11.01.1993

Dr. Fischer aus Genf

Nach jahrelangen Ermittlungen glaubte ein Schweizer V-Mann, Nachrichtenhändler und Privatdetektiv die Lösung im Fall Barschel gefunden zu haben - Mord. Die Behörden bleiben skeptisch, Motiv und Täter fehlen. Neue Rätsel um Uwe Barschel: Warum baute er die Legende auf, östliche Geheimdienste wollten ihn anwerben?
Jean-Jacques Griessen, 60, war eine unauffällige Erscheinung. Dezent gekleidet, mittelgroße Statur, ohne aufdringliche Gesten - er sah so aus, als ob es Schwierigkeiten mache, ihn nächstes Mal wiederzuerkennen. Mancher kann sich nur noch an seine katzengrünen Augen erinnern.
Ein paar Bilder sind von dem angeblichen Kaufmann aus Genf im Umlauf. Wenn ihm ein solches Foto in die Hände fiel, schnitt er sein Konterfei weg. Die von ihm bevorzugten Lokale mußten zwei Ausgänge haben - mindestens. Griessen mochte es, wenn er geheimnisvoll wirkte wie eine Sphinx.
Offiziell betrieb er in der Rue Mont-Blanc 9 einen Laden mit Detektoren, Waffen, Abhör- und Sendegeräten. Die Firma war vor allem im Export stark. Diktatoren vom Schlage des Libyers Muammar el-Gaddafi belieferte sie ebenso wie den weltweit gefürchteten palästinensischen Terroristen Sabri el-Banna, besser bekannt als Abu Nidal.
Griessen handelte aber auch mit Nachrichten für die Dienste rund um den Globus. Vom israelischen Mossad bis zum syrischen Geheimdienst hat er sie alle bedient, auch der Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach führt eine Akte. Wenn Griessen durch Genf flanierte, kam Bewegung auf. Auffällig viele betont gelangweilte Herren folgten ihm auf Schritt und Tritt.
Vielfach-Agent Griessen agierte jahrelang auch als Superdetektiv im größten deutschen Polit-Krimi der Nachkriegszeit - dem Fall Uwe Barschel. Griessen wollte die Hintergründe über das geheimnisvolle Ende des früheren Kieler CDU-Ministerpräsidenten herausfinden, der am 11. Oktober 1987 in einer Badewanne des Genfer Hotels Beau-Rivage tot aufgefunden wurde.
Auch fünf Jahre danach ranken sich wilde Spekulationen um den rätselhaften Tod. Die Akte ist noch immer nicht geschlossen, Sensationsreporter und Amateurkriminalisten verfolgen hartnäckig Mordtheorien, ohne mögliche Täter oder vermeintliche Motive plausibel präsentieren zu können. Daß Barschel, wie der erste Ermittlungsbefund lautete, von eigener Hand gestorben sei, bestreiten vor allem die Hinterbliebenen.
Zunächst ermittelte Griessen auf eigene Faust; Anfang 1991 schloß er einen Vertrag mit Eike Barschel, dem in der Schweiz lebenden Bruder des Toten.
Die Arbeitsthese stand für Griessen von vornherein fest: Mord. Mit Eike Barschel hat er oft zusammengehockt, besonders häufig im letzten Sommer. "Ohne Herrn Griessen", vertraute Barschel jüngst geheimnisvoll Bekannten an, "wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ich glaube, der Fall ist gelöst." Er müsse nur noch die "letzten Beweise" zusammensuchen.
Griessen kann seinem Auftraggeber dabei allerdings nicht mehr behilflich sein: Am 9. November 1992 starb er. Es war kein stiller Abgang.
An jenem Herbsttag ermittelte der Genfer Detektiv in Zürich in Sachen Barschel. Ungewöhnlich war, daß er Journalisten anrief und ihnen mitteilte, er wolle sich mit drei Herren treffen. Einer sei ein Mossad-Mann, aber auch das Bundeskriminalamt oder der BND habe jemanden geschickt. Er fürchte um sein Leben.
Griessen telefonierte auch mit seinem Auftraggeber Eike Barschel. Er bat ihn dringend, "ständig erreichbar" zu sein, weil sich Wichtiges tue. Beide verabredeten sich für den nächsten Tag.
