16.05.1994

RegisseureSpäte Heimkehr

Auf der Autofahrt vom "Bristol" zum "Filmcasino", wo er am Dienstag vergangener Woche vom Verband österreichischer Regisseure mit einer Aufführung seines 1944er Meisterwerks "Double Indemnity" geehrt werden sollte und in einer Einleitungsrede an Österreichs Regisseure in Hollywood erinnern wollte, fragte er seine Mitfahrer, wie denn eigentlich "genes" auf Deutsch hießen.
Natürlich "Jeans, Blue jeans" wie im Englischen, wurde ihm entgegnet, aber die meinte er natürlich nicht, sondern die "Gene". Beide Wörter, "Gene" wie "Jeans" waren längst noch nicht in Gebrauch, als Wilder mitsamt seiner deutschen, bis heute unverkennbar wienerisch gefärbter Muttersprache und ohne ein Wort Englisch 1933 Berlin verließ. Wien hatte der 19jährige Journalist Wilder (seine Mutter nannte sich übrigens Genia, nicht nach den damals bekannten "Genien", sondern sie hieß Eugenia) schon 1926 verlassen - mit Paul Whiteman und seinem berühmten "Rhapsodie in Blue"-Orchester, das er in Berlin, wo er hängenblieb, für Wien rezensierte.
Jetzt, gut zwei Generationen später, kommt der 87jährige Wilder nach Wien zurück, dank "seiner Gene und seiner besseren kalifornischen Ärzte" noch am Leben, wie er in seiner Rede sagt.
Und dann erinnert er sich an seine österreichischen Kollegen in Hollywood, als wäre es gestern gewesen: an Erich von Stroheim, mit dem er vor über 40 Jahren zwei Filme drehte, und an Otto Preminger, der so gern schaurige Nazi-Chargen hinknallte.
Diesmal komme er nicht, um "etwas zu verkaufen", sagt er sarkastisch auf einer Pressekonferenz, "keinen Film, kein Buch, nichts". Die Pressekonferenz findet im traditionsreichen "Hotel Bristol" am Ring statt. Im "alten Bristol", wie Wilder sagt, weil es in seiner Jugend daneben noch das "neue Bristol" gab - und da stand er als junger Reporter der Stunde, einer ebenso modernen wie skrupellosen Boulevardzeitung, herum und belästigte Promis mit Interview-Wünschen.
Jetzt wird er vor solchen Belästigungen mit Wiener Charme abgeschirmt. Als ich telefonisch zu ihm durchdringen will und schließlich verzweifelt sage, daß ich seine Biographie geschrieben habe, erwidert der Portier ungerührt: "Das kann a jeder sagen."
Als Wilder das letzte Mal in Wien war, Ende 1957, auf Promotion-Tour für "Zeugin der Anklage" mit Charles Laughton und Tyrone Power, gab es im "Sacher" noch Flure mit einem Bad für alle Zimmer - europäische Steinzeit.
Als er das vorletzte Mal da war, kurz vor dem "Anschluß" 1938, genierte sich der hier verbliebene, weil arische Kollege Willi Forst schon, mit ihm über den Ring zu gehen, es war kompromittierend.
Daran erinnert er sich heute noch, schweigt aber längst darüber. Er will seinen Frieden mit der einst heiß geliebten, später heiß gehaßten Stadt seiner Jugend machen. Aus Wien wurde seine Mutter nach Auschwitz deportiert, wo sie, wie Hunderttausende andere, spurlos verschwand. Vergast wurde.
Inzwischen sind auch die anderen alle tot. Kein Schulfreund mehr, der ihm über den Weg läuft, kein Kollege von der Stunde damals. Die Gene und die Ärzte, ach ja! Schon 1957, als ihn ein Schulfreund im "Sacher" besuchte, stellte sich im Gespräch heraus, daß er in Wahrheit der Sohn seines Schulfreundes am Gymnasium Juranek war und alt aussah, schon damals.
Dann in den achtziger Jahren kam Waldheim, kam die "Jetzt erst recht!"-Präsidentenwahl, die Wilder seinen früheren Landsleuten verübelte, so daß er nie mehr nach Österreich kommen wollte. Damals witzelte er: "Die Österreicher haben das Kunststück fertig gebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen." Heute erzählt er, die Österreicher hätten Beethoven und Mozart annektiert, denn Salzburg habe damals nicht zu Österreich gehört.
Um seinen Frieden zu machen, killt Wilder also inzwischen sogar eine Pointe. Er kam auf Einladung des Kanzlers Franz Vranitzky (den er auf der Pressekonferenz mit antiquierter Erinnerung "Reichskanzler" nennt), den er mag: Vranitzky sei beim Kaffee stolz auf das österreichische Leitungswasser gewesen, "besser als Evian", habe er fremdenverkehrswirksam zu Wilder gesagt.
Wilder, der sich gern über seine Rührung hinwegwitzelt, sagte beim Festessen, er wolle den blendend aussehenden Kanzler für ein paar Wochen nach Hollywood ausleihen, für einen Film.
Die Stadt nimmt "Billies" (wie er schon als Kind von der amerikaversessenen Mutter genannt wurde) spöttisch verbrämte Komplimente gerührt und begeistert entgegen - und ehrt ihn mit einer Gedenktafel an dem Haus, in dem er von 1914 bis 1924 gewohnt hat, am Fleischmarkt Nr. 7, im vornehmen 1. Bezirk.
Die Legende lebt und spaziert munter mit Frau und Freunden durch das Flieder-Wien im Mai. Wilder hat seinen Frieden gemacht und mit Wien gefunden. Als ihn jemand auf der Pressekonferenz fragt, was er denn zu faschistischer Regierungsbeteiligung in Italien, zu Skinheads in Deutschland, zu Schirinowski in Rußland, zu Haiders Erfolgen in Österreich et cetera meine, erwidert der sonst so wortreiche, wortverliebte Wilder sarkastisch und knapp: "Ich bin dagegen." Y
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 20/1994
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