um Daniels Inneres weiter zu kümmern, sein Äußeres "total ab": "Irgendwie ist das nicht normal in meinen Augen, weil man überall auffällt."
Das Ehepaar Mörtlbauer unternimmt einen letzten Versuch, den Jungen mit einer versöhnlichen Geste zur Umkehr zu bewegen: Sie räumen sein Kinderzimmer aus und richten ihm ein Jugendzimmer ein, mit schwarzen Möbeln, so wie er es sich gewünscht hat.
Als Daniel sein neues Zimmer sieht, "da hat er einen Luftsprung gemacht", sagt die Mutter. Doch dann kommt, vom Stiefvater, das große Aber, das womöglich den endgültigen Bruch besiegelt: "Verbote, Verbote, Verbote."
Von dem Tag an bezeichnet der Junge das Gefühl, das er für seinen Stiefvater empfindet, nur noch mit jenem Wort, welches seine Mutter so leidenschaftlich ablehnt: Haß. Er fühle sich wie ein betrogener Geliebter, hat er der Mutter einmal gestanden, die ihm nach der Trennung von ihrem ersten Mann noch versprochen hatte: "Daniel, wir halten zusammen. Uns kann kein Mensch auf der Welt etwas anhaben."
Als schließlich Schwesterchen Steffi geboren wird, fühlt sich Daniel vollends abgemeldet: Die Kleine darf alles, und er darf nichts. Daniel schreibt auf das schwarze Holz seines Bettes: "Ich bin eine Niete", und später an die Wand darüber ein großes M, für Martina, mit einem Kreis darum, und darunter "forever". Seine Mutter aber gerät allmählich genau an den Platz, den sie um jeden Preis hat vermeiden wollen: zwischen Mann und Sohn.
Erzählen, stundenlang erzählen ist ihre Form der Verarbeitung. Heulen könne sie nicht mehr, sagt Frau Mörtlbauer, "ich habe mich ein Jahr leer geheult". Jedes Detail der Chronik eines angekündigten Freitodes bewahrt sie auf, jeder kleinste Hoffnungsschimmer leuchtet die düstere Erinnerung aus an das Jahr, als sie ihren Sohn verlor.
Auf seinen Schreibtisch hat sie, neben einer Vase mit weißen Blumen, einer roten Kerze und dem Bild des Jungen eine voluminöse Bibel gelegt, aufgeschlagen im Buch Daniel, Kapitel 10, Vers 17, und eine Textstelle markiert: "Von da an blieb keine Kraft mehr in mir, und es ging mir der Atem aus."
Auf dem Bürgersteig, wo Hölli aufgeschlagen ist, sind noch Wachsspuren zu erkennen. Seine Freunde hatten Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt, um seiner auf ihre stille Weise zu gedenken. "Hölli, wir gehören doch zusammen", hatten sie auf den Teer geschrieben. Bei der Passauer Polizei ging, so ein Sprecher, "eine Vielzahl von Anrufen" ein mit dem Ziel, "diesem Treiben Einhalt zu gebieten". Anderntags waren Kerzen und Blumen zertreten.
Lange sitzt an dieser Stelle schweigend Martina auf der Bordsteinkante, als die Verzweiflung nachläßt und das Entsetzen einsetzt. Zuerst hat sie noch auf dem Boden gelegen, hemmungslos geschrien und mit allen vieren um sich geschlagen. Dann hat sie gesessen und gestarrt und getrunken und getrauert. So getrunken hat sie, daß sie später nichts mehr weiß von jenen Trauertagen, daß sie sogar Höllis Beisetzung verschläft. "Vielleicht besser so", sagt Frau Mörtlbauer, "sie wär'' ja hinterhergesprungen."
Martina, die als uneheliches Kind bei ihrem Opa aufgewachsen ist, hat an der Niha wenn nicht eine Heimat, so doch Halt gefunden. Schon einmal, vor einem Jahr, hatte sich einer ihrer Freunde umgebracht. "Aber da hatte ich ja den Hölli." Von ihm ist ihr die Lederjacke geblieben. Sie wird ihr zur zweiten Haut für die letzten Wochen des Lebens. So sitzt sie da, wo er lag, in seiner viel zu großen Jacke, im Schneidersitz, den Blick nach vorn gerichtet, ohne Ziel.
