21.06.1993

„Gewaltige Kräfte in China“

SPIEGEL: Herr Ludwig, Sie stehen in dem Ruf, jeden Tag mindestens ein Kunstwerk zu kaufen. Was war's denn gestern?
LUDWIG: Die Legende ist hübsch, trifft aber nicht zu. Zuletzt, das war vor zweieinhalb Wochen, haben meine Frau und ich ein Bild des Moskauer Malers Sven Gundlach gekauft.
SPIEGEL: Die Zeitung Le Monde meldet, Sie hätten spontan den Biennale-Beitrag des Franzosen Jean-Pierre Raynaud erworben, die Kachelung eines ganzen Pavillons mit Totenkopf-Design.
LUDWIG: Das ist falsch. Ich habe allerdings mit Raynaud wegen einer Installation für das Museum Ludwig in Köln gesprochen.
SPIEGEL: Und was steht sonst auf Ihrem Programm?
LUDWIG: Es interessiert uns weiter brennend, was in Mittel- und Osteuropa passiert. Wir wissen auch, daß in Ostasien, vor allem in China, gewaltige Kräfte frei werden und daß es da eine bedeutende Kunst zu entdecken gibt. Ob wir das noch schaffen können, sei dahingestellt. Auf die platte Propaganda- und Exportkunst aus China, die jetzt bei der Biennale in Venedig gezeigt wird, verschwende ich keinen Blick.
SPIEGEL: Wäre dergleichen so neu in Ihrer Sammlung, neben DDR-Größen wie Walter Womacka und Willi Sitte?
LUDWIG: Ich nehme diese beiden Künstler ernst. Natürlich können Sie anderer Meinung sein.
SPIEGEL: Die Nürnberger Museumsleute schätzen Ihre Kollektionen auf mehr als 20 000 Stücke . . .
LUDWIG: Daran glaube ich nicht, es werden einige tausend sein. Eine Zählmaschine haben wir allerdings nicht.
SPIEGEL: Jedenfalls ist es eine Riesenmenge. Bleibt Ihnen überhaupt Zeit, sich mit dem einzelnen Kunstwerk zu befassen?
LUDWIG: Viel Zeit, wir nehmen uns jeden Tag einige Stunden dafür. Wir betreiben das nicht als Hobby, sondern als eine wichtige Aufgabe. Für meine Frau ist es ohnehin ein Fulltime-Job.
SPIEGEL: Der Besucher und Katalogleser würde bei "Ludwigs Lust" gern die Entwicklung Ihrer Sammlung verfolgen. Doch er wird weder über Herkunft und Erwerbsdatum eines Kunstwerks noch über den ständigen Aufbewahrungsort informiert. Warum die Heimlichtuerei?
LUDWIG: Die kompletten Angaben gingen mir bei einer solchen Ausstellung zu weit. Übrigens ist das meiste längst publiziert.
SPIEGEL: Man soll sich die Fakten also mühsam zusammensuchen. Aber manches, zum Beispiel aus Ihrer Porzellansammlung, kommt überhaupt erst jetzt an die Öffentlichkeit.
LUDWIG: Ich muß auch respektieren, daß es Verkäufer von Kunst gibt, die nicht genannt sein wollen. Die ganze Kunstwelt - außer mir - schätzt ja eine gewisse Diskretion.
SPIEGEL: Zeitweilig war vorgesehen, auch Ihre Porträtbüsten von Arno Breker in Nürnberg zu zeigen. Schließlich hat das Museum davon abgesehen. Ist Ihnen das recht?
LUDWIG: Ich habe keinerlei Einfluß auf die gesamte Auswahl genommen, auch nicht in diesem Fall. Ich verstehe nicht, warum die Büsten nun nicht ausgestellt werden - vielleicht, weil sonst nur über Breker geredet würde. Das könnte ich nachvollziehen.
SPIEGEL: Sie behaupten im Katalog: "Gerade unter unfreien Gesellschaftssystemen zeigt Kunst ihre besondere Kraft." Also bei Breker ebenso wie im Kommunismus?
LUDWIG: Breker betrifft das weniger. Wir sind uns alle einig, daß er in seiner Skulptur unter Hitler konformistisch gearbeitet hat. Bei den Ostkünstlern ist es anders.
SPIEGEL: Ist Kunst aus Ostdeutschland oder der ehemaligen Sowjetunion für Sie nun nicht mehr interessant?
LUDWIG: In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bestehen weiter gewaltige Tabus, die Kunst hat also erhebliche Angriffsflächen. In Dresden und Leipzig muß sie sich grundlegend verändern. Das tut sie auch.
SPIEGEL: Sie sind bekannt dafür, beim Kunstkauf hart zu verhandeln und günstige Gelegenheiten zu nutzen. Ihr Biograph Heinz Bude behauptet jetzt sogar, die rund 100 Millionen Mark, die Sie 1983 für Ihre Handschriftensammlung bekommen haben, seien mehr als alles, was Sie insgesamt für Kunst ausgegeben haben. Stimmt das?
LUDWIG: Für die Zeit bis 1983 ist das so. Seither ist allerdings noch sehr viel hinzugekommen und damit die Summe überschritten worden.
SPIEGEL: Immerhin war also die Kunst nicht nur Ludwigs Lust und seine Mission, sondern sogar ein gutes Geschäft für ihn?
LUDWIG: Wenn Sie das von diesem Verkauf aus sehen: ja.

DER SPIEGEL 25/1993
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