06.09.1993

Justiz„Die Schweizer Konten waren alle abgeräumt“

In einem bizarren Labyrinth mit Scheinfirmen und Schwarzkonten fahnden Ermittler nach den Millionen-Gewinnen des Giftgasfabrik-Lieferanten Hippenstiel-Imhausen. Der Industrielle ist wieder auf freiem Fuß.
Der Fabrikant raffte noch schnell seine Habseligkeiten zusammen, dann schritt Jürgen Hippenstiel-Imhausen, 52, durch das Gefängnistor der Haftanstalt in Bruchsal. Draußen schien die Sonne.
Seit seiner Haftentlassung am Montag letzter Woche, Punkt 16 Uhr, ist der einstige Geschäftsführer der Lahrer Imhausen-Chemie GmbH wieder auf freiem Fuß - jener Mann, der mit der Lieferung einer Giftgasfabrik an den libyschen Diktator Gaddafi eines der größten Wirtschaftsverbrechen der Nachkriegszeit begangen hat.
Die gute Führung im Vollzug hat sich für den Industriellen, der früher gern mit Vatermörderkragen auftrat, ausgezahlt: Von der sechseinhalbjährigen Haftstrafe erließen die Justizbehörden ihm ein Drittel. Jetzt kann er womöglich von den Geldern aus dem Libyen-Deal profitieren.
Nach jüngsten Berechnungen der Mannheimer Staatsanwaltschaft hat Imhausen in den achtziger Jahren an dem kriminellen Chemie-Geschäft 90 Millionen Mark verdient.
Ein Zugriff auf die fette Beute ist Strafverfolgern und Finanzbehörden, denen er nach einer Abschlagszahlung von 30 Millionen noch rund 40 Millionen Mark Steuern aus dem Gaddafi-Geschäft schuldet, bislang mißglückt. Wo immer die Ermittler auf Geheimkonten stießen, waren Hippenstiel-Imhausen und seine Leute schon dagewesen und hatten abgeräumt. Der Mannheimer Staatsanwalt Oskar Gattner: "Das wurde alles ins Ausland abgezwackt."
Zwischen 1986 und 1989 verschwanden die Erträge über ein "Riesen-Geld-Karussell" (Staatsanwaltschaft) aus Schweizer Drehscheibenkonten und etlichen Briefkastenfirmen; fünf Scheinfirmen haben die Ermittler allein im Fürstentum Liechtenstein ausgemacht.
Mehrfach hat der Unternehmer Bares in der Schweiz abgehoben. Wertpapiere für 20 Millionen Mark, die er mutmaßlich von den Libyen-Gewinnen gekauft hatte, gelangten im Spätherbst 1988 von seinem Schweizer Depot zur Liechtensteinischen Landesbank.
Mittlerweile, so vermuten Fahnder, sind Gelder über verschiedene Treuhänder wieder in die Schweiz zurückgeschoben worden. Von dort könnten sie über dunkle Kanäle wieder in die Bundesrepublik gelangt sein.
Den geheimen Kreislauf seiner Profite hatte Drahtzieher Hippenstiel-Imhausen (Spitzname: "Hippi") schon frühzeitig, mit Beginn der Planungen für das Giftgas-Projekt im libyschen Wüstenort Rabita, in Schwung gebracht. Er bediente sich eines Unternehmenskonstrukts, zu dem Holding- und Scheinfirmen im Schwarzwald-Städtchen Lahr sowie in Zürich und Vaduz, in Hamburg und Hongkong gehörten.
Zusammen mit dem langjährigen, inzwischen verstorbenen Geschäftsfreund Ishan Barbouti, einem Exil-Iraker, hatte Manager "Hippi" einen Vertrag ausgehandelt, der de facto die Lieferung einer _(* Als Hafturlauber beim Einkaufsbummel ) _(in Lahr. ) technischen Ausrüstung zur Herstellung chemischer Kampfstoffe ermöglichte. Geschäftsvolumen: 255 Millionen Mark.
