26.07.1993

Sex für den Frieden

Kann eine Triebrichtung, die auf Nichtfortpflanzung hinausläuft, erblich sein? Einen Teil dieses Rätsels mag der Genfund des US-Forschers Dean Hamer aufgelöst haben: Die Anlage zur männlichen Homosexualität, behauptet er, wird mit dem Erbgut der Mutter weitergegeben. Das entsprechende Gen kann demnach auch an die Schwestern von Schwulen vererbt werden und pflanzt sich so in die weiteren Generationen fort.
Zu einer besonders plausiblen Strategie im Verdrängungswettbewerb der Evolution wird homosexuelles Verhalten damit trotzdem nicht. Um das scheinbar paradoxe Verhalten zu verstehen, spürte der Göttinger Anthropologe Volker Sommer Beispielen von Homosexualität im Tierreich nach und versuchte dort die Neigung zum eigenen Geschlecht zu erklären.
Bei niederen Tieren fiel das nicht schwer: Der Wurm Moniliformis dubius kopuliert mit seinen Geschlechtsgenossen und plombiert dabei deren Genital - Homo-Sex zur Ausschaltung von Nebenbuhlern.
Die Wanze Xylocaris maculipennis injiziert ihren Samen in den Samenleiter des gleichgeschlechtlichen Gespielen, auf daß dieser ihn, wenn er das nächstemal ein Weibchen begattet, weitertransportieren möge. Der Konkurrent im Kampf um die Verbreitung von Genen wird so zum Alliierten umgespritzt.
Schon schwieriger ist es, lesbische Möwenpaare zu verstehen, die sich umbalzen, gemeinsam brüten und Junge aufziehen. Nur seltenen Momenten von Untreue mit Möwenmännchen ist es zu danken, daß wenigstens einige ihrer Eier befruchtet werden. Die lesbische Möwenliebe scheint eine Strategie in Notzeiten von Männchenmangel zu sein.
Besonders ausgiebig frönen die Affen der gleichgeschlechtlichen Liebe. Am sexversessensten sind die Bonobos, enge Verwandte der Schimpansen, die im zentralafrikanischen Dschungel das Leben sinnenfroher Kommunen führen.
Der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal hat von Ästen herabbaumelnde Bonobo-Männchen beim "Penisfechten" und eng umschlungene Weibchen beim "Genitalrubbeln" oder bei - von lustvollen Quietschlauten begleiteter - Masturbation beobachtet.
Sex für den Frieden: Auf diese Formel bringt der Affenforscher de Waal den möglichen Nutzen dieser Zügellosigkeit. Sex sei bei den Bonobos eine Art Gruppenkitt, drohenden Konflikten beugen sie oft schon im voraus durch sexuelle Befriedung vor.
Könnte beim Menschen Sex eine ähnliche Funktion haben? "Sex", so de Waal, "wirkt wie eine gewaltige Energieverschwendung." Tag für Tag oder doch Woche für Woche Sex, und das nur, um zwei, drei Kinder im Leben zu machen? Nein, sagt der Forscher, Sex sei auch beim Menschen nicht als bloßes Mittel zur Fortpflanzung zu erklären.
"Möglicherweise", spekuliert der Kieler Sexualforscher Hartmut Bosinski, "hat auch die Fähigkeit zu homosexuellen Beziehungen eine wichtige soziale Funktion."
Als eines der Indizien für diese Hypothese wird die Tatsache gewertet, daß bei vielen Völkern homosexuelle Beziehungen für junge Männer ein wichtiger, oft streng ritualisierter Teil der Mannwerdung sind.
Beim Volk der Sambia in Neuguinea etwa muß ein Junge erst genug Sperma geschluckt haben, ehe er zum vollwertigen Krieger wird.

DER SPIEGEL 30/1993
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