20.06.1994

Biographien

Tragische Lebensgier

Eine Biographie beschreibt erstmals detailliert das wilde, traurige Leben des Musikgenies Leonard Bernstein.

Der Maestro war Feuer und Flamme. "Jamie, du würdest ihn lieben", schwärmte Leonard Bernstein 1973 seiner Tochter über den damals 28jährigen Pianisten Justus Frantz vor, "er ist so süß, er ist so schön, er ist so lustig, er ist so gewandt, du mußt ihn dir ansehen." Tochter Jamie wußte sofort, was wieder Sache war: Ihr leicht erregbarer Vater "hatte sich verliebt".

Doch einige Zeit später kam alles anders: Nun verfiel Jamie dem Charme des teutonischen Klavierspielers, und es begann, wie sie sich gern erinnert, eine "große Affäre, in deren Verlauf Justus hoch und heilig abstritt, je eine intime Beziehung mit meinem Vater gehabt zu haben". Jamies bitteres Fazit: "Und so haben alle mir gegenüber immer alles abgestritten."

Die kleine Beichte, eine unter vielen, findet sich in "Leonard Bernstein", der neuen Biographie* des Briten _(* Humphrey Burton: "Leonard Bernstein". ) _(Faber & Faber, London; 596 Seiten; 20 ) _(Pfund. ) Humphrey Burton, die jetzt zeitgleich in Großbritannien und den USA herauskam. Minuziös und ohne Häme bietet Burton außer Klatsch und Tratsch unendlich viele Fakten über den amerikanischen Pianisten, Komponisten und Dirigenten. Die dramatischen Konflikte dieses einzigartigen Lebens kommen dabei allerdings zu kurz.

Das Magazin New York greift da, im Frantz-Falle, beherzter zu. In einer Besprechung des Bernstein-Buches stellt die Zeitschrift die Beziehung zwischen dem Dirigenten und seinem deutschen Freund als handfeste Liaison dar.

Das möchte der Smiley des schleswigholsteinischen Musikfestivals nicht auf sich sitzen lassen. Frantz will, über seinen Hamburger Anwalt, der Zeitschrift per Unterlassungsklage verbieten lassen, die anstößige Behauptung je zu wiederholen. "Schließlich könnten andere Zeitungen", sorgt sich der Advokat, "den Unsinn ungeprüft nachdrucken."

Doch Burtons Biographie ist seriöser, als der Wirbel um die Frantz-Episode vermuten läßt. Der Autor, Regisseur von Musik-Dokumentationen, hat das umfangreiche Archiv der Bernstein-Familie penibel ausgewertet und daraus ein tragisches Heldenleben rekonstruiert: der Künstler im lebenslangen Kampf mit unlösbaren Konflikten.

Der Musiker schwankte stets zwischen dem Dirigieren und dem Komponieren. Er genoß zwar den Welterfolg seiner Musicals wie der "West Side Story", litt aber schmerzlich darunter, als seriöser Tonsetzer, etwa mit seinen drei Sinfonien, den Opern ("A Quiet Place") und sakralen Werken, nicht annähernd so populär zu sein. Der Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine fühlte sich der strengen religiösen Tradition verbunden und floh immer wieder aus der Enge dieser Welt. Bernsteins allumfassendes Sendungsbewußtsein, sein Drang, die Menschheit mit Gaben zu umschlingen, machten ihn zu einer Art mondialem Musik-Rabbi, zum Spezialisten fürs Ganze und Gute.

So setzte er sich früh für die Schwarzenbewegung ein, agitierte gegen Atomwaffen, stritt für Abrüstung und gehörte zu den ersten, die Benefiz-Konzerte für Aids-Opfer gaben.

Bernsteins messianisches Selbstbewußtsein kannte keine Grenzen. Als bei einer Einladung ins Weiße Haus John F. Kennedy den Musiker in seine Privaträume bat, okkupierte Bernstein sofort den Lieblings-Schaukelstuhl des Präsidenten und erklärte seinem Gastgeber, wie das Land denn nun am besten zu regieren sei - und der hörte geduldig zu.

Anekdoten dieser Art, so Autor Burton, können nicht Bernsteins unlösbares Dilemma kaschieren: "Es war seine Tragödie, daß er, gerade weil er mit so vielen Talenten gesegnet war, immer einen Teil seines Selbst zugunsten eines anderen Teils vernachlässigen mußte." Der Preis für Bernsteins beispiellose Karriere: Phasen von Hochgefühl und exzessiver Lebensgier wechselten ab mit Zeiten tiefer Depression und Angst vor dem künstlerischen Versagen. Bernstein rauchte bis zu 100 Zigaretten am Tag, schluckte flaschenweise Ballantine''s Scotch und betäubte sich mit Schmerz- und Aufputschpillen.

Mit sympathischer Offenheit erklärte er 1986 den tragischen Mechanismus seiner destruktiven Lebensgier: "Als ich Mitte 20 war, wurde bei mir ein Lungenemphysem diagnostiziert. Mit 35 würde ich tot sein, hieß es. Dann haben sie gesagt, ich würde mit 45 sterben. Dann mit 55. Doch ich kriege das schon hin. Ich rauche. Ich trinke. Ich bleibe nächtelang auf. Ich vögle rum. Ich habe eben an allen Fronten genug zu tun."

