14.09.1992

„Das habt ihr verbrochen“

SPRECHER: Wie war dein Verhältnis zum ehemaligen Generalsekretär?
SCHABOWSKI: Es war nicht besonders eng . . . Ich hatte in den Jahren meiner Arbeit als Chefredakteur des Neuen Deutschland mehr Kontakt mit ihm, weil er sich allwöchentlich, also im Anschluß an die Politbürositzung, informierte oder uns beauftragte, wie die Zeitung auszusehen hat . . . Sonst hat das keine irgendwie gearteten Kontakte gegeben, weiß der Teufel, familiärer oder sonstiger Art oder verwandter Art . . .
SPRECHER: Warum kam es zu spät dazu, daß ihr zu der Erkenntnis gelangt seid, mit Honecker geht es nicht mehr?
SCHABOWSKI: Dafür gibt es sicherlich mehrere Gründe. Als einen wesentlichen würde ich anführen, daß einzelne diese Politik, die zu einem solchen Ausmaß von Distanzierung und Absage großer Teile der Bevölkerung geführt hat, also was den Sozialismus, was die DDR betrifft, immer stärker, schmerzlicher empfunden haben . . . Aber wir hatten im Politbüro keine solchen menschlichen Beziehungen, die es uns ermöglicht hätten, uns stärker und frühzeitiger einander zu offenbaren . . . In der letzten Phase hat es dann unter dem Druck der Ereignisse doch dazu geführt, daß man sich stärker offenbarte und anfing, sich über notwendige Konsequenzen zu verständigen . . .
Aber ich muß sagen, es war ein sehr mühseliger Prozeß bis dahin. Die Vorstellung von Parteidisziplin und von parteischädigendem Verhalten, von Gefährdung also der Gesamtpartei und so weiter, die haben uns zu schaffen gemacht.
SPRECHER: Wann ist dir klar geworden, daß die wirtschaftliche und politische Entwicklung, wie sie in der DDR verlaufen ist, zu einem Kollaps für die Gesellschaft führen mußte?
SCHABOWSKI: Also ich muß sagen, daß ich an die Möglichkeit eines Kollaps der Gesellschaft durch die ökonomische Situation deshalb nicht in dieser Konsequenz oder Schärfe geglaubt habe, weil auch ich der Illusion anhing, daß die Wirtschaft der DDR relativ gut dasteht. Das war auch ein Bremsfaktor, der generell gewirkt hat im Hinblick auf die Beurteilung auch der sowjetischen Politik der Perestroika. Mittag und Honecker haben immer stark mit dem ökonomischen Moment hantiert, wenn es darum ging, die politischen Konsequenzen aus der Perestroika für die DDR zu überdenken und zu überlegen, ob diese Politik nicht ein ökonomisches Vabanquespiel sei . . .
Als das sozialpolitische Programm Mitte der siebziger Jahre die gesamte Volkswirtschaft zu überfordern begann, da war es schon nicht mehr möglich, das zu diskutieren, weil es schon an Blasphemie gegrenzt hätte; es war ja eine wunderbare Arbeiterpolitik, die hier betrieben wurde. Eine Arbeiterpolitik, die sich mit Honeckers Namen verbindet. Also das konnte ja nicht falsch sein. Also mußte man nach Rechtfertigung suchen.
Diese Politik der Rechtfertigung setzte sich in immer stärkerem Maße fort bis hin zu diesen grandiosen oder ungeheuren Manipulationen, die dann betrieben wurden, um die Planwirtschaft als erfolgreich zu demonstrieren. Besonders trat es ja auch zutage bei dem Gorbatschow-Besuch am 7. Oktober 1989 und bei der Zusammenkunft von Gorbatschow mit dem Politbüro, wo selbst Gorbatschow noch deutlich zum Ausdruck brachte, daß man in der UdSSR voller Respekt auf die ökonomischen Leistungen der DDR schaue, während politisch hier doch einiges zu verändern sei. Mit dem Bemerken: Also, Kinder, kommt nicht zu spät damit. Und da war die große Lüge längst seit Jahren am Wirken . . .
