10.08.1992

„Start in ein besseres Leben“

Die Nationale Volksarmee der DDR unterhielt 37 Jahre lang eine eigene Spionageorganisation, die sich nach der Wende in aller Stille aufgelöst hat. Erst kürzlich fanden Staatsanwälte in Berlin Akten des geheimsten Geheimdienstes, den die DDR in der Bundesrepublik eingesetzt hatte. Den Ex-Agenten drohen nun Strafverfahren.
Die alten Kameraden halten zusammen. Einmal im Monat, immer donnerstags, treffen sie sich zu Vorstandssitzungen ihres eingetragenen Vereins.
Dreimal im Jahr gibt es Mitgliederversammlungen, achtmal, meist mittwochs, Kameradschaftsabende. Und an Christi Himmelfahrt kutschierten die einstigen Offiziere der Nationalen Volksarmee (NVA) per Bus ins Blaue.
Die stramme Garde hat sich in der "Kameradschaft Ehemaliger Berlin-Treptow" zusammengeschlossen, einer Untergliederung des "Deutschen Bundeswehr-Verbandes e.V.". Mal marschieren die höheren Ränge aus Erich Honeckers untergegangener Armee in den Kinosaal des Kreiswehrersatzamtes I in der Ost-Berliner Oberspreestraße, um über "die Bundeswehr, die NVA und die Wiedervereinigung" zu diskutieren. Mal treffen sie sich im Kasino eines Sportheimes am Spreeufer im Stadtteil Baumschulenweg und palavern über ihre Heldentaten im Kalten Krieg.
Wortführer in diesem Bundeswehr-Verein sind ehemalige NVA-Offiziere, die ihre Schlachten früher an der unsichtbaren Front geschlagen haben: als Spione und Agentenführer des Militärischen Nachrichtendienstes (Mil-ND) der DDR.
Sie waren Angehörige einer Spezialtruppe, die nach der Wende zwar übergelaufen ist, aber nicht kapituliert hat. So klingt es jedenfalls, wenn sich der einstige Chef des geheimsten Geheimdienstes der DDR, Ex-Generalleutnant Arthur Franke, 82, äußert: Die Leute seien "erhobenen Hauptes, nicht mit erhobenen Händen" eingeschwenkt.
Elitärer Dünkel und gewieftes Versteckspiel sind typisch für den Mil-ND, der gut 37 Jahre lang - als militärische Einheit getarnt - Spionage betrieben hat. Rund 2500 Mann, davon etwa 200 Agenten im Westen, beschafften alles Erreichbare über Bundeswehr und Nato, über Waffen und Computer. Für Lauschangriffe unterhielt der Mil-ND eigens das Funkaufklärungsregiment "Hans Jahn" mit Stabssitz in Dessau. Tag und Nacht fingen 900 Experten an verschiedenen Orten in der DDR mit Antennenwäldern und aufwendiger Elektronik Botschaften und Gespräche ein, die durch den Äther rauschten.
Der westdeutschen Abwehr aber geriet der gegnerische Apparat kaum ins Visier. Deren Augenmerk konzentrierte sich auf Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (MfS), insbesondere auf die Späher der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) von Markus Wolf. Der kleinere Mil-ND dagegen blieb "weitgehend unbekannt" (Verfassungsschutzbericht 1990).
Die Bundeswehr und deren Militärischer Abschirmdienst (MAD) sahen sich jahrelang von der kleinen Ost-Truppe genarrt. "Es war einfach so", bekennt Elmar Schmähling, von Februar 1982 bis September 1983 MAD-Chef, daß "diese leistungsfähige" Spionageorganisation "mit den westlichen Diensten Katz und Maus spielen konnte".
Die Einschätzung scheint realistisch. Allein "die Agenturaufklärung", so ein Rechenschaftsbericht des Mil-ND Mitte der siebziger Jahre, "beschafft jährlich circa 1000 bis 1500 militärische Gegnerdokumente und -informationen und etwa die gleiche Anzahl IBM-Dokumentationen und Software".
Bereits 1974/75 beispielsweise sei die politische und militärische Führung der DDR aufgrund von "geheimen und streng geheimen" Informationen über die "bis 1980 geplante Entwicklung der Bundeswehr" ausgezeichnet im Bilde gewesen.
