09.05.1994

„Es war wie eine Sucht“

SPIEGEL: Die Transsexuellen in der Bundesrepublik organisieren sich in Selbsthilfegruppen, in Hamburg haben sie die Einrichtung einer staatlich geförderten Beratungsstelle durchgesetzt. Was ist Ihr Problem?
David: Wir wollen die Vorurteile gegenüber Transsexuellen abbauen. Es wird soviel Falsches und Negatives erzählt. Ich will beweisen, daß man als Transsexueller auch ohne Probleme leben kann. Das Amputieren der Brust, die Verkleinerung der Brustwarze und das Entfernen von Gebärmutter und Eierstöcken - das klingt zwar erschreckend, war bei mir aber eine ganz normale gynäkologische Operation.
Nadja: Ich dagegen möchte die sogenannten Betroffenen davor warnen, unüberlegt zu handeln. Sie sollen sich Zeit lassen, bevor sie eine Hormonbehandlung anfangen oder sich von Selbsthilfegruppen in eine Operation prügeln lassen.
SPIEGEL: Es wird doch niemand zu einer chirurgischen Geschlechtskorrektur gezwungen.
Nadja: Das nicht, aber in den Gruppen entsteht gewaltiger psychischer Druck, den letzten Schritt zu tun - und das ist sehr riskant. Bei einer Freundin entsprach das Ergebnis nicht dem Bild einer Vagina, das sah eher aus wie ein halber Picasso. Bei einer anderen Freundin mußte mehrmals nachoperiert werden, sie ist frigide geworden. Manche sind völlig vereinsamt. Ich kenne eine Frau, die hat sieben Jahre intensive psychologische Betreuung gebraucht, bis sie mit der Operation zurechtgekommen ist. Andere haben sich danach das Leben genommen.
SPIEGEL: Waren das alles Korrekturen von Mann zu Frau?
Nadja: Ja. Bei Frau-zu-Mann-Operationen nehmen die meisten von dem Aufbau eines Penis Abstand, weil die Resultate dementsprechend sind.
David: Das wollte ich auch nicht. Die transplantierte Haut und der Muskel _(* Holde-Barbara Ulrich, Thomas Karsten: ) _("Messer im Traum - Transsexuelle in ) _(Deutschland". Konkursbuch Verlag Claudia ) _(Gehrke, Tübingen; 178 Seiten; 39,80 ) _(Mark. ) wachsen eventuell nicht an, oder die implantierten Silikonstäbe brechen und stoßen sich durch die Haut. Für mich stand im Vordergrund, alle Weiblichkeit verschwinden zu lassen.
Nadja: Die Operation ist es ja nicht allein. Die meisten Chirurgen bauen bei der Geschlechtskorrektur von Mann zu Frau eine Neovagina auf, und wenn man die nicht ständig mit einem Vibrator dehnt, fällt die ganze Sache in sich zusammen und wächst zu. Und das Bougieren, wie man das nennt, ist dann unheimlich schmerzhaft, man muß es sein Leben lang machen.
SPIEGEL: Über die Risiken einer Operation kann man sich vorher informieren.
Nadja: Ärzte und Psychologen klären nur selten vernünftig auf. Es gibt auch kaum ein Buch, in dem eine Alternative zur Operation dargestellt wird. Wer sich nicht operieren läßt, wird geächtet. Ich kenne aber viele Leute, die ohne Operation glücklich leben.
SPIEGEL: Werden Sie kritisiert, weil Sie nicht den letzten Schritt tun?
Nadja: Ja. Man unterscheidet bei den Transsexuellen zwischen echten Frauen und echten Männern, und für viele bin ich ein Transvestit, weil ich meinen Penis noch habe. Ich habe mir aber die Keimdrüsen entfernen, mich also kastrieren lassen.
SPIEGEL: Und wie reagieren die anderen in der Selbsthilfegruppe, wenn Sie von der Operation abraten?
Nadja: Die sind empört. Die wollen mich erdrosseln, weil ich ihnen das Glück klauen will, ihnen die Hoffnung stehlen und das Lebenselixier nehmen will.
