17.01.1994

MusikDer Millionär als Hobby-Mahler

Von seinem Schreibtisch blickt er tief ins Kerngehäuse des Big Apple: himmelhohe Glas-Vertikalen, Fassaden aus Marmor und Spiegeln, Manhattans gigantische Stein- und Betonquader. Alles great.
Hier residiert, schicklich in den 14. Stock geliftet, Gilbert Edmond Kaplan. Eine erste Adresse für seinesgleichen: 488 Madison Avenue, New York City.
Kaplan, 52, ist eine Idealbesetzung für die Madison, diesen Broadway des Marketing und des Merchandising: gedeckter Flanell oder dunkler Nadelstreifen, tipptopp auf Figur gebaut; Schuhwerk wie geleckt; modische Brille. Ein Multi-Millionär von dezenter Selbstsicherheit.
Unten, am Eingang zu seinem Büro, ist, unübersehbar, das Kürzel "II" angebracht, das Monogramm seines journalistischen und kommerziellen Volltreffers. Hier erscheint, seit März 1967, der Institutional Investor, ein buntes, wiewohl seriöses Monatsmagazin voll Business- und Geldgeschichten, das Kaplan im Alter von 26 und mit 150 000 gepumpten Dollars gegründet hat. Schon die sechste Nummer warf Gewinn ab, im dritten Jahr war Kaplan Krösus.
Lange diente ihm das Blatt als Bühne: "Jedes Jahr ein Staatsoberhaupt" mit ihm als Gesprächspartner, mal Ferdinand Marcos oder Anwar el-Sadat, mal, in Nowosibirsk, Michail Gorbatschow. So machte Kaplan sein Magazin, laut Financial Times, zu "moneymen's Playboy". Im Schatten von Wall Street hieß das: zur Pflichtlektüre.
Vor zehn Jahren hat Kaplan das Blatt mit allem profitablen Anhang von Info-Diensten, Leitfäden und Konferenz-Unternehmungen an den Medien-Multi Capital Cities Communications verkauft - für 50 bis 70 Millionen Dollar. Im Impressum firmiert er heute nur noch als "Founder and Chairman emeritus".
Kaplans Büro verstrahlt immer noch die kühle Eleganz eines Madison-Aufsteigers: Der Sohn eines New Yorker Hemdenschneiders mußte, nach dem Ökonomie-Studium, als Anfänger an der New Yorker Börse mit 15 000 Dollar im Jahr haushalten und entdeckte, als das große Geld kam, zunächst die Kunst als Hobby. Francis Bacon und Rene Magritte sind seine Lieblingsmaler, er sammelte haufenweise die Poster des Franzosen Cassandre.
Doch heute zählt für ihn nur noch die Musik, genauer: der Spätromantiker Gustav Mahler; ganz genau: dessen Zweite Sinfonie. In sie investiert er jetzt alles: Geld, Zeit und Ehrgeiz.
Fast unwillig schiebt Kaplan die letzte Nummer des Institutional Investor beiseite, legt liebkosend eine bibliographische Kostbarkeit auf den Glastisch und blättert sie auf, als sei es die Heilige Schrift - das Evangelium seiner Passion.
Im eleganten Schuber, den Kaplan andächtig öffnet, liegt das Faksimile jener Partitur, die Mahler als sogenannte Auferstehungssinfonie zwischen 1888 und 1894 für Riesenorchester, Solisten und gemischten Chor komponiert hat. Das Stück voll pathetischer Gesänge um Tod und Verklärung gilt als Eigernordwand der Musikliteratur - nur schwer zu bezwingen. Für Kaplan ist es eine Obsession in c-Moll.
Er kennt jeden Ton, jede Achtelpunktierung und Tempoverschiebung dieser 209 großformatigen Seiten auswendig. Er weiß genau, was die drei B-Klarinetten spielen und wann Trommeln, Triangel und Tamtam einsetzen. Er hat mit Herbert von Karajan und Leonard Bernstein über Phrasierungsdetails diskutiert.
Für, wie es heißt, um die 400 000 Dollar erstand er das kostbare Autograph des Werkes. Er schreibt Analysen über die Partitur, und die New York Times schreibt, anerkennend, über seine Analysen. Gorbatschow, Rabin und Helmut Schmidt verwickelte er in Gespräche über seinen Hausgott. In seinem Privatsalon am Central Park steht Rodins berühmte Mahler-Büste, seine Ikone.
Vor allem aber, und da gewinnt sein Tick Format - er hat die Sinfonie selbst dirigiert: in New York, Tokio, Frankfurt am Main, Jerusalem, London, Caracas, Wien, insgesamt 37mal mit 20 verschiedenen Orchestern. Mit diesem und nur mit diesem sinfonischen Koloß ist er, der "profihafte Amateur", zum bedeutendsten Hobby-Maestro der Welt geworden, ein genialischer Kauz.
Nächsten Monat wird er die Zweite in Melbourne aufführen, danach in Singapur, Sao Paulo, St. Petersburg. 1995 haben ihn Pekings Zentral-Philharmoniker zur chinesischen Erstaufführung und, Ritterschlag für den Außenseiter, die Salzburger Festspiele für ihr Abschlußkonzert engagiert.
Geht die ganze Musikwelt einem Dilettanten auf den Leim? Ist das nicht ein Kapitalist, der sich mit Dollars und Chuzpe aufs Podium lanciert? Macht da nicht einer Männchen im Frack und fuchtelt bloß mit den Armen zu dem, was die Orchesterroutiniers, mit Geld geködert, ihm vorspielen und dem Publikum vormachen?
