12.10.1992

Ein grübelnder Patriot

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Willy Brandt und die Deutschen

Von Leinemann, Jürgen

Das Signal nach außen ist sogleich verstanden, akzeptiert worden. Alle Welt wußte, daß Willy Brandt gegen die Nazi-Mordbrenner gekämpft und nichts mit ihnen gemein hatte. Niemand betrachtete seinen Kniefall vor dem Ghetto-Mahnmal in Warschau als eine Bußübung in eigener Sache. Da kniete am 7. Dezember 1970 ein Schuldloser für Deutschland auf feuchtem Granit.

Für die westlichen wie für die östlichen Nachbarn war das ein Symbol für ein verändertes Deutschland, ein besseres oder, wie Willy Brandt zu sagen pflegte, für "das andere Deutschland".

Seine Biographie beglaubigte die Geste. Der Emigrant, der als junger Mann vor den Nazis floh, gegen sie kämpfte und arbeitete, dann zurückkam und in der demokratischen Nachkriegsrepublik seinen politischen Weg nahm; der Politiker, der sich traute, den Bürgern des eigenen Landes die Rechnung des verlorenen Krieges vorzulegen; der Kanzler, der sein Land aus der eisigen Erstarrung des Kalten Krieges löste und behutsam auf Entspannungskurs manövrierte, ohne die feste Bindung an den Westen aufzugeben.

Der Friedensnobelpreis 1971 erschien überall als eine angemessene Auszeichnung; auch daheim erlebten es viele so. Und doch, so hat er später selbst formuliert, war "die Stellung des Bundeskanzlers Brandt, wenn man so will, im Ausland weniger angefochten als im eigenen Lande".

Denn das Signal nach innen brauchte mehr Zeit, um erkannt zu werden. Kann es sein, daß es noch immer nicht richtig angekommen ist?

Zwar verstanden 1970 viele Deutsche die stellvertretende Bitte um Vergebung als ein entlastendes Hilfsangebot an alle, die den mörderischen Zusammenhang zwischen dem Nazi-Regime und Auschwitz nicht hatten sehen wollen oder können. So hatte Willy Brandt sein "Zeichen" auch gemeint. Und neben den haßerfüllten Ressentiments von rechts gab es viel bewegte, unbehagliche und beschämte Zustimmung aus der Mitte und ergriffenen Beifall von den Linken und Jungen in der Bundesrepublik.

Ja, auch wir akzeptierten die Schuld der Deutschen für Auschwitz, luden dem "Reich" die historische Verantwortung auf für zwei Weltkriege, nahmen - vor allem im Namen unserer Väter - mit grimmer Genugtuung die Bestrafung an: das Land auf ewig geteilt, die Nation ein Schandbegriff, nie wieder Deutschland.

Viele hätten sich danach unvermittelt so frei gefühlt, als habe es die deutsche Katastrophe nicht gegeben, auch nicht die Schuld, die nie vergeht, registrierte Gunter Hofmann, der Bonner Korrespondent der Zeit, unlängst in einem Brandt-Essay. Mit deutlichem Unbehagen erkannte er: Nicht der Kanzler und SPD-Chef, wohl aber viele seiner Gefolgsleute hätten damals wirklich "aus dem Schatten der Geschichte" heraustreten wollen. Die DDR verstand sich ohnehin als antifaschistisch; Staat der Opfer, ohne Verstrickung mit den Tätern.

So sieht es auch der Münchner Historiker Christian Meier: "Je klarer man die damaligen Verbrechen bezeichnete und verurteilte, um so mehr schob man sie Gruppen zu, denen man sich selbst nicht - oder bestenfalls äußerlich - zugehörig fühlte. Und sei es den Deutschen von damals, die eben nicht die von heute waren."