Griessens Ende kam wie in einem schlechten B-Film. Eine "Schöne der Nacht", berichtet der Zürcher Untersuchungsrichter Roland Geisseler, "hat den Detektiv auf der Straße angesprochen und zu sich eingeladen. Danach sind sie zur Tat geschritten". Dabei versagte Griessen das ohnehin schwache Herz.
Was er hinterließ, interessiert nicht nur die Polizei. Griessen hat jahrelang Gespräche mit Informanten mitgeschnitten. Die Bänder kursieren in der Szene, und nicht selten finden sich darauf Dialoge mit einem, der nicht minder geheimnisumwittert ist: mit dem deutschen Detektiv und dubiosen Super-Agenten Werner Mauss, 52.
Die beiden Herren sind sich, nach Erkenntnissen deutscher Behörden, erstmals im Mai 1984 begegnet. Griessen steckte damals in Schwierigkeiten. Er hatte viel Geld bei Silber-Spekulationen verloren. Zeitweilig war er so klamm, daß er nicht einmal mehr die schmale Gebühr für seine Erfindung eines neuartigen Projektils zahlen konnte. Das Schweizer Patent 553390 war deshalb am 31. Januar 1982 erloschen.
Außerdem hatte Griessen politische Probleme. Seit den siebziger Jahren amtierte er als Honorarkonsul des Tschad. Weil er angeblich Treuhänder-Gelder nicht sorgfältig verwaltet hatte, wurde sein Konsulat geschlossen. Griessen mußte den Diplomatenpaß abgeben.
Ein Mann in solchen Nöten war der richtige Partner für Mauss, der seit 1967 als Undercover-Agent für deutsche Behörden und Unternehmen arbeitete. Bis 1981 war der Privatdetektiv vertraglich mit dem BKA verbunden, nun stand er auf der Lohnliste des Bundesnachrichtendienstes.
Im Auftrag deutscher Behörden traf Mauss im Mai 1984 mit Griessen zusammen. Zunächst verhökerte der Schweizer V-Mann Unterlagen über Schlösser und Spezialschlüssel, die Ende der siebziger Jahre an Libyen verkauft worden waren. Griessen hatte die Bestellung bei der Präzisionsschloßfabrik Keso in Richterswil als "Projekt Tschad" getarnt.
Höchst interessiert waren die Schlapphüte auch an Griessens Erkenntnissen über libysche Kontakte in Europa. Der Genfer schrieb für den BND in feiner Handschrift alle "Personen" auf, die "in Zusammenhang mit Libyen stehen". Mauss, so zeigen die Akten, zahlte gut, und die Auswerter der westlichen Dienste hatten reichlich zu tun.
Im April 1987 bekam Mauss, der schon in Kolumbien bei der Befreiung verschleppter Mitarbeiter der Firma Mannesmann erfolgreich war, einen heiklen Auftrag.
Drei Monate zuvor waren der Siemens-Mitarbeiter Alfred Schmidt und der Hoechst-Manager Rudolf Cordes in Beirut von Kämpfern der pro-iranischen "Hisb Allah"-Organisation verschleppt worden. Gegen sie sollten die in der Bundesrepublik einsitzenden libanesischen Gebrüder Hamadi freigepreßt werden.
Mohammed Hamadi saß wegen Mordes im Gefängnis - er gehörte zu jenen Attentätern, die 1985 eine TWA-Maschine auf dem Flug von Athen nach Rom gekapert und den US-Marinetaucher Robert Stethem ermordet hatten; Abbas Hamadi hatte geplant, den Bruder aus dem Gefängnis zu befreien - mit Hilfe eines äußerst brisanten Sprengstoffes. 1988 bekam er dafür 13 Jahre.
In Bonn wurde nach der Entführung von Schmidt und Cordes ein Krisenstab gebildet, den der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble leitete. Zu den Mitgliedern der Runde zählten Innen-Staatssekretär Hans Neusel und der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Gerhard Boeden, sowie der jetzige Außenminister Klaus Kinkel.
Vertraulich informierte Schäuble im Frühjahr 1987 die Fraktionsvorsitzenden des Bundestages, daß auch Mauss eingeschaltet worden sei. Der Detektiv habe allerdings keinen Auftrag der Regierung, sondern sei von den Firmen engagiert worden.