SPRECHER: Nach dem, was wir heute alles gehört haben, verdichtet sich bei mir doch folgendes Bild. Die verantwortlichen Politbüromitglieder haben seit circa 1975 gewußt, wo das Schiff hinläuft . . . Ihr seid nie auf den Gedanken gekommen, dieses System zu beenden . . .
SCHABOWSKI: Genossen, ich bin ja also bald 40 Jahre Mitglied der Partei, ich habe ja eine Bindung zu der Partei. Und diese Bindung zur Partei hat mich angetrieben zu diesen Handlungen (Sturz Honeckers -Red.), die ich für mich beanspruche und die auch ein Risiko dargestellt haben. Ich will mich hier nicht zum Helden hochstapeln oder so was, aber es hat eine bestimmte Konsequenz und Entschiedenheit erfordert, diese Schritte zu gehen . . .
SPRECHER: Du warst lange Zeit für die theoretische Arbeit verantwortlich. Wo siehst du die Ursachen für die Deformation, mit der wir heute leben müssen?
HAGER: Die Parteiführung war als Kollektiv kein Gremium wirklich theoretischer Diskussionen. Grundsätzliche Diskussionen zu Problemen der Entwicklung des Marxismus-Leninismus, zu bestimmten Aspekten der Entwicklung in der Welt, in der Gesellschaft der DDR, dafür fehlte entweder das Verständnis, oder es kam eben in erster Linie immer wieder zu sehr pragmatischen Entscheidungen . . .
SPRECHER: Du hast geschrieben, du und deine Frau, ihr wart erschrocken, als ihr nach Wandlitz kamt, über die kalte Atmosphäre, die dort herrschte. Kannst du uns dazu was sagen?
MÜCKENBERGER: Als wir nach Wandlitz kamen, dachte ich, ich komme natürlich in ein Kollektiv, wo man sich gegenseitig aufsucht und berät, wenn es irgendwelche Fragen gibt. Aber, was wir vorfanden, war ein Abschotten voneinander. Man grüßte sich, wenn man spazierenging und einen traf. Aber eigentlich kenne ich so gut wie kein Haus, außer das, wo ich gewohnt habe. Ich komme mir so vor wie: Jeder stirbt für sich allein.
SPRECHER: Du schreibst, daß eine Ursache für die Krise darin bestünde, von Traditionen der Arbeiterbewegung abgewichen zu sein. Im Programm unserer Partei erklären wir uns ausdrücklich zur Pflege dieser Traditionen. Also das Politbüro hat gegen das Programm unserer Partei gearbeitet?
MÜCKENBERGER: Man hat nicht das Streitgespräch untereinander gesucht, was sonst üblich war. Eine andere Sache, die also mir immer klarer wird, die Rolle zum Beispiel der Parlamente. In der Sozialdemokratie spielten die Parlamente eine Riesenrolle. Das Parlament wurde immer mehr eingeengt und spielte doch im Grund genommen in den letzten Jahren überhaupt keine große Rolle mehr. Und das war nicht nur so in der Volkskammer.
SPRECHER: Es gab Genossen in diesem Lande, die haben die Wahl von Erich Mückenberger zum Vorsitzenden der Zentralen Parteikontrollkommission als ein Signal empfunden. Die Wahl eines ehemaligen Sozialdemokraten war für sie ein gewisses Zeichen. Aber auch während deiner Zeit sind viele ehrliche, anständige Genossen, die Kritik geübt haben, haarscharf über die Klinge gesprungen.
MÜCKENBERGER: Wir waren ja in unseren Entscheidungen nicht souverän. Wir waren die ZPKK beim ZK der SED. Und in solchen Fällen mußte der Vorsitzende zum Generalsekretär gehen . . .
SPRECHER: Wißt ihr eigentlich, was ihr verbrochen habt? Ich meine jetzt nicht irgendwelche Korruptionsfälle. Wißt ihr überhaupt, daß eure langjährige Politik die Idee des Sozialismus weltweit zu Grabe getragen hat?