Willy Brandt, ein Unbeteiligter aus der Generation der Väter, mochte dort an diesem grauen Dezembertag auf dem kahlen Platz in Warschau knien. Wir nicht. Was hatten wir damit zu schaffen? Daß da einer freiwillig eintrat in die Haftung für die Untaten seiner Landsleute - mit uns persönlich hatte das nichts zu tun. Und daß es einer war, den nicht - wie uns - ein Schicksal vor der Schuld bewahrt hatte, das später "Gnade der späten Geburt" heißen sollte, sondern eigene Courage - das mochte Willy Brandt großmachen, uns verpflichtete es allenfalls zur Distanzierung von unseren Eltern. Nein, als Signal an die eigene Adresse haben die nachfolgenden Generationen von Deutschen Brandts Kniefall bisher nicht verstanden.

Vielleicht ist das aber so etwas wie ein Vermächtnis des "deutschen Antinazi" Willy Brandt, daß er in der verschreckenden Zeit der allzu eiligen Vereinigung den Weltkindern, Europäern und Postnationalen zwischen Usedom und Konstanz sagt: Drückt euch nicht, Deutsche seid ihr doch. Akzeptiert es lieber und macht was Vernünftiges draus.

Daß jemand annehmen könnte, ausgerechnet er habe "überschäumenden Nationalismus" von der großmäuligen alten Art im Sinn, wenn er vom "guten Deutschen" rede, hat Brandt stets eher erheitert als erzürnt. "Wer ein guter Deutscher sein will, muß heute Europäer sein", schärfte er schon 1974 seinen Genossen ein. Zugleich aber hielt der "Alte" aus Lübeck immer - nicht erst seit dem Fall der Mauer - alle für "Naivlinge" oder "Stümper", die meinten, der "Sog der Geschichte" habe "die nationalen Fragen der Deutschen" erledigt. Schon in Erfurt fühlte er sich 1970 bestätigt.

Ihm blieb die Nation als Verantwortungsgemeinschaft eine lebendige Größe: "Mein Volk lebt in zwei Staaten und hört doch nicht auf, sich als eine Nation zu verstehen" (1973).

So ungeniert und unverklemmt, daß es Jüngere gruselte, benutzte er - ziemlich unbeeindruckt von Zeitläuften und eigenen Ämtern - Begriffe wie "nationales Selbstbewußtsein", "Volk", "Vaterland" und "Normalität". 1966 sagte er auf dem SPD-Parteitag in Dortmund: "Kein Volk kann auf die Dauer leben, ohne sein inneres Gleichgewicht zu verlieren, ohne in Stunden der inneren und äußeren Anfechtung zu stolpern, wenn es nicht ja sagen kann zum Vaterland."

Aber ganz so bruch- und fraglos, wie solche Zitate glauben machen könnten, ist auch bei Willy Brandt, der sich während seiner Kanzlerzeit als Vertreter einer "neuen Epoche deutscher Staatlichkeit" verstand, die Einstellung zu Deutschland nicht geblieben. Das Eindeutige ist ja nie seine Sache gewesen, immer waren Denken und Reden des grübelnden, tastenden Norddeutschen voller Brüche, Ambivalenzen und Widersprüche. Aber gerade, daß in jeder Aussage die Anstrengung der Selbstvergewisserung noch mitschwang, machte Willy Brandt glaubwürdig.

Natürlich habe es auch in seinem Leben Augenblicke gegeben, da er sich als Deutscher schämte, bekannte er. Er mußte, um dieses Volk mit sich selbst zu versöhnen, wohl immer auch ein paar Kontroversen in der eigenen Person austragen. Die Ergebnisse konnten manchmal verblüffend pragmatisch sein.

"Ich habe Hitler immer für einen Verräter an der Nation gehalten", beharrte Brandt früh. Und stets hat er selbst geglaubt, daß die Deutschen zusammenbinde, was auch ihn an seine Herkunft fesselte: "Die Sprache, die Kultur; auch die Chance dieses Volkes, das härter geschlagen worden ist als andere - zum Teil durch eigene Schuld -, darum aber auch eine größere Möglichkeit hat, wenn es dies will, etwas für sich selbst und für andere zu leisten." Nun schien ihm der Fall der Mauer endgültig recht zu geben.

