23.08.1993

„Striptease und so“

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten wagte eine provozierende These: Schuld an der Rotlichtkriminalität, so schrieb die linke Berufsorganisation in ihrer Zeitschrift Unbequem, sei nicht allein der Typus des klassischen Bilderbuchkriminellen, der "mit dem Goldkettchen behangene, sonnenbankgebräunte Fahrer der aufgemotzten Nobelkarosse, der offiziell Sozialhilfeempfänger ist und vielleicht noch als Asylbewerber den Rechtsstaat verlacht".
Als Mittäter, so stand es kürzlich in Unbequem, erwiesen sich allzuoft bestechliche Polizeikollegen. Doch das Phänomen der behördlichen "Korruption", die sich zu einer "Säule der Organisierten Kriminalität" entwickelt habe, sei leider "lange Zeit ignoriert" worden.
Tatsächlich ist gerade bei den Ermittlungen gegen Menschenhändler oft "eine Bruderschaft von Hotelbesitzern, Zuhältern und Polizei" erkennbar, wie die US-Soziologin Kathleen Barry bei weltweiten Recherchen herausfand. Die Polizei halte sich viele Unterweltler als ständige Informanten, deshalb müsse sie auf Freunde im Milieu Rücksicht nehmen.
Das deutsche Fachblatt Kriminalistik wurde konkreter: Ermittelt werden müsse auch "gegen Polizeibeamte . . . die für den einen oder anderen ,Tip' Gelegenheit zu kostenlosem Sex erhalten". "Was soll man dazu sagen", fragte Hamburgs LKA-Chef Wolfgang Sielaff in der Kriminalistik, "wenn Polizeibeamte in ihrer Freizeit als ,Zapfer' in einem Milieulokal arbeiten" oder gar "in der Großstadt eines anderen Bundeslandes ein Bordell eröffnen?" Sielaff beklagt, daß Polizisten häufig "überhaupt keine Sensibilität für die korrumpierenden Gefahren" besäßen.
Auf eine Verfilzung von Polizei und kriminellem Milieu stieß auch eine Sonderkommission des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes, die seit Monaten ein Menschenhändler-Netz erforscht, das von der nordportugiesischen Stadt Braga bis in die togolesische Hauptstadt Lome und in die deutsche Moselstadt Trier reicht.
Im Mittelpunkt dieser Ermittlungen steht der Bordellier Dieter Bolik, 46, der mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt. Bolik gab im Trierer Eros-Center den Ton an, auf seine Frau Karin war die Konzession für die "Venus-Bar", auf Bolik die für das "Schwalbennest" im selben Haus ausgestellt.
Die Ermittler werfen Bolik, der in seiner Villa im südfranzösischen Juanles-Pins aufflog, vor, er habe zusammen mit zwei Komplizen Arbeitsverträge für afrikanische Frauen fingiert, die in Wahrheit zur Prostitution angehalten worden seien.
Bei ihren Ermittlungen stießen die deutschen Fahnder auf ungeahnte Schwierigkeiten: Mit bestimmten Kollegen in Braga wollen sie nur ungern zusammenarbeiten, weil sie eine "geschönte Aktenlage" vermuten, so ein Beamter.
In Rheinland-Pfalz wiederum strickte der "Schwalbennest"-Anwalt Henry Littwitz aus Rheydt kräftig mit an Vorwürfen, Trierer Richtern und Staatsanwälten fehle die nötige persönliche Distanz zum Fall Bolik. Das LKA teilte mit, daß gegen gut 20 Behördenbedienstete bei Bezirksregierung, Stadtverwaltung und Justiz ermittelt werde.
Bei Recherchen einer Sonderkommission "Karibik", die von Düsseldorf aus dem Handel mit Übersee-Französinnen und Südamerikanerinnen nachging, stieß Kriminalhauptkommissar Rainer Labonte auf wundersame "Verbindungen in französische Polizeikreise".
Und in Polen könnte einer der größten Menschenhändler längst gefaßt sein. Polizisten, die ihn in einem Hotel aufgespürt hatten, verließen seine Suite mit zwei Jahresgehältern in der Tasche. Auf der Wache behaupteten sie später, sie hätten den Mann "nicht angetroffen".
Der Essener Menschenhändler Reinhold Kamper, 55, durfte bei Bordellen sogar unter staatlicher Regie Reibach machen. Als eine Strafkammer des Essener Landgerichts gegen den Vermittler philippinischer Folkloretänzerinnen verhandelte (Urteil: fünf Jahre Haft), kam heraus, daß die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit seiner Agentur die "auf Gewinn gerichtete Arbeitsvermittlung" der Frauen ausdrücklich genehmigt hatte.
Bordelliers und Barbesitzern offerierte Kamper die Mädchen aus Manila mit dem eindeutigen Hinweis, sie hätten "auch Striptease und so" drauf, man müsse da "nur etwas nachhelfen" (Telefon-Mitschnitt). Nach einer schriftlichen Anfrage, ob es tatsächlich nur um Folklore gehe, ließen die Nürnberger Beamten den Fall ruhen.
So blieb lange Zeit ungeahndet, was durch Aussagen von Opfern längst aktenkundig geworden war: Kamper habe, berichten Zeugen, viele philippinische Frauen genötigt oder erpreßt. Habe sich eine der Frauen etwa geweigert, Sex-Spiele im Separee länger mitzumachen oder mit Anzeige bei der Polizei gedroht, habe Kamper sie vom Ausländeramt abschieben lassen.
Bei alledem sind Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten auf einen Gedanken gekommen, der vielen Kollegen noch immer undenkbar scheint: Wenn schon in Bonn soviel über den großen Lauschangriff geredet werde - warum eigentlich, fragt das Fachblatt Unbequem, fordere kein Politiker Wanzen-Einsätze "im Amtszimmer des Bürgermeisters, dessen Vorzimmer, im Büro der Verwaltungsbehörde oder gar im Büro des Polizeikollegen"?

DER SPIEGEL 34/1993
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