11.05.1992

Wegweiser nach Utopia

Seit zwei Jahrtausenden wogt der Streit um das sagenhafte Eiland Atlantis. Nun glaubt ein deutscher Archäologe das Rätsel vom verlorenen Kontinent gelöst zu haben. Seine These: Der Mythos ist in Wahrheit ein „verzerrter“ historischer Bericht. Atlantis war Troja, die von den Griechen zerschlagene Metropole am Hellespont.
Aristoteles drückte bei ihm die Schulbank, Hegel erhob ihn zur "welthistorischen Person", Schopenhauer nannte ihn sogar "göttlich". Der Philosoph Platon, geboren 427 vor Christus in Athen, steht wie ein Geistesriese am Anfang des Denkens.
Eben jener Meisterdenker, der mit langem Bart und in Ledersandalen in 35 Dialogen der Vernunft huldigte, der die Dichter haßte, weil sie wolkig und nicht wahr sprachen - dieser ernste Kopf steht unter Verdacht, der größte Lügenbaron der Weltliteratur zu sein.
Von Platon - und nur von ihm - stammt die phantastische Erzählung über die "heilige Insel" Atlantis, ein Dorado und Nabel der Welt, wo alles, ob Gold, Elefanten oder die "Reizmittel gesättigter Eßlust" (vulgo: Obst), "schön und zum Staunen und in unerschöpflicher Fülle" vorhanden waren.
"Speisen und Salböl", so Platon, lieferten die üppigen Böden der Insel, sie bargen Kupfer und Silbererz. Im "Tempel des Poseidon" töteten die Könige Stiere mit der Faust und saßen zu Gericht. Das Volk besuchte die "Pferderennbahn" und labte sich im "Überfluß an ungerechtem Reichtum". Schließlich, vor rund 11 500 Jahren, "entartete" das Land und verschwand gurgelnd im Ozean.
Generationen von Atlantis-Forschern haben nach diesem Garten Eden gefahndet. Auf Helgoland und den Bahamas, in Ostpreußen und der Mongolei wurde die verwunschene Stätte vermutet. Jacques Cousteau suchte das Eiland auf dem Boden des Mittelmeers. Erich von Däniken verlegte es in den Weltraum.
Wie ein Spuk weht der verschwundene Kontinent durch die Jahrtausende, er bürgt - in Comics, Filmen und New-Age-Zirkeln - für Exotik und und Magie. Hobbyforscher unterstellten den Atlantern einen Selbstmordtrieb nach Art der skandinavischen Lemminge und ermittelten als Zerfallsdatum des mythischen Reiches: den 5. Juni 8498 vor Christus, 13 Uhr.
Über fahrige Mutmaßungen kamen die Suchtrupps allesamt nicht hinaus. Als Untergangsszenarios werden Vulkanausbrüche oder auch die Kometenbombe "Planetoid A aus der Adonis-Gruppe" gehandelt.
Für die ernsthafte Forschung stand bislang fest: Atlantis war eine Grille des Philosophen. Ein "Traumland" sei es, meint der Hamburger Archäologe Hans Georg Niemeyer. Der österreichische Altertumsforscher Franz Hochleitner, 74, zog nach Durchsicht von 2000 Atlantis-Veröffentlichungen das Fazit: "Es war ein utopischer Entwurf, vergleichbar dem von Karl Marx."
Dieser Annahme tritt der Geoarchäologe Eberhard Zangger, 33, in einem soeben erschienenen Buch entgegen*. Der _(* Eberhard Zangger: "Atlantis - Eine ) _(Legende wird entziffert". Verlag Droemer ) _(Knaur, München; 336 Seiten; 38 Mark. ) Autor hat in Cambridge und Oxford studiert und betreut derzeit mehrere Grabungsprojekte auf Zypern, Kreta und in Ägypten. Atlantis, gibt er zu, sei für seine Zunft "ein Tabu-Thema", so als würde ein Zoologe über den Knochenbau der Mickymaus referieren.
Doch das Werk ist kein neues Märchenbuch. Auf gut 300 Seiten versucht Zangger, den historischen Kern der Legende freizulegen. Fachkollegen nennen das Ergebnis "genial, anregend und ganz und gar plausibel". Der US-Archäologe Curtiss Runnels aus Boston glaubt gar, die Arbeit werde "die gleiche Wirkung auf die akademische Welt haben, wie Schliemanns Entdeckungen vor 100 Jahren".