Aber spätestens seit dem zwiespältigen Echo, das ihm aus der schmucken Enkelschar nach seiner Rede auf dem SPD-Parteitag im Dezember 1989 in Berlin entgegenschallte, wußte der SPD-Ehrenvorsitzende, daß die von ihm mitgetragene Leipziger Losung "Wir sind das Volk" nur sehr unzureichend die komplexe Stimmungs- und Reflexionslage der Menschen in beiden Teilen des Landes erfaßte. Die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Jüngeren im Westen, die Entfremdung von den Menschen im Osten, der Beifall von der falschen, krämernationalistischen Seite - das alles ließ Brandt vorsichtiger auf die Chancen einer nationalen Identitätsfindung blicken, skeptischer, nicht resigniert.

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört? Das, mußte Brandt erkennen, war wohl mehr Wunsch als Wirklichkeit. Aber wie der Historiker Meier glaubte auch er, daß es für die Deutschen letztlich keine Alternative zur inneren Aussöhnung gebe. "A house divided against itself cannot stand", zitierte er Abraham Lincolns Mahnung an seine Landsleute nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, "das sollten auch wir uns durch den Kopf gehen lassen."

Wer Willy Brandt - als Regierenden Bürgermeister von Berlin, als Bonner Außenminister, als Kanzler, als Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale oder der Nord-Süd-Kommission - auf internationalem Parkett erlebte, der begegnete einem Weltbürger. Im privaten Gespräch wie in pathetischer Rede vermochte er mühelos von einer Sprache in die andere zu wechseln. Seine Dankesrede an seinem 75. Geburtstag, zu dem Bundespräsident Richard von Weizsäcker acht Staats- und Regierungschefs und vier Dutzend Freunde aus aller Welt eingeladen hatte, wechselte vom Deutschen ins Französische, sprang ins Norwegische, verharrte lange im Englischen. Auf Einwürfe reagierte der Jubilar mit holländischen oder spanischen Bemerkungen.

Aufmerksam beobachtete der Redner die nationalen Empfindlichkeiten seiner Partner, tippte Erinnerungen an, rückte die eigene Herkunft nie in den Vordergrund. Aber niemand konnte auch nur einen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß Willy Brandt ein Deutscher war und sein wollte.

So lebte er vor, was er über die Rolle Deutschlands in der Welt schrieb: "Nationales Selbstbewußtsein ist etwas anderes als Überheblichkeit und Überschätzung des eigenen Wertes gegenüber anderen Völkern. Es ruht in einem sicheren Urteil der eigenen Kraft, Leistung und Tugend - und der eigenen Begrenztheit."

Der Fanfarenklang wilhelminischer Selbstgefälligkeit, der heute schon wieder - oder vereinzelt noch immer - in manchen Bonner Stimmen mitscheppert, war Willy Brandt wesensfremd. Und dennoch: Für die erste und zweite Generation jener Deutschen, die nach 1945 heranwuchsen - der sozialdemokratische Ehrenvorsitzende warnte im Dezember 1989 auf dem Parteitag in Berlin die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs davor, diesen Generationenwechsel nicht angemessen zu berücksichtigen -, für diese Nachkriegsbundesbürger bedeuteten schon der Gefühlsgehalt seiner Reden und das Vokabular eine Überforderung. "Deutschtümelei" nannten viele seinen Beitrag; manche schüttelte es leibhaftig.

Dabei hatte Willy Brandt in Berlin auch verbal alles ausgeräumt, was seinen jüngeren Parteifreunden - die Genossen aus der HJ- und Flakhelfer-Generation eingeschlossen - auch nur halbwegs bedrohlich hätte erscheinen können: keine Rückkehr zum "Reich", natürlich, kein "Wieder" des Alten, kein Zurück in den Vorkriegsnationalismus. Aber dann kamen Sätze wie: "Noch so große Schuld einer Nation kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden." Und: "Nirgends steht auch geschrieben, daß die Deutschen auf einem Abstellgleis zu verharren haben, bis irgendwann ein gesamteuropäischer Zug den Bahnhof erreicht hat." Und das Erschrecken war groß.