Schäuble brauchte die Rückendeckung seiner Politikerkollegen, denn der Fall Mauss war in jenen Tagen ein Politikum: In Hannover mühten sich zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse, die unkonventionellen und oftmals auch schrägen Ermittlungsmethoden des Privatpolizisten zu durchleuchten.
Unbestritten allerdings war, daß Werner Mauss mit seiner Taktik Erfolg hatte. In Athen entdeckte er 1976 den RAF-Terroristen Rolf Pohle, er klärte den Kölner Domschatz-Diebstahl von 1975 auf und schaffte 1983 die monatelang vagabundierenden 41 Fässer mit dem hochgiftigen Seveso-Dioxin heran.
Unter dem Alias-Namen Klaus Lange ging Mauss im April 1987 zunächst nach Zürich und nahm dann im Mai Quartier in Genf, wo er ein Tarnbüro mit dem Namen "Freundeskreis Griechenland-Schweiz Humanitaire" gründete.
Auf Bitten deutscher Behörden statteten ihn die Schweizer mit einem Paß auf den Namen Erik Fisher aus. Direkten Kontakt zum Krisenstab hatte er nicht, als Mittelsmann zwischen den Firmen Hoechst und Mannesmann und den Beteiligten in Bonn und Genf fungierte der Verfassungsschützer Gerd Boeden, der Mauss aus früheren Einsätzen kannte.
Aufgabe von Mauss alias Lange alias Fisher war es, Kontakt zu den Entführern und Bewachern von Cordes und Schmidt herzustellen. Der Deutsche dirigierte ein Heer von rund 80 angeblichen Mittelsmännern. Schmarotzer,
*GESCHICHTE-3 *
Abenteurer waren darunter, aber auch einflußreiche Strippenzieher gehörten zu der Mauss-Crew; der libanesische Kaufmann Ali Hidschasi etwa, der im Orient als Kenner verworrenster Machtverhältnisse gerühmt wird.
Die Mauss-Mission war erfolgreich. Dank der Vermittlung von Beiruter Anwälten traf der Detektiv mit den Bewachern der geschundenen Geiseln zusammen. Lebenszeichen wurden übermittelt, im Gegenzug Arzneien und Rollstühle in den Libanon gebracht. Zeitgleich liefen politische Verhandlungen in Teheran und Algier.
Bereits am 7. September kam die erste Geisel, der Siemens-Mitarbeiter Schmidt, frei. "Das war zu 90 Prozent das Verdienst von Mauss", sagt einer, der damals im Krisenstab saß.
An jenem Montag berichtete der SPIEGEL erstmals über die Machenschaften des Uwe Barschel, der seinen SPD-Kontrahenten Björn Engholm hatte bespitzeln und denunzieren lassen. Knapp einen Monat später war Barschel nicht mehr Ministerpräsident. Von einem Urlaub auf Gran Canaria wurde er von seiner Kieler CDU-Fraktion zurückbeordert - warum Barschel auf dem Heimflug einen Zwischenstopp in Genf einlegte, ist bis heute nicht aufgeklärt. In Genf fand in den Sommer- und Herbsttagen des Jahres 1987 eine der größten Geheimdienstaktionen aller Zeiten statt. Es ging um die Freilassung von über 20 libanesischen Geiseln, die sich entweder in der Hand von religiösen Gruppen oder professionellen Kidnapper-Banden befanden.
Die Schweizer Metropole, dem internationalen Getriebe zum Trotz nach wie vor vom strengen Geist Calvins durchweht, ist - mehr als New York, anders als Wien - als Treffpunkt für heikle Schlichtungsgespräche und diskrete diplomatische Missionen in aller Welt besonders beliebt. "Was in der schwülen Hitze am East River und der Hektik von Manhattan zu scheitern droht", beschrieb die Zürcher Weltwoche den Genius loci, "gelingt in der kühlen Langeweile" am Ufer des Genfer Sees.
Fast alle westlichen Geheimdienste hatten im Herbst '87 große Abordnungen nach Genf geschickt, auch das sowjetische KGB war stark vertreten; es wimmelte von Emissären aus dem Orient. Ein einheimischer Polizeibeamter schenkte dem Agenten Mauss alias Fisher damals einen beziehungsreichen Roman über Demütigung und Habgier. Titel: "Dr. Fischer aus Genf" von Graham Greene.
