03.05.1993

Wo der Löwe Gras frißt

Biermann, 56, Liedermacher und Poet ("Die Drahtharfe"), verlor seinen jüdischen Vater 1943 in Auschwitz; sein väterlicher Freund, der Regisseur Tamir, 75, floh 1938 vor den Nazis nach Palästina.
Der autobiographische Bericht "Eine Reise zurück"** von Arnon Tamir aus Israel hat den Untertitel: "Von den Schwierigkeiten, Unrecht wiedergutzumachen". Und wenn der flüchtige Kunde sieht, daß dieses Buch in der Fischer-Reihe "Lebensbilder. Jüdische Erinnerungen und Zeugnisse" erscheint, und wenn man dann noch im Klappentext liest: "Erzählt wird die Geschichte eines Juden, der 1917 in Stuttgart geboren wurde . . .", dann weiß der gewiefte Leser: Schon wieder das leidige Thema Wiedergutmachung, dieses Buch muß ich nicht lesen.
Wiedergutmachung macht nichts wieder gut. Der praktizierende Antisemit spürt sofort die Herzschmerzen unter der Brieftasche. Wieder-Gut-Machung: Der Weltjude will das deutsche Sparschwein schlachten. Franz Josef Strauß posaunte 1977 aus, was andere in gedrechseltem ** Arnon Tamir: "Eine Reise zurück". Aus dem _(Hebräischen von A. F.; Fischer ) _(Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main; ) _(144 Seiten; 14,90 Mark. * In der Kantine ) _(des Kibbuz Hasorea. ) Schweigen denken: "Wir wollen von niemandem mehr, weder von Washington noch von Moskau, von keinem europäischen Nachbarn, auch nicht von Tel Aviv, ständig an unsere Vergangenheit erinnert werden."
Das Buch "Eine Reise zurück" von Arnon Tamir aber ist eine einzige Erinnerei. Der Durchschnittsdeutsche will''s nicht mehr hören. Ich weiß, es gibt auch unter den wenigen Juden hier viele, die Schweigen für klüger halten. Sie haben erfahren, daß jedes Sterbenswörtchen vom großen Sterben des jüdischen Volkes, daß jede Polemik über Schuld und Sühne nur Stroh liefert fürs Feuerchen der Judenfresser. Durch deutsche Gemüter geistert das aufreizende Zerrbild vom frechen Überlebenden, der mit jüdischer Hast nach dem Geld der Mörder seines Volkes giert.
1938 wurde der Autor nach Polen deportiert. Von dort aus gelang ihm die Flucht nach Palästina. Er lebt seitdem nicht weit vom legendären Megiddo in einem Kibbuz, den deutsche Juden gründeten: Hasorea.
Assimilierte und akkulturierte Juden wie Arnon Tamir wurden, wenn sie sich von 1933 an nach Palästina retteten, von verbohrten Zionisten ungnädig empfangen: Kommt ihr aus Zionismus, oder kommt ihr aus Deutschland?
Das Buch aber handelt von der umgekehrten Reise. Da fliegt ein Israeli aus dem Land seiner Väter ins Land seines Vaters. Ein sogenannter Jecke besucht Ende der fünfziger Jahre das Wirtschaftswunderland, wo er Wiedergutmachungsansprüche für erlittenes Unrecht regeln will, und landet zugleich in seinen diversen Vergangenheiten.
Die Reise des Arnon Tamir aus dem Kibbuz Hasorea im Jesreel-Tal zurück in den stinkenden Talkessel Stuttgart erwies sich nämlich zugleich als eine grüblerische Reise in die Vergangenheit des Staates Israel, in die Zeit des Unabhängigkeitskrieges 1948/49. Fünf arabische Armeen überfielen damals Palästina. Anders als in Treblinka und Auschwitz überlebten die meisten Juden in diesem Kampf auf Leben und Tod. Sie wehrten sich mit primitiven Waffen gegen hochgerüstete Soldaten aus Ägypten, Transjordanien, Irak, Syrien, Libanon. Die Araber waren gekommen, um in Erez Israel Hitlers Endlösung zu vollenden. Von den Wirren dieses Krieges erzählt uns der Autor. Er berichtet von Flucht und Vertreibung der arabischen Nachbarn im Jesreel-Tal am Fuße des Karmel-Gebirges.
Und weil er beides ist, ein gründlicher Deutscher und ein grüblerischer Jude, beknirscht Tamir sein Gewissen mit der Frage, ob er selbst nicht auch unrecht tat. Während er Wiedergutmachung für seine Vertreibung, materielle Entschädigung für materiellen Schaden einfordert, geistern ihm die arabischen Gespenster von 1948 durchs Gemüt.