Schon ein knappes Jahr später hatten sich solche Forderungen durch den Gang der Entwicklung erledigt, und mancher Enkel und manche Urenkelin sinnierten beim Nachlesen des Textes darüber, was sie damals eigentlich so sehr gegen den Patrioten Brandt in Wallung gebracht hatte, daß sie ihn ziemlich unverblümt der Alfred-Dregger-Umgebung zuzurechnen begannen. Ganz so, als mache es keinen Unterschied, ob der aktive Antifaschist und Emigrant Willy Brandt oder der frühere Nazi-Propagandist Kurt Georg Kiesinger den Satz ausspricht: "Wir Deutschen dürfen nicht die Geschichte vergessen. Aber wir können auch nicht ständig mit Schuldbekenntnissen herumlaufen."

Kein Politiker sei zu beneiden, hat Friedrich Dürrenmatt wenige Monate vor der zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbaren deutschen Vereinigung in Bonn gesagt, wenn er sich bewußt sei, mit welch primär irrationalen Wesen er es bei seiner Arbeit zu tun habe: "Gibt es doch nichts Unberechenbareres als Gefühle, nichts Gefährlicheres als das Gefühl der Gefühle, den Patriotismus." Nach Ansicht des Schweizer Dramatikers hat die große politische Leistung der Bundesrepublik darin bestanden, "das Ende Deutschlands zu akzeptieren". Also mahnte er, das Wort "Deutschland" zu meiden, das es für ihn nur noch im Sentimentalen und Vergangenen gab, und warnte vor der "Innigkeit", mit der Politiker "Vaterland" sagen: aufs Gemüt zielend, Glauben weckend, den Patriotismus ins Mythische steigernd - wie der neoromantische Wilhelm Zwo und der Erste, wie der gescheiterte Kunstmaler Hitler und der Zweite Weltkrieg zeigen.

Den jungen Bundesbürgern sprach Dürrenmatt aus der Seele. Sie wüßten heute, was von einem zu halten wäre, der einen Wahlkampf zu führen wagte nach dem Motto: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land", wie es Brandt 1972 tat. Allerdings - gerade jene Jüngeren, deren Lebenserfahrungen allein aus der neuen demokratischen westlichen Kultur der Bundesrepublik stammen, hat Dürrenmatt auch angesprochen mit der Wahrheit aus dem Deutschland von einst: "Wer links stand, galt als ,vaterlandsloser Geselle'."

Wer aber hätte das öfter zu hören gekriegt als Willy Brandt? Den Arbeiterjungen aus Lübeck haben sie bis zur Emigration so beschimpft, dem Heimkehrer Brandt riefen sie es in der Bundesrepublik noch nach, als er Kanzler war.

Ein vaterlandsloser Geselle, der das Vaterland preist? Rechts reden, links leben? Es ist schon ein ungewöhnliches Patrioten-Modell, das Willy Brandt seinen Landsleuten zumutete. Er konnte bisweilen selbst darüber in sich hineinkichern.

Widersprüchlich und irrational aber wirkte es nur, wenn man die Worte abkoppelte von der Person, Brandts Sätze loslöste von seiner Biographie. Absurd wurde es, sobald man ihn mit seinen Begriffen bewarf, als sei nationale Tortenschlacht.

Zu treffen war er so nicht. Denn der linke Patriot Willy Brandt, der andere Deutsche, das war ein Leben, kein System und kein Programm. Es war darüber hinaus ein exemplarisches Beispiel für den hierzulande besonders selten gelungenen Versuch, Geist und Macht zu versöhnen.

"Es ist in Deutschland eine Leistung, nicht in Alternativen zu denken", hat Adolf Dresen, der aus der DDR stammende einstige Theaterdirektor von Frankfurt am Main, unlängst in einem Vortrag zum deutschen Nationalstaat und zu der deutschen Kulturnation gesagt. Willy Brandt aber dachte nicht nur, er lebte sogar das Sowohl-Alsauch. Die traditionelle und unheilvolle Spaltung zwischen politischen und geistigen Staatsbildungen in Deutschland, die einander auszuschließen pflegen bis heute - der SPD-Kanzler vermochte sie für eine Weile in seiner Person zu überbrücken.