Vor ihr die Straßenschlucht zwischen Einkaufspassage, Parkhaus und Nibelungenhalle, dunkel und grau, ein häßlicher Platz für einen häßlichen Tod. Etwa 100 Schritte sind es zur Shell-Tankstelle mit Shop, wo sich die Punks mit legalen Drogen versorgen: Tabak zum Selberkurbeln, palettenweise Dosenbier oder "Bauernschenke", Wein in Zweiliterflaschen für sechs Mark.
Gut 50 Schritte in die andere Richtung liegt der Ort des Passauer Anstoßes, jene Fläche am Ende der Treppe, wo zwei große blaue Mülleimer an die Säulen geschraubt sind, wo dennoch mitunter Dosen, Dreck und Glasscherben herumliegen und wo viele der Punks, auch wegen des "Chaos", so etwas wie eine Ersatzfamilie und die einfachste Version eines Zuhause gefunden haben.
"Seit zwei Jahren gehe ich zur Niha", sagt Sam, 14 Jahre alt, "so lange habe ich noch nie irgendwo hingehört." Ein blasses, leicht pickliges Kerlchen, einer der jüngsten, dem kaum eine Erfahrung fehlt, auch nicht die des freien sozialen Falls: Innerhalb eines Jahres ist er vom Gymnasium über Realschule bis zur "Pro-Forma-Hauptschule" - angemeldet, aber abwesend - durchgerutscht.
"Irgendwie hab'' ich mich Scheiße gefühlt", erzählt er die Anfänge seines Punkseins, "dann bin ich halt auch jeden Tag zur Niha. Hauptthema war Saufen. Wenn du dann dicht bist, fällt dir schon irgendwas ein. Hauptsache, du läßt dir von keinem was vorschreiben. Kein'' Plan haben, das ist voll geil. Nichts mehr mitkriegen und dir nächsten Tag erzählen lassen, was du gemacht hast."
Aber nicht nur Alkohol, auch Tabletten. Hump, einer der älteren Punks: "Die Jüngeren nehmen alles querbeet", sagt er, "vor allem Mädchen von 12, 13, 14. Die fragen nur noch, ob es ein Puscher oder Downer ist und fertig."
"Scheißegal, wie du dich umbringst", sagt Sascha, "Hauptsache du bist zu."
So müssen auch Hölli und Martina gefühlt haben. Sie waren einander sehr ähnlich: klug und sensibel, aggressiv und haltlos. Vielleicht sogar in ihrer Todessehnsucht. "Er war meine große Liebe und mein bester Freund", sagte sie.
"Ob der Hölli sie am End'' geholt hat?" fragt sich Rosemarie Mörtlbauer. In seinem Zimmer, gegenüber der Bibel, hat sie drei kleine rote Kerzen in Gläschen gestellt und unter seiner bescheidenen Schallplatten- und CD-Sammlung auf einem roten Palästinensertuch aufgereiht. Das vierte Kerzchen stand schon lange vor dem Anruf bereit, durch den sie von Martinas Tod erfuhr. Sie hat ja gewußt, daß sie es bald würde anzünden müssen. Bei Mutter Mörtlbauer gehören sie zusammen, die Toten von Passau.
Das Verknüpfen der Todesfälle zu einer schrecklichen Serie, wie es Rosemarie Mörtlbauer mit ihren Kerzen und in ihrem Herzen tut, einer Serie, deren Ende womöglich noch nicht erreicht ist, stößt vor allem bei der örtlichen Polizei auf Widerspruch.
Was ist denn schon passiert in Passau?
Polizeirat Alois Mannichl, zweiter Mann in der Direktion an der Nibelungenstraße, glaubt, da werde "viel hineininterpretiert". Daß sich ein 16jähriger zu Tode stürze, das komme bedauerlicherweise vor. Daß zeitgleich ein anderer an einer "Überdosis Betäubungsmittel" sterbe, müsse als Zufall angesehen werden. Von Selbsttötungsabsicht könne ja nicht die Rede sein. Beim Selbstmord mit der Pistole sei andererseits ein Abschiedsbrief gefunden worden, in dem nicht eine Zeile über die beiden vorangegangenen Todesfälle zu lesen war. Und Martina K.? Nun, das sei doch wohl eindeutig ein Verkehrsunfall mit Todesfolge gewesen.