MÜCKENBERGER: Das bewegt mich stark, das bitte ich zu glauben. Es bewegt mich Tag und Nacht und läßt mir keine Ruhe. Ich fühle mich mitschuldig und mitverantwortlich für alles, was auf diesem Gebiet passiert ist. Und vor allen Dingen nicht die Zivilcourage gehabt zu haben, an dieser oder jener Stelle zu sagen, bis hierher und nicht weiter.
SPRECHER: Ab wann hast du gewußt oder gespürt, in der Politik läuft was nicht richtig?
MÜCKENBERGER: Seit 85 . . .
SPRECHER: Du warst sowohl Erster Bezirkssekretär als auch Angehöriger des Politbüros. Und nun hätte ich mir vorgestellt, daß gerade diejenigen, die Funktionen im Bezirk bekleiden, doch eine ganz besondere Verantwortung haben, um den Mitgliedern der Parteiführung begreiflich zu machen, was eigentlich an der Parteibasis los ist . . .
WALDE: Ich habe bis Sommer 1989 selbst eine falsche Einschätzung der Lage im Bezirk gehabt. Ich wußte von Problemen, sowohl ökologischen als auch ökonomischen. Aber ich habe sie für mich selbst begründet mit Ursachen, die möglicherweise Wunschdenken entsprechen . . . Ich habe erst im Sommer voll gemerkt, daß die Politik total im Widerspruch zum Volk war und vom Volk nicht getragen wird.
Meine Informationspflicht habe ich schlecht erfüllt, aber nicht, um jemanden in Berlin zu betrügen. Ich habe vieles abgetan als Einfluß feindlicher Massenmedien. Bis zur Ausschließlichkeit.
SPRECHER: Hast du das Gefühl, daß deine Mitgliedschaft in dieser Partei SED/PDS für uns heute eine Belastung ist?
WALDE: Ja. Ich bin seit 1946 Mitglied der Partei. Ihr könnt mir glauben, sie war meine Heimat, wenn sich vieles heute auch als falsch erwiesen hat. Ich weiß, daß wir volle Verantwortung tragen für die Krise und das, was aus der Gesellschaft in der DDR geworden ist . . .
SPRECHER: Habt ihr gewußt, wie das Volk gelebt hat, und habt ihr euch da keine Sorgen drum gemacht, wenn ihr in Wandlitz eingekauft habt?
WALDE: Wir haben gewußt von der Versorgungssituation der Menschen. Ich kann das nicht leugnen.
SPRECHER: War euch das nicht gut genug, was ihr der Bevölkerung verordnet hattet? Nach den Presseerklärungen war das doch alles hochwertig und wurde von Jahr zu Jahr besser. Warum konntet ihr euch damit nicht kleiden wie 16 Millionen Bürger?
WALDE: Du hast recht, aber ich habe es getan. Ich kann's nicht ungeschehen machen. Ich kann heute dazu nur selbstkritisches Bedauern ausdrücken . . .
SPRECHER: Du hast 45 Jahre lang das politische Leben dieses Landes mitgestaltet. Was empfindest du heute, wenn du den desolaten Zustand dieser Partei und dieses Landes siehst?
KESSLER: Ich fühle mich mitverantwortlich für die eingetretene Entwicklung. Ich möchte aber auch unterstreichen, daß ich zu unterschiedlichen Fragen allgemein gesellschaftlicher Natur, zu ökonomischen Fragen meine Meinung gesagt habe, daß ich oft sehr kontroverse Diskussionen hatte . . .
Über die gesamtökonomische Situation wurde das Politbüro nie vollständig informiert . . . Einmal hab' ich das Material, was vom Genossen Günter Mittag vorgelegt wurde, in einer sehr heftigen emotionellen Art und Weise als Schwindel und als Lüge zurückgewiesen. Daraufhin gab es eine sehr heftige Diskussion mit persönlichen Angriffen auf mich . . .
