13.04.1992

PhilosophieGift für den Geist

Vier Cambridger Professoren wollen dem Philosophen Jacques Derrida den Ehrendoktor verweigern. Sie arbeiten an einem kritischen Dossier über den Pariser Denker.
Das Timing stimmte. Niemand an der ehrwürdigen Universität Cambridge hatte auf der Magister-Entlassungsfeier kurz nach Ferienbeginn einen Eklat erwartet.
Als dann aber während des steifen Rituals im Senate House die Liste der Ehrendoktor-Kandidaten auf lateinisch zur Billigung verlesen wurde, erhoben sich bei einem Namen plötzlich vier Dozenten von den Bänken und riefen energisch: "non placet" - "es paßt mir nicht".
Der spektakuläre Protest, nach 29 Jahren der erste, richtet sich gegen die Nominierung eines Mannes, der längst ein internationaler Star ist: Jacques Derrida, 62, Philosoph aus Paris und seit einem Vierteljahrhundert bekannt für seine provozierenden Angriffe auf die Grundlagen aller Wissenschaft.
Deutendes Verstehen, von seinen Kollegen in Philosophie und Literaturkritik bisweilen "Rekonstruktion" genannt, reicht ihm nicht: Mit seiner "Dekonstruktion" stellt Derrida alle Hoffnung auf simple Verständlichkeit in Frage.
Er erklärt philosophische Texte ebenso wie Werke der Kunst und Dichtung, sogar die eigenen Bücher, zu ewig widersprüchlichen Zeichenwelten und will so jede Art von Sinnsuche als illusorisches Spiel von Sprache und Schrift entlarven - in einem bewußt rätselhaften Stil, der von Wortbildern selbst nur so wuchert. Zur ursprünglichen Bedeutung der Zeichen gelange keiner zurück - vielleicht gebe es sie gar nicht. Einziger Ausweg: weiterlesen.
Die radikale Unbestimmtheitslehre des marktgerechten Außenseiters, der bei Philosophen als Belletrist und bei Literaturkundlern als tiefer Denker auftritt, fasziniert bis heute vor allem US-Forscher. Viele englische Dons indes halten Derridas Gedanken für Anarchie, fürchten gar, daß ihre pädagogischen Bemühungen durch dessen postmoderne Bubenstücke um den Erfolg gebracht werden könnten.
"Puren Nihilismus" erblickt Ästhetik-Professor Roger Scruton aus London in den Ideen des Pariser Denkers. Dekonstruktion setze einfach "die gesamte Zivilisation in Gänsefüßchen". Weit verbreitet, so seine Philosophie-Kollegin Sarah Richmond, sei bei britischen Akademikern die Meinung, Derridas Ideen bedeuteten "Gift für den Geist junger Leute". "In den Geisteswissenschaften", so der Observer, agiere der Dekonstrukteur "wie ein Computervirus".
Derridas Verunsicherungsprogramm sei keine strenge Wissenschaft, erklärt nun auch einer der vier Rebellen von Cambridge, Henry Erskine-Hill, Literaturwissenschaftler am Pembroke College: "Vielleicht ist Derrida nur seines Ruhms wegen berühmt." Philosophie-Professor Hugh Mellor hat die Theorien des Meisterdenkers bereits als "äußerst dumm" eingestuft. Mit ihren Verbündeten, zwei emeritierten Englisch-Professoren, arbeiten Erskine-Hill und Mellor mittlerweile an einem Dossier, das die Zweifel an der "akademischen Glaubwürdigkeit" des Störenfrieds begründen soll.
Es geht also ums Prinzip - wieder einmal. Spätestens seit Sartre gelten intellektuelle Moden aus Paris im verschulten Uni-System des Vereinigten Königreichs vorderhand als zersetzender Unsinn.
Vor allem die Philosophen, seit Kriegsende mehrheitlich der nüchternen Sprachanalyse verpflichtet, haben sich bis heute erfolgreich dagegen gewehrt, daß neuere Denk-Tendenzen an Boden gewinnen. Nur wenige wie der Oxforder Anglist John Carey halten den Protest für absurd: Derridas weltweite Wirkung sei schließlich längst ein Faktum.
Sicher ist: Weigerte Cambridge sich, Derrida zu würdigen, der bei Kennern schon längst zur historischen Figur avanciert ist und dessen Ruhm in Frankreich inzwischen eher abflaut, dann hätte die "splendid isolation" der britischen Sachlichkeitsverfechter, ihre hartnäckige Absetzung von der "continental philosophy", einen neuen Höhepunkt erreicht.
Noch aber ist es nicht soweit. Am 16. Mai, nur das haben die vier bisher mit ihrem Einspruch erreicht, dürfen alle knapp 3000 Lehrer der Universität - vorausgesetzt, sie erscheinen persönlich und im schwarzen Talar - über Derridas Nominierung abstimmen. Dann wird die einfache Mehrheit entscheiden, ob der alternde Pariser Guru britischer Ehren teilhaftig wird oder nicht.
Zum Ausgang der Wahl riskiert niemand Prognosen. Zu gut ist noch in Erinnerung, wie bei ähnlicher Gelegenheit 1985 - entgegen vielen Voraussagen - Margaret Thatcher in Oxford die nötige Mehrheit verfehlte.
Derrida selbst, den Cambridges Vizekanzler Williams im September um sein Einverständnis gefragt und auch schon für kommenden Juni eingeladen hatte, lehnt jeden bewertenden Kommentar ab. Für ihn ist die Angelegenheit "ein kleiner englischer Skandal", er habe so etwas schon mehrfach erlebt. Der Streit um den Wert seiner Leistungen, der von Anfang Mai an in Cambridge mit Handzetteln ausgetragen werden wird, sei Sache der Universität.
Sollten die gestrengen Professoren ihn wirklich zum Scharlatan erklären: halb so wild. Einen englischen Ehrendoktor besitzt er schon seit 1987 - von der Universität Essex.

DER SPIEGEL 16/1992
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