Martina ist nach einer Saufparty vor der Nibelungenhalle mit Adi, 18, auf die andere Seite des Inn gegangen, um in einen Nachbarort zu trampen. Er läuft am rechten Straßenrand, sie auf der Mitte der Straße. Es ist schon nach drei, die Laternen sind ausgeschaltet. Als endlich ein Auto kommt, versucht Adi sich ihm in den Weg zu stellen, die Fahrerin weicht aus. "Dann habe ich nur noch einen Knall gehört, mich umgedreht und gesehen, wie ein Körper durch die Luft geschleudert wird", sagt Adi.
"Straßenkinder von Passau" nennt Psychologe Bernhard Tischlinger die Kids der Niha-Clique. Der Drogenberater bei der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle der Caritas beklagt laut die "Ungeheuerlichkeit", durch schlichtes Leugnen eines Zusammenhangs zwischen den Todesfällen den Skandal verniedlichen, das Unglück sozusagen durch Auflösen in vier Einzelfälle ungeschehen machen zu wollen.
Selbst angesichts vier Toter versuchten Politik und Polizei, mit der Szene so vertraut wie Rentner mit Raves, eine Art "Passauer Linie" durchzuhalten: Ähnlich wie bei Kindesmißbrauch heiße es schlicht, so etwas gibt es hier nicht. Nur so lasse sich verstehen, daß jahrelang nichts passiert sei: kein autonomes Jugendzentrum, keine Teestuben für Drogenabhängige, kein Streetwork.
Die Infrastruktur für die Fremden ist zwar vorbildlich. Nur die eigene Jugend, im Vakuum zwischen den Vorzügen des Kindseins und den Privilegien des Erwachsenseins, ist über all der tüchtigen Entwicklung vergessen worden. Wer kein Geld hat für Spielhöllen oder Kneipen, trifft sich in Parks, Passagen oder unter irgendwelchen Dächern.
Und welchen Sinn mache es, fragt Tischlinger, Selbstmorde zu Unfällen umzuwidmen? So etwas falle doch nur Schreibtischtheoretikern ein, die nichts als saubere Statistiken im Kopf haben. "Suizidgefahr und Suizidgedanken sind unter Drogenabhängigen gang und gäbe", auch bei denen, die Alkohol, "die Droge ihrer Eltern", nehmen. Martinas Tod sei als "konsequenter Suizidunfall" zu verstehen.
Am Tag vor Fronleichnam scheint die "Todes-Serie" auch den Vertretern des Jugendamtes nicht mehr ganz geheuer zu sein. Sie laden die Niha-Kids ins "Zeughaus" ein. Das Jugendzentrum hätte so etwas wie deren Lebensbereich werden können. Doch bald nach der Einweihung wurde es gesäubert von Punks und Autonomen und zum kommerziellen Veranstaltungsraum aufgemotzt.
Sogar der 2. Bürgermeister Karl Abelein (SPD) ist gekommen. Seine kummer- und verständnisvolle Miene und Rede - "ich finde das überhaupt nicht schlimm, wie ihr ausschaut" - wird von den Punks schnell als wahlkampftaktisches Geplänkel enttarnt: Nächstes Jahr ist Bürgermeisterwahl, da muß das Problem weg, egal, wie, aus dem Stadtbild, aus dem Sinn.
Allem Abwiegeln zum Trotz sieht sich auch die Passauer Polizei zum Handeln gezwungen: Kürzlich wurde die Order ausgegeben, jeden Jugendlichen, der mit Selbstmord droht, sofort aufzugreifen und in die Psychiatrie zu schicken.
Die Notbremse Klinik hat Andrea F., die Mutter des 14jährigen Sam, bereits gezogen: Als der Junge nach Höllis Tod so zugedröhnt nach Hause kommt, "wie ich noch nie einen Menschen gesehen habe", da traut sie ihm alles zu. Kaum ist er wach, zieht er wieder los, will zu seiner Freundin nach München. Die Mutter ruft die Polizei, die ihn am Bahnhof einfängt. Vor die Wahl Heim oder Krankenhaus gestellt, entscheidet sich Sam für die Psychiatrie.
Eine Lösung sei das aber nicht, sagt sie. "Ich bin kurz davor aufzugeben" - und zwar nicht nur, weil er ihr anfangs gedroht hat, "wenn du mich nicht abholst, bring'' ich mich um".
Angesichts der "Todes-Serie" verspüren Jugendliche plötzlich eine ungezügelte Macht über Erwachsene. Und diese bekommen es mit der Angst zu tun. Sie fühlen sich gegenüber dem Nachwuchs machtloser, als sie es sich je vorstellen konnten.
