12.04.1993

Das Erbe des „hombre“

Er wurde im faschistischen Italien bei den Gebirgsjägern ausgebildet und war von Mussolini stark beeindruckt, doch seine Revolution führte Argentinien nach links: Der sportliche und belesene Oberst Juan Domingo Peron stieg vor 50 Jahren kometengleich zur Schlüsselfigur am RIo de la Plata auf. Er beherrschte das Land sogar weit über den eigenen Tod hinaus.
Obwohl Peron das Haupt jener geheimen Offiziersloge war, die am 4. Juni 1943 den Zivilpolitikern die Macht entriß, begnügte er sich zunächst mit dem (bis dahin unscheinbaren) Amt des Staatssekretärs für Arbeit und Soziales. Von dort aus mobilisierte er die Gewerkschaften, zog die Arbeiter auf seine Seite, machte sich die Oberschicht zum Feind. Als konservative Generäle Peron abgesetzt und verbannt hatten, erlebte Buenos Aires am 17. Oktober 1945 einen friedfertigen Volksaufstand. Hunderttausende von "Hemdlosen" erzwangen demonstrierend die Freilassung ihres Idols.
Auch Narren machen Geschichte: US-Botschafter Spruille Braden prangerte Peron als "Nazi-Agenten" an, und die Oligarchie der Banker, Exporteure und Großgrundbesitzer applaudierte dem Amerikaner begeistert. Folgerichtig bestritten die Peronisten den anschließenden Wahlkampf mit dem Slogan "Braden oder Peron". Im Februar 1946, in der bis dahin freiesten Wahl der argentinischen Geschichte, erhielt Peron mehr Stimmen als alle Parteien zusammen.
Blockfreiheit, Planwirtschaft, Populismus, ein Wohlfahrtsstaat der Werktätigen: Peron verbrauchte den im Weltkrieg verdienten Devisenberg, trieb die Industrialisierung voran, entvölkerte die Pampas.
Die junge Schauspielerin Eva Duarte, inzwischen verehelichte Peron, wurde zur treibenden Kraft: Todesahnungen und Ressentiments gegen die Oberschicht machten die zarte Frau zu einer Pasionaria des Klassenkampfes.
Evita starb 1952 an Krebs, Peron selbst stürzte 1955, nach zunehmender Hybris, Mißwirtschaft und Repression. Doch die Unfähigkeit der Nachfolger verklärte seine neunjährige Herrschaft bald zum Goldenen Zeitalter, und die Nostalgie der Massen blockierte 18 Jahre lang jede Lösung ohne ihn. Rückkehr und Wiederwahl von "el hombre" brachten 1973 freilich auch kein Glück: Linke und rechte Peronisten entzündeten einen Bürgerkrieg um Perons Erbe, noch ehe dieser - keine zehn Monate im Amt - als schwacher, alter Mann verstarb.
Und abermals versagten die Nachfolger: Erst die unbedarfte Witwe Isabelita; dann, von 1976 bis 1983, das Gruselregime der Generäle; schließlich, nach dem verlorenen Falklandkrieg, der im Ausland überschätzte Demokrat Raul AlfonsIn.
Es war somit nicht bloß politische Nekrophilie, was die Massen Argentiniens weiterhin in den Kult um Peron und Evita trieb - und was 1989 zum Wahlsieg des (vorgeblichen) Linksperonisten Carlos Saul Menem führte.
Als Präsident verficht Menem - Schlitzohr, Wendehals, Skandalnudel - nicht das Erbe des "hombre", sondern das Gegenteil: einen populistisch frisierten Thatcherismus, Entmachtung der Gewerkschaften, Ausverkauf der Staatsbetriebe, Gefolgstreue gegenüber Washington. Menem beerdigt Peron nicht nur, er macht ihm den Garaus - soweit mit Erfolg.

DER SPIEGEL 15/1993
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