29.03.1993

„Ich suche nach dem Leben“

Ute Lemper, 29, erlebte nach etlichen Show-Erfolgen ("Cats", "Cabaret") im vorigen Jahr ein Karrieretief: Ihre Lola im "Blauen Engel" wurde heftig kritisiert. Jetzt feiert sie, von Paris bis New York, als Chanson-Interpretin ein überraschendes Comeback.
SPIEGEL: Frau Lemper, wann haben Sie zuletzt einen Mann geschlagen?
LEMPER: Ich habe noch nie einen Mann geschlagen.
SPIEGEL: "Wenn mich was tierisch nervt, knall' ich jemandem eine", haben Sie gesagt.
LEMPER: Ja, aber nur aus Notwehr, vielleicht aus Liebe. Ich bin kein brutaler Mensch, und ich benutze keine Schläge, um mich durchzusetzen.
SPIEGEL: Nach den Verrissen Ihrer Lola im Berliner "Blauen Engel" haben Sie Ihren Kritikern Rache geschworen.
LEMPER: Ich habe überhaupt keine Rachegelüste. Haben Sie keine seriösen Themen auf Lager? Der "Blaue Engel" war Erfolg genug, er war jeden Abend ausverkauft. Sie können ja mal die Menschen nach ihrem Urteil fragen, nicht die Übermenschen, Kritiker und Co.
SPIEGEL: Können Sie die Kritik nicht doch im nachhinein verstehen?
LEMPER: Ich werde in Deutschland seit Jahren kritisiert, und zwar auf eine sehr sarkastische und persönlich verletzende Art. Beim "Blauen Engel" war das natürlich überdimensional. Ich muß einfach damit leben, daß diese Kritik inkompetent, arrogant ist und daß sie nicht auf die wirkliche Arbeit eingeht, sondern auf die Person. Ich habe meine Arbeit immer mit voller Hingabe geleistet. Ich bin nun von Natur aus und auch durch meine Tanz-Ausbildung ein ästhetischer Mensch, der so eine eigene Form von Eleganz hat, die nicht aufgesetzt, sondern einfach da ist. Das erscheint manchen Leuten vielleicht abstrakt. In amerikanischen, französischen, englischen und jetzt auch deutschen Zeitungen stand über meinen Chanson-Abend "Illusions" nur Gutes.
SPIEGEL: Zum Beispiel dies: Wenn die Lemper "ihre Beine übereinanderschlägt", sei diese Bewegung "sexier als Madonnas gesamte Karriere".
LEMPER: Ich kann mich nicht, wie viele meiner deutschen Kritiker unterstellten, plötzlich zu einem anderen Menschen entwickelt haben. Das ist dasselbe Herz, das da schlägt, und das ist dieselbe Kraft oder auch dasselbe Gefühl.
SPIEGEL: Sie haben deutsche Verrisse als "Hexenverbrennung" bezeichnet.
LEMPER: Ja, das war wie eine Ächtung. Es ist natürlich kränkend, daß ich ausgerechnet in meiner Heimat so behandelt werde. Ich bin enttäuscht, daß die Menschen so häßlich sein können.
SPIEGEL: Haben Sie dadurch vorübergehend Ihr Selbstbewußtsein verloren?
LEMPER: Ja, das verliert man absolut, nicht so sehr den Enthusiasmus für die Arbeit, aber man denkt schon: Eigentlich bist du das Letzte.
SPIEGEL: Stehen Sie vor dem Spiegel und zweifeln auch an Ihrem Äußeren?
LEMPER: Ich bin, glaube ich, nur schön dadurch, daß ich vielleicht interessant bin, daß ich etwas zu sagen und vielleicht Phantasie habe. Ich habe Furchen, Tiefen, Täler und Berge. Ich bin ein Stück Leben, das versucht, sich zu begreifen, zu überleben.
SPIEGEL: Können Sie denn gar keine Kritik vertragen?
LEMPER: Ich setze mich durchaus mit meinen Schwächen auseinander, nur lasse ich mich nicht einfach demontieren. Ich habe im Laufe der Jahre sicherlich Irrwege eingeschlagen und falsche Entscheidungen getroffen. Ich hätte viel häufiger nein sagen müssen.
SPIEGEL: Ein Beispiel bitte.
LEMPER: Ich hätte mich nicht so früh auf eine Solokarriere einlassen dürfen. Ich habe mich in dieses Showgeschäft von Managern hineindrängen lassen, ohne wirklich fähig zu sein, eine solche Show allein zu tragen. Aber in diesem Business gibt es eben Haie, Leute, die nur ans Geldmachen denken, an Karriere, Plattenverträge, Konzerttourneen.
SPIEGEL: Und wie sind Sie den Haien entkommen?