Der unbekümmerte Ton täuscht. In Wirklichkeit litt Bernstein darunter, nie genug zu leisten. Schuldgefühle trieben ihn an. Auf dem Konzertpodium spielte der Starkstrom-Eklektiker dennoch den barocken Bonvivant. Er tanzte die Partituren seinen Musikern vor, wühlte in Gefühlen und kreierte den berühmten "Lenny leap", den punktgenauen, beidbeinigen Hupfer, wenn es in der Partitur mal wieder molto agitato zuging.

Nach solchen Exaltationen herzte und küßte der Taktstabhochspringer wahllos Solisten, Orchestermusiker und Bewunderer. Seine Kuß-Lust trug ihm 1973, kurz vor einer Privataudienz bei Papst Paul VI. im Vatikan, das scheinheilige Telegramm eines Freundes ein: "Denk dran: den Ring, nicht die Lippen."

Der auch erotisch schwankende Bernstein trug seinen schwersten Kampf jedoch mit seinem "automatischen kleinen Dämon" aus - seiner Homosexualität. 1951 heiratete er die chilenische Schauspielerin Felicia Montealegre Cohn. Vor dem entscheidenden Schritt prüfte Bernstein seine sexuelle Orientierung noch einmal im Feldversuch.

Seiner Schwester Shirley beschrieb er in einem Brief, wie er während einer Tournee in Israel am Strand "einem schockierend schönen jemenitischen Jungen" begegnete und sich vorstellte, ob er ihm, mit Felicia an seiner Seite, würde widerstehen können. Das Ergebnis: "Test bestanden."

Dennoch betrog Bernstein seine Frau wiederholt mit jungen Männern. Zur Katastrophe kam es aber erst 1976, als der Dirigent immer mehr Zeit mit dem Studenten Thomas Cothran verbrachte. Felicia stellte ein Ultimatum. Bernstein entschied sich für den Jüngling. Bald berichteten Klatschreporter über Trennungsgerüchte.

In einem typischen Anfall von Bekennermut machte Bernstein seine Entscheidung öffentlich. Vor einer Aufführung der 14. Sinfonie von Schostakowitsch hielt der Dirigent eine Ansprache: "Als ich dieses Werk einstudierte, erkannte ich, daß ein Künstler, wenn der Tod sich nähert, alles eliminieren muß, was ihn daran hindert, in völliger Freiheit kreativ zu sein. Ich habe das für mich selbst auch so beschlossen, damit ich den Rest meines Lebens so leben kann, wie ich es möchte."

Bernstein bereute sein kaum verschlüsseltes Coming-out, als bei Felicia Krebs diagnostiziert wurde. Der Musiker kehrte schuldbewußt zu seiner Frau zurück und blieb bei ihr bis zu ihrem Tod 1978.

Einem seiner letzten Liebhaber gestand Bernstein, er habe Felicia "mehr geliebt als mich selbst". Er war davon überzeugt, für ihren Tod verantwortlich zu sein, weil er sie für einen Mann verraten hatte.

In den zwölf Jahren bis zu seinem eigenen Tod konzertierte Bernstein rastlos in aller Welt und versuchte nebenbei, doch noch die große Holocaust-Oper zu schreiben, die er den Juden schuldig zu sein glaubte. Im privaten Umgang wurde er, so Tochter Jamie, "eine schier unerträgliche Nervensäge": unzufrieden, unglücklich und krank. Immer häufiger klagte Bernstein über Atembeschwerden und Schmerzen in der Brust.

Sein letztes Konzert dirigierte Bernstein am 19. August 1990 in Tanglewood, nahe Boston, wo er 50 Jahre zuvor auch zum erstenmal öffentlich dirigiert hatte. Im dritten Satz von Beethovens 7. Sinfonie wurde er von einem Hustenkrampf geschüttelt. Bis er wieder zu Atem kam, dirigierte er die Bostoner Symphoniker nur noch mit den Augen, den Knien und den Schultern.

Zum Sterben zog sich Bernstein in sein Appartement am New Yorker Central Park zurück. Seine größte Angst, so gestand er seinem letzten Lover, war es, nicht als Komponist, sondern nur als Dirigent in Erinnerung zu bleiben.

Als Leonard Bernstein am 14. Oktober 1990 72jährig starb, legten seine Freunde außer einem Taktstock und einem Stückchen Bernstein jedoch nicht die Noten eines seiner eigenen Werke mit in den Sarg, sondern die Partitur von Mahlers 5. Sinfonie - Musik, deren heillose Zerrissenheit und Weltschmerz niemand eindrucksvoller interpretiert hat als Leonard Bernstein. Y

* Humphrey Burton: "Leonard Bernstein". Faber & Faber, London; 596 Seiten; 20 Pfund.

DER SPIEGEL 25/1994
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