14.03.1994

MusikWeltstar wider Willen

Jeden Morgen öffnet sich an der Aurikelstraße 1a in der Münchner Vorstadt Grünwald das schmiedeeiserne Tor, und aus der linken Doppelhaushälfte tritt ein hochgewachsener Mann mit weißem, schütterem Kraushaar.
Kurz strafft er den in wabbeligen Joggingdreß gehüllten Körper, streckt die markante Nase in die Luft und verschwindet im nahen Forst.
Da läuft er, leibhaftig: Carlos Kleiber, 63, der teuerste, scheuste und meistbegehrte Maestro der E-Musik, der "Garant für musikalische Sternstunden" (FAZ), der "Zauberer" (Pavarotti), das "Dirigenten-Genie" (Karajan).
Aber auch die Mimose Kleiber, der Risikofaktor, das "Rätsel" (The New York Times), das alle besingen und alle umbuhlen und das sich nicht bitten und sehen und hören läßt: ein Phantom der Oper, ein Phänomen im Konzertsaal. In aufrechter Verweigerung zieht Kleiber seine Laufbahn durch den Musikbetrieb, dessen kommerzielle "Melkmaschine vor ihm versagt" (Die Welt) - glitzernd und unnahbar, wahrhaft ein Star.
Nur einmal, das ist jetzt 20 Jahre her, hat er mit "Tristan" den Grünen Hügel zum Beben und die Wagnerianer um den Verstand gebracht. Seitdem meidet er Bayreuth wie der Satan den Gral.
In Salzburg, wo er als Österreicher ein Appartement besitzt, hat er jahrelang Karajans Proben besucht. "Herr Kollege", pflegte der Alte ihn dabei anzureden, was, von Maestro zu Maestro, der Ritterschlag und eine Einladung war. Doch bis heute hat Kleiber vor Ort nicht einen Ton von sich gegeben.
1980, 26 Jahre nach Kleibers Debüt in Potsdam, durfte das Berliner Philharmonische Orchester ihn erstmals als Gast ankündigen. Er kam und floh - ohne Konzert. Erst 1989, auf gutes Zureden Richard von Weizsäckers, wagte er sich vor die Elitemusiker seiner Geburtsstadt. Seitdem nicht wieder.
Kein Musiktheater von Rang, das nicht regelmäßig um seine Hände anhielte, als könne er sie den Klangkörpern auflegen und den maroden Betrieb heilen: Gagen fürstlich, Programm nach Wahl, so viele Proben wie gewünscht, und seien es 34, wie einst für "Wozzeck". Nein, danke. Man könne, mosert Kleiber, heute ja "nicht einmal mehr ,Peterchens Mondfahrt' besetzen".
Wo immer in den sinfonischen Schaltstellen ein Stabwechsel ansteht und ein Neuer ausgeguckt wird, fällt sein Name; Absage. Als mit Karajans Tod 1989 der Hochsitz in der Berliner Philharmonie frei wurde, war er, natürlich, erste Wahl. Zu haben war er nicht: "Ich dirigiere nur, wenn ich hungrig bin."
Kleiber, wunderte sich der allzeit emsige Karajan, habe "eine Tiefkühltruhe. Die füllt er auf, kocht vor sich hin, und wenn der Vorrat zur Neige geht, denkt er: ,Jetzt sollte ich ein Konzert geben'". Kleibers Tiefkühltruhe ist das heißeste Spekulationsobjekt der Branche.
Nicht einmal ein Dutzend Titel hat der Widerständler für die Platte produziert - ein Klacks im Vergleich zum karnickeligen Output der Abbados und Maazels. Aber alle Kleiber-CDs machen Kasse und Preise.
Als Kleiber 1975 Beethovens Fünfte, dieses durchgerittene Schlachtroß, als grandiosen Reißer rehabilitierte, rastete Time aus: Das sei, "als kehrte Homer zurück, um seine ,Ilias' vorzutragen". Und eine Zeitlang schien der Grünwalder Homer sogar auf den Hi-Fi-Geschmack gekommen zu sein.