LEMPER: Meine Weill-Sachen haben mich in eine konzentrierte, kleine Form von Theater zurückgeführt, die ich zuvor mit diesen gigantischen Shows verloren hatte: eine nackte Performance-Form, Klavier, nichts drum herum, nur schwarze Bühne, Wort und Situation des Liedes. Inzwischen erkennt man ja, daß ich meinen eigenen Stil entwickelt habe und daß da keine Marlene Dietrich steht, sondern absolut in ihrer eigenen Identität und schlicht - Ute Lemper.
SPIEGEL: Kränkt es Sie, immer wieder als Marlene-Kopie zu gelten?
LEMPER: Ich gelte nicht als Marlene-Dietrich-Kopie. Sie haben wirklich nur Klischees im Kopf. Ich habe nie versucht, irgend jemanden zu imitieren. Auf der Bühne habe ich mit der Dietrich gar nichts zu tun, meine Stimme und meine Form von Performance sind völlig anders. Das sind halt die Fotos, die durch irgendwelche Lichteffekte eine gewisse Ähnlichkeit vorgaukeln. Wenn ich so aussehe wie irgend jemand anders: Okay, so what? Jeder sieht irgendwie aus wie irgend jemand anders.
SPIEGEL: Können Sie die Foto-Ähnlichkeit mit Marlene Dietrich genauer benennen?
LEMPER: Ich finde eine gewisse Form von Erotik, von Geheimnis oder auch Würde in diesen Fotos von Marlene. Die sind nie vulgär. Wenn man heute zeitgenössische Frauen-Fotos für Magazine aufnimmt, sind die fast immer vulgär. Sie haben in irgendeiner Form einen aufgesetzten Sex, etwas von Angeilung mit dem Fotografen oder mit der Kamera, von Entblößung. Und wenn man das nun nicht zeigt, dann hat man schon keinen Sex. Dann heißt es in den Medien gleich, auch über mich: Sie ist so zugeknöpft, so kalt. Vulgarität ist heute die Alltäglichkeit.
SPIEGEL: Marlene Dietrich war letztlich eine einsame, egoistische Frau. Muß man als Künstlerin so werden, oder ist man das bereits, wenn man sich für den Beruf entscheidet?
LEMPER: Egoistisch, wer ist das nicht im hohen Alter? Egoistisch wird jeder im Alter, weil er sieht, daß letzten Endes die Leute soviel Blabla erzählen. Meiner Meinung nach hat sie sich völlig richtig verhalten, als sie sich abschirmte. Jeder, der sagt, sie war egoistisch, hat für mich ein Brett vorm Kopf.
SPIEGEL: Sind Sie egoistisch?
LEMPER: Mutter Teresa ist es nicht, sonst ist jeder egoistisch. Wir leben ja hier nicht im Kibbuz. Bei uns ist alles vom Egoismus geprägt. Irgendwie, auch mit meinen tiefsten Ängsten und Sehnsüchten, habe ich mich immer als Einzelgänger empfunden . . .
SPIEGEL: . . . der niemandem seine wahren Gefühle offenbaren wollte?
LEMPER: Meine Geheimnisse und meine Gefühle habe ich immer abgeschirmt vor der Vulgarität und nur den vertrautesten Personen vermitteln wollen. Ich habe nach einer anderen Form gesucht, sie mitzuteilen. Und das waren vielleicht der Tanz, die Musik, das Theater.
SPIEGEL: Die Bühne ist Ihre Psychiater-Couch?
LEMPER: Ich bin kein Exhibitionist. Mein Inneres war einfach zu wild, zu verletzbar, zu aggressiv. Ich war wohl instinktiv der Überzeugung, daß ich diese Energien anders als im normalen Leben ausleben mußte - auf der Bühne. Sonst wäre ich entweder ein Punk oder ein unbeherrschbarer Mensch geworden.
SPIEGEL: Haben Ihre Eltern Verständnis für Ihre Welt?
LEMPER: Respekt. Ich respektiere sie, und sie respektieren mich.
SPIEGEL: Warum brechen Sie immer wieder aus?
LEMPER: Ich muß aus nichts mehr ausbrechen. Ich bin eigentlich ein ruheliebender Mensch. Es gibt natürlich schon Phasen, wo man extrem, fast zerstörerisch lebt, ja und fast an die Grenzen geht, wie es der Körper, das menschliche Leben oder der Geist zulassen - Phantasie, Liebe, Angst. Ich suche nach dem Leben. Ich frage immer weiter und akzeptiere nichts als endgültig. Auch künstlerisch suche ich die Grenze.
SPIEGEL: Dabei wird man leicht einsam - etwa nach dem Applaus, später im Hotelzimmer.
LEMPER: Ich habe überhaupt keine Probleme damit, allein zu sein. Dieser Rückzug in mich selbst ist mir immer angenehm, nach dem ganzen Blabla und Trara und so.