Diese Diskussion, die bis zu persönlichen Angriffen ging, wurde dann vom damaligen Generalsekretär kurzfristig abgebrochen. Er hat dann mit mir einige Wochen nicht geredet . . .
SPRECHER: Ich empfinde es geradezu als empörend, daß du auf deine sicher sehr enge Zusammenarbeit mit den Genossen in der UdSSR abhebst, indem du schreibst: "Ich habe die Umgestaltung in der Sowjetunion historisch für notwendig und richtig gehalten." Aber ein Teil dieser Perestroika und Glasnost beschäftigte sich ja zutiefst auch mit der Korruption der dortigen Partei- und Staatsfunktionäre. Das heißt, du schmierst uns hier Mus auf die Backe und willst uns, auf deutsch gesagt, rummogeln.
KESSLER: Ich stehe zu dem, was hier in meinem Bericht an die Schiedskommission zum Ausdruck gebracht wurde: daß ich von Anfang an die Umgestaltung in der Sowjetunion für richtig und für notwendig gehalten habe und halte und während meiner gesamten Tätigkeit diesen Standpunkt, wo immer ich die Möglichkeit hatte, vertreten habe gegenüber sowjetischen Genossen bei uns und auch in anderen Gremien.
JAROWINSKY: Ich habe seit langem gesehen, daß eine Entwicklung stattfindet, die so nicht stattfinden darf, die nicht richtig ist. Und ich kann mich deshalb auch von der Verantwortung für diese Entwicklung nicht freisprechen. Ich hätte zurücktreten müssen. Ich hätte offen Stellung nehmen müssen und sollen. Ich hätte auch Argumente gehabt.
Ich habe Furcht gehabt, als Parteifeind, als Zerstörer der Einheit oder als Fraktionär dazustehen. Ich habe eine falschverstandene Parteidisziplin gehabt, was die Einheit der Partei, die Parteiführung angeht. Ich habe die Wende unterstützt. Sie war zu spät. Sie war halbherzig. Ich empfinde tiefe Bitternis und auch Schuld.
SPRECHER: Genosse Jarowinsky, deine Ehrlichkeit ist eine Sache. Die andere Sache ist aber, daß hier jemand vor uns sitzt, der kompetent war und dessen mutiger Schritt, zu sagen, ich trete zurück, durchaus im Lande bemerkt worden wäre. Und dazu hast du dich nicht entschließen können.
JAROWINSKY: Nein, das habe ich nicht gemacht . . .
KRENZ: Ich mache mir zwei Vorwürfe: Zu spät gehandelt zu haben, das ist mein Hauptvorwurf, und nicht offen genug im Politbüro aufgetreten zu sein. 1985/86 hatten wir die Chance, zu verändern, vorher nicht. Aber ich sage auch, bei dem Kräfteverhältnis im Politbüro wäre auch das ein reiner Kompromiß geworden. Honecker war nicht bereit, von sich aus abzutreten. Der war bereit, sich auf dem 12. Parteitag noch mal wählen zu lassen. Die Tatsache, daß der Parteitag ein Jahr vorverlegt werden sollte, hatte im Grunde genommen zwei Ursachen: Honecker wollte noch mal gewählt werden, und wir sollten unseren Parteitag vor dem der KPdSU haben, dann brauchen wir nicht nachmachen, was dort vorgemacht wird . . .
SPRECHER: War den Mitgliedern des damaligen Politbüros die konkrete Verschuldungslage der DDR bekannt?
KRENZ: Ich war mir voll im klaren, daß die Verschuldung nicht zu bewältigen war für die DDR. Also, wir wären in diesem oder im nächsten Jahr zahlungsunfähig geworden.
SPRECHER: Wie siehst du die Wahrnahme deiner Verantwortung, das Politbüro wahrheitsgetreu über die Lage im Lande zu informieren und eine realistische Landwirtschaftspolitik auszuarbeiten?