Als Quellen, so die Ausarbeitung, dienten folgende "gegnerische Spitzendokumente": "Verteidigungspolitische Richtlinien" der Bundesregierung, "Militärstrategische Konzeption" der Bundeswehrführung, "Grundzüge der neuen Wehrstruktur", "Langfristige Rüstungsplanung bis 1985", "Streitkräfteplanung bis 1988".
Der Mil-ND habe auch, so die Erfolgsbilanz weiter, detaillierte Protokolle über den Verlauf von Bundeswehr- und Nato-Manövern operativ besorgt; ebenso "Studien" des Bonner Verteidigungsministeriums über "die einzuschlagende Taktik bei den Salt-Verhandlungen".
Die Späher und Spitzel der NVA waren noch besser abgeschirmt als die Agenten der HVA. Während deren Zentrale im MfS-Gebäudekomplex an der Ost-Berliner Normannenstraße allenthalben bekannt war und die Stasi sogar im Telefonbuch stand, gab es keinen Hinweis auf die Existenz des Mil-ND.
Sechsmal wurde der Deckname der geheimen Legion verändert, von "Allgemeine Abteilung" bis zu "Bereich Aufklärung". Viermal wechselte das Hauptquartier den getarnten Standort und firmierte zuletzt als "Mathematisch-Physikalisches Institut der Nationalen Volksarmee".
Die Reihe der fünf Mil-ND-Chefs ist bis jetzt allenfalls Insidern geläufig: Generalmajor Karl Linke (von 1952 bis 1957), Oberst Willy Sägebrecht (bis 1959), Generalleutnant Artur Franke (bis 1975), Generalleutnant Theo Gregori (bis 1982), Generalleutnant Alfred Krause (bis Ende September 1990).
In Ehren entlassen wurde kaum einer von ihnen. Skandale in der Truppe, von Korruption über Verrat bis zum Mord an eigenen Agenten, führten zu Degradierung und Rausschmiß der Geheimdienstführer.
Affären und Eigenmächtigkeiten veranlaßten denn auch den mißtrauischen MfS-Befehlshaber Mielke, die ungeliebte Konkurrenz ständig zu bespitzeln und mit eigenen Leuten zu unterwandern: Die Agenten, so das alberne Räuberund-Gendarm-Spiel im Spionagemilieu, überwachten sich gegenseitig.
"Die Gesamtzahl der heimlichen Offiziere im besonderen Einsatz, der OibE des MfS, in unserem Laden", sagt ein ehemaliger Oberst des Mil-ND, "ging in die Dutzende." Dazu kamen, so der Ex-Offizier, "mehrere hundert Inoffizielle Mitarbeiter" (IM) der Stasi, die ebenfalls im Mil-ND für Mielke spionierten.
Dank der Berichte dieser Spezies von Doppelagenten war die MfS-Hauptabteilung I ("Sicherung der NVA und Grenztruppen"), von der die Stasi-Spitzel im Mil-ND geführt wurden, stets bestens über Interna informiert.
Die Einschätzungen fielen, womöglich schon aus Konkurrenzneid, bisweilen miserabel aus. Bei der operativen Aufklärung, so ein MfS-Bericht vom August 1958, gehe der Mil-ND "oft so unqualifiziert" vor, daß für die DDR politischer Schaden zu befürchten sei. Die größte Schwäche liege in der "Leitung selbst begründet".
Am Ende aber konnten sich die Militärspione bei der Stasi-Konkurrenz rächen. Als HVA-Mitarbeiter nach der Wende Anfang 1990 versuchten, bei den Militärs unterzuschlüpfen, erhielten sie eine Abfuhr. Der Mil-ND sei nicht so dumm gewesen, bekundete dessen letzter Chef Alfred Krause später, zum Schluß noch "das ganze Feuer auf die NVA zu ziehen".
Nun stehen die angeblichen Spionage-Deppen besser da als alle Agenten der einst legendären HVA. Die Ruheständler kassieren, im Gegensatz zu MfSlern, die maximal gut 800 Mark Monatsrente erhalten, standesgemäße Offizierspensionen. Die strafrechtliche Verfolgung läuft erst jetzt richtig an; doch der Bundeswehr-Verband bietet Rechtsschutz für die Gegner von einst.