SPIEGEL: Hesse sagt: "Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schicksal den Menschen zu sich selber führen will."
LEMPER: Ich bin vom Alleinsein eigentlich abhängig. Wenn ich das nicht habe, werde ich total hysterisch. Im Prinzip bin ich innerlich völlig jung und sehnsüchtig, und ich möchte mich auf nichts festlegen in meinem Leben. Es gibt überhaupt keinen Grund, daß ich irgendein Lebensprinzip oder eine Regel fixiere bis auf, selbstverständlich, tägliche Schulung des Körpers und des Geistes. Die Verantwortung für ein Kind würde mich sicher bewegen, mich mehr zu organisieren. Aber ich liebe meine Unabhängigkeit und Freiheit, und ich genieße meinen Beruf und betrachte es auch als Privileg, kompromißlos das tun zu können, was ich will.
SPIEGEL: Geld wollen Sie verdienen, also werden Sie doch zu Kompromissen gezwungen.
LEMPER: Ich habe gerade genug Geld, um mir meine Freiheit zu leisten, und das ist kein Scherz.
SPIEGEL: Wie ist die Bürgertochter und ehemalige "Cats"-Darstellerin ausgerechnet auf Bertolt Brecht gekommen, den antibürgerlichen Marxisten?
LEMPER: Mich hat die Form von Theater interessiert, die damals, in den zwanziger Jahren, entstanden ist. Also das Singspiel, in dem Idee, Vision, eine Form von Idealismus, eine Vision von Menschlichkeit oder vielleicht Gesellschaft steckte, wo man praktisch nichts herumschmiert oder herumlallt, sondern wo Worte wirklich gesagt und gedacht werden müssen, wenn man sie singt - hundertprozentig Musiker, hundertprozentig Schauspieler.
SPIEGEL: Sind Brecht und Weill überhaupt noch zeitgemäß?
LEMPER: Es sind viele zeitgemäße Dimensionen in diesem Material enthalten. Ein Beispiel: Der "Surabaya-Johnny" ist im Grunde genommen das Lied eines thailändischen Mädchens in Berlin oder in Frankfurt. "Ich war jung, Gott, erst 16 Jahre, du kamest von Birma herauf und sagtest, ich solle mit dir gehen, du kämest für alles auf. Ich fragte nach deiner Stellung . . ." Das ist absolut das Lied eines thailändischen Mädchens, das heute in Berlin endet und da verkauft wird.
SPIEGEL: Georges Brassens, Edith Piaf oder auch Wolf Biermann, sie alle hofften, durch ihre Lieder die Gesellschaft zu sensibilisieren und zu verändern. Glauben Sie auch, daß Sie mit Ihren Chansons etwas bewegen?
LEMPER: Die Mitteilung ist sicher nicht konkret politisch, sondern betrifft den Menschen in seinem Verhängnis, seiner Kraft, seiner Aufgabe und seiner Sehnsucht und der Resignation vor der Gesellschaft oder vor sich selbst.
SPIEGEL: Warum schreiben Sie nicht selbst Chansons?
LEMPER: Ich kann Sie beruhigen: Ich habe gerade eine Chansonplatte mit eigenen französischen und englischen Texten aufgenommen. Sie kommt im Herbst heraus. Nichtsdestotrotz, man unterliegt immer irgendwelchen Zwängen. Die Plattenfirmen wollen nur das produzieren, was läuft. Meine Plattenfirma, wenn ich der sage: Hey, ich habe jetzt meine Texte geschrieben, ich will jetzt meine eigene Chansonplatte machen, dann sagen die: Moment mal, Moment. Du hast dein Publikum, das sind Leute, die wollen Brecht und Weill und vielleicht Piaf und Brel hören. Und nicht unbedingt deine eigenen Chansontexte. Also bis ich erst mal die Möglichkeit habe, muß ich vorher 3000 Türen einschlagen.
SPIEGEL: Frustriert es Sie, nie etwas Eigenes, Neues zu singen?
LEMPER: Es kommt schon noch. Geduld. Man gibt mir halt nie die Zeit. Im übrigen war der Liederzyklus auf Celan-Gedichte, der voriges Jahr als Platte herauskam, eine durchaus eigenständige Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten Michael Nyman und mir.
SPIEGEL: Was hören Sie selbst am liebsten?
LEMPER: Jazz hat mich schon in meiner Jugend am meisten inspiriert. Auch Soul. Mit den Klassikern kann ich nicht soviel anfangen. Mozart ist mir, nur um ein Beispiel zu nennen, einfach zu umdudelnd. Lieber Mahler, Schönberg, Richard Strauss oder Berio. Wenn ich oft auf der Bühne stehe, höre ich danach am liebsten nichts - Gedanken.

DER SPIEGEL 13/1993
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