Frau F. hat Hinweise aus der Niha-Szene, daß es geheime Absprachen unter den Jugendlichen gibt: "Die kannten sich doch alle", sagt sie. Matthias, der sich erschoß, hat wochenlang bei Hölli im Zimmer geschlafen. Hölli seinerseits hat des öfteren bei Hans-Jürgen, dem sogenannten Drogentoten, genächtigt.
Doch immer, wenn Andrea F. ihren Sohn Sam oder dessen Freunde bittet, "sag'' mir, was ihr dem Hölli versprochen habt", stößt sie auf Schulterzucken oder Abwiegeln. "Einzeln sind das die liebsten Menschen", sagt sie, "aber in der Gruppe, da sind sie nicht aufzuhalten." Sie spüre den Sog regelrecht: "Da kann ich nur zuschauen." Mag ja sein, daß sie keinen Plan fürs Leben haben. Aber vielleicht haben sie einen für den Tod.
Bernhard Tischlinger wird nicht müde, vor neuen Selbstmorden zu warnen. Auf acht bis zehn könnte die Zahl der Toten zum Jahresende ansteigen, wenn nichts geschehe. Kürzlich habe eins seiner "Straßenkinder" gesagt: "Vier Tote, ja, so was hatte ich erwartet. Aber ich hatte mit vier anderen gerechnet."
Tischlinger weiß um die Folgen von "Heroisierung": Hölli, zu Lebzeiten eine Art Leitfigur unter den Jugendlichen, ist nach seinem Todessturz ihr heimlicher Held geworden. "Der Hölli", sagt Trixie, "ist irgendwie heiliggesprochen." Immer wieder höre sie: "Das machen wir ihm nach, das ist cool. Diesen Sommer stürz'' ich mich vom Parkhaus." Wichtigtuer? In der Nacht, als Martina verunglückte, hat die Polizei die Punks Major und Maurer vom Dach der Nibelungenpassage geholt.
"Wir wollten runterspringen", sagt Major, "weil wir es nicht mehr gepackt haben mit Hölli und alles." Maurer war an diesem Tag völlig aufgelöst aus Straubing nach Passau gekommen. Er zitterte und weinte und sagte immerfort: "Ich kenn'' mich nicht mehr aus. Ich kenn'' mich nicht mehr aus." Seine Freundin hatte sich in Straubing von einer Brücke gestürzt. "Und ich mag den Maurer", sagt Major, "da bin ich einfach mit."
Und Hölli? Hatte der nicht auch Helden, denen er es gleichtun wollte? Ob aus Pop- oder Terrorszene: Stets waren Tote, Selbstmörder seine Idole. Gudrun Ensslin, Jim Morrison oder Kurt Cobain, sie fanden Platz in seiner Ehrengalerie, für die er ein Heft angelegt hatte. Er zeichnete ihnen Grabsteine, und auf die Grabsteine schrieb er immer denselben Namen: seinen eigenen.
"Nur die Besten sterben jung" - wie oft hat er diesen Spruch mit James-Dean-Appeal wiederholt. So träumen junge Selbstmörder vom Augenblick des Todessprunges, vom Abdrücken des Revolvers - wenn die große Freiheit und die endlose Gefangenschaft endlich ineinanderfließen und sich auflösen.
"Er hat halt einen Kult drum gemacht", sagt Ghostl, "es wird noch mehr geben."
Hölli, der unheilvolle Provinzhero, dem sie nacheifern, denn sie wissen nicht, was sie tun? Kaum ein schlimmerer Gedanke für Rosemarie Mörtlbauer: Mit jedem Todesfall lastet schwerer auf ihr die Schuld. Sie hat die Lawine losgetreten, glaubt sie, "weil ich mich meinem Mann gegenüber nicht so durchgesetzt habe, wie ich das hätte tun sollen".
Doch manchmal war es auch schwer, auf Höllis Seite zu stehen.
Am 5. April gegen neun Uhr, gut drei Wochen vor seinem endgültigen Absturz, läutet Hölli das letztemal zu Hause. Als er schwer angetrunken die Wohnung betritt, rastet er sofort aus. Er springt in sein Zimmer, packt den Fernseher, schmeißt alles herum, was ihm in die Finger kommt. Sein Stiefvater versucht, den Tobenden durch Anbrüllen zur Ruhe zu bringen. Der schlägt ihn daraufhin nieder und tritt mit seinen schweren Stiefeln nach ihm. Die Mutter schließt sich im Schlafzimmer ein mit der kleinen Stefanie, die immer nur schreit: "Jetzt ist er nicht mehr mein lieber Daniel." Und während sie aus dem Fenster die gaffenden Nachbarn anfleht: "Bitte, bitte ruft''s die Polizei", traktiert er seinen Stiefvater weiter mit Tritten.
