01.06.1992

Ein Hund namens Hitler

Es gab kein Feuerwerk zum Jahreswechsel, auch keinen Sekt, keine Küsse, keine strahlenden Gesichter. Es gab nur ein paar dunkle Glockenschläge - doch diesen Klang werden jene, die ihn hörten, nie wieder vergessen.
Ganz Georgien fror in dieser Nacht, in der alten Synagoge von Tiflis funktionierte keine Heizung, alle Fenster waren undicht, und die wenigen Lampen im Saal warfen ihr kaltes Licht auf ein rätselhaftes Bild: Zwei Stahlplatten hingen, mit Tauen festgezurrt, von der Decke herab. Dazwischen baumelte ein Strick, an den ein Mann gefesselt war - halbnackt und kahl geschoren, mit dem Kopf nach unten wie ein Tier, das gleich geschlachtet wird.
Es war fünf vor zwölf, als einer den Strick in die Hand nahm und ihn schwang wie ein Glockenseil. Und dann krachte der Nackte gegen den Stahl, einmal links, einmal rechts, ruhig und regelmäßig wie ein Klöppel, fünf laute, endlose Minuten lang.
Es klang tief und dumpf, wenn der Kopf des Mannes gegen die Platten prallte, es klang scheppernd, wenn es nur seine Schultern erwischte. Doch der Mann blieb stumm, schrie und stöhnte kein einziges Mal.
Als sie ihn herunterholten, war der Bursche benommen und erschöpft, hatte Wunden am Kopf und Blutergüsse am Oberkörper, sein Gesicht blieb wochenlang geschwollen. Trotzdem erzählte er wenig später, daß er sich nie zuvor so gut gefühlt habe. Er hatte überstanden, was ihn sein Leben hätte _(* Szene aus dem Film "Demontage IX - ) _(Unternehmen Stahlglocke". ) kosten können oder zumindest den Verstand: Im zaristischen Rußland machten sie menschliche Klöppel aus Verbrechern und Rebellen. Damals war das eine Folter.
Heute ist es eine Kunst. Der Künstler heißt Wolfgang Flatz, das Kunstwerk "Demontage IX" - und was Flatz damals wagte, in der Silvesternacht 1990/91, das läßt sich kaum noch steigern: Dieser Künstler ist ein Schocker. Manche halten ihn für bedeutend, manche halten ihn für einen Scharlatan. Gleichgültig aber läßt er keinen, der ihm je begegnet ist.
Wenn er Partys oder Vernissagen besucht, tritt er auf wie ein Skinhead des Kunstbetriebs: schwere Stiefel, schwarze Jacken und im Gesicht den Zerstörerblick. Neuerdings hat er oft seinen Hund dabei, eine deutsche Dogge, die so groß ist wie ein Kalb und auf den Namen Hitler hört. Es sei Kunst, sagt Flatz, wenn er dem Tier befehle: "Hitler, Platz!" Aber auch wortreiche Erläuterungen können kaum verhindern, daß man den Hund nur als ein Werk des Züchters deutet und den Namen als einen schlechten Scherz.
Auch sein Motorrad, Marke Harley-Davidson, sei Kunst, meint Flatz, sein Jaguar E-Type sowieso, und demnächst schaffe er sich einen Chevy an, damit sein Fuhrpark zum Gesamtkunstwerk werde. Aber wenn Wolfgang Flatz in so einem teuren Auto durch München kurvt, dann interpretieren das viele ganz einfach unkünstlerisch: Der Mann hat es geschafft, er verkauft sich gut, und er zeigt, was er hat.
Er ist fast 40 Jahre alt, die Generation von Paul Breitner und Phil Collins, und wenn er woanders aufgewachsen wäre, hätte er vielleicht als Kicker oder Rocker Karriere gemacht. Flatz aber kommt aus Vorarlberg, das für den Rest der Welt hinter dem Arlberg liegt und auch sonst sehr weit weg vom Schuß. Ein Junge, der dort groß wurde in den frühen Sechzigern, bekam nicht viel mit vom schnellen Leben. Nur eine Wut konnte er kriegen, weil er jung und rebellisch war, einen Haß auf alles Enge, Kleine und Bescheidene, einen Haß auch auf den Vorarlberger in sich selbst.
