09.08.1993

BiographienKlassisches Dreieck

Sartre ließ sich von Simone de Beauvoir Mädchen zuführen - eine Sartre-Geliebte erinnert sich.
Nachdem der Philosoph sich freigemacht hatte, schritt er zum Waschbecken und "hob jeweils einen Fuß ins Bassin". Also gereinigt, bestand er auf offenen Vorhängen und sprach zur Geliebten: "Was wir beide jetzt tun werden, hat in vollem Licht zu geschehen."
Ein halbes Jahrhundert nach dem Akt schildern nun die "Memoiren eines verwirrten Mädchens"*, wie es zuging, als Jean-Paul Sartre, 34, über Bianca, 17, kam: Er gab einen "miserablen Liebhaber" ab, und bei ihr "stellte sich Frigidität ein, die während unserer ganzen Beziehung bestehenbleiben sollte".
Bianca Lamblin, damals (1939) noch Bianca Bienenfeld, war nur wenige Monate lang die Geliebte des aufstrebenden Philosophen. Was sie jetzt, nach langem Schweigen, aus jener Zeit berichtete, ist so noch nicht ans volle Licht geraten; Vorhang auf.
Vorhang auf zu einer Farce, in der Infamie und Lächerlichkeit grassieren und das populärste Paar der jüngeren Literatur, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, ziemlich windige Rollen spielt; und in der die Dritte im Bunde, Bianca, im Schlußbild seufzt: "Sartre und Simone haben mir im Grunde nur weh getan."
Bianca Bienenfeld, eine in Polen geborene Jüdin, heute Philosophielehrerin im Ruhestand, war in Frankreich aufgewachsen und hatte an ihrem Gymnasium in Paris eine bedeutende Philosophie-Lehrerin: Simone de Beauvoir. Bei Reisen übers Land kamen sich die beiden sehr nahe. "Die Keuschheit verlor ihre Wichtigkeit", schreibt Bianca, "auch verlor ich meine Vorurteile gegenüber den Homosexuellen."
Es war nur das Vorspiel. Denn Bianca stellte bald fest, "daß Simone de Beauvoir ihre Mädchenklassen nach frischem Fleisch abgraste, das sie kostete, ehe sie es weiterreichte, oder sollte ich es noch härter sagen - bei Sartre ablud".
So kam es, daß die Schülerin Bianca in ein Beziehungsnetz geriet, das sich ihr erst viel später als Falle erschloß. "Als diese Konstruktion zerbrach", schreibt sie, "zerbrach auch ich."
Die Konstruktion empfand Bianca zunächst, ganz freudianisch, als "klassisches familiäres Dreieck", nämlich: "Ich war in Sartre verliebt, auf den ich meine Gefühle für meinen Vater projizierte." Und Simone war Mutterersatz: als Empfängerin kindlicher Zuneigung und Rivalin um die Vatergunst.
Solide an diesem Dreieck war freilich nur die Achse Sartre-Beauvoir. Beide hatten sich völlige Freiheit gestattet; sie führten, nach eigener Formulierung, eine "morganatische Ehe" und hatten geschworen, einander alles zu sagen; ein "Trick" Sartres, schreibt Bianca.
Sartre habe den Dreh erfunden, "um seinen Eroberungsbedarf zu befriedigen, und Simone war gezwungen, ihn zu akzeptieren". Bianca war nur eine Karte in einem komplizierten Spiel.
Hinter dem hehren Wort von der morganatischen Ehe entdeckte Bianca bald eine banale Tatsache: Sartre sah in seiner Lebenspartnerin in erster Linie eine Mutter, Schwester und Komplizin, kaum eine Geliebte. Die sexuelle Phase ihrer Beziehung war schnell vergangen; Sartre, gestand Simone der jungen Bianca, sei "der häßlichste und schmutzigste" ihrer Verehrer gewesen.
Freilich: "Aber von allen am freundlichsten und überaus intelligent". Auch Bianca war "sehr angetan von seinem Charme, seinem Esprit, seiner Intelligenz", besonders von seinem "Goldmund". Bianca: "Sein Körper diente ihm nur dazu, diesen Mund zu tragen, der gleichermaßen Wahrheiten, Schmeicheleien und Lügen von sich gab."
Als der Goldmund, scheinbar ohne Grund, ihr die Liebe aufkündigte, flüchtete sich Bianca sofort in die Arme von Simone de Beauvoir; sie war "absolut davon überzeugt, daß Simone mit Sartres Verhalten mir gegenüber nicht das Geringste zu tun hatte". Holder Wahn.
Erst als, nach dem Tod der Beauvoir, deren Briefe an Sartre veröffentlicht wurden, bekam Bianca Einblick in die Mechanik hinter den Kulissen und damit den Anstoß, ihre Memoiren zu schreiben; in den Beauvoir-Briefen erscheint sie unter dem Tarnnamen Louise Védrine.
Simone war es, schreibt Bianca, "die von mir ein negatives Bild zeichnete, die Argumente zusammentrug und die Taktik des Bruchs festlegte". Tatsächlich hatte die Beauvoir ihren morganatischen Lebensgefährten aufgefordert: "Härte ist gefragt." Und später scheinheilig: "Eigentlich werfe ich Ihnen vor, Védrine ein wenig grob hingerichtet zu haben. Aber das ist nicht wichtig."
Und selbst vor antisemitischen Flegeleien schreckte die Menschheitsfreundin Beauvoir nicht zurück; Bianca, schrieb sie an Sartre, habe etwas "vom alten jüdischen Wucherer an sich, der aus Mitleid über den Klienten weint, den er zuvor in den Selbstmord getrieben hat".
Beim letzten Treffen mit Bianca sprach ihr Sartre milde zu: "Was mich tröstet, ist, daß Du damit schon fertig wirst." Es waren just die Worte, die Simone de Beauvoir ihm brieflich in den Mund gelegt hatte.
* Bianca Lamblin: "Mémoires d'une jeune fille dérangée". Éditions Balland, Paris; 208 Seiten; 98 Francs.

DER SPIEGEL 32/1993
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