04.04.1994

NACHRUFEugene Ionesco

Er hatte das Gesicht eines Clowns, so eine Mischung aus Hitchcock und Grock. Und er galt, in der Blüte seiner Schaffensjahre, als reaktionär, weil er gegen den allgemeinen Strom schwamm, der die Menschheitsbeglückung wissenschaftlich fundiert auf dem Marsch ins Morgen sah.
Marschierende im Gleichklang waren ihm ohnehin zuwider, und gegen das Glück der Utopie setzte er die Gewißheit des Todes.
Eugene Ionesco, der 1912 in Rumänien (genauer: in der Walachei) geborene Wahlfranzose, der 1938 mit einem rumänischen Stipendium nach Paris emigrierte, um sich dort heimisch niederzulassen, war ein Spielverderber. Ein spielender Spielverderber auf dem Theater.
Er bildete Vorhut und Gipfel einer mächtigen (auch modischen) Theaterrichtung, die man bald das "absurde Theater" nannte. In seinem Hauptberuf wurde Ionesco so der mächtigste Antipode. Nämlich der Antipode zu Bert Brecht, der nicht müde wurde, die Veränderbarkeit und sinnvolle Verbesserung der Welt zu predigen.
Ionesco hielt dagegen. Er glaubte, daß er nichts glaubte. In seinem Stück "Die Stühle" von 1952 erscheint am Schluß der lang erwartete Redner, der die Erleuchtung bringen soll, und läßt mit Krächzen und Stöhnen all die Kehllaute eines Stummen ertönen: "He, mme, mm, mm, dsche, gu, hu, hu, he, kr, krr."
Das war Nonsens, das war absurd, das war die Düpierung aller Erwartungen, es gebe Welterklärungen, Heilsgewißheiten. Wir wissen inzwischen, daß der Sinn, den Brecht in der Geschichte sah, (utopisch verbrämter) Unsinn war und der Unsinn, den Ionesco dem entgegensetzte, schon absurden Sinn machte.
Ionescos erstes Stück, "Die kahle Sängerin" von 1950, ist zunächst ein Witz. Schon der Titel war ein Witz: "Wie geht es der kahlen Sängerin? Sie trägt noch immer die gleiche Frisur." Ionesco, der sich als Korrektor und Sprachlehrer in seiner Wahlheimat durchschlagen mußte, hat im Dialog zweier Wildfremder, die am Schluß erkennen und logisch deduzieren, daß sie miteinander verheiratet sind, Sprachführer parodiert - nicht unähnlich wie Tucholsky in seinem "Deutsch für Amerikaner".
Aber: Ionescos blödelnder Dialog hatte von Anfang an Löcher, durch die man in einen unendlichen Abgrund, in eine schwarze Fremde und Leere blickte: in den Tod. Insofern war Ionesco ein scheinbar heiterer Vetter Becketts, der es aber in Wahrheit genauso ernst nahm.
Und der Erfolg hatte: Seine "Kahle Sängerin" lief in einem Winz-Theater in der Rue de la Huchette jahrzehntelang (zusammen mit der "Unterrichtsstunde" in 11 944 Vorstellungen) und verschliß mehrere Besetzungen - ein ähnliches Kunststück ist Agatha Christie mit ihrem Krimi-Boulevard "Die Mausefalle" in London geglückt.
Später gelangte der Absurdist aus den Kellertheatern und Avantgarde-Dependancen der Studiobühnen und Antitheater auf die großen Bühnen der großen Häuser. Das geschah in Deutschland, wo sich vor allem das Düsseldorfer Schauspielhaus Ionescos annahm. Jetzt mußten größere Stücke her. Abendfüllend und mit umfassenden Themen: Das erfolgreichste war "Die Nashörner" (1959), in dem Ionesco kollektive Ansteckungen als plurale Verballhornung des Menschen, als dumme Verrohung darstellt: Der Brecht-Gegenspieler hatte eine Brecht-Parabel geschrieben - aber sie warnte das Individuum vor dem Kollektiv und dessen Wahn. Ionesco schuf seinen Theaterjedermann Behringer, der durch den absurden Weltuntergang stolperte, reiner Tor und skeptischer Weiser in einem. Ionesco war zum Totentanzautor gereift. Jetzt ist er, der uns keine Hoffnung hinterlassen wollte und konnte und der uns doch spielend die Zeit vertrieb, 81jährig in Paris gestorben.

DER SPIEGEL 14/1994
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