"In letzter Verzweiflung", berichtet Herr Mörtlbauer, "krieg'' ich die Kette zu fassen, die er um den Hals trug. Da habe ich richtig festgehalten und umgedreht, und auf einmal hat er gesagt: ,Laß mich los, dann verschwind'' ich für immer.''"
Nachdem er noch alles zertrümmert, was ihm in die Quere kommt, zieht Hölli von dannen. Seine Mutter schaut ihm hinterher, wie er mit dem Fernseher unterm Arm weggeht.
Hätte sie ihn vielleicht noch retten können, wenn sie ihm das Geld gegeben hätte? Das Geld, das er fünf Tage vor seinem Todessprung von ihr forderte, als sie ihn zum letztenmal lebend sah? Sie hatte sich den Rat der Selbsthilfegruppe zu Herzen genommen: Wenn du ihm Geld gibst, kauft er sich am Ende noch harte Drogen, und nein gesagt.
Nun will sie tätige Reue leisten, geht täglich zur Clique, was sie zu Höllis Lebzeiten nie geschafft hat: "Der Daniel hat immer gesagt, du mußt was machen. Und jetzt mach'' ich was. Und wenn ich nur zuhöre oder einfach präsent bin vor der Niha, um den Leuten zu zeigen, das sind Menschen, das sind Kinder."
Die andere Perspektive will sie kennenlernen: Viele Passanten schütteln nur den Kopf oder beschleunigen den Schritt, wenn sie vorbeikommen. Manche schimpfen lauthals: "Geschlagen gehört ihr, von der Früh bis auf die Nacht." Es gebe nicht wenige in der Stadt, sagt Psychologe Tischlinger, die das Problem am liebsten auf die "elegante Weise" lösen würden: "Laßt doch die sich umbringen, dann ist a Ruah."
Acht Tage nach ihrem Unfall wird Martina K. beigesetzt. Die Sonne scheint, schon zu dieser Morgenstunde herrscht sommerliche Hitze. Vor der Abschiedskapelle haben sich Verwandte, Schulkameraden und Freunde versammelt. Auch die Jugendlichen aus der Niha-Clique sind gekommen, obwohl Martinas Familie versucht hat, den Begräbnistermin geheim- und die Punks von der Beerdigung fernzuhalten.
Bei deren Anblick geht unter den Verwandten kurz ein Gezischel und Geraune über "die Wilden" los: "Genau das hat sie vermeiden wollen" - "eine Schande ist das" - "nicht einmal hier können die sich ordentlich aufführen".
Rosemarie Mörtlbauer steht bei den Gescholtenen, die ruhig zuhören und die Köpfe hängen lassen. Der Pfarrer hält eine knappe Predigt. Pflichtschuldig murmelt die Trauergemeinde mit: "Beim Herrn ist Barmherzigkeit." Schließlich sagt der Pfarrer: "Für sie ist die Zeit der Pilgerschaft zu Ende."
Martinas Freunde sind die letzten am Grab. Schweigend schauen sie den Totengräbern bei ihrer Arbeit zu. Dann ziehen sie zurück durch die Stadt zur Nibelungenhalle. Die dortige Geschäftsführung hat die Gunst der Trauerstunde genutzt, um die Treppe säubern und mit Gittern absperren zu lassen.
Einen Augenblick lang stehen die Punks ratlos vor der Absperrung. Dann sagt einer: "Zäune sind dazu da, daß man über sie steigt." Y
Zwischen Dosen und Dreck finden Punks ihre Ersatzfamilie
"Laß mich los, dann verschwind'' ich für immer"
* Martina K. ist die auf dem Titelbild abgebildete junge Frau.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 26/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 26/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich bin eine Niete“

Video 00:51

Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger "Lass mich bitte rein"

  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Weil's so gigantisch ist: Big-Wave-Surfer bleiben nach Wettbewerb in Nazaré" Video 00:49
    Weil's so gigantisch ist: Big-Wave-Surfer bleiben nach Wettbewerb in Nazaré
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"