Sachte. Unter Dirigenten gibt es sicher Blender und Hampelmänner. Aber ohne ihr solides Handwerk stürzt eine philharmonische Hundertschaft mit Mahler ab, und ein Klangkörper, der Millionen Noten vor sich hat, braucht Kopf, Herz, Magie einer Leitfigur.
Aber daß einer wie Kaplan, der als Kind so auf dem Klavier geklimpert, der als Pennäler noch kein Konzert besucht und mit 20 noch nichts von Mahler gehört hat, nun die Kollegen aufhorchen und die Kritiker jubeln läßt, ist mehr als eine skurrile Fußnote zum alten Selfmade-Mythos.
An einem Samstagmorgen 1965 hatte sich Twen Gilbert mit einem Freund in eine Konzertprobe verirrt, der greise Leopold Stokowski paukte Mahlers Zweite. Das machte Eindruck und "brachte eine unruhige Nacht, mehr nicht". Immerhin besuchte Kaplan auch das Konzert. Das haute ihn um. "Mahler legte die Arme um mich" - Kaplan heulte "wie ein Schloßhund".
Er kaufte alle verfügbaren Platten des Werkes, die gesamte englischsprachige Mahler-Literatur, den Klavierauszug, die Partitur. Interviews führte er fortan am liebsten da, wo Mahlers Zweite gegeben wurde. Selbst die blonde Schwedin Lena, seine spätere Frau, schleppte er zur "Auferstehung".
Doch der entflammte Jung-Verleger wollte "dem Werk endlich ganz auf den Grund gehen" und "die tiefe Wahrheit Mahlers erfahren". Im Klartext: Er wollte die Zweite selbst kapellmeistern.
Ein Jahr, unter Assistenz eines Profis, büffelte er die Noten, die Spieltechnik aller Instrumente, die Atemtechnik der Sänger. Dann, im Herbst 1981, mietete er sich für 5000 Dollar das American Symphony Orchestra und schlug sich Takt für Takt durch den ersten Satz. Es ging gut, und er machte weiter - langsam, aber sicher.
Zum 15. Geburtstag von Institutional Investor, am 9. September 1982, ging er in New York erstmals aufs Ganze: Vor 2700 geladenen, vom Weltwährungsgipfel in Toronto eingeflogenen Bankern und Brokern stieg er, "relativ ruhig", aufs Podium, während sein Publikum zitterte wie vor einem Crash in der Wall Street - immerhin spielte da einer der Ihren vor aller Ohren russisches Roulette.
Aber das Tutti, von Kaplan bezahlt, parierte, nichts wackelte. Der Mahlerholic schwelgte durch seinen Lebenstraum. Die Kenner waren platt, die Geldmacher aus dem Häuschen: fünf Minuten Standing ovations.
Danach ging es Schlag auf Schlag: da capo in New York, Einladungen aus aller Welt. 1988 spielte der Hobby-Mahler sein Herzstück für das kalifornische Label MCA Classics auf CD ein. Das Doppelalbum kam in die Pop-Charts und auf eine Auflage von 135 000 Stück, mehr als jede andere Mahler-Sinfonie, sei sie von Karajan, Bernstein oder Solti.
Musikkritiker und Mahler-Experte Ulrich Schreiber adelte Kaplan zum "ernst zu nehmenden Mahler-Forscher". Der werde "der Partitur und ihrem rational erfahrbaren Sinn so gerecht wie nur wenige Interpreten vor ihm".
Obwohl Kaplan mittlerweile jedes Jahr "zehn bis zwölf Einladungen" erhält (bis zu vier nimmt er an), verbreiten Neider und Ungläubige immer noch die Mär vom Laienspieler, der sich die Orchester kauft: "Nichts ist dran", beteuert er, "ich bezahle dafür heute nirgendwo mehr einen Cent."
Kaplan lächelt, schließt das edle Faksimile der Zweiten, das seine 1988 gegründete Foundation ediert hat, und schiebt eine neue Kostbarkeit auf den Tisch: eine große Kassette in altrosa Seide, darauf das Magritte-Bild einer roten Rose, drumherum in goldenen Lettern "Gustav Mahler - Adagietto".
Nun ist er, kaum zu glauben, also doch seiner Einzigen untreu geworden. Denn dieses schwermütige Adagietto ist ein Fünftel aus Mahlers Fünfter und ein Schlager, seitdem Luchino Visconti den Film "Tod in Venedig" damit untermalte. Durchschnittliche Spielzeit des Satzes: 12 bis 14 Minuten.
"Effektvoll, aber falsch", behauptet nun Kaplan und überrascht die Fachwelt mit Beweisen: Der Komponist habe den Satz nicht in Herzeleid, sondern als Liebeserklärung für Alma notiert. Er wollte zu ihr, und die Umworbene ließ ihn nach einem Blick auf die 103 Takte wissen, er dürfe kommen.
So machte Kaplan das Adagietto für eine CD flott: Auf 7'57'' beschleunigt, swingt die angebliche Trauerweise jetzt wie ein weanerisches Ständchen dahin.
Beim jüngsten Auftritt der Berliner Philharmoniker in New York, versichert Ohrenzeuge Kaplan, habe Chefdirigent Claudio Abbado den Satz "richtig schnell" taktiert, "so an die acht Minuten", "wie ich". Und da strahlt er: Ihnen allen hat er was vorgemacht. Y *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Ein Außenseiter *
begeistert die Musikwelt: Der genialische Verleger-Millionär Gilbert Kaplan verfiel aus Zufall dem Schaffen des spätromantischen Komponisten Gustav Mahler, schulte sich selbst zum Kapellmeister und dirigiert seit 1982 Mahlers monumentale "Auferstehungssinfonie" in aller Welt. Seine CD des Werkes wurde ein Hit und stach mit 135 000 Exemplaren sogar Stars wie Bernstein und Karajan aus.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 3/1994
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