11.04.1994

DDR-KunstSpringquell des Lebens

In Museen und Tresoren werden Bilder und Skulpturen aus der verblichenen DDR gehortet. Wie lange noch und zu welchem Zweck?
Ach, diese netten Traktoristen, die fortschrittlich strahlenden Arbeiterbrigaden, die ebenso tapferen wie friedliebenden Rotarmisten und auch die ernsten, beflissenen Ausstellungsbesucher! Sie waren, selbst in Öl auf Leinwand, dazu bestellt, den Sozialismus in aller Herzen zu tragen, und haben bei diesem Auftrag schmählich versagt. Wo sollen sie nun hin?
Die drängende Frage stellt sich deutschen Vermögensverwaltern und Museumsleuten. Unversehens ist ihnen ein massiger Schatz von zweifelhaftem Wert zugefallen: der Bilder-Nachlaß der verblichenen DDR. Nun sind sie, so Christoph Stölzl, Direktor des Deutschen Historischen Museums, in der Situation von "Leuten, die nach einem Erbfall auf den Speicher gehen" und da entscheiden müssen: "Bewahren oder wegwerfen?"
Bewahren, antworten "sicherheitshalber" (Stölzl) die Experten wie aus einem Munde. Aber das ist leicht gesagt. Denn die Hinterlassenschaft ist gewaltig.
In seinem Ehrgeiz, die Welt kommunistisch zu verschönern, hat sich der Staat Ulbrichts und Honeckers nicht lumpen lassen. Immer wieder wurden Künstler engagiert, die nicht nur Denkmäler aufzurichten und Hauswände plakativ zu gestalten hatten, sondern auch Amtsstuben und Produktionsstätten, Kasernen und Jugendheime. In Fest- und Alltag war der DDR-Mensch, so ein Künstlerverbandsmitglied, "von Kunst geradezu umstellt".
Wenig davon blieb nach der Wende an seinem Platz. Daß sich Werner Tübkes Bauernkriegs-Panorama im thüringischen Bad Frankenhausen weiter als Touristenattraktion bewährt, ist die große Ausnahme.
Sehr zum Verdruß des Künstlers Willi Sitte wurde hingegen vor einem Jahr sein 240-Quadratmeter-Bild "Kampf und Sieg der Arbeiterklasse" an der Suhler Stadthalle demontiert, weil aus der ein Kongreßzentrum werden soll. Die Emailplatten lagern im städtischen Museum und warten, bislang vergebens, auf private Interessenten.
Mit Werken bescheideneren Formats tun sich die Erben im Einzelfall leichter, aber die Menge wird zum Problem. ** Deutsches Historisches _(Museum (Hrsg.): "Auf der Suche nach dem ) _(verlorenen Staat". Ars Nicolai, Berlin; ) _(184 Seiten; 48 Mark. * Oben: mit zwei ) _(von vier "Sowjetischen Soldaten" (1987) ) _(von Thomas Ziegler; unten: Gemälde von ) _(Wilhelm Schmied (1967) aus dem Depot in ) _(Beeskow. )
Über 300 Gemälde, die der "Zentrale Kulturfonds" der DDR für staatliche Büros, für Kindergärten und Krankenhäuser geordert hatte, stapelt allein das Museum in der brandenburgischen Burg Beeskow; dazu kommen ein paar Dutzend Skulpturen und mappenweise Druckgrafik.
Gleich um 1700 Ölbilder (und insgesamt etwa 12 000 Objekte) werden in einem ehemaligen Banktresor in Berlin-Mitte gelagert. Der Schutz-Raum steht unter Aufsicht der Treuhandanstalt und verwahrt die Hinterlassenschaften der DDR-Parteien und -Massenorganisationen wie FDJ und Gewerkschaftsbund so sicher, als handelte es sich um pures Gold.
Kunstbestände der einstigen Volksarmee, die jetzt der Bundeswehr gehören, sind im Dresdner Militärhistorischen Museum untergebracht, darunter annähernd 500 Gemälde.
Das Problem, was mit dem allen anzufangen sei, hat Ende vorigen Jahres ein west-östliches Fachleute-Symposium in Berlin beschäftigt; die Diskussionsbeiträge erscheinen demnächst als Buch**. Ihr Tenor: aufheben, aber mit spitzen Fingern. Erforschen, keinesfalls verklären.
In Berlin, wo sich vorerst das Deutsche Historische Museum der Sache annimmt, und auf Burg Beeskow sind die Inventare fast komplett - nur daß noch immer neue Zugänge verzeichnet werden müssen. Kostproben aus dem Vorrat sollen dem Publikum Anfang 1995 in Ausstellungen an beiden Schauplätzen verabreicht werden, zusammen mit einer gründlichen Dokumentation. "42 Jahre Auftragskunst" lautet der Arbeitstitel des Projekts.
Kunst? Der Begriff ist nicht allzu eng zu nehmen. "Aus einer ästhetischen Bewertung halte ich mich raus", sagt die zuständige Abteilungsleiterin im Deutschen Historischen Museum, Monika Flacke, 40. Und Herbert Schirmer, 48, Direktor auf Burg Beeskow, gesteht, allenfalls zwei Bilder seines Fundus würde er sich "zu Hause aufhängen - mit Vorbehalt".
Die Werke, die er da im renovierten Stallgebäude der Backsteinburg am Spreeufer verwahrt, sind nicht einfach besser oder (meistens) schlechter gemalt: Viele, sagt Schirmer, transportierten eine "Lüge", die keinesfalls "verlängert" werden dürfe. Das aber könne den Ostdeutschen nur ein Landsmann sagen.
Für derlei Bußpredigt ist Schirmer bestens qualifiziert. Er hat, als Verlagsangestellter, Kritiker und Museumsmann, die Zwänge und die Nischen der DDR kennengelernt, hat gegen Ende der achtziger Jahre zwischen Ost-CDU und Neuem Forum gependelt und war - für 174 Tage - Kulturminister im Kabinett de Maiziere. Damals rief er rasch noch eine "Stiftung Kulturfonds" ins Leben und beerbt sich nun sozusagen selbst.
Denn als der Ex-Minister 1991 aus der Arbeitslosigkeit in das "hinterprovinzielle" Beeskower Heimatmuseum, ein Haus voll altem Mobiliar und ausgestopfter Fauna, wechselte, konnte er auf die Bestände der von ihm ins Werk gesetzten Stiftung zurückgreifen. An der hatte sonst kaum jemand Interesse, nur wenige Stücke haben Kunstmuseen der _(* Mit Gemälde "Völkerfreundschaft" ) _((1961) von Gerhard Füsser. ) neuen Bundesländer sich herausgepickt.
Was bleibt, ist ein in erster Linie historisches Anschauungsmaterial, und das muß nach Schirmers Meinung unbedingt in "gemischten Arbeitsgruppen", wie mit der West-Frau Flacke, untersucht werden. Es kann Funktion und Wandel jener staatlichen Kunstförderung illustrieren, in der DDR-Offizielle den "Springquell des sozialistischen Kulturlebens" orteten.
Zu bewahren sind diese Zeugnisse unbedingt. Welchen Forschungsaufwand sie freilich rechtfertigen, welchen Erkenntniswert sie bereithalten und ob ein zeithistorisch interessiertes Publikum sie partout im Original betrachten muß - das sind offene Fragen.
In mancher Hinsicht ähneln die Berliner und Beeskower Magazine jenen Kellerräumen, in denen die Münchner Oberfinanzdirektion seit Jahrzehnten über Restbeständen von Nazi-Kunst brütet. Dort jedenfalls sind schwerlich verkannte Kunstschätze zu heben; was aber die Werke zu ihrer Zeit bedeuteten, läßt sich durchaus von Reproduktionen und aus Texten ablesen.
Der Abstieg in die Magazine ist ein bitteres Schicksal vor allem für jene Künstler, die sich einst mit viel Enthusiasmus an die Verklärung des real existierenden Sozialismus gemacht hatten. Und die sich darauf verlassen konnten, im Auftrag der Gesellschaft tätig zu sein.
So forderte 1959 ein Gewerkschaftsfunktionär, "jedem größeren Betrieb" ähnlich wie einen Arzt oder Brandschutzwart "seinen bildenden Künstler" zuzuteilen.
Und noch 1984 verteidigte Bernhard Heisig, ein Maler von gesamtdeutscher Prominenz, im SPIEGEL-Gespräch das Recht des "Partners" aus Bezirksrat oder Firmenleitung, sich in die jeweils bestellte Kunst einzumischen: Auch Rembrandt habe die Mäkeleien der Amsterdamer Schützengilde gebraucht, um seine "Nachtwache" zu malen.
Tatsächlich konnten Künstler damals schon viel freier schalten als in den Anfangsjahren der Republik.
1950 hatte Ministerpräsident Grotewohl dem Maler Max Lingner bis in Einzelheiten der Figurenordnung hineingeredet, als der im Regierungsauftrag ein heiter-ideales Bild des Staatsvolks entwarf. Es kam, auf bunte Kacheln gebrannt, ans Berliner "Haus der Ministerien", das heutige Treuhand-Gebäude, und steht seit kurzem unter Denkmalschutz.
Doch nach und nach wurden die DDR-Künstler renitent. Staat und Partei bekamen zunehmend Mühe, im eigenen Land Bildhauer für monumentale Standbilder zu gewinnen - etwa 1980 für ein Denkmal des KP-Führers und Nazi-Opfers Ernst Thälmann am Prenzlauer Berg in Berlin. Der Auftrag wurde dann, auf persönliche Anregung Erich Honeckers, dem Sowjetkünstler Lew Kerbel zugeschanzt.
1983 mußten laut Auskunft eines Zeugen sogar Kunststudenten förmlich "hingeknetet werden", um überhaupt noch offizielle Aufträge anzunehmen. Es ging um eine "bildkünstlerische Ausgestaltung" der FDJ-Jugendhochschule Wilhelm Pieck in Bogensee bei Berlin, die der "Erziehung standhafter Funktionäre" dienen und deren "ästhetisches Empfinden schulen" sollte.
Die FDJ zahlte zwei Millionen Mark für das Projekt, doch die Jungkünstler lieferten vielfach ihre Diplomarbeiten ab. Darunter sind so zweideutige Szenen wie Bruno Griesels Gemälde "Diskussion": Vor dem Hintergrund eines Lenin-Emblems redet ein eifernder Alter auf einen sichtlich störrischen Jungen ein. Nun wird das ganze bewegliche Kunstinventar von Bogensee, Stoff für eine ergiebige Fallstudie zum Auftragswesen, im Berliner Treuhand-Depot gehortet.
Griesels Mentor Heisig hatte 1984 vollkommen recht mit seiner - anerkennenden - Bemerkung über "eine Gesellschaft, die Bilder bezahlt, die sie eigentlich _(* y VG Bild-Kunst, Bonn 1994. ) nicht mag". Die Verbiesterung der Funktionäre war einer erstaunlichen Zurückhaltung (aus Toleranz, aus Unsicherheit?) gewichen. Von den Künstlern wurden sie mit sarkastischen "Problembildern" eingedeckt, die aber stets den Notausgang einer unverfänglichen Erklärung offenließen.
So scheint eine 1978 von Rolf Schubert gemalte "Jugendweihe", jetzt in Beeskower Verwahrung, die sozialistische Feier als einen trivialen Anlaß zum Fressen, Saufen, Knutschen bloßzustellen. Im Sinne der Partei hätte sich das Motiv freilich auch anders interpretieren lassen, etwa als Kritik an solchen Zeitgenossen, deren Manieren dem feierlichen Anlaß nicht hundertprozentig gerecht werden.
Manchmal allerdings war Auftraggebern auch in DDR-Spätzeiten offenbar nicht geheuer, was sie da für ihr Geld bekamen, und sie zogen - diskrete - Konsequenzen. "Mißliebige Bilder" wurden, wie Schirmer weiß, praktischerweise einfach beim "Zentrum für Kunstausstellungen" abgesondert.
Der Maler Thomas Ziegler mußte seine vier "Sowjetischen Soldaten", die er im Auftrag der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft" vor einen knallroten Grund gesetzt hatte, 1988 sogar in einer "Abstellkammer der Bezirksleitung Schwerin" wiederfinden. Dabei hatten sie gerade noch auf der "Zehnten Kunstausstellung der DDR", der letzten, glänzen dürfen.
Und für eine US-Tournee "Twelve Artists from the German Democratic Republic" waren die etwas verlegen posierenden Uniformträger dann auch wieder gut genug. Nun haben sie im Berliner Treuhand-Depot Asyl gefunden. Y
** Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): "Auf der Suche nach dem verlorenen Staat". Ars Nicolai, Berlin; 184 Seiten; 48 Mark. * Oben: mit zwei von vier "Sowjetischen Soldaten" (1987) von Thomas Ziegler; unten: Gemälde von Wilhelm Schmied (1967) aus dem Depot in Beeskow. * Mit Gemälde "Völkerfreundschaft" (1961) von Gerhard Füsser. * y VG Bild-Kunst, Bonn 1994.

DER SPIEGEL 15/1994
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