Als Barschel am 10. Oktober 1987 um 15.10 Uhr auf dem Genfer Flughafen Cointrin eintraf, fuhr er gleich ins Hotel Beau-Rivage. Unterlagen der Mauss-Aktion zeigen, daß der deutsche Detektiv dort ebenfalls rund zweieinhalb Monate unter dem Tarnnamen Lange gewohnt hat. Nicht selten bestellte Griessen die Zimmer für Mauss.
Seit dem Tod von Barschel geistert das Gerücht, daß der trickreiche Detektiv Mauss irgendwie in den Fall Barschel verstrickt sei. Doch der Agent hat ein gar nicht so schlechtes Alibi: In den Genfer Tagen ist er, so belegen Unterlagen, rund um die Uhr von Spezialisten deutscher Behörden observiert worden - eine Vorsichtsmaßnahme des Bonner Krisenstabes, der das Phänomen Mauss unter Kontrolle haben wollte.
Kategorisch bestreitet Mauss, Barschel getroffen zu haben. Und heftig ließ der Mann mit den vielen Identitäten auch dementieren, irgendwann jenen Namen getragen zu haben, der im Mysterium Barschel eine große Rolle spielt: Robert Roloff.
Ein Roloff war, den handschriftlichen Barschel-Notizen zufolge, jener geheimnisvolle Unbekannte, den er am Nachmittag des 10. Oktober in Genf getroffen haben will - und von dem er sich Entlastung von dem Vorwurf versprach, er habe einen schmutzigen Wahlkampf geführt. Barschel notierte: "Treffen mit R. R. hat geklappt. Tatsächlich. Er hat mir viel erzählt."
Soviel ist sicher: Mit Mauss kann sich Barschel nicht getroffen haben. Denn genau zu dieser Zeit, ab 16 Uhr, verhandelte der deutsche Agent mit Abgesandten aus dem Dunstkreis der Cordes-Entführer in einem Genfer Hinterhof.
Später aßen er, seine Frau und die Emissäre im neben dem Beau-Rivage gelegenen Hotel Richemond zu Abend; danach gingen die Herrschaften in die Bar.
Mauss und seine Frau blieben - auf Veranlassung der Libanesen - im Richemond, obwohl sie fürs Beau-Rivage gebucht hatten. In dieser Nacht starb Uwe Barschel - vermutlich in der Badewanne.
Als im November letzten Jahres der belgische Untersuchungsrichter Bruno Bulthe wegen einer Polizeiaffäre per Haftbefehl nach Mauss suchen ließ (SPIEGEL 24/1992), gab er vorsorglich 14 seiner angeblichen Alias-Namen an - auch Robert Roloff. Sein Wissen will der Richter aus dem BKA haben, doch diese Behörde hat den Falschnamen für Tarnpapiere nie herausgegeben, auch der BND nicht. Bulthe erklärte später nur noch, er habe im Zuge der Ermittlungen davon erfahren - wahrscheinlich aus der Zeitung.
Wenn Spuren zu Mauss führen, ist meist der Name Griessen nicht weit. Denn der Agent und der Nachrichtenhändler waren am Ende heillos zerstritten. Es gab Zoff um Geld.
Nach der Befreiung von Schmidt hatte Griessen für Aufwendungen und als Prämie 180 000 Franken Handgeld von Mauss bekommen. Er verlangte aber mindestens eine halbe Million.
Es kam zu lautstarken Auseinandersetzungen. Im Cafe-Shop des Genfer Flughafens wurden die Lauscher der Dienste Ohrenzeugen eines heftigen Streits. Mauss nannte den Kollegen einen "Trittbrettfahrer, der nichts geleistet" habe - Griessen drohte ihm "Rache" an.
Fortan hatte der deutsche Detektiv den Schweizer Detektiv an den Hacken. Die Lösung des Falles Barschel, die Beteiligung von Mauss am Barschel-Tod inklusive, wurde für Griessen zur Obsession. "Tag und Nacht", sagt ein Bekannter, "hat er nur noch daran gedacht."