Zanggers Wegweiser nach Atlantis löst das Geheimnis gleichsam in Luft auf. Seiner Meinung nach ist die Platon-Erzählung nichts anderes als eine "verzerrte Erinnerung" an das große Troja, jene antike Metropole am Hellespont (Dardanellen), die wahrscheinlich im 13. Jahrhundert vor Christus der List des Odysseus und der Schlagkraft von 100 000 griechischen Soldaten erlag, wie der Dichter Homer berichtet.
Gegen eine Fiktion spricht vor allem der Detailreichtum der Atlantis-Story. Platon beschreibt die Waschbecken und beliebtesten Nachspeisen der "magischen Rasse" (Antonin Artaud). Wie in einem Baedecker führt er die Größe von Kanälen, Hafendocks und Gebäuden an. Fußbodenbeläge wie religiöse Riten der Rätsel-Insulaner werden exakt beschrieben.
Schon beim ersten Sortieren der "durcheinandergeratenen Puzzleteile" kann der Autor zahlreiche Belege für seine Gleichung vorlegen: *___Platons Fabelstadt stützt ihre marine Macht auf ____"zwölfhundert Schiffe". Trojas Flotte umfaßte (laut ____Homer) 1185 Schiffe. *___In Atlantis bläst ein starker "Nordwind". Solche ____Windverhältnisse - untypisch für den Mittelmeerraum - ____prägen aber den sturmumtosten Eingang zum Schwarzen ____Meer. *___In Atlantis fließen eine warme und eine kalte Quelle. ____Auch in Troja sprudelten zwei Brunnen, einer dampfte ____"wie loderndes Feuer", der andere war "kalt wie der ____Hagel" (Homer). *___Die Atlanter kennen Messing ("orichalkos"). Diese ____Metallegierung wurde in der Antike nur an einem ____einzigen Ort hergestellt - bei Edremit, 80 Kilometer ____südöstlich von Troja. *___Den Durchmesser des Stadtzentrums von Atlantis gibt ____Platon mit "fünf Stadien" (900 Metern) an. Exakt diese ____Größe hat der trojanischen Palastbezirk.
Insgesamt viermal beteuert Platon die Echtheit der Erzählung. Zudem beruft er sich auf eine hohe Autorität: Urheber der Geschichte sei der Feldherr und Gesetzgeber Solon (640 bis 560 vor Christus). Dieser "weiseste der sieben Weisen" habe den Bericht in Ägypten von einer Bildsäule abgeschrieben.
Das "Originalmanuskript", glaubt nun Zangger, existierte wirklich und befand sich im Besitz von Platons Familie. Der berühmte Denker habe keine Schnurre erzählt, sondern schlicht ein historisches Dokument ausgeschlachtet; für diese Vermutung kann der Autor eine Reihe von Indizien beibringen: *___Solon war wirklich im Pharaonenland. Wahrscheinlich ____besuchte er kurz vor seinem Tod den unterägyptischen ____Regierungssitz Sais. *___Solon war "ein Verwandter und enger Freund" von Platons ____Ururururgroßvater. Die von Platon geschilderte ____Manuskriptübergabe über sechs Generationen wäre nicht ____auszuschließen. *___Computergestützte Stilanalysen ergaben, daß Platons ____Atlantis-Erzählung stark vom übrigen Werk des ____Philosophen abweicht. Sie wirkt wie ein Text aus ____fremder Feder.
Im "Neith-Tempel" von Sais, so erzählt Platon, sei der Nil-Tourist Solon von den Priestern an eine Hieroglyphensäule geführt worden. Auf dem Stein fand sich eine seltsame Kunde eingraviert: "Vor 9000 Jahren" hätten die Ur-Griechen eine waffenstrotzende "Macht" besiegt. Ihr Name: Atlantis.
Über die Zeitangabe "vor 9000 Jahren" sind bislang alle Historiker gestolpert, die einen wahren Kern aus der Beschreibung herauslesen wollten. Für eine Superkultur, die bereits in der Steinzeit mit Schreibtafeln und Eisenbeilen hantierte, hat die moderne Forschung keinen Platz.