Ihre früheren "Quellen", die Spione im Westen, sind weitgehend unentdeckt und "zu einem kleinen Teil", vermutet der Vizepräsident des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz, Peter Frisch, längst bei einer anderen Firma untergekommen: beim militärischen Spionagedienst (GRU) der ehemaligen Sowjetunion, der nach Frischs Angaben "fast unvermindert tätig ist".
Wenn das stimmt, adoptiert diese Organisation die eigenen Nachfahren. Denn wie das KGB (Komitee für Staatssicherheit) der UdSSR 1950 das MfS gezeugt hat, so rief zwei Jahre später der sowjetische Militärgeheimdienst den Mil-ND ins Leben.
Unter der Tarnbezeichnung "Allgemeine Abteilung" trainierten, von sowjetischen Fachleuten angeleitet, ostdeutsche Offiziere das Sammeln und Auswerten westlicher Militärinformationen. Als Deckadresse diente ihnen ein Gebäude in Berlin-Adlershof; es gehörte der Kasernierten Volkspolizei, der Vorläuferin der NVA.
Der erste Chef des Mil-ND war Karl Linke, Jahrgang 1900, ein Sowjetvertrauter aus der Zeit des Partisanenkampfes, der fließend Russisch sprach. Während Linkes fünfjähriger Amtszeit zog der Dienst nach Berlin-Mitte um, in die Behrenstraße 42-45. Und der Mil-ND wurde, zwecks Täuschung, umbenannt in "Verwaltung 19".
Auch intern predigte Linke stets "strikte Wahrung der revolutionären Wachsamkeit". Seine Untergebenen durften nicht einmal Papierschnipsel liegenlassen und mußten sogar am Telefon stets Decknamen verwenden.
Linke selber aber nahm die eigenen Gebote nicht gar so genau - und stolperte über seine Hausgehilfin mit dem milieugerechten Namen Martha.
Anfang Juli 1957 findet der Meisterspion einen prall gefüllten, unfrankierten Briefumschlag auf seinem Schreibtisch daheim im sowjetischen Sperrgebiet Berlin-Karlshorst. Inhalt: Kopien von dienstlichen Aufzeichnungen; ein westdeutscher Paß mit seinem Bild und falschen Personalien; 10 000 D-Mark und dazu ein freundliches Anschreiben mit allen guten Wünschen zum "Start in ein besseres Leben".
Linke, entsetzt über den Verrat und die offene Aufforderung zur Flucht, offenbart sich dem MfS. Das entdeckt sogar Wanzen in Linkes Haus. Nur Martha, angeblich auf Kurzurlaub, bleibt verschwunden; die Perle hat sich abgesetzt. Sie war Agentin des amerikanischen Geheimdienstes CIA.
Sein Nachfolger, Oberst Willy Sägebrecht (Jahrgang 1904), hält sich gerade anderthalb Jahre im Amt. Der schlichte Parteifunktionär, seit 1950 Mitglied im Zentralkomitee der SED, stürzt über seinen Vize, Oberstleutnant Siegfried Dombrowski.
Auch Sägebrecht organisiert zunächst einen Umzug, an den Stadtrand nach Grünau, Regattastraße 25-29. Und der Dienst erhält abermals ein anderes Etikett: "Verwaltung für Koordinierung". Doch Sägebrechts Karriere endet abrupt zur Jahreswende 1958/59, nachdem Dombrowski in den Westen übergelaufen ist. Erich Honecker persönlich untersucht im Auftrag des Ersten Sekretärs der SED, Walter Ulbricht, den Skandal in der Regattastraße.
Im Februar 1959 übernimmt Oberst Arthur Franke, damals 49, die Leitung des Mil-ND. Und Franke übersteht in dieser Funktion 16 Jahre bis zu seiner regulären Pensionierung 1975 im Range eines Generalleutnants.
Als erste Amtshandlung vollzieht auch Franke das Ritual seiner Vorgänger: Umzug, nun nach Berlin-Schöneweide in die Schnellerstraße 139; und Namensänderung, zunächst in "12. Verwaltung", dann in "Verwaltung Aufklärung".
Mit dem Parteisoldaten Franke an der Spitze, einem Mielke-Duzfreund seit gemeinsamen Straßenkämpfen in den dreißiger Jahren, verzeichnet der Mil-ND mehr Erfolge denn je. Top-Spione in der Bundesrepublik wie Dieter Haase (SPIEGEL 23 und 24/1976) und Egon Streffer (siehe Kasten Seite 54) sind für die DDR-Militärspionage aktiv. Mielke infiltriert einerseits den Mil-ND mit eigenen Spähern und hält andererseits auch dann noch seine Hand über den alten Kumpan Franke, als in dessen Verantwortungsbereich ein Doppelmord begangen wird.
Helmut Scheithauer, Leiter der Unterabteilung 12/2 beim Mil-ND, führte jahrelang zwei Studenten aus Nicaragua in München: Jose Kautz-Coronel, Deckname "Vergißmeinnicht", und Julio Torrentes-Avellan, Deckname "Primel". Deren Agentenlohn steckte er in die eigene Tasche.
Im Frühjahr 1962 wollen sich die Spitzel über den Betrug bei einem Vorgesetzten von Scheithauer beschweren. Der aber verabredet sich selber mit ihnen und fährt sie im Dienstwagen nahe der Autobahn Cottbus-Dresden in den Wald. Dort geleitet Scheithauer erst den einen, danach den anderen Studenten durch das Unterholz zu zwei bereits ausgehobenen Gruben. Der Offizier tötet beide durch Genickschuß und verscharrt die Leichen.
Erst fünf Jahre nach der Tat wird Scheithauer verhaftet und vor das Berliner Militärobergericht gestellt. Als sein Verteidiger tritt der bereits damals gut eingeführte Anwalt Wolfgang Vogel auf, später Honeckers Beauftragter für humanitäre Fälle im innerdeutschen Rechtsverkehr. Scheithauer wird zum Tode verurteilt.
Konsequenz für dessen Chef Franke: Mielke verpaßt ihm seinen eigenen Stabschef, Generalleutnant Alfred Scholz, als Fachbetreuer und heimlichen Aufpasser. Zudem muß der Chef des Mil-ND, nach Angaben eines Überläufers selbst MfS-Offizier im besonderen Einsatz, alle Sondervorkommnisse an Mielkes Stasi berichten.
Bei seiner Verabschiedung acht Jahre später erhält der Mielke-Spezi die höchste Auszeichnung der DDR, den Karl-Marx-Orden. Franke wird Präsident des Tauchsportclubs der DDR und darf sogar unter Klarnamen als Westreisekader ins Ausland fahren.
Als Nachfolger wird Stabsoffizier Oberst Theo Gregori, damals 45, zum Chef der "Verwaltung Aufklärung" ernannt. Der Obrist hat die DDR-Offiziersschule in Kochstedt bei Dessau, etliche sowjetische Militärakademien und die "Militär-Diplomatische Akademie" in Moskau absolviert, die Spionageschule der GRU.
Gregori, der umgehend zum General befördert wird, ist praktische Untergrundarbeit nicht fremd. Er hat sich, im Sonderauftrag des damaligen Verteidigungsministers Heinz Hoffmann, bei einem Spezialauftrag bewährt: bei der Ausbildung westdeutscher DKP-Mitglieder zu Partisanen (SPIEGEL 1/1990). Von seinem Vorgänger erbt Gregori auch einen Problemfall, der sich unter seiner Ägide 1979 zuspitzt.
Die alte Geschichte wirft bis heute düstere Schatten, vor allem auf den freidemokratischen Außenminister Klaus Kinkel. Denn der war von Anfang 1979 bis zum Herbst 1982 Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) in München-Pullach.
Während Kinkels Geheimdienstzeit wird von der Stasi der "Rote Admiral" geschnappt, wegen "Spionage im besonders schweren Fall" und geplanten "Grenzübertritts" zum Tode verurteilt und hingerichtet. Es handelt sich um den Ex-Fregattenkapitän und Abteilungsleiter im Mil-ND Winfried Baumann, zuständig für die Ausspähung der Bundeswehreinheiten im Nato-Bündnis, bis er 1970 geschaßt wurde.
Baumann dient sich dem BND an. Der westdeutsche Dienst geht auf das Angebot und das Risiko ein, den potentiellen Überläufer samt seiner Freundin, der Ärztin Christa-Karin Schumann, aus der DDR herauszuschleusen. Doch die Aktion mißlingt. Beide werden im Juni 1979 verhaftet.
Hat der BND unter seinem Präsidenten Kinkel den tödlichen Ausgang des Geheimdienstdramas mitzuverantworten? Jedenfalls haben die Pullacher Experten leichtfertig einen labilen Selbstanbieter ins Agentenmilieu verstrickt, der längst vom Suff gezeichnet, für Frauengeschichten anfällig und somit persönlich gefährdet war.
Ein Jahr nach der Verhaftung, am 9. Juli 1980, verurteilt der 1. Militärstrafsenat beim Obersten Gericht der DDR Baumann zum Tode. Auf dem MfS-internen "Prozeßbericht" vermerkt Mielke handschriftlich: "Nach Zustimmung" - das heißt: Von Honecker ergeht kein Gnadenerweis - "ist entsprechend des ergangenen Urteils der Vorgang abzuschließen."
Das geschieht acht Tage später in Leipzig: durch einen Schuß in Baumanns Hinterkopf.
Die Ärztin Schumann bekommt 15 Jahre wegen Militärspionage. Nach siebenjähriger Strafhaft wird sie, quasi als Gastgeschenk Honeckers vor seinem Staatsbesuch in der Bundesrepublik, gegen den KGB-Agenten Manfred Rotsch ausgetauscht; der hatte beim Rüstungskonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm spioniert.
Kinkels einstiger Gegenspieler Gregori übersteht die Affäre unbeschadet. Dennoch hat mittlerweile der Ruf des Generals gelitten, freilich aus anderen Gründen: weil er sich immer ungenierter aus knappem Volksvermögen in Devisen mit persönlichem Luxus versorgt.
Seine Villa in Karolinenhof, Peitzer Weg 10, beispielsweise hat er außerordentlich komfortabel ausgestattet. Später wird sie dem letzten Verteidigungsminister der DDR, dem Pfarrer und jetzigen CDU-Bundestagsabgeordneten Rainer Eppelmann, als Dienstwohnung zur Verfügung stehen.
"Napoleon" wird General Gregori im eigenen Hause wegen seines aufwendigen Lebens- und seines herrischen Führungsstils genannt. Mielke läßt sich ständig von seinem Vertrauten Johannes Pfotenhauer, genannt "Pfote", unterrichten, den er als IM und "Oberoffizier für Organisation und Beschaffung" im Mil-ND plaziert hat.
Im Herbst 1982 reicht es Mielke. Auf sein Betreiben wird der Chef der "Verwaltung Aufklärung" degradiert und abgelöst. Pfotenhauer überlebt den Skandal nicht: Er wird in seinem Haus in Mahlsdorf tot aufgefunden - erdrosselt mit dem Lederhalsband seiner geliebten Dänendogge "Hexe". Täter, natürlich, unbekannt.
Der letzte Boß des Mil-ND, der noch einmal umzieht, in einen Neubau nach Köpenick, Oberspreestraße 61, heißt Alfred Krause. Ein halbes Jahr nachdem General Krause, heute 62, die Führung übernommen hat, wird der Mil-ND in "Bereich Aufklärung" umgetauft und auch formal an das MfS angekoppelt. Stasi und Verteidigungsministerium treffen am 28. Mai 1983 eine "Grundsatzvereinbarung" über das "Zusammenwirken beider Ministerien auf dem Gebiet der Militäraufklärung".
Damit hat Mielke den Mil-ND fest in der Hand. Das MfS erhält mehr Rechte, der "Bereich Aufklärung" mehr Pflichten im Verbund. So unterliegt er beispielsweise einem regelrechten Informationszwang gegenüber Mielkes MfS, nicht aber umgekehrt.
Dieses Kommunikationssystem funktioniert unter MfS-Fuchtel und mit General Krauses Amtshilfe auf DDR-Seite etwa bis Januar 1990. Dann beginnt die Selbstauflösung, nachdem in Ost-Berlin bekannt wird, daß Stasi-Überläufer bereits etliche Ost-Spione bei Verfassungsschutz und BND verpfiffen haben.
In Köpenick werden, vorerst noch ohne förmliche Weisung, Panzerschränke geleert; zunächst landen streng geheime Dossiers über West-Agenten im Reißwolf. Erst zwei Tage vor der Volkskammerwahl im März 1990 verfügt die Armeeführung offiziell die Auflösung des Mil-ND.
Admiral Theodor Hoffmann, letzter Verteidigungsminister des SED-Regimes, weist die Spionagetruppe am 16. März mit Befehl 1206/90 an, "die illegale Arbeit der militärischen Aufklärung" bis Monatsschluß einzustellen und "alle personellen, materiellen und finanziellen Nachweise, Karteien, Akten oder sonstigen Unterlagen, die zur Aufdeckung von Personendaten führen können, bis zum 31. Juli 1990 zu vernichten".
Alle greifbaren Dokumente werden daraufhin verbrannt oder zerhäckselt. Und am 23. Mai 1990 meldet sich der Mil-ND per Kurzwelle endgültig ab.
Um acht Uhr abends geht über die Frequenz 3258 Kilohertz eine verschlüsselte Botschaft gen Westen. Doch statt der üblichen Zahlenkolonnen ist ein grölender Männerchor zu hören: "Alle meine Entchen schwimmen auf dem See. Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh'." Spione an Empfängern vernehmen die allerletzte Losung: "Köpfchen in das Wasser" - das ist der Befehl zum Abtauchen.
Vor etwaiger Enttarnung durch westdeutsche Fahnder glauben sich die Agenten so gut wie sicher. Alle Spuren würden verwischt, hatten ihre Ost-Berliner Führungsoffiziere schon vor dem Großen Zapfenstreich beteuert.
Viele militäreigene Aktenberge haben zum Beispiel in den Archiven des MfS in der Ost-Berliner Normannenstraße gelagert. Doch bereits Anfang Mai 1990 haben der damalige DDR-Verteidigungsminister Eppelmann und sein Kollege im Innenministerium, Peter-Michael Diestel (CDU), vereinbart, daß die Militärakten aus dem Stasi-Archiv ausgelagert werden können.
Eppelmann hat, nach Rücksprache mit Bonn, die mündliche Auflage erteilt, daß nur Dossiers über ostdeutsche Agenten im Westen vernichtet werden dürfen; Unterlagen über bundesdeutsche Spione in DDR-Diensten sollen weiterhin aufbewahrt werden.
An einem Freitag im August verladen NVA-Soldaten in der Normannenstraße rund 250 Kisten mit Akten auf sechs Lkw und schaffen sie in die Zentrale des Mil-ND nach Köpenick. Dort wird der Papierberg binnen zwei Wochen komplett vernichtet, ohne Rücksicht auf Eppelmanns Weisungen.
Zu spät bemerkt Eppelmann die Überrumpelungsaktion seiner Militärs. Erst am 14. September 1990 befiehlt er, die "Vernichtung von Akten und anderen Nachweismaterialien" mit "sofortiger Wirkung" einzustellen.
Diestel beschuldigt Eppelmann heute, für die Vernichtung verantwortlich zu sein: "Damit wurde die Enttarnung von hochrangigen Spionen unmöglich, die für Geld ihr Vaterland verraten haben."
Eppelmanns Verteidigung: "Wenn West-Akten vernichtet wurden, so ist gegen meinen Befehl verstoßen worden." Dem Chef des Mil-ND müsse er dann vorwerfen, daß der "meine Unwissenheit ausgenutzt" habe.
General a. D. Krause kann mit diesem Vorwurf leben; er hat nach eigenen Angaben die früher von ihm gehüteten Geheimnisse bereits "vergessen". Die Zahl seiner ehemaligen Kundschafter beziffert er mit "jetzt null".
Doch die Freude über den Sieg im letzten Papierkrieg, der die Agenten des Mil-ND schützen sollte, erhält nun einen Dämpfer.
Als Ermittler der Bundesanwaltschaft in diesem Jahr die Keller der Berliner Behörde zur Stasi-Aktenverwaltung nach Unterlagen über den Mil-ND durchsuchten, hatten die Beamten Glück. Sie fanden 73 vollständig erhaltene Meter Akten der MfS-Hauptabteilung I/2, von eben jener Stasi-Truppe, die Krauses Geheimdienst ständig überwacht hatte.
"Aus jeder Akte ziehen wir Hinweise auf Agenten, die sich noch sicher wähnen", sagt Generalbundesanwalt Alexander von Stahl: "Ein paar Monate noch, dann liegt hoffentlich das gesamte Agentennetz offen vor uns."

DER SPIEGEL 33/1992
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DER SPIEGEL 33/1992
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