01.03.1993

AutorenDie Nase und der Riese

Der Niederländer Harry Mulisch hat sich selbst zum Romanhelden gemacht und ein Meisterwerk geschaffen: „Die Entdeckung des Himmels“.
Der Herr verkehrt nur in den allerhöchsten Kreisen: In seinem Arbeitszimmer an der Amsterdamer Leidsekade finden sich einträchtig eine Goethebüste, ein Foto von Albert Einstein, Bilder ägyptischer Pharaonengräber, griechische Philosophenköpfe.
Der niederländische Nationalschriftsteller Harry Mulisch ist seit seinem Bestseller "Das Attentat" (deutsche Ausgabe 1986) auch hierzulande bekannt. Sein jüngster Roman, der jetzt auf deutsch erscheint, hat die niederländischen Kritiker zu Vergleichen mit Thomas Mann und Robert Musil angeregt. Und schon der Titel weist, in welch hehre Regionen die Lese-Reise geht: "Die Entdeckung des Himmels"*.
Ein himmlisches Kind wird, mitten in unserer Zeit, von einer Menschenfrau geboren. Es soll Gott die Gebote zurückbringen, die er seinem Volk auf dem Berg Sinai offenbart hat. Die Menschen, die mit ihrem technischen Teufelsspielzeug eifrig auf ihre Selbstzerstörung hinarbeiten, brauchen keine Gebote mehr; sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.
Mulisch hält es mit den barocken Mysterienspielen, in denen sich Gott und der Teufel um die Seele des Sünders streiten, doch zum Tiefsinn der letzten Dinge gehören bei ihm auch Gaukelspiel und Possenreißen.
So ist "Die Entdeckung des Himmels" - ganz wie die Bibel - ein sehr irdisches Buch geworden: Zeitgemälde der 68er-Revolte, verrückte Liebesgeschichte, Panorama politischer Pöstchenwirtschaft. Vor allem aber die Erzählung einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft. Der Astronom Max Delius und das Sprachgenie Onno Quist laufen sich in einer Winternacht 1967 über den Weg und können fortan nicht mehr voneinander lassen.
Der feingliedrige Max, Sohn einer jüdischen Mutter, forscht tagsüber in einer Sternwarte und zieht nachts die Frauen in sein Bett, "ein verrückter Satyr". Der massige Onno dagegen, ein Ur-Holländer, stammt aus einem calvinistischen Politikerclan, dem er sich als spinnerter Privatgelehrter immer wieder - und doch ohne Erfolg - zu entziehen versucht.
Die Freundschaft zwischen Onno und Max gab es wirklich; nur hießen die beiden im Amsterdam des Jahres 1958 Harry Mulisch und Jan Hein Donner. Der schmächtige Jungschriftsteller mit dem markanten Gesicht und der hünenhafte Schachgroßmeister, Sproß eines niederländischen Justizministers, hingen derart zusammen, daß die beiden in der Stadt nur "die Nase und der Riese" hießen.
Die kleine, überschaubare Welt der Niederlande läßt sich mit den Mitteln Mulischs noch in der Form des Romans aus dem 19. Jahrhundert fassen, von den Höhen der Macht bis in die Niederungen des Alltags. Der prominente Autor selbst übernimmt in dieser Gesellschaft gleich mehrere Rollen, wenn er etwa für sein Lebenswerk von über 50 Romanen, Theaterstücken, Gedichtbänden und Opernlibretti von der Königin zum Ritter von Oranien-Nassau ernannt wird und andererseits als Sozialist in Demonstrationszügen mitmarschiert.
Politiker fragen ihn um Rat, in den Talk-Shows ist er Dauergast - und für die Junkies in seiner Straße ein guter _(* Harry Mulisch: "Die Entdeckung des ) _(Himmels". Hanser Verlag, München; 800 ) _(Seiten; 49,80 Mark. ) Nachbar. Das Land ist zu klein, die Besten müssen hier alles zugleich sein: Ritter und Rüpel, Politiker und Dichter, Provinzler und Weltmann.
Politik und Kunst mischen sich auch in der Genese der Hauptfigur seines neuen Romans: Die Cellistin Ada Brons - zuerst die Freundin von Max, dann von Onno - schläft in einer rauschhaften Nacht bei einem Revoluzzer-Kongreß in Havanna mit beiden Freunden - und wird schwanger. So wächst in ihrem Schoß der Götterknabe Quinten heran.
Max erzieht den göttlichen Wundersproß mit den saphirblauen Augen auf einem verwunschenen Schloß, und mit Onno sucht der Jüngling in Rom jene heiligen Gesetzestafeln, die von den Päpsten im Mittelalter in den Lateran-Palast geschafft worden waren und seither in Vergessenheit gerieten.
Bei der ausgeklügelten Beschreibung des Weges, den die Tafeln vom Berg Sinai über den Jerusalemer Tempel nach Rom genommen haben sollen, hat Mulisch sich bewußt an das erste Gebot der Dichtung gehalten: Du sollst falsch Zeugnis reden wider deinen Leser.