MÜLLER: Ich muß sagen, daß ich aufgrund der straffen Parteidisziplin, die uns so anerzogen war, mich einfach vielleicht nicht getraut oder auch nicht den Mut gefaßt habe, irgendwas Eigenständiges zu unternehmen, um Veränderungen mit herbeizuführen. Heute weiß ich, daß gerade in den letzten zwei, drei Jahren draußen viele Probleme aufgetreten sind, und ich hätte in der Zeit eigentlich mehr sagen müssen. Und die Schuld muß ich auf mich nehmen . . .
SPRECHER: Ich kann mich nicht damit einverstanden erklären, daß du dich auf die Parteidisziplin berufst. Jeder beruft sich jetzt auf die straffe Parteidisziplin . . . Ja, was ist denn das überhaupt - die Partei? Das ist doch keine anonyme Größe. Das sind doch die Tausenden, Millionen von Mitgliedern gewesen. Und ihr seid die gewählten Vertreter gewesen, die in unserem Auftrag politische Programme mit zu entwickeln hatten . . .
MÜLLER: Gut, Parteidisziplin hin, Parteidisziplin her . . . Man hätte mehr auftreten müssen und sagen müssen, was wirklich los ist. Aber ich sag' mal, ich habe nun mitten unter den Leuten gelebt, überall, wo man hingekommen ist: Ach, was wir für eine gute Politik machen. Und man hat gedienert, ich sag' mal so, teilweise sind sie alle einem ziemlich in den Hintern gekrochen . . .
SPRECHER: Nach unserer damaligen Struktur im Staate hatte das Politbüro die fast absolute Möglichkeit, auf alle gesellschaftlichen Prozesse Einfluß zu nehmen und hat sie geleitet und geführt. Es war das Machtinstrument, was praktisch diese gesamte gesellschaftliche Entwicklung geleitet hat . . . Wer hat der Arbeiterklasse Deutschlands die größte Niederlage ihrer Geschichte beigebracht? Ihr. Ihr - und kein anderer.
MÜLLER: Man hat ja nun langsam Zeit, doch ein bißchen intensiver zu grübeln. Aber irgendwie, muß ich mal sagen, man hat ehrlich gearbeitet. So - und jetzt ist alles zusammengebrochen. Ich weiß, ich hab' der Partei großen Schaden zugefügt.
SPRECHER: Wenn ich das so richtig sehe, siehst du für dich keinerlei Mitverantwortung für die Lage, in der sich unser Land und unsere Partei befinden, obwohl du einer derjenigen bist, die am längsten in der Parteiführung gewesen sind.
NEUMANN: Ich unterscheide zwischen meiner Verantwortung als Person und der, die ich als Mitglied des Kollektivs zu tragen habe. Ich schalte mit keinem Millimeter meine Verantwortung des Kollektivs aus. Und ich begründe sie damit, daß ich aus Überzeugung gesagt habe, das war meine politische Tradition: Ist der Beschluß gefaßt, wird er durchgeführt. So kenne ich das aus über 60 Jahren der Parteientwicklung.
SPRECHER: Siehst du auch, daß diese falsch verstandene Parteidisziplin diese Partei und diesen Staat an den Rand des Abgrunds gebracht hat?
NEUMANN: Natürlich! Das ist ja das Schlimme. Worin besteht der Konflikt, den ich allein im Kopf auszutragen habe? Ich bin aufgetreten. Warum ist es nicht gelungen, die Ohren der anderen dafür zu öffnen? . . .
SPRECHER: Ich verstehe eins nicht. Wenn du gemerkt hast, daß du nichts erreicht hast, und das zu einer noch relativ frühen Zeit, warum bist du dann weit über das Rentenalter hinaus im Politbüro geblieben?
NEUMANN: Ja, nun paß mal auf. Ich habe mir gesagt, wenn du, der du die Erkenntnisse hast, jetzt also die Segel streichst, dann machst du einen Fehler, das hilft gar nicht.
SPRECHER: Du hast jahrelang im Politbüro gearbeitet für wirtschaftliche Gebiete, hast erkannt sehr früh, daß Erich Honecker herrschsüchtig war und sein politisches Profil überhaupt nicht ausreichend war, um die Aufgaben zu erfüllen . . . Der ganze Volkszorn richtet sich praktisch gegen dich. Die sagen, der hat es gewußt und hat es mitgemacht.
