DER SPIEGEL



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Haß in Dosen

Der Dichter Rainald Goetz und sein neuer Prosaband "Kronos"

Von Seidl, Claudius

An einem kühlen Winternachmittag, das Fest der Liebe stand bevor, wurde Goetz vom Haß gepackt und drehte völlig durch: Er hatte bloß darauf gewartet, daß ihm einer blöd kommen würde; er hatte die Schnauze voll von all den Idioten. Und als er dann in der U-Bahn stand und diese Burschen quatschten ihn von der Seite an, da zog er seine Smith & Wesson aus der Manteltasche, schoß die Trommel leer und ließ vier verwundete Teenager im Wagen liegen.

Das deutsche Feuilleton hatte heftig vor dem irren Goetz gewarnt. Einen "Radikalinski" nannte ihn das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt, einen "Maniker" der Wiener, und Die Woche sprach schaudernd vom "Schlitzer". Er holze und bolze, er pöble und prügle, war aus der Frankfurter Rundschau zu erfahren. Und Die Zeit vermutete, vor Jahren schon: Seine Tage "beginnen noch immer mit einer Schußwunde".

Das liest sich, als wäre der Mann zur Fahndung ausgeschrieben - doch anscheinend handelt es sich um ein Mißverständnis oder um Nachrede von ganz übler Art: Ein gewisser Bernhard Goetz, von Paranoia geplagt, schoß 1984 in der New Yorker Metro vier schwarze Jungen nieder und machte einen von ihnen zum Krüppel.

Ein gewisser Rainald Goetz schreibt seit 1982 in München seine Bücher, Storys, Theaterstücke und behauptet, mit Bernhard nicht identisch zu sein. Verdächtig bleibt er trotzdem: Wenn es um seine Werke geht, werden die Schreibmaschinen entsichert, und Kritiker verwandeln sich in Kriminaler.

Seit kurzem liegen neue Beweise vor, ein ganzer Band voller Prosa - und wer nebenher im Strafgesetzbuch blättert, der wird viel Belastendes finden. Goetz verherrlicht die Gewalt, wenn er den Mord an einem Kind beschreibt. Er beleidigt ein ausländisches Staatsoberhaupt, wenn er Ronald Reagan eine "imperialistische Politikercharaktermaske" nennt. Er gibt sich als Sympathisant der RAF zu erkennen, wenn er von Christian Klar in der ersten Person Singular spricht.

Vor allem aber macht er sich des schlimmsten Vergehens schuldig, welches in der Kommunikationsgesellschaft denkbar ist: Er schreibt oft so kompliziert, daß die Lektüre zu harter Arbeit wird*.

Erschwerend kommt hinzu: Der Mann hält sich versteckt. Er nimmt nicht teil an Talk-Shows und Podiumsdiskussionen, er meidet die Messen und Empfänge, und wer ein Interview begehrt, kriegt einen höflichen Absage-Brief oder wird, wie einst zwei Tempo-Reporter, nach Genf ins Hotel Beau-Rivage bestellt, wo sich der Dichter natürlich nicht blicken läßt. Und wenn ihm einer auflauert, in der Münchner Isarvorstadt zum Beispiel oder in Hamburg, Köln, New York, dann wird ihn das nicht weiterbringen: Rainald Goetz spricht niemals über Rainald Goetz. Der Mensch ist nicht zu fassen.

Die Ermittler sind also auf Indizien angewiesen, und nach den neuesten Untersuchungen, _(* Rainald Goetz: "Kronos". Suhrkamp ) _(Verlag, Frankfurt/Main; 403 Seiten; 18 ) _(Mark. ) die sich auf Hinweise aus Büchern und Stücken stützen, scheint folgendes vorläufig festzustehen: Der Verdächtige frequentiert Münchner Bars und Diskotheken, aber auch einschlägige Etablissements in Frankfurt, Berlin und auf Ibiza. Er hört Techno-Musik, trinkt viel Bier und findet das prima; und jeden Tag sieht er stundenlang fern. Seine Kleidung ist auffällig bunt, seine Haarfarbe wechselt häufig, sein Gemütszustand muß als labil bezeichnet werden.

Wenn er aber schreibt, dann wagt sich Goetz aus seiner Deckung, und die Entblößungen sind radikal: Selten war soviel Ich in der deutschen Literatur. Goetz ist der Held dieser Erzählungen. Goetz ist ihr Schauplatz, ihr Problem und ihre ganze Handlung. Goetz hat keine Grenzen mehr, er sagt ich zur Welt; er ist, in einer dieser Storys, Christian Klar; er ist, in einer anderen Geschichte, ein Attentäter mit dem Auftrag, Reagan zu ermorden; und als im Libanon mal wieder der Krieg ausbricht, da läuft er durch die Münchner Fußgängerzone und erklärt den Passanten: "Das habe ich nicht gewollt."

So stand es um den Dichter im Jahr 1982, und wie es weiterging, bis 1991, das ist in "Kronos" nachzulesen: Die Prosastücke heißen "Jahresberichte", sie wurden ursprünglich für Anthologien verfaßt, für die Zeitschrift Merkur oder das Musikmagazin Spex.

