18.01.1993

„Dein Lächeln bezaubert“

Ach, Günthi, ich könnte allein 20 Seiten lang die Floskel Weißt-Du-noch? verwenden, und dann wären noch so viele Weißt-Dunochs übrig.
Du hast immer gesund gelebt und wirst ein paar Jahre später in die Kiste springen als ich: Heb Dir den Brief schön auf fürs Alter, wenn Du vergeßlich wirst.
Ich empfinde mich nicht als "Opfer", Günthi, aber Dich empfinde ich denn doch als einen ziemlich armseligen Burschen. Sei froh, daß Du ein passabler Musiker bist. Als Freund, muß ich sagen, bist Du eine Null, ein klassisches DDR-Produkt, einer von den armen Hunden, mit denen sie's ja machen konnten. Wäre es Dir so recht? Aber so war's in Deinem Fall ja nicht, Günthi.
Es sollte Dir einfach zu gut gehen. Besser als Du es allein durch Arbeit hättest schaffen können. Auch mit Drittwagen und Zweithäuschen und Wasserfront und Schiffchen und sogar mit einem nach Dir benannten Sträßchen - alles unter den giftigen Blicken der Arbeiterklasse. Auch kontinuierliche Stempel im Reisepaß waren durch Arbeit kaum zu kriegen, das siehst Du ja an mir, nein, sie machten Spitzeldienste unumgänglich.
Du hast wohl selbst gestaunt, was so ein bißchen Musikmachen einbringt. Nur daß Du auch gesungen hast, weiß bisher keiner so recht, was? Im Gegenteil, den großdeutschen Medien gibst Du beiläufig von den politischen Schwierigkeiten Kunde, unter denen Du in der DDR zu leiden hattest. Das ist wirklich ätzend, Günthi.
Du kannst Dir sicher vorstellen, mit welchen Augen ich heute Deine Besuche in meiner Westwohnung betrachte. Alles Schwert und Schild. Eure Selbsteinladung zu Jurek Beckers Hochzeit - ein Schnüffelauftrag. Bis zu welchem Datum hast Du eigentlich mit mir ohne die Stasi verkehrt? Das mußt Du mir verraten, damit nur der Teil meiner Erinnerungen versaut wird, der es verdient.
Fiel Dein Bericht über meine trostlose Zukunft nicht haargenau in die Zeit, als ich Dir den Auftrag für die Gigolo-Musik zu dem Marlene-Dietrich-Film verschafft hatte? Hast Du auch brav gestanden, daß Du mit der Flasche Krug gemeinsam im Feindesland einen Musikverlag gegründet hattest? Oder war das etwa illegal? Und hast Du auch das Westgeld angegeben, das ich Dir ohne Quittung regelmäßig zugesteckt habe?
Ach, Günthi, der liebe Gott in seiner Unergründlichkeit hat Dir ein gutes Gehör geschenkt, aber alles, was zwischen Deinen Ohren liegt und alles, was darunter und darüber liegt, das ist ein großer Haufen Du-weißt-schon.
Sicher, Du hättest auch ohne mich keinen geringeren Erfolg gehabt, Du wärst auch so Komponist geworden. Aber als Du damals mit zwei musikalischen Einfällen hausieren gingst - zu wem gingst Du denn da? Bei mir bist Du angekommen. Ohne Deinen Freund Manfred hätte es die ersten beiden Fischer-LPs nicht gegeben. Und wer wurde über Nacht eine richtige Berühmtheit? (Ich nicht, Günthi, ich war schon eine!)
Nein, Du. Du wurdest über Nacht ein richtiger Komponistenstar, mit vielen schönen Anschlußaufträgen. Und diesen wahren Freund, der Dich, wo es nur ging, gefördert und Dir die Steigbügel gehalten hat, als Du noch ein kleines Licht warst, aber ein reines Herz hattest, den mußtest Du bespitzeln? Dazu haben sie Dich rumgekriegt, obwohl Du keinerlei Päderastenneigung hattest, mit der sie Dich hätten erpressen können? Das muß ja ein harter Kampf für die Stasi gewesen sein.
Dafür müssen sie Dir wenigstens noch die Baugenehmigung und, sagen wir, die Einfuhrrechte für die Wasserarmaturen gegeben haben. Schwör mir, daß Du es darunter nicht gemacht hast, dann würde mir ein bißchen leichter ums Herz.
Ehrlich gesagt, ich würde mir auch mit keinem anderen die Mühe machen, einen so langen Brief zu schreiben. Eigentlich geschieht es aus Liebe. Ja, Günthi, aus enttäuschter Liebe, versteht sich. Es ist eine Art selbstauferlegter Strafarbeit, weil ich mich so über mich ärgere. Weil ich Dich so lange vor mir in Schutz genommen habe. Weil ich nie wahrhaben wollte, was ich tief in meinem Herzen immer wußte: daß ich Dir nicht trauen darf.
Und auf einmal war die Mauer weg. Weißt Du noch, da warst Du hier in meiner frisch bezogenen Berliner Wohnung zu Besuch. Wir hatten gerade irre teure Korbmöbel gekauft. Du zähltest all die Möglichkeiten auf, die wir gemeinsam hätten, um, wie früher, schöne Konzertmusik zu machen, und die verlockenden Gagen perlten Dir nur so aus dem Munde, und dazu Dein Lächeln, das schon alle Welt bezaubert hat, sogar die Knallchargen im Politbüro.
Da dachte ich, ich tu' ihm unrecht, der hat nie und nimmer mit der Stasi gekungelt, soviel Chuzpe hat kein Mensch. Und schon war ich in Gefahr, meine Instinkte zu verlieren, und ich war kurz davor zu sagen: Gut, Günthi, wir machen es noch mal, so gut wie damals, oder noch besser, denn die Leute kaufen ihre Karten jetzt für echtes Westgeld. Und ich höre Dich begeistert schleimen: Mensch, Manfred, die Leute mögen Dich noch immer, vielleicht mehr als zuvor. So viele Karten können wir gar nicht drucken, wie wir verkaufen. Die Säle werden brummen usw . . . Und mein altes Herz fing an sich zu erweichen, wenn ich nicht sogar den Tränen nahe war.
Da klingelt's, und Deine Frau kommt mit den beiden Blagen in die Wohnung. Es war ein feuchter Tag, und die beiden Kleinen marschieren zielsicher auf diese edle Sitzgarnitur und sauen ausnahmslos all die Kissen ein, die einen Tag vorher mit taubenblauer Rohseide bezogen worden waren. Deine Frau machte das Gesicht, das ihr so gut stand, als sie 19 war, und tat, als ob sie ein Buch über antiautoritäre Erziehung gelesen hätte, während Ottilie (Krugs Frau - Red.) versuchte, die dreckigen Schühchen von den Terroristenfüßchen zu zerren.
In diesem Moment beschloß ich, doch erst die Stasi-Akten abzuwarten, ehe ich Dir eine Antwort geben würde. So haben mich Deine unschuldigen Blondschöpfe vor dem Fehler bewahrt, kleines Mozartarschloch, mit Dir noch mal zusammenzuarbeiten.
Mach's gut.
Manfred

DER SPIEGEL 3/1993
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