Er lernte Goldschmied in Feldkirch, studierte Metalldesign in Graz und später Kunst in München - doch die ehrwürdige Akademie blieb für den Sohn eines Schlossers aus der kleinen Ortschaft Levis eine fremde, seltsame Welt. Er habe sich selten für den Unterricht interessiert, erzählt Flatz heute. Doch er hat in Graz und München etwas gelernt, wovon er noch heute zehrt: Es reicht nicht aus, wenn einer bloß zornig ist. Er muß den Zorn auch vermarkten können.
Seine ersten Werke waren stille, tastende Versuche: Mit verbundenen Augen ging Flatz zur Modenschau, mit einem Sack über dem Kopf zur Kunstausstellung - wofür er beschimpft, verprügelt und verhaftet wurde und fast in der Nervenklinik gelandet wäre. Das waren kleine, billige Siege übers Establishment, doch der Künstler lernte langsam seine Gegner kennen: Der Kulturbetrieb ist dümmer, als die meisten meinen, ein Provokateur hat es gar nicht so schwer.
Er ließ sich später treten, ohrfeigen, demütigen und nannte es Kunst, und vor 13 Jahren, auf einer Stuttgarter Performance, riskierte Flatz zum erstenmal seine Haut: Da stand er nackt vor einer weißen Wand, das Publikum durfte mit Darts-Pfeilen auf ihn werfen, für den ersten Treffer waren 500 Mark ausgesetzt. Eine Viertelstunde lang konnte der Künstler ausweichen. Dann traf ein Pfeil, und die Vorstellung war vorbei: Zeige deine Wunde. _(* 1987 in der "Galerie Galerico" in ) _(Rosenheim. )
Neben solchen Gewaltaktionen hat Flatz stets auch normale Kunst produziert, Bilder und Collagen, Objekte und Skulpturen, die man an die Wand hängen oder ins Museum stellen kann. Es geht meist um die schlichten Dinge, um Kapitalismus und Kommunismus, um Marilyn Monroe, Brigitte Nielsen oder Muhammad Ali, um die Dummheit und die Brutalität der Welt und um Flatz, der das alles durchschaut.
Gern redet er über diese Werke, spricht wie sein eigener Katalog, erklärt jeden Strich, erläutert jede Metapher, deutet jedes Symbol, bis von der Kunst kein Überschuß mehr bleibt - nur die Frage, wozu Symbole und Metaphern gut sein sollen, wenn man die Dinge auch beim Namen nennen kann. Selbst wenn Flatz ahnte, daß jeder Satz beweist, wie redundant diese Bilder sind: Was soll er tun? Das Zeug verkauft sich eben gut.
Mit den Performances hingegen (die er heute "Demontagen" nennt) verdient er wenig Geld; mit ihnen verdient er, daß man ihn ernst nimmt. Wenn der Künstler mit Kettensägen und Vorschlaghämmern hantiert, wenn er seine körperliche Unversehrtheit riskiert und die Nerven des Publikums strapaziert, dann spielt die Frage, was der Mann mit seiner Kunst eigentlich sagen will, keine Rolle mehr. Dann zählt nur noch, was er bei seinen Zuschauern bewirkt.
Neulich lud Flatz, anläßlich einer Retrospektive seiner Werke, das interessierte Publikum in den Münchner Kunstverein. Als der Saal voll war, ging das Licht aus, und eine Sängerin trug eine Arie vor. Als es wieder hell wurde, war der einzige Ausgang mit einer Mauer aus Büchern verbarrikadiert. Die Gäste brauchten eine Weile, bis sie begriffen, daß sie selbst die Hauptdarsteller der Performance waren: Sie mußten die Mauer niederreißen.
