17.08.1992

Dirigent der Stühle

Auf dem Boden liegen 20 Tüten mit Kartoffelchips, die als Knister-Instrumente dienen, ein Alphorn blockiert den Gehweg in der Mitte des Probenraumes, Dutzende halbleer getrunkener Sprudelflaschen stehen neben 100 Stuhlbeinen, und das Parkett ist übersät von Partitur-Blättern.
Frank Zappa, 51, kalifornischer Multimediakünstler und Querdenker, der schon in den sechziger Jahren seine Popmusik-Parodien "musikalische Müll-Skulpturen" nannte, hat für die Frankfurt-Feste komponiert: Am 17. September wird in der Alten Oper unter dem schwülstigen Motto "Auf der Suche - Fallende Grenzen, Grenzfälle" Zappas erste Orchester-Suite "The Yellow Shark" uraufgeführt. Das Werk könnte als neuerlicher Zappa-Witz zur Musikgeschichte verstanden werden - wenn ihn nicht ausgerechnet das Ensemble Modern miterzählen würde.
Diese 20 Kammermusik-Solisten werden seit etlichen Jahren als eine Art Supergruppe der Neuen Musik gehandelt. Boulez, Lachenmann, Ligeti, Stockhausen und andere moderne Komponisten sind auf die Frankfurter Truppe geradezu abonniert.
Und nun Zappa. Er erscheint zu den Proben wie ein Fossil aus 68er Tagen: In Bermuda-Shorts, T-Shirt, Turnschuhen und mit einfachem Gummiband als Haarspange für die noch immer lange Mähne beaufsichtigt er die Arbeit an seinem esoterischen Opus.
Nonchalant vollführt er den musikalischen Spagat: "Es gibt Plattenschränke voller zeitgenössischer E-Musik", behauptet Zappa, "die einfach lächerlich ist. Und es gibt eine Menge Rock'n' Roll, der sich so ernst nimmt, daß er lächerlich wird." Der gelbe Hai wird irgendwo dazwischen aufkreuzen.
Zappa schreibt seit seinem 15. Lebensjahr Partituren - oft ein Greuel für jene Musiker, die dann nach seinen Vorgaben umsetzen mußten, "was ich selbst nicht spielen konnte". Den ersten Rock-Song hat er mit 20 verfaßt, "davor war alles Kammermusik".
Die Band "Mothers of Invention", mit der der Sohn sizilianischer Einwanderer berühmt wurde, galt Ende der sechziger Jahre als radikalste Rock-Gruppe, provozierte mit obszönen Bühnenshows und marschierte an der Spitze des sogenannten Underground. Häufiger Boykott durch US-Rundfunksender und der Verzicht auf Hitparaden-Musik machten "Mother"-Vater Zappa zum heldenhaften Agent provocateur der Pop-Kultur. Zu den Reliquien vieler Wohngemeinschaften zählt bis heute jenes Poster, das den langhaarigen, damals spindeldürren Außenseiter beim Verrichten der Notdurft zeigt.
Seit zwei Jahrzehnten wohnt er mit Frau und vier Kindern im Laurel Canyon bei Hollywood. Im Keller des Anwesens ist ein Tonstudio installiert, in dem sämtliche Zappa-Kompositionen eingespielt werden. Die Vermarktung des Gesamtkunstwerkes Frank Zappa überwacht Ehefrau Gail, die alle kaufmännischen Interessen wahrnimmt.
Mit "The Yellow Shark" wird Zappa seine Fangemeinde, die an scharfe Richtungswechsel gewöhnt ist, vermutlich ein weiteres Mal düpieren. Das Spektakel könnte mit seinen teilweise puristisch anmutenden E-Musik-Inhalten, etwa dem Streichquintett "None of the Above" in Schönbergs Zwölfton-Tradition der Zweiten Wiener Schule, nach mehr als 50 Zappa-LPs sogar für hartgesottene Jünger des Guten zuviel sein.
Eine Light-Show, unterhalb der Instrumente plaziert, soll vom Boden aus "lustige Winkel" in die Alte Oper projizieren, "ganz anders als bei einer Rock-Show", sagt der englische Regisseur Brian Michaels. Zappa will lediglich zweimal auf der Bühne erscheinen und dabei auch "das Stühlerücken dirigieren", das dem kanadischen Top-Tanztheater LaLaLa Human Steps den nötigen Platz auf den Brettern schafft.
Nur zwei Rezitationen sind vorgesehen. Vorgetragen werden der "Struwwelpeter" und "Welcome to the United States", der Handzettel zum Fragebogen der US-Einwanderungsbehörde. Und Dirigent Peter Rundel wird mit einem original Mainzer Karnevals-Tusch von der Bühne gescheucht.
Solch schräge Töne und die skurrile Inszenierung halten Sponsoren nicht ab, in die sieben Aufführungen (nach Frankfurt auch noch in Berlin und Wien) zu investieren. Wegen des "Perspektivenreichtums" läßt Siemens rund 100 000 Mark springen; BMW stellt mit einem gesellschaftsfähigen grauen Siebener das passende Gefährt für den Gesellschaftskritiker Zappa.
Ironie und kritische Hiebe bestimmen auch die womöglich letzte größere Sound-Collage des an Krebs erkrankten Komponisten. Eine Nummer namens "Times Beach" erinnert an einen amerikanischen Dioxin-Skandal aus dem Jahre 1983; der "G-Spot Tornado" bringt den vaginalen Orgasmus auf den Punkt. Der Titel "Yellow Shark" geht auf einen anonymen Fan zurück, der eine aus einem gelben Surfbrett geschnitzte Fischskulptur vor Zappas Haustür als Geschenk ablud.
Seit Jahren komponiert Zappa auf einem Synclavier, das Töne harmonisieren und verfärben, Glissandi türken und polyrhythmische Metren unterlegen kann. Bei Bedarf druckt ein Hilfscomputer die fertige Partitur aus. Die Noten zu "Yellow Shark" hat Zappa seit letztem Sommer aus seiner Eremitage nach Frankfurt hinübergefaxt.
Zum Konzept gehört die Provokation der Musiker: Zappa will wissen, "ob das Ensemble Modern handwerklich in der Lage ist, live Musik zu spielen, deren Vorführung man normalerweise nur einer Maschine zutraut".

DER SPIEGEL 34/1992
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