Für ihn waren Kunst und Kultur, Bildung und Lebensqualität immer unabgespaltene Teile der Politik. Ostpolitik, Arbeiterbewegung, Antifaschismus, Bismarck - das alles gehörte zu Willy Brandt. Schon als Junge sei er mehrmals nach Friedrichsruh gefahren, erinnerte sich der Kanzler an seinen eisernen Vorgänger, der die Sozis verfolgte: "Und warum sollte ich nicht wieder dorthin fahren? Ich komme nicht aus Preußen, sondern aus der damals noch Freien und Hanse-Stadt Lübeck. Aber ich glaube, einen wachen Sinn für Bismarcks Leistung zu haben." Im übrigen sei auch Preußen besser gewesen als sein Ruf.

So pflegte der Deutsche zu reden, der gegen Hitler norwegischer Staatsbürger hatte werden müssen, der in Spanien gegen Franco stand und bei uns von manchen dafür Kommunist geschimpft wurde. So sprach der Kanzler Brandt, der als Junge Herbert Frahm geheißen hatte und unehelich "in die sozialistische Bewegung hineingeboren wurde". Fürwahr - ein "anderes Deutschland" war das schon, anders als jenes schneidig auftrumpfende, für das wir Jungen uns schämten. Keines, mit dem man sich hätte sehen lassen können in der Welt?

Daß er oft wattig formulierte, entrückt wirkte, Utopien und Träumereien nachhing - was wohl nicht ausbleiben konnte, wenn einer so Widersprüchliches und Vielfältiges in einem einzigen Leben unterzubringen hatte -, beunruhigte aber schon bald die Geistesscharfen im Lande, die es mehr mit dem richtigen Denken hatten als mit dem Leben. Die dumpfen Deutschen, denen Denken überhaupt suspekt war, beunruhigte Brandt immer.

Gewiß - daß Brandt manchmal auch "ein Rechter" sein konnte, in Taten und Worten, das hat er später selbst eingeräumt. Aber hätten nicht Lebensweg, Lebenskunst und Lebensleistung dieses Mannes stets als ein verläßliches Gegengewicht gelten müssen? Dem rationalen humanistischen Universalismus, den ein cooler Chor prinzipienfester Intellektueller als Selbstverständnis der Bundesrepublik auszurufen begann, waren die pragmatisch-melancholischen Vagheiten des "Willy Wolke", wie sie spotteten, nicht gewachsen.

Oder war es umgekehrt? Über den wahren Zustand der Nation lernte der SPD-Vorsitzende später durch "die Geschichte mit dem Mädchen" mehr als durch alle multikulturellen und intellektuellen Theorien und Aktionen seiner Genossen. Er empfand es als einen "Aufstand von Spießertum", wie die Partei seine Kandidatin als Parteisprecherin, die gebürtige Griechin Margarita Mathiopoulos, auf miese Weise abschoß. Im März 1987 trat er empört zurück.

Es sind solche Differenzen zwischen hochfliegenden theoretischen Prinzipien und der praktischen Miesepetrigkeit dieser Gesellschaft, die vor allem ausländische Beobachter erschrecken - die schroffe Kluft zwischen idealistischen Weltbeglückungsparolen und der um sich selbst kreisenden nervösen Rücksichtslosigkeit beim Umgang miteinander. Sie offenbart eine simple Wahrheit: Wir mögen uns nicht, wir Deutschen. Die Mauer war ein Monument deutschen Selbsthasses.

Kaum einer hatte das deutlicher gesehen als Willy Brandt, dessen Politik hartnäckig auf ihre Durchlöcherung zielte. Ihm war ihr Bestand immer als ein Sieg der Vergangenheit über die Zukunft erschienen, der Erstarrung über das Leben. Mit seiner ganz persönlichen Mischung aus Erfahrung, Leidenschaft und Gewissen machte er dagegen Politik und rundete so sein Leben, wie es Richard von Weizsäcker formulierte, "zu einem deutschen Schicksal".