Mit Schneid und Feuer trieb er Webers grünem "Freischütz" das altdeutsche Waldweben aus. Verdis Nuttentragödie "La Traviata" straffte er zu einer Love-Story von hochdramatischem Ernst. Und als er 1980, endlich, "Tristan" produzierte, peitschte er das sagenhafte Liebeslied zur großen Nachtmusik von hypnotischer Magie auf. Seitdem hat Kleiber kein Studio mehr betreten.
Verpackt in Ruhmesblätter, wurde er sein eigener Christo und stilisierte sich zum Trappisten. Kein Lauscher darf in seine Proben. In 40 Jahren hat er kein einziges Interview gegeben und die Bitten darum, stets höflich, auf einer Postkarte abgeschlagen: Nein, es tue ihm leid, "Sie wissen doch", "Yours sincerely Carlos Kleiber". Noch nie ist er in einer Talk-Show, bei einem PR-Treff oder in der Jury eines Dirigentenwettbewerbs aufgetreten. Die Bitte der Wiener Staatsoper um biographische Daten beschied er zweisilbig: "Wozu?" Er hat kein Stammhaus, kein Stammorchester, keinen Agenten.
Nur wenige Eingeweihte kennen seine Telefonnummer. Wenn ein Intendant mal bis zu ihm vordringen sollte, ist er kurz angebunden: Keine Zeit, er müsse "jetzt einkaufen gehen, leider".
Früher verschwand er oft monatelang in den Bergen Jugoslawiens, der Heimat seiner Frau. "Dann war er", erinnert sich ein Freund, "zwischen den Schafherden unauffindbar." Heute setzt er sich gern an den österreichischen Irrsee ab, wo ihn der Regisseur Otto Schenk vor der Klassik-Kirmes schützt.
Schenk sei eigentlich out. Bei dessen Inszenierungen, so kolportiert der langjährige Wiener Operndirektor Claus Helmut Drese Kleibers Urteil, kratzten sich alle nur noch am Kopf oder am Hintern, "mehr fällt ihm nicht ein".
Ausgerechnet in Schenks muffigem Wiener "Rosenkavalier" von 1968 taucht der Verweigerer nun plötzlich aus der Versenkung auf. In monatelangem Briefwechsel mit der Staatsoper hat er sein Comeback ausgehandelt, von Freitag dieser Woche an übernimmt er dreimal die Strauss-Oper. Wien ist in Adventsstimmung, die Staatsoper ein Tollhaus.
Unterderhand sind die Billetts auf die 50fache Preishöhe geschnellt und trotzdem nicht zu haben. Journalisten wurden Pressekarten verweigert. Selbst die Wiener Hoteliers, Weltmeister im Mauscheln, stehen mit leeren Händen da. Promis aus Übersee, Nah- und Fernost haben sich angesagt. Und alle fiebern einem Ereignis entgegen, wie es den Dirigenten Riccardo Chailly nach Kleibers "Otello" übermannt hat: "Die größte Aufführung, die ich je erlebt habe."
Alles Schmäh? Hysterie? Nur große Oper um einen spinnerten, launischen Neurotiker, der sich rar macht und so seinen Marktwert liftet: bis zu 200 000 Mark pro Abend in Japan, bis zu einer Million für die Audio- und Videorechte beim Wiener Neujahrskonzert 1989?
Zumindest all den Schaumschlägern und Handlangern der Zunft macht Kleiber spielend was vor. Kein Schlendrian während der Proben; Kräche, wenn es sein muß; lieber Absagen als Kompromisse; lieber Grünwald mit Weißwurst als die Met, wenn da der Wurm drin ist.
Als Kleiber, der Pingel, den Wiener Philharmonikern einen bestimmten Rhythmus einpauken mußte, sang er ihnen Mädchennamen vor, die sollten sie nachspielen: "Akzentuieren Sie wie Annette, Luise, Therese!" In Covent Garden watschelte er als Charlie Chaplin übers Pult und imitierte das Rumpeln der U-Bahn: Genauso sollten die Bässe watscheln und der Verdi rumpeln.
