18.01.1993

AutorenStark wie ein Stier

Ein Roman erregt Italien: „Petrolio“, nachgelassenes Werk des Autors und Filmregisseurs Pier Paolo Pasolini, schockiert mit wilden Sexphantasien.
Es enthält alles, was ich weiß", sagte Pier Paolo Pasolini über jenes geheimnisumwitterte Buch, an dem er bis unmittelbar vor seinem gewaltsamen Tod gearbeitet hat: "Es wird vielleicht mein letztes Werk sein."
Der italienische Schriftsteller und Filmregisseur hatte dieses Werk immer wieder im Freundeskreis und in Interviews als Summe seiner Erfahrungen und Erinnerungen annonciert. "Petrolio" (Erdöl) sollte es heißen und "mindestens 2000 Seiten" umfassen.
Er schaffte gut ein Viertel davon. Auf seiner Olivetti Lettera 22 tippte Pasolini in den letzten vier Lebensjahren (in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 wurde er ermordet) genau 492 Seiten, dazu beschrieb er einen Haufen loser Blätter.
17 Jahre nach Pasolinis Tod hat der Turiner Verleger Giulio Einaudi nun "Petrolio" der Öffentlichkeit präsentiert: in schneeweißem Schutzumschlag und mit großer philologischer Sorgfalt aus dem Nachlaß herausgegeben*.
Einaudi beschwor die Zeitungen, die pornographischen Passagen "dieses großartigen Buches" nicht aus dem Zusammenhang zu reißen und separat nachzudrucken. Vergebens. Schon wenig später präsentierte das Wochenmagazin L''Espresso den "letzten Skandal" für die "kleinbürgerlichen Leser" unter dem Titel "So liebte ich". Seither tobt in der italienischen Presse ein heftiger Streit um Literatur und Moral.
Einaudi verwahrte sich gegen den Nachdruck - was ihm wiederum puren Hohn eintrug. Die Tageszeitung La Repubblica mokierte sich über die "scheinheilige Naivität eines altmodischen Verlegers". Einaudi hätte das Buch überhaupt nicht drucken dürfen, da es "ein riesiges Repertoire an Schweinereien" biete und unvollendet sei. Der Verleger fragte zurück: "Was hätte ich tun sollen? Das Manuskript verbrennen? Sind wir etwa wieder in der Inquisitionszeit?"
"Petrolio" spielt zwischen dem Ende der fünfziger und dem Anfang der siebziger Jahre. Carlo, der Held, ist ein Machtmensch. Als Manager der staatlichen Energiegesellschaft Eni für den Nahostmarkt zuständig, unterhält er Beziehungen zu Politik und Mafia, zu Finanziers und Persönlichkeiten der Kulturszene.
Doch der Blick in die oberen Etagen der Macht prägt nur den einen, den kleineren Teil des Romanfragments. Carlo besteht aus zwei Personen: aus Karl Nummer 1, dem Ölmanager, und Karl Nummer 2, einem ausgesprochenen Sexmaniac. Dem letzteren ist nichts heilig, die Mutter nicht und nicht die Großmutter - von Schwestern, Hausangestellten (samt Töchtern) ganz abgesehen. Doch sind es weniger Mädchen und Frauen, die ihn anmachen.
Unermüdlich - mit einer morbiden, rastlosen, unerfüllten Aufgeregtheit - malt Pasolini Szenen homosexueller Lustbarkeiten, das Kamera-Auge, den Tast-, Geschmacks- und Geruchssinn dabei immer fest auf das Eine, das Aufragende gerichtet, komme das nun "gewaltig zylindrisch" daher oder mit einer "fetten und zarten Haut um die Eichel" oder einfach nur "rosig, glänzend und trocken".
Berühmt ist in Italien mittlerweile jene Episode, in der Held Carlo es auf einer _(* Pier Paolo Pasolini: "Petrolio". ) _(Einaudi-Verlag, Turin; 592 Seiten; 38 ) _(000 Lire. ) römischen Wiese mit diversen Jünglingen nächtens im Mondschein treibt. 20 Knaben hat er dafür bezahlt, daß sie nacheinander vor ihn hintreten, um der Fellatio zu frönen.
Der zweigeteilte Carlo, keine Frage, ist für Pasolini nicht nur Sinnbild einer verhaßten politischen und ökonomischen Macht, sondern auch fratzenhaftes Selbstbildnis. Auf den Namen Carlo verfiel der Dichter aus einem pikanten Grund: Sein Vater hieß so.
Pasolini räumt zwar ein, daß es zwischen dem Roman-Carlo und seinem Vater kaum Ähnlichkeiten gebe. Doch scheint die Person des Erzeugers, eines faschistischen Offiziers, seine Phantasie angestachelt zu haben. In einer autobiographischen Passage des Romans beschreibt Pasolini ihn so: _____" Stark wie ein Stier, von der Eleganz eines Gauners, " _____" eben eines Sohns aus reicher, doch heruntergekommener " _____" Familie, verwöhnt und grob zugleich; in den dunklen " _____" Haaren und Augen ist etwas Böses: Es ist seine " _____" Sinnlichkeit, die extrem gewalttätig wirkt und die ihn zu " _____" ernst, fast finster macht. Die Reinheit seiner " _____" jugendlichen Wangen, die Vollkommenheit seines Körpers " _____" war die von einem, der einen beträchtlichen Schwanz hat. "
Pier Paolo Pasolini wurde von einem Strichjungen ermordet. Freunde des Schriftstellers begrüßten die Veröffentlichung des "Petrolio"-Fragments, weil damit die Diskussion über das Ende dieses lebensgierigen Mannes noch einmal in Gang gesetzt worden ist.
Der Streit um das Buch scheint sich unterdessen im Sinne des Verlegers Einaudi zu entscheiden. Nicht nur, daß "Petrolio" unverzüglich ein Bestseller in Italien geworden ist, die Mehrheit der Kritiker hat das Romanfragment inzwischen höchst respektvoll behandelt.
Pasolinis Biograph Enzo Siciliano bejubelte in L''Unita einen "neuen Stil", den sich der Schriftsteller in "Petrolio" erarbeitet habe: "knisternd, messerscharf". Ähnlich urteilte der Literaturwissenschaftler Angelo Guglielmi: "War Pasolini mit diesem Projekt vielleicht doch dabei, jene Modernität zu erreichen, die ihm (als neorealistischem Schriftsteller) bis dahin fremd geblieben war?"
Guglielmis Lobeshymne erschien in L''Espresso, in jenem Magazin also, das kurz zuvor noch Pasolinis "Petrolio" als pornographisches Machwerk präsentiert hatte.
* Pier Paolo Pasolini: "Petrolio". Einaudi-Verlag, Turin; 592 Seiten; 38 000 Lire.

DER SPIEGEL 3/1993
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