So kommt es, daß Arnon Tamir ganz nebenbei und ohne Absicht das modische Reizthema von Tätern und Opfern den Stasi-genervten Deutschen referiert. Aber dabei ödet er mich nicht mit flapsigen Ausflüchten wie der knallharte Spitzel Hermann Kant, er betrübt mich nicht mit schwächlichem Gestammel wie der sprachmächtige Heiner Müller, er kotzt mich nicht an wie Gysi mit der Maske über seinem Gesicht oder wie Stolpe mit seinem Gesicht über der Maske - kurz: Der Erzähler langweilt den Leser nicht mit einem selbstgerechten Lebenslauf.
Natürlich klagt Arnon Tamir, der alte linke Kibbuznik, auch über die Untaten der Nazis. Im gleichen Atemzug spricht er aber immer auch von seiner eigenen Schuld und von seiner Verantwortung gegenüber palästinensischen Bauern und Hirten, die 1948 in irgendwelche Flüchtlingslager flohn. Er erzählt mit der schnellen Schnittechnik eines frühen Films von Sergej Eisenstein vier Geschichten auf einmal.
Ohne Luft zu holen, springt er in seinem Bericht zwischen heute, gestern und vorgestern, zwischen Kibbuz und Stuttgart in verschiednen Zeiten. Aber trotzdem zappelt der Text nicht. Im Wirrwarr der Assoziationen weiß der Leser immer genau, in welcher Schicht dieser deutschjüdischarabischen Geschichte er sich gerade bewegt.
Arnon Tamir schildert am Beispiel seines arabischen Nachbardorfes Abu-Sorek die noch überschaubare Keimform eines historischen Konflikts. Da sieht es so aus, als ob das unentrinnbare Unglück durch einen Kraftakt der Vernunft noch abgewendet werden könnte. Das Dunkle, das Übermächtige einer unauflösbaren Interessenkollision wird hier sichtbar in statu nascendi.
Es ist eine frühe Phase der Embryonalentwicklung, die auch Primitivknoten genannt wird. Arnon Tamir schildert den bibelalten jüdisch-arabischen Konflikt an einem neuerlichen Scheideweg, also bevor wieder tausend raffinierte Worte, tausendundeins raffiniertere Widerworte, blutige Taten und blutigere Widertaten, falsche Rechnungen und noch falschere Gegenrechnungen ein fatales Chaos auftürmen.
Wir beglotzen seit Monaten in der Tagesschau die 400 antijüdischen Terroristen, wie sie vom Staat Israel im Niemandsland des Süd-Libanon terrorisiert werden. Im Fernsehn unter einem großen Foto von Mubarak der neueste Handschlag Rabin-Mubarak. Die Schrecken der Scud-Raketen über Israel, die Messer im Gazastreifen und die Steine im Westjordanland, die wahnwitzige Wiederaufrüstung des Iran im Schatten des Irak, diffuse Sorgen, Hoffnungen und Ängste vermischen sich im Lebensbericht des Arnon Tamir mit den Monstren der Nazivergangenheit.
Er grübelt, er beknirscht sich, und er quält sich mit den Schuldgefühlen eines schuldlos Verstrickten, er vergleicht das Unvergleichbare - das heißt: er setzt keineswegs gleich.
In Deutschland grassiert und turnvaterjenselt ein antisemitischer Reflex, der zumeist mit antifaschistischem Bibber vorgetragen wird. Wenn nämlich vom Holocaust die Rede ist, den die Juden Shoah nennen, dann kommt wie aus der Hüfte geschossen: Und was macht ihr Juden mit den Palästinensern. Ich will nur kurz und vieldeutig anmerken: Genau dieser peinlichen Frage weicht Arnon Tamir nicht aus.
Arnon Tamir zeigt die vertrackte Kausalkette aus Aktion und Reaktion im historischen Prozeß. Er fragt: Wieviel Unrecht taten wir, als wir recht hatten, uns zu verteidigen? Gewißheit und Zweifel sind wie Einatmen und Ausatmen. Arnon Tamir mußte den Geldverwalter in seinem Kibbuz nicht bitten, die Zeit oder den SPIEGEL aus Deutschland zu abonnieren, um das zu wissen. Er bewegt sich ohne alle Religion in der talmudischen Tradition des kritischen Denkens. Rede und Widerrede, Frage und Gegenfrage.
Der Kommunismus, das große Tierexperiment am lebendigen Menschen, ist gescheitert. Der Kibbuz Hasorea, in dem Arnon Tamir seit über 50 Jahren lebt, ist eine der funktionierenden kommunistischen Inselchen, auf denen ein Beweis erbracht wurde, der fürs Festland leider gar nichts beweist.
Das Paradies auf Erden, wo der Löwe Gras frißt und der leitende Ingenieur nicht wohlhabender ist als der Hilfsarbeiter, wo die Kinder nicht vor der Glotze verkümmern und die Jugendlichen nicht an der Nadel hängen, wo die Alten weder in die Armut noch in die Einsamkeit gestoßen werden - ich hab'' das Musterbeispiel Hasorea mit eignen Augen gesehn: it works! Und ich möchte - Pardon - so nicht leben.