Davon flossen 235 Millionen an Hippenstiel-Imhausen, der als eine Art Generalunternehmer fungierte. Den Löwenanteil, insgesamt 210 Millionen, überwiesen die Libyer, nach Erkenntnissen der Fahnder, in mehreren Tranchen auf Konten der Imhausen-Tochter Galvanoform beim Schweizerischen Bankverein in Zürich. 25 Millionen ließ sich Hippenstiel-Imhausen auf ein Schweizer Privatkonto überweisen.
Erstmals konnten die Ermittler 1990 in Bern Bankbelege sichten - zu spät. Staatsanwalt Gattner: "Die Schweizer Konten waren alle abgeräumt."
Vorgesorgt hatte der promovierte Volkswirt Hippenstiel-Imhausen gleich nach Baubeginn in Libyen. Im Mai und November 1986 sowie im Juni und August 1987 ließ er 50 Millionen Mark von der Schweiz auf die Liechtensteiner Per Alt Anstalt überweisen, eine Imhausennahe, 1964 gegründete Finanzierungsgesellschaft. Eingeschaltet in die Transaktionen war auch die Schweizer Imhausen-Holding Imhico.
Schon der Firmengründer und Schwiegervater Hippenstiels, der Chemiker Karl-Heinz Imhausen, pflegte eine diskrete Liechtenstein-Schweiz-Connection, über die, so ein Fahnder, "immer mal wieder Geld verschwinden konnte". Schwiegersohn Jürgen mußte die alten Briefkästen aus den sechziger Jahren nur noch aktivieren - etwa die 1958 gegründete Santomat reg. Trust.
Dieser Firma flossen Zahlungen aus Libyen in zweistelliger Millionenhöhe zu. Und via Santomat transferierte Imhausen Kapital zur Pen-Tsao-Company Ltd. nach Hongkong.
Zusammen mit Komplize Barbouti hatte Hippenstiel-Imhausen Pen-Tsao zu Tarnungszwecken aufbauen lassen. Ebenso wie das Giftgasprojekt in Rabita wurde die Firma unter dem Namen "Pharma 150" geführt; das sollte harmlose Arzneimittelproduktion vortäuschen. Gleichzeitig nutzte Hippenstiel-Imhausen Pen-Tsao zum Schwarzgeld-Recycling: Über Hongkong flossen 36 Millionen Mark aus den Rabita-Gewinnen zurück nach Deutschland.
Noch im Frühjahr 1989, als die Offenburger Staatsanwaltschaft bereits gegen den Imhausen-Chef ermittelte, hob Hippenstiel-Imhausen Geld von einem Zürcher Privatkonto ab - mal 6 Millionen, mal 2,9 Millionen Mark.
Um doch noch an die verschwundenen Millionen zu gelangen, betreiben die Strafverfolgungsbehörden derzeit diverse Verfahren. So hat die Oberfinanzdirektion Freiburg beim Amtsgericht Lahr Konkursantrag gegen Hippenstiel-Imhausen gestellt. Wegen des Verdachts der Untreue ermittelt die Staatsanwaltschaft Mannheim erneut.
Die Strafverfolger nehmen an, daß der Verdächtige die Millionen aus dem Libyen-Deal nicht der Imhausen-Chemie GmbH, sondern seiner Privatschatulle zugeführt hat.
Sollten die Ermittler bei der Geldsuche erfolgreich sein, bewirken sie mit ihrem Untreue-Verfahren womöglich, daß das Schwarzgeld an das Imhausen-Unternehmen, aus dem es vermutlich abgezweigt worden ist, zurückfließt. Damit würde die Justiz einen weiteren Geldtransfer in die Schweiz auslösen: Dorthin, an die eidgenössische Firma Chemie Uetikon, ist die Imhausen-Chemie GmbH mittlerweile verkauft worden. Y
* Als Hafturlauber beim Einkaufsbummel in Lahr.

DER SPIEGEL 36/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Justiz:
„Die Schweizer Konten waren alle abgeräumt“

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen