10.08.1992

Aurikel auf der Hardthöhe

Der Verlust war schmerzlich, als Egon Streffer, 44, Mitarbeiter im Bundesverteidigungsministerium, im August 1989 starb. Der damalige Chef auf der Bonner Hardthöhe, Gerhard Stoltenberg (CDU), bekundete per Anzeige im örtlichen Generalanzeiger seine Anteilnahme.
Mit dem plötzlichen Tod Streffers, beklagte der Minister, verliere sein Ressort "einen pflichtgetreuen und beliebten Mitarbeiter". Die Bundeswehr werde ihm ein ehrendes Andenken bewahren.
Der Dank des Vaterlandes kam verfrüht. Das Pflichtgefühl des verschiedenen Dokumentenverwalters hatte durchaus zu wünschen übriggelassen.
Egon Streffer, der unscheinbare Angestellte, entpuppte sich postum als Spitzenagent der DDR. Er war angeleitet worden vom Spionagedienst der Nationalen Volksarmee (NVA), dem Militärischen Nachrichtendienst (Mil-ND).
Als dessen Kundschafter schleppte Streffer rund 20 Jahre lang aus der Geheimschutzabteilung des Bundeswehr-Planungsstabes gleich kiloweise Material. Seine Lieferungen reichten von streng geheimen Studien über Waffensysteme bis hin zu Notizen aus Ministergesprächen.
Ehemalige DDR-Offiziere haben den Spion erst im vergangenen Jahr enttarnt. Vor den Ermittlungsbeamten tat sich ein Abgrund von Landesverrat auf.
Streffer, vermutet jetzt Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, sei unter dem Decknamen "Aurikel" zeitweise "die Hauptquelle" des Mil-ND "auf dem Gebiet der Militärpolitik und zu Fragen der militärstrategischen Konzeption der Bundeswehrführung" gewesen.
Bis zu seinem Tod hätten ihn seine Ost-Berliner Führungsoffiziere als "Spitzenvorgang" eingestuft. Streffers Berichte seien regelmäßig als "sehr wertvoll" eingestuft worden. Der Lohn des Agenten: gut 110 000 West-Mark und die "Verdienstmedaille der NVA in Gold".
Der Posten im Planungsstab des Verteidigungsministeriums, um den sich der 1969 angeworbene Streffer Ende 1970 weisungsgemäß beworben hatte, war ideal gewählt. Denn über die Tische dieses Leitungsgremiums laufen nahezu alle wichtigen Ministervorlagen, Strategiepapiere und Auswertungen der Bundeswehr. Die Kontrolle der Mitarbeiter war offensichtlich überaus lax. Streffer durfte schon wenige Monate nach seinem Dienstantritt mit Verschlußsachen bis zu den Sicherheitsgraden "Streng geheim / Nato-secret / US-top secret" umgehen; er brauchte nur noch zuzugreifen.
"Aurikel", nach dem lateinischen "Öhrchen" Bezeichnung für ein Primelgewächs, hatte in seinem abgelegenen Einzelzimmer in einem Nebengebäude des Hauptstabes nicht nur ungehinderten Zugang zu solchen Dokumenten. Er besaß praktisch auch freien Ausgang. Meistens nutzte er die Mittagspause, um heiße Papiere nach draußen zu schaffen.
Dann stopfte er sich ein Päckchen unter sein Hemd und spazierte los. Beim Verlassen des Hardthöhen-Geländes mußte er keine Leibesvisitation befürchten.
In der Wohnung eines Kontaktmannes vom Mil-ND mit dem Decknamen "Asriel" wurden die Papiere mit einer Minox-Kleinbildkamera abfotografiert. Später gelangten die Mikrofilme per Kurier nach Ost-Berlin.
Ein Verbindungsmann übernahm die Filme bei Treffs nach immer demselben, filmreifen Ritual: Beim ersten Sichtkontakt zündete sich "Asriel" eine Zigarette an; es war das Zeichen dafür, daß die Luft rein sei.
Danach trafen sich die beiden in einer Gaststätte und tauschten dort unauffällig ihre gleichaussehenden Geldbörsen. Im Geheimfach des einen Portemonnaies steckte das Filmmaterial, im Geldscheinfach des anderen das Bare, bis zu 8000 Mark.
Der Verbindungsmann "Asriel", ebenfalls Bundesbürger, war auch für den Kontakt zu den Auftraggebern zuständig. Mit einem präparierten Kofferradio der Marke Panasonic fing er die chiffrierten Funksprüche der Führungsoffiziere im Osten auf und leitete deren Befehle und Spezialwünsche an Streffer weiter.
Seit Anfang der achtziger Jahre allerdings verfügte der Mil-ND nur noch über wenige "agenturische Quellen" vom Kaliber des Gespanns "Aurikel/Asriel". Die Hauptverwaltung Aufklärung, der Spionage-Apparat des Ministeriums für Staatssicherheit, dirigierte zunehmend die Kundschafter an der unsichtbaren Front.
Zum Schluß, so ein früherer Oberstleutnant des Mil-ND, sei sein Dienst manchmal schon "über eine Oma froh" gewesen, "die Bewegungen im Militärobjekt gegenüber beobachtet".

DER SPIEGEL 33/1992
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