04.01.1993

LiteraturEin Häufchen Knochen

W. G. Sebald, ein melancholischer Außenseiter der deutschen Literatur, erzählt die Lebensgeschichten von vier Emigranten.
Ein russischer Junge mit kurzen Hosen streift durch die Hügel um Bad Kissingen und fängt mit einem weißen Netz Schmetterlinge. Die idyllisch anmutende Szene fällt ins Jahr 1910, der jugendliche Jäger heißt Vladimir Nabokov. Jahrzehnte später schildert er sie, inzwischen ein weltberühmter Romancier, in seiner Autobiographie "Erinnerung, sprich".
In W. G. Sebalds Erzählungen "Die Ausgewanderten" kehrt die Kindheitsepisode als irrlichterndes Zitat wieder*. Auch der erwachsene Nabokov, der auf allen Stationen seines ruhelosen Emigrantenlebens seiner Falterleidenschaft frönte, geistert durch das Buch, ohne beim Namen genannt zu werden: als rätselhafter "Schmetterlingsmensch" und poetische Schlüsselfigur.
Die Erinnerung, die Emigration, das Schreiben - drei Motive verdichtet der Nabokov-Bewunderer Sebald in der Gestalt des einsamen Schmetterlingsfängers, der den zartesten, flüchtigsten Wesen nachstellt.
Seit rund zwei Jahrzehnten lebt Sebald, 1944 im Allgäuer Ort Wertach geboren, zurückgezogen in der ostenglischen Grafschaft Norfolk, wo er an der Universität in Norwich deutsche Literatur lehrt. Sein Blick auf Deutschland gleicht dem der Emigranten. Es ist der Blick eines Außenseiters.
"Unheimliche Heimat" und "Die Beschreibung des Unglücks" heißen zwei Aufsatzsammlungen des Gelehrten Sebald zur deutschsprachigen Literatur. Eben diese Stichworte bringen auch den düsteren Kosmos des Erzählers Sebald auf den Begriff.
Denn die vier Lebensgeschichten, die er in seinem Buch versammelt und mit zarten Fäden verbindet, ähneln einander: Sie fügen sich zum Gesamtbild einer lautlosen und unaufhaltsamen Katastrophe. Sebalds Helden haben sich ins _(* W. G. Sebald: "Die Ausgewanderten". ) _(Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main; 360 ) _(Seiten; 44 Mark. ) Exil gerettet - drei von ihnen sind Juden - oder hoffen, wie der vierte, in der Fremde der Armut zu entkommen. Sie alle zerbrechen an ihrem Schicksal. _____" Im Januar 1984 erreichte mich aus S. die Nachricht, " _____" Paul Bereyter, bei dem ich in der Volksschule gewesen " _____" war, habe am Abend des 30. Dezember, also eine Woche nach " _____" seinem 74. Geburtstag, seinem Leben ein Ende gemacht, " _____" indem er sich, eine kleine Strecke außerhalb von S., " _____" dort, wo die Bahnlinie in einem Bogen aus dem kleinen " _____" Weidengehölz herausführt und das offene Feld gewinnt, vor " _____" den Zug legte. "
Außer dem Namen des Lehrers, den der Autor geändert hat, stimmt faktisch alles an diesem Satz - einem Satz, der trotz seiner Länge vollkommen rhythmisch und klar ist: makellose Prosa. Mit dem Rückblick auf den Selbstmord seines einstigen Volksschullehrers leitet Sebald dessen Lebensbild ein: das Porträt eines leidenschaftlichen, fragilen Pädagogen, der "zum Unterrichten von Kindern geboren" war: _____" In schön geordneten Sätzen ohne jede Dialektfärbung " _____" redete er, aber mit einem leichten Sprach- oder " _____" Klangfehler, irgendwie nicht mit dem Kehlkopf, sondern " _____" aus der Herzgegend heraus, weshalb es einem manchmal " _____" vorkam, als werde alles in seinem Inwendigen von einem " _____" Uhrwerk angetrieben und der ganze Paul sei ein " _____" künstlicher, aus Blech- und anderen Metallteilen " _____" zusammengesetzter Mensch, den die geringste " _____" Funktionsstörung für immer aus der Bahn werfen konnte. "
Erzählend erforscht der Autor das Rätsel des Suizids. Als Sohn eines im Hitler-Reich sogenannten Halbjuden hat Bereyter erlebt, wie seine große Liebe im Konzentrationslager verschwand und wie sein Vater vor Empörung und Furcht einem Herzschlag erlag. Er selbst, ein "Dreiviertelarier", wird aus dem Schuldienst entlassen und emigriert nach Frankreich.
Die Erinnerung an das Entsetzen holt ihn nach seiner Rückkehr, nach dem Ende des Krieges ein; starke Depressionen, Platzangst und Arbeitsunfähigkeit zwingen ihn schließlich dazu, den geliebten Lehrerberuf aufzugeben. "Von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressen", läßt er sich vom Zug überrollen.
Er scheint damit einer schaurigen Logik zu folgen. Ein Leben lang nämlich hatte sich Bereyter geradezu obsessiv mit dem Eisenbahnwesen beschäftigt, mit Fahrplänen, Kursbüchern und Gleisanlagen. In seinem Tod erfüllt sich das harmlos gemeinte Orakel von Bekannten, er werde noch einmal "bei der Eisenbahn enden".