Weil im skeptischen Europa die Position des allwissenden Erzählers lächerlich geworden ist, legt der Autor dieses Amt in himmlische Hände: Der Engel, der die ganze Geschichte im übrigen arrangiert hat, ist zugleich der Erzähler.
Onno, der den Himmelsplan nicht kennen kann, hält das Leben für eine Reihe von Katastrophen ohne Bedeutung. In einer unsinnigen Welt mache nur das Unsinnige Sinn, räsoniert er, nachdem er sich verbittert von der Welt zurückgezogen hat. Und doch hat er zuvor noch dem Zufall Sinn zu geben versucht: Max und er seien zu Freunden geworden, weil sie in derselben Nacht gezeugt wurden, und zwar in jener, in der Marius van der Lubbe den Reichstag anzündete: In der Folge festigten die Nazis ihre Macht, was Mulisch trocken das "A.H.-Erlebnis" des Jahrhunderts nennt.
Für Max, dessen Nazi-Vater seine eigene Frau und die Schwiegereltern ins KZ schickte, sind solche Koinzidenzen lebenslang prägend. Auch hier spielt Mulisch mit seiner persönlichen Geschichte: Seine jüdische Mutter, geborene Alice Schwarz (im Roman heißt sie Weiß), konnte nur überleben, weil ihr Mann in einer Bank, die beschlagnahmte jüdische Vermögen verwaltete, mit den Nazis kollaborierte. Dafür mußte Vater Mulisch nach 1945 für drei Jahre ins Internierungslager.
Mulischs Alter ego, Max, verschlägt es zur Arbeit an das Observatorium Westerbork, wo sich einst ein Sammellager für die niederländischen Juden befand: _____" Er ging weiter, zum anderen Ende des Lagers, wo die " _____" Gleise an einem morschen Prellbock endeten, hockte sich " _____" nieder, legte " _____" seine Hand auf das verrostete Eisen und sah wieder die " _____" Reihe der Antennen, die alle auf denselben Punkt am " _____" Himmel gerichtet waren. Und plötzlich dachte er an den " _____" gelben Stern, den seine Mutter im Krieg auf der linken " _____" Brust hatte tragen müssen. Einen Stern! Sterne! All die " _____" Zehntausende hier hatten Sterne getragen, mit Sternen auf " _____" der Brust waren sie in die Waggons gedrängt worden. "
Mulisch gelingt ein großer Zeitroman der europäischen Nachkriegsgeneration: Diese Menschen schleppen die Verbrechen und das Leiden ihrer Eltern lebenslang mit, während sie sich im Wohlstand der Demokratien mit dem guten Leben arrangieren. Und während sie mit ihren sozialistischen Idealen gealtert sind, keimt die Gewißheit: Das kann nicht mehr lange gutgehen.
Ist das die Situation, in der ein Autor zur apokalyptischen Wucht des Alten Testaments zurückfindet und 800 Seiten schreibt?
Harry Mulisch ist ein Melancholiker mit poetischem Witz: Als der Knabe Quinten seinen Auftrag erfüllt und die Gebotstafeln schließlich nach Jerusalem zurückgebracht hat, lösen sich die göttlichen Buchstaben und schweben als reines Licht durch den Raum wie "gelöschte Software".
Mit seinem ausgeprägten Hang zur Zahlensymbolik spiegelt Mulisch die Daten der eigenen Biographie im Roman: Die 65 Kapitel entsprechen genau den Lebensjahren des Autors. Mulisch erzählt, daß er das Manuskript genau am 10. Juli, dem Geburts- und Todestag seines Vaters, abgeschlossen und zum Verlag getragen hat. Sein Romanheld Max, der bis in Details Mulischs Züge trägt, ist der Erzeuger eines Götterkindes - auch das eine nicht gerade bescheidene Engführung von Heils- und Lebensgeschichte. Und wie der Zufall (oder ein Engel) es wollte, ist auch Mulisch mit dem Erscheinen des Buches noch einmal Vater geworden: "Großvater meines eigenen Sohnes."
Ist der Optimismus, der aus dieser realen Vaterschaft ebenso wie aus der überirdisch harmonischen Entwicklungsgeschichte des erfundenen Knaben Quinten spricht, kein Widerspruch zur pessimistischen Botschaft des Romans, daß sich die Menschheit über kurz oder lang selbst ausrotten werde? "Man muß einfach weitermachen", antwortet Mulisch, "wenn es schon nicht die Menschen sind, die überleben, dann irgend etwas anderes - strahlenresistente Insekten meinetwegen."
* Harry Mulisch: "Die Entdeckung des Himmels". Hanser Verlag, München; 800 Seiten; 49,80 Mark.

DER SPIEGEL 9/1993
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