10.02.1992

Bücher

Odysseus im Libanon

In ihrem neuen Roman "Inschallah" vermarktet Oriana Fallaci den Bürgerkrieg in Beirut.

Ninette hatte "langes kastanienbraunes Haar, das golden schimmernd wogte, beunruhigende violette Augen, die alle sinnlichen Begierden der Welt auflodern ließen" - und ein außerordentlich tragisches Schicksal.

Ein Leben voll von Liebe, Leid und Wahnsinn. Am Ende landet sie in der Gosse "mit einem großen Loch in der Brust, aus dem lange Blutströme herausquollen". Ninette ist nicht die einzige Figur, die Oriana Fallaci, 61, in ihrem neuen Roman "Inschallah" in einem Wortschwall von Blut und Tränen untergehen läßt.

Mit 62 Hauptfiguren und 106 Nebenfiguren bevölkert die italienische Autorin ihr Buch: 800 Seiten lang ein mißratener Versuch, den Krieg in Beirut mit dem Schicksal jener Menschen zu beschreiben, die in ihm leben, kämpfen und sterben.

Dennoch rechnet sich der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, der "Inschallah" in dieser Woche auf den deutschen Markt bringt, einen Riesenerfolg aus. In Italien, wo das Buch vor zwei Jahren erschien, stieg es sofort in die Bestsellerlisten auf. In Deutschland liegt bereits die Startauflage bei 100 000 Exemplaren.

Solche Geschäftshoffnungen nähren sich vom guten Namen der Autorin Oriana Fallaci. Schon zweimal hat die Schriftstellerin, die durch aggressive Politiker-Interviews und Reportagen aus dem Vietnamkrieg berühmt wurde, internationale Bucherfolge erzielt: mit dem Schwangeren-Monolog "Brief an ein nie geborenes Kind" (deutsch 1977) und mit dem autobiographischen Roman "Ein Mann" (deutsch 1980).

Danach wurde es still um die Fallaci. Doch mit "Inschallah" meldet sie sich in pathetisch großer Geste zurück. Sie schwingt sich auf, die Helden der "Ilias", Homers antikem Epos, für die Gegenwart neu zu erfinden.

Zu Helden erklärt Oriana Fallaci jene italienischen Soldaten, die als Teil der internationalen Friedenstruppe in Beirut stationiert waren. Drei Dienstmonate schildert der Roman: vom Tag des Massakers, das Kamikaze-Lastwagen in den amerikanischen und französischen Militärquartieren anrichten, bis zu dem Tag, an dem die Italiener abziehen.

Unter den Soldaten gibt es einen Agamemnon, einen Odysseus und einen Achilles. Ajax, Nestor und Hektor kommen ebenfalls vor - wenn auch alle mit anderen Namen. Oriana Fallaci liefert diese historischen Vorbilder ihres Werks gleich selbst mit, damit niemand überliest, daß hier eine "moderne Ilias im Miniaturformat" zu bestaunen ist.

Mit solchen Eigeninterpretationen und mit allerlei literarisch-philosophischem Geplänkel füllt sie drei lange, zähe Briefe, geschrieben vom "Professor", dem Intellektuellen unter den Soldaten.

Darin führt sie sich auch selbst als "Journalistin aus Saigon" ein, die "in dieser Tragikomödie die Marionetten auf der Bühne bewegte". Allzuviel Bewegung herrscht jedoch nicht: In detailversessener Prosa schleppt sich das Werk mit Scharmützeln, Affären und reichlich Kriegsalltag über die Seiten.

Damit sich der Kriegsroman als Antikriegsroman verkaufen läßt, spart die Fallaci nicht mit tragischen Wendungen. Dem häßlichen kleinen Rocco wird ausgerechnet vor einem Rendezvous das Gehirn zerfetzt, die temperamentvolle Novizin Milady muß Folter und Vergewaltigung von 30 moslemischen Kämpfern ertragen, und ein kleines Mädchen wird bei einer Explosion kopfüber in eine Kloschüssel gepfropft.

Wirklich eine "verwichste Superscheißwichserei" so ein Krieg, wie die Soldaten mit unschöner Regelmäßigkeit immer wieder feststellen.

Jeder einzelne von ihnen ist auf andere Weise in den Krieg geraten, und keine davon läßt Oriana Fallaci aus. Sie nimmt sich eine Figur nach der anderen vor - bis jedem Leser der Kopf schwirren dürfte von all den Soldaten und ihren libanesischen Geliebten, ihren Verbündeten und Gegenspielern, den Gewinnlern, Mitläufern und Huren Beiruts.

Wichtig ist nur, daß die Mischung stimmt: Manche ihrer Soldaten lieben den Krieg, andere hassen ihn; manche sind gestandene Kerle, andere noch dumme Jungs; manche haben ein Mädchen, andere nicht, und einer ist schwul.

Daß die Fallaci wirklich schreiben kann, beweist sie nur an wenigen Stellen in "Inschallah". Im zweiten Kapitel schildert sie den Weg des früher blühenden Beirut in den Bürgerkrieg. Ihre Geschichtslektion verpackt sie in einer präzisen, anschaulichen Reportage. Sie schlüsselt die Fronten und Feindschaften zwischen Palästinensern, Christen und Schiiten auf, beschreibt die Grausamkeit, mit der Beirut umkämpft wird, und läßt das ungeheure Ausmaß der Zerstörung ahnen.

Oriana Fallaci darf als hervorragende Journalistin gelten - und zeigt sich als miserable Romanschreiberin. Statt gut über Wirkliches zu schreiben, erfindet sie schlecht. Allein der Schriftsteller, so läßt sie den "Professor" schwärmen, sei eine "ewig trächtige Kuh, die Kälber in Gestalt von Ideen zur Welt" bringe. o


DER SPIEGEL 7/1992
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