Aber ich will wissen, was ein Mensch zu berichten hat, der wirklich den Traum der Commune im israelischen Kleinstformat lebt, ein tätiges Leben, wie es der Büchermensch Marx sich im Studierzimmer zurechtphantasierte: zugleich als Bauer und bewaffneter Kämpfer, als Maurer und Filmemacher, als Geschirrwäscher und Architekt, als Familienvater und Schriftsteller.
Nun kenne ich das Buch und schau'' noch mal aufs Titelblatt und entdecke eine weitere Profession dieses Menschen: Dolmetscher. Die Übersetzung aus dem Hebräischen ist von einem A. F. gemacht. Es ist klar, daß sich hinter diesem Kürzel Arnold Siegfried Fischmann verbirgt. Mit diesem zerteutschten Judennamen setzten seine Eltern Arnon Tamir in ein Land, das ihn dann ausspuckte. Schade, denke ich, daß ich kein Iwrit verstehe. Ich wüßte gern, ob das Hebräisch des alten Mannes stärker ist als das Deutsch des jungen.
Am meisten entzückt mich die ironische Tatsache, daß ausgerechnet dieser Jecke uns einen Satz liefert, der einen guten Kontrapunkt zu den anschwellenden Bocksgesängen im deutschen Zeitungswald liefert.
Arnon Tamir spricht über das geistige Klima seiner Jugend in der Zeit des anschwellenden Nazi-Gebrülls. Er zitiert den Zionisten Martin Buber, und der tönte nicht weniger verblasen als Heidegger auf dem philosophischen Holzweg: "Die Gemeinschaft ist der Sinai der Zukunft."
Diesen flachdunklen Satz, schreibt Arnon Tamir, "sprachen wir mit fast religiösem Eifer Martin Buber nach. Ein gemeinsames Element in den Aussagen all derer, in deren Spuren wir gingen, ist die tiefgründige, manchmal recht nebelhafte Ausdrucksweise, so wie die deutsche Sprache während dieser Epoche überhaupt mit Irrationalität aufgeladen war. Aber so konnten wir uns mit der Tiefsinnigkeit der Worte identifizieren, ohne die Dinge exakt definieren zu müssen".
Voila, lieber Botho Strauß, wie sich die Bilder gleichen! Sie haben mit Ihrer mutigen Verteidigung rechter Positionen immerhin diejenigen Lügen gestraft, die behaupten, Links und Rechts seien antiquierte Begriffe. Sie haben die verspießerten Linken mit Ihrer Attacke aus dem antifaschistischen Schlaf der Gerechten geschreckt. Aber lesen Sie mal das Buch von Arnon Tamir. Der hat es geschafft, sich aus diesem apokalyptischen Muff ins Offene zu retten.
Tamir spielt nicht in Bubers biblischem Sinai-Sand mit Schaufel und Eimerchen, sondern er hat das Tal, in dem er lebt, aus einer Steinwüste in einen blühenden Garten verwandelt. Sein Buch kommt uns gerade recht - es ist die Lebensbeichte eines rechtschaffenen Linken.
** Arnon Tamir: "Eine Reise zurück". Aus dem Hebräischen von A. F.; Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main; 144 Seiten; 14,90 Mark. * In der Kantine des Kibbuz Hasorea.
Von Wolf Biermann

DER SPIEGEL 18/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Wo der Löwe Gras frißt

Video 01:39

Planespotter-Videos Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf

  • Video "Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf" Video 02:17
    Brexit-Debatte: May attackiert Abgeordnete scharf
  • Video "Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf" Video 01:58
    Dramatisches Bodycam-Video: US-Polizist fängt Kinder aus brennendem Haus auf
  • Video "Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg" Video 00:38
    Skifahrer filmt Lawinenabgang: Plötzlich bricht der Schnee weg
  • Video "Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil" Video 01:30
    Unterhaussprecher Bercow: Der Brexit-Star in Zivil
  • Video "Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch" Video 01:19
    Verendeter Wal: 40 Kilo Plastik im Bauch
  • Video "Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA" Video 01:00
    Tausende evakuiert: Historische Fluten in den USA
  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf" Video 01:39
    Planespotter-Videos: Spektakuläre Manöver am Flughafen Düsseldorf