Und weil darin soviel von Goetz die Rede ist, von dessen Wut und Gewaltphantasien und verbalen Amokläufen - deshalb werden diese Texte gern als Selbstbezichtigungen eines geltungssüchtigen Schreibers gedeutet und so wörtlich genommen wie Wetter- oder Polizeibericht. Was dann so klingt, als ob die Wörter an den Dingen klebten wie Etiketten auf den Dosen: Wo Haß draufsteht, da muß auch Haß drin sein.

Je länger aber einer fahndet in diesen Texten, desto deutlicher werden die Hinweise darauf, daß "Ich" in "Kronos" nicht identisch ist mit Rainald Goetz, ja nicht einmal mit sich selber; daß er niemals von seinem Leben spricht, von der Liebe etwa oder von den Freunden, aber immerzu vom Fernsehen und der Zeitung und den Büchern und vom Rest der bunten Medienwelt; daß also dieses Ich viel eher Medium ist als handelnde Person; und daß der Autor hier mehr einem "Weltempfänger" (Goetz) gleicht als einem Amokläufer an der Schreibmaschine.

Er sagt nicht "ich" aus Größenwahn. Er benennt mit der ersten Person Singular, was ihm zu entschwinden droht. Er versucht schreibend, jene Grenze zu erkunden, wo das Terrain seiner Imagination endet und das Reich der Wirklichkeit beginnt. Und er kommt immer wieder zu dem Schluß, daß nicht einmal der Haß, die Verneinung, der absolute Widerspruch eine solche Grenze ziehen können: "Die Wörter müssen verrückt sein", heißt es einmal, was nicht bloß ein Kalauer, sondern auch ein Ausdruck der Verzweiflung ist.

Natürlich wehrt sich Goetz. Manchmal schreibt er Sätze, die sind so lang und kompliziert und rätselhaft, daß der Leser ihre Struktur erst einmal entschlüsseln muß wie einst im Lateinunterricht: So versteckt der Autor das Subjekt zwischen lauter Einschüben und Nebensätzen und hofft womöglich, daß es dort sicher sei.

Manchmal schreibt er einfach Klatsch, läßt die bekannten Namen in seine Prosa tropfen, verhöhnt Medienstars, Politiker und andere Wichtigtuer und betäubt seine Zweifel mit bösen Scherzen und Beleidigungen: Solange der Unterschied zwischen Rainald Goetz und, beispielsweise, Oskar Lafontaine nicht zu leugnen ist, so lange kann das literarische Subjekt nicht ganz verloren und verschwunden sein.

Doch selbst hinter solchen scheinbar schlichten Passagen bricht immer wieder diese Frage durch, an der sich Goetz seit Jahren abarbeitet und die das eigentliche Thema seines ganzen Buches ist: Wer denkt wirklich, wenn der Autor denkt, daß er denke? Wer diktiert seinem Hirn die Begriffe, wer wirft die Bilder auf die Leinwand seines Bewußtseins, wer läßt die Ideen wie Blitze in den Köpfen einschlagen?

Manchmal scheint es das allmächtige Fernsehen zu sein, manchmal der Lärm der anderen Medien und fast immer das allgemeine Grundrauschen einer Welt, deren Subjekte voneinander kaum zu unterscheiden sind und hemmungslos durcheinanderquatschen. Rainald Goetz aber gibt auf diese Fragen keine Antwort; das wäre ihm zu simpel.

"Mir hat geträumt", sagt man noch heute in Süddeutschland, wo sich ein Bewußtsein davon gehalten hat, daß der Träumer sich nicht als Autor seines Traums empfindet. "Mir hat gedacht" wäre ein gutes Motto für dieses Buch und manchmal auch: "Mir hat geschrieben."

Was durchaus kein Tadel ist und auch nicht heißen soll, daß Rainald Goetz ein verspäteter Anhänger jener surrealistischen Mode wäre, die "ecriture automatique" hieß und dem Schreiben jeden logischen Gehalt absprach. Bei Goetz geschieht das Gegenteil: Die Sprache selbst denkt nach in diesen Texten - und durch die Sprache jene Wirklichkeit, die aus immer weniger Tatsachen und immer mehr Zeichen und Symbolen besteht: Selten ist in einem deutschen Buch soviel Welt. Und selten findet einer diese Sprache, die den Rhythmus von Popmusik ebensogut kennt wie den Wortschatz von Kant oder Hegel.

In den frühen Berichten ist noch vom Schmerz die Rede, vom Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung gegenüber einer Realität, die nur noch durch die Medien erfahrbar und in ihren Echos begreifbar ist. Durch den neuesten Text aber schwingen Heiterkeit und Optimismus: "Hier kommt die Geschichte eines rundum glücklichen Jahres."

Goetz leidet nicht mehr am Wirklichkeitsverlust, er scheint ihn als seine einzige Chance zu begreifen: Wenn die Welt nur noch aus Zeichen besteht, dann kann sie einer auch mit Zeichen bekämpfen. Dann braucht er keine Smith & Wesson, dann braucht er nur großkalibrige Sätze zur richtigen Zeit.

Der Dichter weiß das, und er kennt die Wörter. Der Mann bleibt ein verdächtiges Subjekt. Claudius Seidl

* Rainald Goetz: "Kronos". Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main; 403 Seiten; 18 Mark.

DER SPIEGEL 33/1993
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