30.08.1993

Ian Tattersall,

Gebeine in der Schublade
48, Direktor der Anthropologischen Abteilung des American Museum of Natural History in New York, beendete einen knapp 100 Jahre währenden Wissenschaftsskandal. Angestellte des Museums packten dieser Tage vier Skelette in getrennte Kisten und verfrachteten sie nach Grönland. Die Knochen sind die Überreste von vier Eskimos, die 1896 von Anthropologen aus Grönland in die USA verschleppt worden waren, um sie zu befragen, zu untersuchen und zu vermessen. Die vier starben alsbald an Tuberkulose. Ein fünfter, ein Junge namens Minik, überlebte und verließ 1909 New York nach einem kurzen Ingenieurstudium auf einem College und dem vergeblichen Bemühen, den Leichnam seines Vaters für ein Begräbnis vom Museum ausgehändigt zu bekommen. Jetzt werden die Knochenreste mit einer rituellen Beerdigungsfeier im arktischen Permafrost bestattet. Nahezu zehn Jahre suchte Tattersall nach Grönland-Eskimos, die überhaupt bereit waren, die Knochen ihrer Landsleute entgegenzunehmen. Daß die Gebeine fast ein Jahrhundert lang in Schubladen aufbewahrt wurden, dafür hat Direktor Tattersall eine Erklärung: "Das war damals eine ganz andere Welt mit ganz anderen Empfindungen als heute."

DER SPIEGEL 35/1993
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