Klappt derlei nicht, wird er ungemütlich. Beim Mailänder "Otello" schnauzte er dem Orchester den Wohlklang aus: "Um diese Oper zu spielen, müssen Sie ein bißchen verrückt sein. Hassen Sie mich nicht? Warum hassen Sie mich nicht? Hassen Sie mich!"
Einer Sopranistin fuhr er über den Mund: "Ich fände es sehr schön, wenn Sie nicht weitersingen würden." Der Bariton Renato Bruson fühlte sich nach Kleibers Geraunze "beruflich und menschlich beleidigt". Und doch: "Es gibt nichts Besseres im Musikleben als eine Probe mit ihm", besingt Placido Domingo den Carlos mit dem hohen C. Wenn Kleiber ein Stück studiert, traut er nicht einmal den gedruckten Noten. Immer liest er im Autograph der Komponisten nach, notfalls mit der Lupe. Genaue Spielanweisungen schreibt er auf Zettel und stellt diese den Musikern nach der Probe aufs Notenpult.
Daheim lauscht er stundenlang den CDs der Kollegen, sicher ein Tort. Nachdem er, vor Jahren, mit dem Pianisten Alfred Brendel das vierte Beethoven-Konzert angesetzt hatte, rief er schon sechs Monate vorher an, das Telefon auf dem Flügel: "Ich habe nun 24 Aufnahmen durchgehört, und ich denke, diese Stelle sollte so gehen." Er spielte sie vor, und sie ging so.
Am tiefsten mißtraut Kleiber dem eigenen Können - er, der Sohn des legendären Dirigenten Erich Kleiber (1890 bis 1956), dem er nacheifert und sich, traumatisch, unterlegen wähnt. Sein Repertoire ist winzig. Er kennt jede Note in den neun Mahler-Sinfonien, aufgeführt hat er noch keine. Keine Mozart-Oper, keine Bruckner-Sinfonie, nicht einmal Beethovens Neunte.
Doch was er macht, macht er mit radikaler Perfektion, und wehe, der Betrieb macht nicht mit. In Hamburg warf er "Falstaff" hin, in New York "La Traviata", in Wien "La Traviata" und "Carmen". Bei den Wiener Philharmonikern lief er wortlos aus der Probe und hinterließ im Hotel Imperial eine Botschaft: "Bin ins Blaue gefahren." In München ließ er einmal das volle Haus warten und traute sich nicht raus: Er habe den Anfang vergessen. Freunde schoben den Zauderer in den Graben, mit der ersten Orchesterfanfare fing Kleiber Feuer.
Wenn es läuft, wie es laufen soll, steckt er auch schon mal die linke Hand in die Fracktasche oder guckt bewegungslos zu, wie es läuft - scheinbar ohne ihn, in Wahrheit nur seinetwegen.
Dann, etwa beim walzerseligen Johann Strauß, leistet sich der Gestrenge durchaus auch einen musikalischen Spaß. Früher, bei den Münchner Faschingskonzerten, trat er in Guru-Gewändern oder als Stehgeiger Strauß persönlich vor das Orchester, und als Boris Becker hat der Maestro auf dem klingenden Court den Dreivierteltakt sogar mit dem Tennisschläger dirigiert.
Selbst wenn es ernst wird in der Oper, wenn Otello seine Desdemona würgt oder die Traviata auf dem Sterbelager liegt, steht Don Carlos als lächelnder Heros, traumverloren, im Graben und merkt nicht, wenn, wie einst in der Mailänder Scala, die Erde bebt und der schwere Kronleuchter über ihm schaukelt. Dann ist er einfach weg. Y *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Carlos Kleiber *
ist der Sohn des legendären Kapellmeisters Erich Kleiber. Er gilt als "der größte und schwierigste Dirigent der Welt" (Bühne), aber auch als der Star mit dem kleinsten Repertoire und den seltensten Auftritten. Nach langer Opern-Abstinenz leitet der wählerische Maestro diese Woche in Wien den "Rosenkavalier", und schon spielt der Musikbetrieb verrückt.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 11/1994
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