Zangger findet einen verblüffenden Ausweg aus dem Zeit-Rätsel. In Ägypten waren seit Mitte des 3. Jahrtausends ein staatlicher Solarkalender und zwei religiöse Mondkalender im Gebrauch. Wenn die Tempelsäule in Sais die Historie in Mondzyklen rechnete - was wahrscheinlich ist -, dann müßte die Zeitspanne durch 12,37 geteilt werden. Der Buchautor errechnet als neues Datum der geschilderten Schlacht das Jahr "1207 vor Christus".
Zu diesem Zeitpunkt fochten die Griechen in der Tat einen gewaltigen Kampf aus. Der Feind kam aber nicht vom "Atlantischen Meer" angestürmt, sondern saß verbunkert in einer Festung in Kleinasien. Die griechische Chronik Marmor Parium nennt als Jahr der Eroberung Trojas: 1209 vor Christus.
Doch die Tempel-Chronik hält weitere Überraschungen parat. In der "darauffolgenden Zeit", berichten die ägyptischen Priester, seien die griechischen Städte von Naturkatastrophen zertrümmert worden. Alle Verwaltungsstrukturen zerbrachen, selbst die Kunst des Schreibens ging verloren. Auch das besiegte Atlantis versank schließlich "infolge von Erdbeben". _(* Ruinen des Priamos-Palastes, Holzstich ) _(1874. )
Die Katastrophenchronik aus Sais stimmt merkwürdig genau mit den realen Ereignissen der damaligen Epoche, der späten Bronzezeit, überein. Die "mykenische Palastkultur" (1600 bis 1100 vor Christus) mit ihren blühenden Zentren Midea, Pylos, Mykene und Tiryns wurde fast schlagartig ausradiert: Die Burg von Tiryns wird 1204 vor Christus von Erdbeben erschüttert und versinkt in einer Schlammlawine. Fast zeitgleich geht Pylos in Flammen auf. Mykene und Midea werden durch Brände oder Erdbeben vernichtet. Troja meldet schwere Überschwemmungen.
Gleichzeitig bricht das weitverzweigte Handelssystem im östlichen Mittelmeerraum zusammen. Um 1000 vor Christus ist die einst ruhmreiche Welt der "Achaier" mit ihren Heroen Agamemnon, Odysseus, Nestor und Achill ein fast menschenleerer Trümmerhaufen.
Nach diesem 400 Jahre dauernden "dunklen Zeitalter" hebt der Dichter Homer als erster wieder die Stimme. Seine Ilias, 15 693 Hexameter Kriegsbericht, ist aufgeschrieben mit einem gerade neu entwickelten Alphabet.
Die Ägypter dagegen können auf eine bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichende Kulturtradition verweisen. Vor allem unter dem Pharao Merenptah (1224 bis 1204 vor Christus) wurden alle wichtigen Auslandsnachrichten in Stein gemeißelt. Diese Quelle hat Platon offensichtlich angezapft.
Gleichwohl erscheint die archäologische Formel Atlantis = Troja höchst gewagt: Die Hochkultur der Atlanter siedelte angeblich auf einer riesigen Insel im "Atlantischen Meer". Für solch ein Fabel-Eiland bietet die Erdkruste keinen Raum.
Buchautor Zangger gibt zu bedenken: Solon, lederumgürtet, mit wallendem Gewand, knapp 80 Jahre alt, steht mit einem "ganz alten Priester" (Platon) aufgeregt im heiligen Tempelbezirk von Sais. Gemeinsam versuchen sie, eine alte Hieroglyphenschrift ins Griechische zu übersetzen.
Das Ergebnis der Dolmetscher-Arbeit, so Zangger, war ein kolossaler Murks. Solon habe den Tempel-Rapport geographisch so mißdeutet, daß er mit einem Zerrbild im Gepäck wieder nach Europa abfuhr.
Den ersten Schnitzer erlaubt sich der Gast bei dem Wort "Insel". Die entsprechende Hieroglyphe bedeutet Küste oder Sandstreifen und ist als "Bestimmungssymbol für fremde Gegenden jenseits des Nildeltas weit verbreitet" (der Ägyptologe Rhys Carpenter). So gesehen, wäre das Wort "Insel" für Troja richtig.
