17.08.1992

GESTORBEN John Cage

79. Mit Kuhglocken läutete, auf Kochtöpfen trommelte er in der Musikszene stets die neueste Neuzeit ein: Neben diesem anarchischen Avantgardisten verblaßte die übrige Zunft immer als postmodern. Lange vor Fluxus und Happening komponierte der aus Los Angeles stammende Sohn eines technischen Erfinders Stücke für Plattenspieler und Maschinengewehr, präparierte Konzertflügel mit Gummibändern und Kupfermünzen und ließ Geigensaiten der Länge nach bestreichen. Diesem Schlitzohr konnte nie genug gegen den Strich gehen. Den Solopart eines Klavierkonzerts notierte er auf 63 losen Blättern, in jeder beliebigen Reihenfolge spielbar. Für seinen Musiktheater-Zwilling "Europeras 1 & 2" verhackstückte der Opernmuffel Ohrwürmer aus 64 Opern und 101 synchron abgespielten Opernaufnahmen zu einem kakophonischen Kompott voll gescheitem Ulk. In dem Opus 4'33'' ließ er die Ausführenden die ganze Zeit über stumm vor ihren Instrumenten sitzen und machte so aus Stille Musik. "Ich habe einen Horror davor, als Idiot betrachtet zu werden", klagte, nicht ohne Koketterie, der Extremist, den Paul Hindemith als "Frevler der Kunst" abgelehnt und dem der Lehrer Arnold Schönberg sogar "mangelndes Gefühl für die Harmonie" vorgeworfen hatte. Doch der Tonsetzer Cage, der so gern und gut Tonsetzer spielte, wollte als "ernsthafter Mensch" verstanden werden, und er war klug und die Güte selbst. Ob er über James Joyce dozierte, als Zen-Buddhist aus dem chinesischen Orakelbuch "I Ging" deutete oder als Anhänger makrobiotischer Ernährung Alfalfa-Sprossen oder Wakame-Algen pries - immer sprach er wie ein kalifornischer Sarastro und kicherte dazu wie ein altes Kräuterweib. Auch sein Finale sah er scherzando: "Nehmen wir an, ich sterbe. Dennoch werde ich als Lebensraum für kleinere Tiere fortleben. Es wird mich einfach immer geben." John Cage starb am vergangenen Mittwoch, gut drei Wochen vor seinem 80. Geburtstag und entsprechenden weltweiten Ehrungen, in New York an den Folgen eines Schlaganfalls.

DER SPIEGEL 34/1992
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