03.01.1994

Presse

Stunde der Wichtelmänner

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek, 47, ("Lust") über die Entlassung von Sigrid Löffler, 51, bisher Literaturkritikerin und stellvertretende Chefredakteurin beim Wiener Nachrichtenmagazin Profil

SPIEGEL: Sie haben zum Boykott von Profil aufgerufen. Warum?

Jelinek: Sigrid Löffler zählt zu den wenigen, die in Österreich noch journalistische Unabhängigkeit garantieren. Mit ihrer Kündigung geht bei uns, was Wochenzeitschriften betrifft, ein Hort der Pressefreiheit verloren.

SPIEGEL: Der Profil-Herausgeber hat Sigrid Löffler "übermäßige Nebentätigkeiten" vorgeworfen.

Jelinek: Absurd! Wenn man weiß, was etwa Werbezeiten im Fernsehen kosten - jeder Auftritt war Werbung für das Profil -, dann hätten sie ihr die Füße küssen müssen. Außerdem ist sie eine brillante Schreiberin.

SPIEGEL: War die Mitstreiterin beim "Literarischen Quartett" für Profil zu profiliert?

Jelinek: Offenbar. Die jungen Wichtelmänner, die Profil jetzt machen, können es wohl nicht ertragen, daß ausgerechnet eine Frau mit Autorität spricht.

SPIEGEL: Ist der Rauswurf ein Symptom?

Jelinek: Ja. Überall gibt es die Neigung, einen stromlinienförmigen, reibungsfreien Journalismus zu installieren. Das ist in Deutschland nicht anders.


DER SPIEGEL 1/1994
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