27.01.1992

Poet als Stasi-Knecht

Kann ein guter Schriftsteller nicht auch ein moralisches Schwein sein? Erzwingt die Stasi-Verstrickung von Lyrikern wie Sascha Anderson und Rainer Schedlinski eine vernichtende Kritik ihrer Werke?
Zweifellos soll es, was Neunmalkluge immer wieder beanstanden, bei der großen Literaturdebatte dieser Wochen nicht bloß darum gehen, wer nun im Auftrag der Staatssicherheit seine Freunde verraten oder gar kriminalisiert hat - und wer nicht.
Wieder einmal steht das Verhältnis von Kunst und Moral zur Diskussion. Allerdings erst, wenn wenigstens die wichtigsten Täter - der Ausdruck "Spitzel" ist zu niedlich für sie - enttarnt und die Fakten einigermaßen geklärt sind. Das ist bei Anderson und Schedlinski nun eindeutig der Fall. Den Vorwurf der Zeit, dies habe "zu lange" gedauert, kann man getrost vergessen; er soll ja bloß das eigene Recherche-Defizit moralisch veredeln.
Warum aber hat Anderson nach Biermanns "Arschloch"-Rede so massiv gelogen - im perfiden Vertrauen auf die erfolgreiche Aktenvernichtung? Warum hat er nicht die Chance genutzt, selbst als erster die ganze Wahrheit darzustellen, mit jener "Differenzierung", die er an der öffentlichen Erörterung seines Falles schmerzlich vermißt? Auch diese letzte Lüge wirft Schatten auf die Glaubwürdigkeit des Dichters.
Der Begriff der Glaubwürdigkeit zielt auf die Integrität des öffentlichen Redens, nicht auf eher private moralische Verfehlungen. An denen sollte ein Dichter tatsächlich nicht gemessen werden.
Ein Priester, der seine Erkenntnisse über Gemeindemitglieder regelmäßig der Staatssicherheit gemeldet hat, kann, nachdem dies bekannt geworden ist, einen richtigen Satz sagen, etwa: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Nur: Man glaubt ihm nicht mehr. Um diese Art von Überzeugungskraft geht es auch bei einem Dichter. "Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden", sagt Schiller. Dies meint die - oft mißverstandene - Forderung nach dem "Authentischen".
Allerdings gibt es authentische Schurken. Der französische Lyriker Arthur Rimbaud hat mit Waffen gehandelt und war auch sonst kein Tugendbold. Für ihn war der Poet "der große Kranke, der große Verbrecher, der große Verfemte - und der Höchste aller Wissenden". Darauf berufen sich die Sprachakrobaten vom Prenzlauer Berg. Radikale Poesie als Ausstieg aus jeglicher Politik - eine Protestform, so legitim wie Biermanns kratzbürstige Polit-Balladen.
Aber wer Rimbaud beschwört, darf nicht unterschlagen: Die Magie seiner Verse kam aus einer halsbrecherischen Hingabe des Dichters an die Sprache. Reine Dichtung, poesie pure - das ist die Kunstmoral der extremen Moderne. Sie erlaubt allerlei Fehltritte, eins aber nicht: Doppelzüngigkeit.
Rimbaud hat eben nicht, wie Anderson und Schedlinski, im Nebenberuf denunziatorische Berichte über Menschen geliefert, und das in einer Sprache, die aus dem Wörterbuch des Unmenschen stammt. Auf diesen Unterschied kommt es an.
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 5/1992
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