28.06.1993

„Es war Mord“

erklärt die Kölner Journalistin und Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer, 50, den mysteriösen Tod des Politiker-Paares Petra Kelly und Gert Bastian. Monatelang hat Alice Schwarzer bei Freunden und Verwandten der beiden Toten recherchiert, Aufzeichnungen und Briefe von ihnen gelesen. Mit eindeutigem Ergebnis: Bastian hat Kelly "gegen ihren Willen erschossen".
Fassungslos hatten im Oktober 1992 nicht nur die Gesinnungsfreunde des unzertrennlichen Paares vor dem Rätsel dieses Todes gestanden. Bei der gemeinsamen Gedenkfeier am 31. Oktober in Bonn empfahl der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, sensibler Anwalt deutscher Trauerarbeit, den Versammelten: "Wir sollten das Unverständliche in Achtung annehmen."
Ausgerechnet jene beiden Symbolfiguren für den Kampf gegen alles Elend und alle Ungerechtigkeiten dieser Welt, für eine Welt ohne Waffen und für den Frieden mit der Natur waren auf so gewaltsame Weise gestorben, brutal und ohne das geringste Zeichen einer Erklärung zu hinterlassen. Fast drei Wochen lagen ihre Leichen unentdeckt in Petra Kellys Reihenhaus im Bonner Stadtteil Tannenbusch.
Der offizielle Abschlußbericht der Staatsanwaltschaft im März dieses Jahres linderte die Erklärungsnot kaum: Danach handelte es sich um einen "Selbstmord der beiden", Gert Bastian habe erst - sozusagen im stillen Einvernehmen - seine Lebensgefährtin, dann sich selbst erschossen. Für die Beteiligung Dritter gebe es keinerlei Anhaltspunkte, weitere Beweiserhebungen seien nicht möglich. "Gegen Tote ermitteln wir nicht", so der Generalbundesanwalt.
Mit derlei lakonischen Mitteilungen waren die Spekulationen über den Tod der grünen Vorkämpferin und ihres Generals und die Gerüchte über die dahinterstehenden Motive nicht zu stoppen. Lukas Beckmann, Geschäftsführer der Bundestagsgruppe Bündnis 90/Die Grünen, hält die Doppelselbstmord-These für absurd: "Petra stand mitten im Leben." Er kritisiert auch, daß die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht alle Spuren ausgewertet habe, und fordert eine umfassende Aufklärung darüber, ob Bastian mit der Stasi zusammengearbeitet habe.
Zu den wenigen, die von Anfang an vom "Mörder" Bastian sprachen, gehörte die Feministin Alice Schwarzer - wie Petra Kelly eine Galionsfigur im Kampf gegen das politisch-gesellschaftliche Establishment. Sie sieht in der Doppelselbstmord-These die typische Ausgeburt einer Männergesellschaft, die "einem Mann noch immer das Recht über Leben und Tod ,seiner' Frau zu geben scheint". In einem Buch, das unter dem Titel "Eine tödliche Liebe" im Juli bei Kiepenheuer & Witsch erscheint und aus dem der SPIEGEL in einer zweiteiligen Serie Auszüge vorabdruckt, untersucht die Journalistin die Hintergründe der heillos symbiotischen Beziehung, die zu dieser Katastrophe führten. Aus der Spurensuche Schwarzers ist das Psychogramm einer verhängnisvollen Verstrickung entstanden, das dem "Unverständlichen" eine plausibel erscheinende Interpretation gibt.
Die Feministin entwickelte "Verständnis für die Verzweiflung Bastians", und es überkam sie "Befremden über das Verhalten Kellys". Das ändert nichts an ihrem Fazit: "Ja, Kelly hat genervt. Aber - seit wann steht auf Nerven Todesstrafe?"

DER SPIEGEL 26/1993
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