NEUMANN: Na ja, na und; es gibt doch Dinge, wo also eine andere Disziplin gewesen ist.
SPRECHER: Disziplin, wo stehen wir denn jetzt, verflucht noch mal? Ihr wart lauter Genossen im Politbüro, die sich gegenseitig nicht getraut haben . . . Wie oft warst du Referent im Zentralkomitee, der den Bericht des Politbüros gegeben hat?
NEUMANN: Nicht ein einziges Mal.
SPRECHER: Nicht ein einziges Mal? Und es war dir nicht möglich, im ZK aufzutreten mit deinen Problemen?
NEUMANN: Von möglich will ich hier nichts sagen. Ich habe das von der Seite aus für nicht zweckmäßig gehalten . . . Also, die Grundfrage war für mich, wenn ein Beschluß gefaßt ist, ist er auch für mich verbindlich, dann kann ich also sozusagen nicht meine eigene Linie machen, sondern dann führe ich das durch, was gemeinsam die Mehrzahl beschlossen hat . . . Wenn ich geschwiegen hätte und hätte zu allem ja und amen gesagt, dann würde ich kein Wort sagen, daß ihr mich in die Reihe mit denen stellt, die diese Politik gefördert und unterstützt haben. Habe ich gar nichts dagegen. Aber ich habe Schritte unternommen . . .
SPRECHER: Aber das ändert nichts daran, Genosse Neumann, daß du eben für Jahrzehnte die Verantwortung für diese Politik des Politbüros mit getragen hast, die Land und Partei an den Rand des Abgrunds gebracht hat.
SPRECHER: Genossin Lange, du hast in deine Stellungnahme reingeschrieben: Nur um den Preis des Ausschlusses aus dem Politbüro wäre es möglich gewesen, zu opponieren gegen das, was der Staat und die Parteiführung tat. Hast du dich mit diesem Problem ernsthaft auseinandergesetzt?
LANGE: O ja, in den letzten zwei Jahren auf alle Fälle. Vorher nicht. Aber in den letzten zwei Jahren habe ich das getan und eigentlich doch gescheut, was dann folgen wird. Weil ich auch davon ausging, wem nützt das. Du fliegst raus - todsicher -, und es ändert sich am Zustand nichts . . . Ich muß sagen, daß es die stalinistischen Strukturen nicht bloß oben gab, die gingen ja bis runter.
SPRECHER: Ich komme von der Parteibasis, und mich macht das sehr betroffen, daß wir das Parteistatut als Heiligtum gesehen haben, wir unsere Genossen bei den geringsten Verstößen zur Verantwortung gezogen haben, ihr dagegen so gröblich verstoßen habt. Das ist doch eine große Schuld, die muß man doch irgendwie abtragen. Also ich weiß nicht, ich könnte sicher damit nicht leben.
LANGE: Ja, ich kann mir ja nicht das Leben nehmen . . .
SPRECHER: Wir sind im Verlaufe der Beratung gestern abend und heute nacht im Grunde zu der Einschätzung gekommen, daß das Politbüro zu prinzipiellen Fragen unserer Wirtschaftspolitik inkompetent war. Könntest du das bestätigen als ernste Frage?
SCHÜRER: Ja.
SPRECHER: Warum ist es dir nicht gelungen, ganz persönlich auf diese Gefahr hinzuweisen vor dem ZK - auf die Gefahr hin, ich sag' es mal ganz brutal, im Interesse der Sache erschossen zu werden?
SCHÜRER: Es wäre richtiger gewesen, so zu handeln. Ich habe gesehen, daß die Weichen falsch gestellt sind - oder begonnen zu sehen, daß die Weichen falsch gestellt sind, schon 1972. Da habe ich das erste Mal darüber gesprochen, und da habe ich eine scharfe Gegenreaktion bekommen vom damaligen Generalsekretär. Der hat mich dann drei Jahre schweigen lassen. Ich habe dann eigentlich immer - wie soll ich sagen - falsch gehandelt, indem ich geglaubt habe, daß es richtig ist, den Beschluß, der gefaßt worden ist, zu akzeptieren, um in der Partei zu bleiben . . . Aber dann bekommt man Mitschuld und ist in dem Sumpf dann mit drin.
SPRECHER: Wie stehst du zu den Vorwürfen, als verantwortliches Politbüromitglied und Sekretär des Zentralkomitees in die Berichterstattung der Massenmedien eingegriffen und dabei eine einseitige, schöngefärbte und in vielen Fällen nicht wahrheitsgetreue Informationspolitik erzwungen zu haben?
HERRMANN: Ich will zum Ausdruck bringen, daß ich die Mitverantwortung für die entstandene Lage voll akzeptiere. Aus heutiger Sicht bedaure ich zutiefst, daß ich nicht die Kraft gefunden habe, rechtzeitig für eine Veränderung der Politik, die zu dieser Lage geführt hat, eingetreten bin . . .
SPRECHER: Hast du eigentlich selber daran geglaubt, was du im Fernsehen, in Zeitungen hast verbreiten lassen? Wart ihr so weit weg von dem Land, das ihr regiert habt, um nicht mehr zu erkennen, was los ist?
HERRMANN: Im Politbüro hat es keine volle Information und auch keine Diskussion gegeben . . . Ich betone, daß auch die Informationen, die im Politbüro vorgelegt wurden, ganz offensichtlich bearbeitete und um wesentliche Dinge geschönte Berichte waren, und das waren ohne Zweifel Dinge, die eine Kluft offenbarten zwischen der Wirklichkeit, der Meinung in der Partei, in der Bevölkerung und dem, was wir in den Medien behandelt haben . . . Erfolgspropaganda war ein stehender Begriff. Wenn wir davon abgehen, würden wir dem Gegner Raum geben. Gerade nach den Ereignissen in Ungarn und Polen stand die Frage, den Anfängen wehren und nicht irgendwelchen Dingen Raum geben, die der politische Gegner ausnutzen kann. Zwischen diesen beiden Polen liegt der große Widerspruch, in dem ich gelebt und gearbeitet habe . . .
SPRECHER: Wir haben 1980 Polen erlebt. Amtsmißbrauch, Korruption, Verrat am Volk, an der Partei. Wir haben 1985 die Sowjetunion erlebt. Amtsmißbrauch, Korruption, Verrat an der Partei und am Volk. Wie standst du zu den Problemen, die sich in den Bruderparteien auftaten? . . . Ihr hättet mindestens stutzig werden müssen mit den Ereignissen in der UdSSR, dort habt ihr begonnen, uns auch diese Informationen aus unserem Bruderland vorzuenthalten . . .
HERRMANN: Das Politbüro hat genau gewußt, wie tief es in dem Sumpf drinnen sitzt, und hat deshalb 1980 und 1985 versucht, das alles zu verheimlichen und diese Entwicklung so zu lenken, weil es genau wußte, wenn das aufgedeckt wird, geht es ihm genauso an den Kragen wie denen, die diese Korruption, dieses Verhalten in anderen Ländern gezeigt hat . . .
SPRECHER: Und das Ergebnis kann man mit wenigen Worten zusammenfassen: ein Land zu Grabe getragen, eine Partei zu Grabe getragen und ein Ideal zu Grabe getragen.
SPRECHER: Du warst drei Jahre Angehöriger der alten Parteiführung und gehörtest zu jenen, die zugleich auch die Funktion des Ersten Sekretärs bekleideten. In welchem Maße ist dir das gelungen, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Zahl der Parteiaustritte und auch der Reiseantragsteller unter unseren Genossen in deinem Bezirk besonders hoch gewesen sein soll?