SPIEGEL: Ist diese Hoffnung nicht sehr wichtig? Viele glauben doch, das Alltagsleben würde leichter, wenn sie diesen Schritt tun.
Nadja: Man sieht diese Operation doch äußerlich gar nicht. Dahinter stehen andere Motive: Die hoffen, sie können sich ihre Lebensprobleme mit dem Skalpell amputieren lassen. Ich kenne Leute, die waren noch nie mit einem Mann oder einer Frau im Bett. Dann gehen sie auf den Tisch und denken, danach kriegen sie den Traumprinzen.
David: Du redest nur vom Bumsen. Dir geht es offenbar nur um die Sexualität, nicht um das, was im Inneren vorgeht. Ich habe nie mit einem Mann geschlafen, ich wußte immer, ich liebe Frauen. Man muß doch nicht wild durch die Gegend bumsen, um herauszufinden, was los ist.
Nadja: Ich meine einfach, daß viele ihren Körper nicht kennen und hoffen, daß sich das durch den Eingriff ändert.
David: Ich hatte schon seit der Pubertät eine klare Geschlechtsidentität. Ich fühlte mich als Mann und habe alles getan, um meine weiblichen Körperformen zu verbergen. Ich habe enge T-Shirts getragen und noch ein Hemd und einen Pullover drüber, um den Busen zu verstecken. Im Sommer war es schwierig. Ich saß am Meer mit Badehose und Hemd. Ich ging immer nur heimlich schwimmen, auch in Badehose und T-Shirt. Beim Sport war ich auch nicht. In welche Umkleidekabine sollte ich? Überall hätten sie mich rausgeschmissen.
SPIEGEL: Warum?
David: Ich hatte einen Damenbart und eine dunkle Stimme, meine ganze Statur war männlich.
SPIEGEL: Wann hatten Sie zum erstenmal das Gefühl, im falschen Körper zu sein?
David: Das fing früh an. Ich hab'' mich in der Schule in ein Mädchen verknallt, und bei Jungens war nix.
SPIEGEL: Hielten Sie sich für lesbisch?
David: Ja. Anfang der siebziger Jahre dachte doch kein Mensch an Transsexualität, in der Provinz schon gar nicht. Die erste Freundin hatte ich mit 17, das ging ein Jahr. Die nächste mit 19. Erst als ich nach Berlin umzog, hab'' ich angefangen, mich mit Transsexualität zu beschäftigen. Aber erst sehr resignativ. Ich wußte nicht, daß man da operativ was machen kann.
Nadja: Ich hatte mit zehn Jahren zum erstenmal den Wunsch, weiblich zu sein. Ausgelöst durch einen Katalog aus dem Westen. Das fand ich toll, wie die Frauen angezogen waren. Dann ging ich zehn Jahre lang ins Schlafzimmer meiner Eltern, heimlich, und habe die Seidendessous von meiner Mutter angezogen. Meine Eltern waren, als sie es merkten, nicht begeistert. Ansonsten hab'' ich den Kerl gespielt.
SPIEGEL: Gleichzeitig fühlten Sie sich zu Frauen hingezogen?
Nadja: Ja. Immer. Ich hab'' in der Pubertät als Punk, Ted, Heavy-Metal-Typ sämtliche Moden mitgemacht, aber immer als Mann. Ich wußte nicht genau, was los war. Ich habe geheiratet, ich habe versucht, mich normal zu verhalten, normal zu leben, meine Neigungen, also mich selbst, zu verdrängen, aber es kam immer wieder durch. Weiblich zu sein war wie eine Sucht.
SPIEGEL: Sie sagen, Sie lieben Frauen. Sind Sie da eine Ausnahme?
Nadja: Nein. Unter den Transsexuellen ist Homosexualität weit verbreitet, vielleicht, weil sie ihr altes Geschlecht ankotzt.
SPIEGEL: In den Augen der Fachleute sind Sie jetzt lesbisch.
Nadja: Ja. Ich bin eine lesbische Transe.
SPIEGEL: Und wie würden Sie sich bezeichnen, David?