Im Fall Barschel gibt es Thesen, Theorien und Spekulationen ohne Ende. Griessen verfolgte lange Zeit eine Spur, die noch keiner vor ihm aufgenommen hatte. Vermutlich aus gutem Grund.
Uwe Barschel, so Griessens abenteuerliche Version, sei im Geisel-Fall Cordes als Vermittler nach Genf gekommen. Im Beau-Rivage habe er sich mit dem damaligen Minister der iranischen Revolutionsgarden, Mohssen Rafigh-Dost, getroffen. Weil Barschel feste Zusagen nicht habe einhalten können, sei er umgebracht worden.
Richtig daran ist, daß Rafigh-Dost sich tatsächlich an diesem Wochenende in Genf aufhielt.
Nur: "Warum soll ausgerechnet Barschel in seiner verzweifelten Lage", kontert Wolfgang Schäuble, der damalige Chef des Bonner Krisenstabes, "ein geeignetes Instrument gewesen sein, in der Geisel-Frage zu helfen?"
Eine Antwort, die ihrerseits alles offenläßt, gibt ein anderer hoher Bonner Politiker: "Möglicherweise" sei Barschel "wirklich wegen seiner Verbindungen zur Wirtschaft eingeschaltet worden". Der Verdacht sei "mehr als eine bloße Vermutung".
Der Erfinder der Rafigh-Dost-Variante allerdings, Monsieur Griessen, hat selbst seine Theorie widerrufen. Im Frühjahr letzten Jahres teilte er dem Genfer Generalstaatsanwalt Bernard Bertossa deprimiert mit, diese Theorie führe in die Irre. Die Spur sei falsch.
Danach hat Griessen ein Potpourri an Mordthesen entwickelt: Zumeist spielt Geld eine Rolle. Zwischen 30 und 50 Millionen, egal ob Dollar oder Mark, seien als Lösegeld geflossen. Die Riesensumme habe die Hamadi-Familie nicht erreicht. Auch das soll mit dem Todesfall des Kieler Christdemokraten zu tun gehabt haben. Barschel habe das Loch gefunden, in das die Summe verschwunden sei.
Fest steht, daß im Krisenstab ebenso über Lösegeld wie über eine Rentenlösung für die Familienangehörigen der inhaftierten Hamadis gesprochen wurde. Zwischen Krisenstab, Firmen und dem Hamadi-Clan soll es eine Sprachregelung gegeben haben, daß keine Mark geflossen sei. Lediglich die Eltern der Hamadis sollen auf Kosten der Bundesregierung nach Deutschland geflogen sein - kein Betrag, der ins Gewicht fällt.
Gleichzeitig hat Griessen auch an einer europaweiten Komplott-Theorie gebastelt. Fünf angeblich rätselhafte Todesfälle seien mit Barschels Ende verbunden. Auch der im Februar 1986 von Unbekannten erschossene schwedische Premier Olof Palme fehlte in seiner Aufzählung nicht. Barschel soll danach in heikle Waffentransfers verwickelt gewesen sein - eine These, die Uwe-Bruder Eike Barschel weit von sich weist: Er schließt "hundertprozentig aus, daß Uwe je als Privatmann in ein Waffengeschäft verwickelt war".
Was Griessen am Ende blieb, war die Stasi: Lange Zeit habe sie Uwe Barschel im Visier gehabt (siehe Kasten Seite 72). Auffällig sei zudem, daß Mauss seit 1976 von dem Kraken Stasi abgehört und beobachtet worden sei.
Einleuchtende Belege hat Griessen Fremden nicht anvertraut. Generalstaatsanwalt Bertossa jedenfalls, dem sich die Barschel-Akte als "ein einziges Warum" darstellt, fand den Barschel-Detektiv nicht überzeugend. Bertossa: "Der ist mir schon früher durch falsche Informationen aufgefallen. Da war kein Element, das gut genug gewesen wäre, etwas anderes zu vermuten."
Bertossas Einschätzung deckt sich mit der des Christdemokraten Schäuble: Der Fall Barschel komme ihm so vor "wie die verschiedenen Versionen bei der Ermordung von John F. Kennedy. Die plausibelste bei Barschel ist immer noch die, daß es so war, wie es war" - nämlich Selbstmord.

DER SPIEGEL 2/1993
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