LORENZ: Ich habe im Rahmen der Möglichkeiten und im Rahmen der Ordnung, die es gab, auf wichtige Probleme versucht aufmerksam zu machen. Tatsache ist, daß im Politbüro die Frage der Antragsstellung nicht in einer einzigen Sitzung eine Rolle gespielt hat. Es wurden von einzelnen Politbüromitgliedern, darunter auch von mir, immer wieder in Diskussionsreden Bemerkungen gemacht, daß es zunimmt, daß es anwächst, daß es komplizierter wird auf dem Gebiet . . .
Alles beides paßt eigentlich nur hinein in den Prozeß der Zuspitzung von Widersprüchen, die letzten Endes dazu führen mußten, früher oder später Entscheidungen und Konsequenzen in der Führung, vor allen Dingen in der Führung zu treffen. Diese Konsequenzen haben lange Zeit, über Jahre, aber besonders über die letzten Monate, bis zu dem Zeitpunkt gefehlt, der dann schließlich unabänderlich heranreifte und die Konsequenzen notwendig machte, zu denen ich stehe und für die ich mich auch eingesetzt habe.
SPRECHER: Wie war dein persönliches Verhältnis zum damaligen Generalsekretär?
LORENZ: Ich hatte kein persönliches Verhältnis im Sinne von persönlichen Freundschaften zu ihm, aber ich weiß überhaupt nicht, mit wem er das hatte . . . Erich Honecker hörte bestimmte Dinge, die Realitäten widerspiegelten, von niemandem gern . . . Offensichtlich gab es dann eine deutlich auch von mir bemerkbare Abkühlung im Zusammenhang mit Fragen, die besonders das Verhältnis zur KPdSU betrafen.
Wir waren im Bezirk bemüht bis zur letzten Stunde und ohne jede Unterbrechung mit unseren Partnergebieten in Irkutsk und in Wolgograd, mit den dortigen Leitungen auch, außerordentlich enge und brüderliche Beziehungen, ich sage ausdrücklich, ohne jede Unterbrechung, zu pflegen, obwohl ich natürlich spürte im Politbüro, daß nicht nur die Abkühlung, sondern auch die Abhebung von der Politik der KPdSU immer deutlicher, zum Teil manchmal auch etwas gehässig artikuliert wurde . . . Honecker war ein eindeutiger Vertreter des Stalinschen Modells, das wir seit 1945 hier praktizieren, mit aller Konsequenz . . . Er hat auch im Politbüro die Grundthese wiedergegeben, die er angeblich gegenüber dem Genossen Gorbatschow ausgedrückt hätte: In der Außenpolitik stimmen wir nach wie vor überein, in der Innenpolitik nicht . . . Das ist die eine Ursache, und die andere ist sicher eine subjektiv menschliche, negative.
Honecker hat sich, besonders in den Jahren, als in der Sowjetunion eine ausgesprochene Handlungsunfähigkeit der Führung bestand, als der eigentlich große Entspannungspolitiker artikuliert, der die ganze Sprachlosigkeit des sozialistischen Lagers, die ja existierte, durchbrach. Durch dieses Abheben von der damaligen Führung Breschnew und Tschernenko wurde auch immer wieder unterschwellig deutlich gemacht, daß wir die einzigen sind, die uns vor Schlimmerem bewahrt hätten.
Mit der Wahl Gorbatschows und den Initiativen, die dann von der Sowjetunion weltweit und in einer aufsehenerregenden Folge, besonders was die globalen Probleme anbetraf, ausgingen, war eine Situation entstanden, in der die Sowjetunion die Initiative in die Hand bekommt . . . Die Genugtuung darüber wurde offensichtlich von Honecker nicht geteilt. Weil von dem Zeitpunkt auch immer weniger von ihm, immer mehr von Gorbatschow, auch im Lande selbst, die Rede war.
Diese Tatsache hat ihm, ich sag' das jetzt mal so etwas salopp dahin, nicht nur nicht gefallen, sondern er hat in diesem Wettstreit um Autorität und um Prestigebedürfnis offensichtlich auch vieles getan, um im Lande bloß nicht Gorbatschow zu populär werden zu lassen.

DER SPIEGEL 38/1992
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