Manche spürten da die Botschaft, daß auch das Publikum die festen Grenzen der etablierten Kunst überwinden müsse. Die meisten aber fühlten sich, zu Recht, nur genötigt und verhöhnt.
Manchmal greift Flatz zur Motorsäge, zerlegt damit ganze Wohnungseinrichtungen, manchmal haut er mit seinem großen Hammer ein paar Türen und Fenster ein oder wütet mit einer Schlagbohrmaschine gegen Wände, was man natürlich als Metapher für alles mögliche deuten kann. Doch wenn die Trommelfelle dröhnen und der Zuschauer fürchten muß, daß ihm die Trümmer um die Ohren fliegen, dann bleibt keiner ruhig genug, um sich den feinsinnigen Fragen der Interpretation zu widmen. Und die Nummer mit der menschlichen Glocke versucht erst gar nicht, auf irgendeine höhere Bedeutung zu verweisen. Flatz hat die Folter in München wiederholt, der Regisseur Romuald Karmakar hat die "Demontage IX" verfilmt (und dafür gerade den ersten Preis als bester deutscher Kurzfilm bei den 38. Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen eingeheimst) - auch auf der Leinwand ist es kaum zu ertragen.
Wenn Knochen und Stahl aufeinanderscheppern, braucht sich keiner mit dem Opfer zu identifizieren - der Zuschauer wird selbst zum Opfer: Die Töne dringen übers Ohr direkt ins Bewußtsein und tiefer, in die Magengrube, die Bilder übertreffen jeden Horrorfilm. "Ein Zombie hing am Glockenseil" heißt ein Meisterwerk jenes Genres. "Flatz hing am Glockenseil" wirkt noch grausamer, weil alles echt ist. Flatz braucht keine Spezialeffekte, Flatz taugt selbst zum Spezialeffekt.
Womöglich ist dieser Mann ja auch ein Zombie, der Angst und Schrecken verbreitet und selbst keine Schmerzen spürt; ein Wiedergänger des Kulturbetriebs, willenlos getrieben von den aktuellen Moden und immer auf der Suche nach Lebendigem, das er niedermachen kann. Kenner der Performance-Geschichte jedenfalls werfen ihm vor, daß er die blutigen Rituale der österreichischen Aktionskunst, die Spektakel von Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler, nur aufgesaugt, schlecht verdaut und als banalen Mist wieder ausgeschieden habe.
Doch ganz gleich, ob es sich um Exkremente oder um Sakramente handelt, um Weihespiele oder die Aussonderungen eines Geltungssüchtigen - Furcht und Mitleid jedenfalls, die klassischen Wege zur Katharsis, hat Flatz völlig neu definiert.
Wenn er sich selbst zum Mittel und zum Zweck seiner Auftritte macht, dann wirft er auch das Publikum auf sich selbst zurück. Der Künstler leidet, schindet Haut und Knochen, und ganz unmittelbar leidet der Zuschauer mit: Die Gewalt der Töne und der Bilder quält Augen, Ohren, Hirn und Magenschleimhaut - und weil Leiden und Kunst bei Flatz identisch sind, erfährt auch der Zuschauer sich selbst als Künstler und den Kunstgenuß als schwere, unheilbare Übelkeit.
Flatz aber will nicht bloß ein Kotzbrocken sein, sondern auch seriös und allgemein anerkannt. Daß er jetzt auf der Documenta ausstellen darf, empfindet er als riesigen Triumph. Er wird Hunderte von Punching-Säcken aufhängen im Kasseler Fridericianum, da sollen sich die Besucher gefälligst durchboxen, was als Metapher (wofür auch immer) sicher ziemlich schlagkräftig wirkt.
Im September aber, an seinem 40. Geburtstag, will Flatz in Kassel wieder eine Demontage feiern. Es wird kein Feuerwerk geben, keine Küsse, keinen Sekt. Nur ein paar Töne und Bilder, die Kassel nie vergessen soll.
* Szene aus dem Film "Demontage IX - Unternehmen Stahlglocke". * 1987 in der "Galerie Galerico" in Rosenheim.
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 23/1992
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