Nie dürfe die Geschichte geleugnet werden - das hat er gesagt und vorgelebt: "Wer sie vergißt oder zu vergessen sucht, wird krank an seiner Seele." Andererseits jedoch: "Die Geschichte darf nicht zum Mühlstein werden, der uns niemals aus der Vergangenheit entläßt."

Mit vielen seiner linken Freunde und Kritiker hat Willy Brandt oft vor der "Lebenslüge" der Wiedervereinigung gewarnt. Es war aber das "Wieder", in dem für ihn die Lüge steckte, nicht die Vereinigung. Für ihn, der Leben als Prozeß erfuhr, war die Vereinigung eine Chance für eine neue Form nationaler Normalität, nicht Rückkehr heim ins Reich.

In Dresden schien er deshalb im vergangenen Februar mehr zu sich selbst zu sprechen denn zu den Landsleuten aus der ehemaligen DDR, als er sagte: "Deutschland, wo es liegt, wie es ist und werden sollte - diese Hoffnung lasse ich mir nicht nehmen, und ich möchte sie gern weitergeben helfen. Dieses Deutschland hat jetzt die Chance, nach all dem Unsäglichen, was es sich selbst und der Welt zugemutet hatte, in eine Normalität zu finden, zu der andere auf ihre Weise auch finden mußten. Nicht eine Sonderrolle ist das Thema, sondern gute Nachbarschaft - im Innern und nach außen."

"Sonderrolle" und "Normalität", Deutschland als Hoffnung - bewußt griff Willy Brandt in Dresden jene Vokabeln auf, die, nach dem Historikerstreit in der alten Bundesrepublik, den Kritikern des Nationalstaates Deutschland zu Recht verdächtig sind. Aber muß man ihre Definition denn allein den Reaktionären überlassen?

Es war, als habe der greise Brandt - ausdrücklich an "das geistige Deutschland" gewandt - noch einmal herausfordernd sein Lebenswerk gegen die Resignation vor der Vergangenheit ins Feld führen wollen. "Verlassen Sie Ihre Türme und Nischen, und mischen Sie sich ein", mahnte er speziell die Intellektuellen im Osten, "lassen Sie die jungen Menschen nicht allein."

Und unüberhörbar auch an die Adresse der westlichen Intelligenz richtete sich der Hinweis: "Das Tempo der Vereinigung wurde elementar und millionenfach ,von unten' bestimmt." Und - das sagte er nicht - der Zungenschlag "Deutschland, einig Vaterland" auch.

Auf theoretische Auseinandersetzungen mit intellektuellen Katastrophen-Szenarios mochte sich der politische Praktiker Willy Brandt am Ende seines Lebens nicht mehr einlassen. Seine Anregungen an die Landsleute im Osten klangen eher wie Faustregeln im demokratischen Alltag: "Laßt euch nicht alles gefallen. Prangert Schwindel und Schwindler an. Schweigt nicht, wo vermeidbare soziale Not entsteht. Und wo die Handhabung des Rechts den Kontakt mit dem Leben verliert. Laßt es nicht unwidersprochen, wenn ohne Not bürokratische über praktische Vernunft obsiegt."

Das ist die Aufforderung zu den ganz beharrlichen "kleinen Schritten" in Richtung auf vernünftige Formen menschlichen Zusammenlebens, für die Willy Brandt berühmt geworden ist.

Jahrzehntelang hat er die Maxime von den kleinen Schritten nicht nur gepredigt, sondern auch verwirklicht - in Kriegs- und Friedenszeiten. So wurde er "ein Deutscher", wie sein Freund Bruno Kreisky bei einer ihrer letzten Begegnungen sagte, "vor dem die Welt sich nicht fürchtete und nicht fürchten mußte".


DER SPIEGEL 42/1992
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