11.04.1994

NACHRUFGolo Mann

Sein Metier beschrieb er als "Poesie, gezähmt durch Forschung". Es war die früh geprägte, Jahrzehnte später mit großem Erfolg in die Praxis umgesetzte Devise des Schriftstellersohnes Golo (Gottfried) Mann, daß Geschichtsschreibung "so lesbar sein könne und müsse wie ein Roman".
Als Internatsschüler hatte er mit Begeisterung Schillers "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" gelesen und darin auch schon den farbigsten Helden für sein eigenes literarisches Werk gefunden: den Feldherrn Wallenstein. Schiller jedoch, der Dramatiker als Historiker, "konnte nicht anders", als "den Dingen einen Stil geben, Spannung, Drama bieten" - so Mann im Rückblick. Die "formlose Unendlichkeit" der Realität mußte erst in Buchform umgedichtet werden.
Das macht die Resonanz, freilich auch die Fragwürdigkeit der Mannschen historischen Darstellungen und besonders der umfangreichsten und populärsten, eben seiner "Wallenstein"-Biographie (1971), aus: daß sich darin Poesie und Quellenkenntnis so seltsam anachronistisch mischen. Der Forscher schlüpft in die Rolle des fabulierenden, allwissenden Erzählers.
Golo Mann wußte es selbst: Man könne das Buch "bekritteln", aber jemand anders werde dergleichen kaum noch zustande bringen. Er bekannte sich dazu, "ja doch zum Schriftsteller bestimmt" zu sein.
Diese Berufung war durch Golo Manns Münchner Elternhaus vorgeprägt und zugleich gehemmt gewesen. Da thronte in erschreckender Kälte der Romancier Thomas Mann als ein unerreichbarer Über-Vater und notierte ins Tagebuch: "Golo mehr und mehr problematischer Natur." Auf Konversation mit ihm bereitete sich der eingeschüchterte Sohn durch Gesprächsnotizen vor. "Unbewußt", so seine Erinnerung, wollte er "wohl den Tod meines Vaters abwarten", ehe er zu schreiben anfing.
Das hielt er nicht buchstäblich ein. Er promovierte 1932 beim Philosophen Karl Jaspers und folgte ein Jahr später der verfemten Familie Mann in die Emigration, um nicht den Nazis als Geisel in die Hände zu fallen. An französischen, später amerikanischen Hochschulen lehrte Golo Mann Geschichte, seit 1958 (und bis 1964) dann an deutschen.
Schon 1947, immerhin acht Jahre vor dem Tode Thomas Manns, war seine Monographie über den Wiener Staatsmann und Napoleon-Feind Friedrich von Gentz erschienen. 1958 folgte die große "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts".
Golo Mann etablierte sich als Erzähler von Geschichte, als einer der so "großartig unterhalten" wollte wie Tacitus und der seine "Intuition" für einfühlsam-poetische Menschenschilderungen aus einem gewissenhaften "Quellenstudium" schöpfte.
In Kilchberg am Zürichsee bezog er das Haus, auf dessen Türschild noch "Thomas Mann" stand, doch endlich fühlte er sich "völlig frei" von der Last seiner "elenden Kindheit". Den Schatten von Melancholie, der über vielen seiner Äußerungen lag, führte er vielmehr auf die historischen Schrecknisse des Dritten Reiches zurück. Beides, persönliche Erinnerungen und zeithistorischer Hintergrund, sind aber in seinem vielgerühmten Memoirenwerk mit dem Untertitel "Eine Jugend in Deutschland" überzeugend verknüpft.
Er war ein unabhängiger und unberechenbarer Konservativer mit der Bereitschaft zu verblüffenden Frontwechseln und Provokationen.
Anläßlich der Feier seines größten Werkes, über Wallenstein, sagte er ganz ungeniert, man werde dergleichen noch kaum einmal zu lesen kriegen. Bis heute, bis zu seinem Tode, hat diese Prophezeiung gestimmt.
Golo Mann starb vergangenen Donnerstag bei Verwandten in Leverkusen an Krebs.

DER SPIEGEL 15/1994
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