05.07.1993

Bücherspiegel

Schillernder Wanderer

Die Suche nach einem dritten Weg zwischen Ost und West hat deutsche Intellektuelle schon immer fasziniert. Nach dem Bankrott des Staatssozialismus und inmitten der Vereinigungskrise ist auch der Friedensforscher Alfred Mechtersheimer, schillernder Wanderer zwischen der CSU und den Grünen, dieser Idee erlegen. In einer weltpolitischen Tour d'horizon und Bilanz deutscher Nöte feiert der ehemalige Oberstleutnant die "Ethnien" (Volksstämme) als Substanz des Politischen. Aus einer "geistigen Revolte von unten", so Mechtersheimer, solle die pazifistisch geläuterte "nationale Renaissance" entstehen, um die "Systemkrise" in Deutschland zu überwinden.

"Nationalpazifismus" heißt seine Zauberformel für den Ausstieg aus einer "Politik der Ausbeutung und Zerstörung". Wie freilich dem Autor zufolge das Land in der Mitte Europas bestehende Bindungen und Verpflichtungen aufkündigen sollte, ohne dabei zugleich eklatant an internationalem Einfluß einzubüßen, bleibt schleierhaft.

An Mechtersheimers Diagnose der politischen Erstarrung ist vieles richtig; auch seine Kritik an der linken Dämonisierung des Nationalen und der naiven Idealisierung multikultureller Gesellschaften leuchtet ein. Antiquiert dagegen, daß der wertkonservative Autor den Verfassungspatriotismus westlicher Traditionsdemokratien gegen die von ihm behauptete und bevorzugte "universelle Neigung des Menschen zur ethnischen Gruppenkohäsion" ausspielt. Wer die Nation als "Bastion gegen zivilisatorische Verflachung" begreift, kultiviert eine antiwestliche Geisteshaltung, die Deutschland einst - vom Kaiserreich bis zum Ende der Weimarer Republik - in eine fatale Isolation geführt hat.

Das verächtliche Verdikt Mechtersheimers über die Demokratie als "Herrschaftsideologie", mit der sich "nahezu jede Politik tarnen" lasse, könnten Neomarxisten kaum kurzschlüssiger formulieren. Weit mehr Wirklichkeitssinn verrät dagegen noch immer das Urteil des britischen Politikers Winston Churchill: "Demokratie ist die schlechteste der Regierungsformen, ausgenommen alle anderen."


DER SPIEGEL 27/1993
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