Auch bei der nächsten Ortsangabe (Atlantis liegt an einer Meerenge) unterläuft dem Übersetzer ein schwerer Fehler. Er vermutet das Mega-Eiland jenseits der "Säulen des Herakles". Zu Solons Zeit bezeichnet dieser Ausdruck die Straße von Gibraltar.
Die Achaier sind jedoch nachweislich nicht bis in den Atlantik gesegelt. Ihr Weltenende wurde von einer anderen Meerenge markiert, die sie ebenfalls "Säulen des Herakles" nannten - die Dardanellen. Der antike Grammatiker _(* Von Athanasius Kircher. ) Servius hält die Doppelbedeutung des Begriffs fest: "Durch die Säulen des Herakles fahren wir ins Schwarze Meer und nach Spanien."
Die krasse Fehlorientierung hat alle folgenden Suchtrupps Richtung Westen irrlichtern lassen. Francis Bacon, der englische Hofdenker, verlegte im 17. Jahrhundert das Land der Seligen nach Brasilien. Der Gelehrte Athanasius Kircher malte 1665 wie selbstverständlich eine dicke Landmasse um die Azoren und nannte den Kloß "Insula Atlantis".
Zangger dagegen wendet den Blick nach Osten, zur Nordküste Kleinasiens, wo auf dem Hisarlik, dem "Schicksalsberg der Archäologie", Heinrich Schliemann 1871 mit der Ilias in der Hand Troja ausgrub.
Größe und Bedeutung dieser sagenhaften Stadt sind nach wie vor strittig. Schliemann schätzte die Zahl ihrer Bewohner auf 100 000. Der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann, der 1988, nach 50jähriger Unterbrechung, die Grabungsarbeiten wieder aufnahm, spricht dagegen von einem "Piratennest" mit 5000 Seelen.
Immer mehr Altertumsforscher hegen jedoch den Verdacht, daß Homers Troja ein Knotenpunkt des bronzezeitlichen Handels war. Wie ein Krake, so die Annahme, hielt der Ort die Durchfahrt zum Schwarzmeer umschlungen und mästete sich am Tribut der Kaufleute. Schliemann grub in Troja unzählige Kostbarkeiten aus - Goldgeschirr, Silbervasen, prachtvolle Ohrgehänge, Broschen und Diademe. Der Finder war von dem Geschmeide so geblendet, daß er es am türkischen Zoll vorbei außer Landes schmuggelte und seiner Frau Sophia um den Hals legte.
Volle Kassen brachte den Trojanern offensichtlich auch eine meteorologische Besonderheit. Für bronzezeitliche Seefahrer war es unmöglich, gegen den tosenden Nordwind in die Dardanellen einzufahren. Nur im Frühling und im Herbst bläst der Sturm für kurze Zeit aus Süd und ermöglicht die - dann immer noch gefährliche - Passage.
Der Archäologe Michael Siebler erklärt den übermäßigen Reichtum der Siedlung mit der "Zwangspause der Schiffe". Wahrscheinlich haben die Trojaner Lotsendienste geleistet und den Handelsschiffern Rast und Erholung geboten. Wo aber befinden sich die Hafenanlagen?
Keiner weiß es. Auch 120 Jahre nach Trojas Entdeckung ähnelt die Stätte einem weißen Fleck. Alle bisherigen Grabungsprojekte haben sich auf den Palastbezirk konzentriert. Die dem Hügel vorgelagerte 20 Quadratkilometer große Ebene ist dagegen fast unberührt. Niemand kann sagen, wie und wo das Fußvolk der Metropole lebte.
Um so minutiöser ist das überlieferte Atlantis-Bild. Platon schildert die "Mutterstadt" als Warendrehscheibe und maritimes Zentrum. Sie strotzt vor Gold und Geschmeide und ist "überfüllt von Schiffen und Kaufleuten, die aus allen Richtungen herkamen".
Auch die topographischen Parallelen sind erstaunlich. Atlantis'' Hauptpalast liegt - wie Trojas Königsburg - auf einem Hügel vor einer Ebene. Dieses Flachland ist von Bergen umkränzt und stößt ans Meer.
Besonders ausführlich schildert der Philosoph die phantastische Hafenanlage von Atlantis. Um den Königssitz spannten sich drei künstliche Wasserringe (siehe Grafik Seite 248). Die vorgelagerte Ebene ist durchfurcht von Kanälen, Reeden und Schiffsdocks. Um dieses Wasserlabyrinth zu speisen, haben die Atlanter das Küstengebirge durchbrochen und "Einfahrten zum Meere" (Platon) hergestellt.