Wie Paul Bereyter haben auch Sebalds andere Helden tatsächlich gelebt und den Weg des Autors irgendwann gekreuzt; lediglich ihre Namen sind verändert. Im Arbeitszimmer des englischen Schriftsteller-Refugiums hängt ein in hyperrealistischer Manier gemaltes, einer Fotografie täuschend ähnliches Bild des abgründigen Erzählers Edgar Allan Poe an der Wand. Sebald bewahrt in allerlei Behältnissen und Schachteln Fotografien und andere Lebenszeugnisse seiner Figuren auf. Er hat die Relikte aus staubigen Abstellkammern und vergessenen Hinterlassenschaften zutage gefördert. Manche der gelegentlich unscharfen und verblichenen Aufnahmen, letzte Zeichen versunkenen Lebens, sind in den fortlaufenden Text montiert.
Bei aller Genauigkeit seiner Recherchen ist Sebald ein Erzähler und kein Reporter. Gelegentlich läßt er Fiktionen wie Fakten und Fakten wie Fiktionen aussehen. So erzeugt er die eigentümlich flirrende, magische Atmosphäre seiner Prosa und jene Vielschichtigkeit, durch die sich Literatur vom Tatsachenbericht unterscheidet.
Besonders gut gelingt die Verschlingung von Wirklichkeit und Phantasie in der ersten Geschichte. Der höfliche Einsiedler Dr. Henry Selwyn, dessen Bekanntschaft der Ich-Erzähler in England macht, gewährt dem Zufallsbesucher Einblick in seine Emigranten-Biographie.
Es ist der Lebenslauf eines in Litauen geborenen Juden, der es als Chirurg in England zu zeitweiligem Wohlstand bringt. Von Schwermut und Heimweh bedrängt, hat er jedoch nach und nach alle "Kontakte mit der sogenannten wirklichen Welt" gelöst. "Seither habe ich in den Pflanzen und in den Tieren fast meine einzige Ansprache." Zu seinen spärlichen Glücksaugenblicken rechnet der betagte Arzt jene Klettertouren, die er als Student, vor Beginn des Ersten Weltkrieges, mit einem Schweizer Bergführer unternommen habe. Von einer Gletscherwanderung sei der aber nicht zurückgekehrt. Mit einem "abgründigen Lächeln" verabschiedet sich der Einsiedler eines Tages nach einem Besuch - wenig später kommt die Nachricht, Dr. Selwyn habe sich mit seinem Jagdgewehr erschossen.
Ihren phantastischen Höhepunkt findet die Geschichte darin, daß der Erzähler viele Jahre später bei einem Aufenthalt in der Schweiz die Zeitung aufschlägt. Er stößt auf die Nachricht, 72 Jahre nach dem Verschwinden des Berner Bergführers Johannes Naegeli - eben jenes Mannes, an den Selwyn sich so dankbar erinnert hatte - habe der Oberaargletscher die Überreste von dessen Leiche freigegeben.
Zur Beglaubigung ist das Faksimile des Lausanner Zeitungsberichtes vom 23. Juli 1986, mit einem Foto des Fundortes, der Erzählung beigefügt, die mit den Worten endet: "So also kehren sie wieder, die Toten. Manchmal nach mehr als sieben Jahrzehnten kommen sie heraus aus dem Eis und liegen am Rand der Moräne, ein Häufchen geschliffener Knochen und ein Paar genagelter Schuhe."
Die pointierte Schlußwendung klingt wie eine Hommage an Johann Peter Hebels klassische Kalendergeschichte von der Wiederkehr eines Toten, "Unverhofftes Wiedersehen".
Sebalds Geschichten, scheinbar einfach und leichthin geschrieben, doch in Wirklichkeit hochverdichtet und mit ihren Verknüpfungen und Spiegelungen, ihren Anspielungen und Zitaten kunstvoll komponiert, verdanken diesem Erzähler des frühen 19. Jahrhunderts viel. Sebald erweist der Sprache die Aufmerksamkeit eines Kavaliers alter Schule. Sein Formbewußtsein aber bezeugt den vertrauten Umgang mit der literarischen Moderne.
Wie Paul Bereyter und Dr. Henry Selwyn ist Sebald ein kultivierter Melancholiker, ein geistiger Grenzgänger: begabt und geschlagen mit einer fast halluzinatorisch gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit. Das zeigte schon sein vor zwei Jahren publiziertes Prosadebüt "Schwindel. Gefühle", das wie "Die Ausgewanderten" in der "Anderen Bibliothek" des Sebald-Entdeckers Hans Magnus Enzensberger erschienen ist.
Vom eigentümlichen Reiz ihrer dunklen Melancholie abgesehen, sind Sebalds Geschichten über Emigranten, die vor Not und Verfolgung fliehen, nur allzu aktuell. Die letzte und längste Erzählung ergründet den Lebensweg des nach England emigrierten jüdischen Malers Max Aurach - auch er überlebte den Holocaust, doch nicht die wiederkehrende Erinnerung daran.
Als der Erzähler Sebald den Spuren seines Helden bis in die ferne deutsche Heimat und bis in die jüngste Vergangenheit des Jahres 1991 folgte, schlug ihm, dem Fremden, der nach einstigen jüdischen Mitbürgern fragt, überall Gleichgültigkeit und mißtrauisches Schweigen entgegen. Er stellte fest, "daß die rings mich umgebende Geistesverarmung und Erinnerungslosigkeit der Deutschen, das Geschick, mit dem man alles bereinigt hatte, mir Kopf und Nerven anzugreifen begann".
Sebalds Erzählungen sind deutsche Gegenwartsliteratur - in der schmerzlichen Bedeutung des Wortes.
* W. G. Sebald: "Die Ausgewanderten". Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main; 360 Seiten; 44 Mark.

DER SPIEGEL 1/1993
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