David: Ich bin ein ganz normaler Mann. Alle typischen männlichen Züge habe ich schon immer gehabt. Transsexualität ist eben Schicksal.
Nadja: Ich fühle mich eher androgyn. Für mich gibt es keine typisch weiblichen oder männlichen Attribute. Eine Zeitlang dachte ich, ich sei ein Transvestit. Ich lebte allein und kaufte mir Kleider. Aber es gab niemanden, der mir weiterhelfen konnte, keinen Arzt, keinen Psychologen.
SPIEGEL: Was unterscheidet Sie denn von einem Transvestiten?
Nadja: Ein Transvestit akzeptiert sein angeborenes Geschlecht. Ein Transsexueller lehnt es ab. Der Transvestit hat Spaß dabei, in die Rolle des anderen reinzuschlüpfen. Wie oft er das macht, wechselt stark. Es gibt auch Transvestiten, die möchten jeden Tag als Frau herumrennen, sind aber trotzdem froh, ein Mann zu sein.
David: Transvestiten betreiben einen lustvollen Verkleidungsfetischismus. Allerdings, weibliche Transis, die Männerkleidung tragen, kenne ich nicht.
SPIEGEL: Viele Transvestiten und Transsexuelle prostituieren sich, immer mehr bieten sich in Kleinanzeigen an.
Nadja: Manche Männer finden das eben exotisch, oben Brüste, unten Schwanz. Viele Transsexuelle sind gezwungen, auf den Strich zu gehen, weil sie ihre Arbeit verloren haben und auch von der Familie allein gelassen werden. Gerade transsexuelle Frauen gehen den Bach runter. Die sind psychisch ziemlich kaputt, weil sie alles verloren haben, alles.
David: Bei mir war es ziemlich unkompliziert. Ich durfte bei meiner Arbeit als Krankenschwester statt eines Kittels Hose und Jacke anziehen. Schließlich habe ich meinen Kollegen, die mich als Schwester Regina kannten, erzählt, daß ich mich als Mann fühle, und die haben das akzeptiert. Als dann per Gerichtsbeschluß die Namensänderung vollzogen wurde, bekam ich gleich ein Schild mit "David".
Nadja: Ich hab'' früher in der Gastronomie gearbeitet, und die Kollegen waren super. Ich mußte mich ja mit denen auch umziehen. Ich zog meine Dessous in den Männerumkleideräumen an und hab'' mich als Frau schön gemacht. Niemand hatte was dagegen.
David: Manchmal glaube ich, daß das Alltagsleben nicht so schlimm ist, wie es in Selbsthilfegruppen dargestellt wird. In der Gruppe, in der ich war, konnte sich keiner freuen, daß ich keine großen Probleme habe, die suhlten sich lieber darin, psychisch angeknackst zu sein.
SPIEGEL: Sie werfen den Selbsthilfegruppen vor, daß sie wehleidig sind. Was raten Sie denn den Transsexuellen?
Nadja: Die gehen, das Gesicht zur Faust geballt, zu den Behörden und wundern sich dann, wenn die unfreundlich reagieren. Wenn man aber gleich freundlich sagt, ich bin transsexuell, dann geht das alles. Da ist mir auch schon passiert, daß eine Beamtin gesagt hat, "ich bewundere das, ich hätte den Mut nicht dazu". Man muß mit Ehrlichkeit auf die Leute zugehen.
SPIEGEL: Mehr Selbstbewußtsein also?
Nadja: Ich finde, die Transsexuellen sollten sich ein Beispiel an der Homosexuellen-Szene nehmen. Die sagen, wir sind stolz, schwul zu sein. Wir sollten sagen, wir sind stolz, transsexuell zu sein. Wir müssen den Leuten zeigen, daß wir stinknormale Menschen sind. Y
"Ich habe heimlich Seidendessous meiner Mutter angezogen"
"Die sind psychisch kaputt, weil sie alles verloren haben"
* Holde-Barbara Ulrich, Thomas Karsten: "Messer im Traum - Transsexuelle in Deutschland". Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen; 178 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 19/1994
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