Auch in der Ebene vor Troja wimmelt es von Gräben und rätselhaften Sandaushüben. An zwei Stellen ist der Küstenfels - wie in Atlantis - durchschlagen worden. Der durch die Ebene fließende Skamander (griechisch für: "Schaum von Menschenhand") wurde im Laufe der Besiedlungsgeschichte Trojas begradigt und umgeleitet, ganze Nebenflüsse wurden abgeklemmt.
Doch die Spuren dieser hydrotechnischen Herkulesarbeit sind verwischt. Die trojanische Ebene versank im Laufe der Jahrtausende unter meterdicken Schwemmsanden. Niemand hat sich bislang um eine Rekonstruktion der Kanalsysteme bemüht.
Der von Daimler-Benz gesponserte Archäologe Korfmann deutet die Gräben als Teile eines "Entwässerungssystems". Zangger hält dagegen. Seiner Meinung nach verbergen sich unter der Schwemmlandebene die Reste einer verzweigten Hafenlagune - der Riesenport von Atlantis.
Wieder kann der Autor mit detaillierten Analogien aufwarten: *___In Atlantis ist der Felsdurchbruch zum Meer "100 Fuß" ____(30 Meter) breit. Der klaffende Felsspalt vor Trojas ____Küste mißt nach Angaben des Forschers Peter Wilhelm ____Forchhammer ebenfalls "100 Fuß". *___In Atlantis ist der Hauptkanal vom Meer zur Königsburg ____"50 Stadien" (neun Kilometer) lang. Auch die Entfernung ____von der Besik-Bucht vor Troja bis zum Palasthügel mißt ____neun Kilometer. *___Die Atlanter haben im Hinterland tiefe Höhlen in den ____Fels getrieben, mit Wasser geflutet und in "Docks für ____Schiffe" (Platon) verwandelt. Auf solche Steingrotten ____stieß auch Troja-Forscher Heinrich Schliemann.
Der Streit der Gelehrten ließe sich leicht schlichten. Die Kanäle in Atlantis waren schiffbar und bis zu 30 Meter tief. Entwässerungsgräben" dagegen brauchten nur wenige Meter tief zu sein: "Eine einzige Tiefenmessung der Kanäle", sagt der Herausforderer Zangger, "und meine Hypothese blüht auf, oder sie wird widerlegt."
Doch Korfmann blockt ab. Er steht der neuen Theorie "äußerst reserviert" gegenüber und weigert sich, das bizarre Szenario zu verifizieren. Seine Entrüstung scheint verständlich: Während er verschwitzt in der Erde wühlt, kommt plötzlich ein Überflieger daher und erklärt die Atlantis-Fama zum ultimativen Grabungsplan.
Eine Überprüfung der Zangger-Formel dürfte dennoch nicht ausbleiben. Zu viele einleuchtende Hinweise sind in dem Buch gebündelt. Der britische Archäologe Anthony Snodgrass von der Universität Cambridge sagt bereits eine neue Troja-Debatte voraus: "Das Buch ist so fundiert, daß es Experten verschiedenster Fachgebiete beschäftigen wird."
Sollte Zanggers Hypothese kommenden Untersuchungen standhalten, dürften sich für die Altertumsforschung neue Horizonte und "Durchbrüche" (Snodgrass) öffnen. Troja würde als ein überprächtiges antikes Venedig erstehen, und das Holzpferd des Odysseus müßte nach Atlantis gerollt werden.
Die Menschheit wäre dann allerdings um ein schönes Rätsel ärmer. Die paradiesische Legende vom verlorenen Kontinent würde sich in nichts auflösen.
[Grafiktext]
_248_ Atlantis: Orts- und Maßangaben von Platons Atlantis-Beschreibung
_____ / Vergleich zur Topographie Trojas
[GrafiktextEnde]
* Eberhard Zangger: "Atlantis - Eine Legende wird entziffert". Verlag Droemer Knaur, München; 336 Seiten; 38 Mark. * Ruinen des Priamos-Palastes, Holzstich 1874. * Von Athanasius Kircher.

DER SPIEGEL 20/1992
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