12.10.1992

Der Unbequeme

Von Augstein, Rudolf

Ende August 1948, während der Berlin-Blockade, eben einem Rosinen-Bomber gewissermaßen als zweibeiniges Gepäckstück entstiegen, traf ich einen gutaussehenden Mann, der eine mir unbekannte Uniform trug. Es hieß, er sei Norwegen-Deutscher und wäre Presseattache der norwegischen Militärmission in Berlin gewesen. Wir machten uns miteinander bekannt und wechselten ein paar belanglose Worte. Er sprach Deutsch nicht anders als 40 Jahre später, langsam und in einem mir aus dem Norden unseres Landes vertrauten Tonfall.

Kaum ein Jahr danach, die Bundesrepublik war noch nicht gegründet, begegnete ich demselben Mann anläßlich eines Besuchs beim Parlamentarischen Rat in Bonn wieder. Diesmal trug er Zivil und war inzwischen Berliner Vertreter des SPD-Parteivorstandes. Marion Bieber, Stellvertreterin von Michael Thomas in der Medienkontrollkommission der britischen Besatzungsmacht, deutete auf diesen Zivilisten und sagte: "Der wird einmal Bundeskanzler." Es war Willy Brandt.

Marion Biebers kühne Prophezeiung entbehrte damals jeder Grundlage. Denn selbst wenn das erste Kabinett Adenauer sich statt auf eine bürgerliche auf eine Große Koalition aus CDU und SPD gestützt hätte, mit Willy Brandt wäre wenig anzufangen gewesen. Noch hatte Kurt Schumacher in der SPD das Sagen, und er hätte bestimmt keinen der Berliner Politiker - Ernst Reuter, Louise Schröder, Otto Suhr - ins Kabinett beordert, schon gar nicht den noch recht unbekannten Willy Brandt, dem nur der absurde Ruf vorausging, in Spanien Nonnen geschändet und in Norwegen auf Deutsche geschossen zu haben.

Als mein Kollege Hans Detlev Becker und ich Willy Brandt 1957 aufsuchten, um mit ihm ein Gespräch zu führen, war er bereits Regierender Bürgermeister von Berlin. Er schaute verdächtig oft zu einer Gardine hin, hinter der sich ein Wandregal verbarg, und als das Gespräch schließlich beendet war, kam die Gastfreundschaft zu ihrem Recht.

Damals besaß er schon einen internationalen Ruf, weil er im Jahr zuvor als Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses die Menge aufgehalten hatte, die aus Protest gegen die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes zum Brandenburger Tor geströmt war und den Ostsektor stürmen wollte. Am 13. August 1961, am Tag des Mauerbaus, polierte er dieses Image wieder auf.

Franz Josef Strauß, sein bayerischer Widerpart, war ja der Meinung, Brandt hätte eigentlich auch den Christdemokraten angehören können. Das kann man sich bei einem ehemaligen Spanien-Kämpfer, der während des Bürgerkriegs zu den links von den Kommunisten angesiedelten revolutionär-marxistischen Sozialutopikern gehörte, nur schwer vorstellen. Er hat sich in brenzligen Situationen so verhalten, wie man sich als geborener Politiker benimmt.

Manchmal war er mit einer nachgerade lähmenden Blindheit geschlagen. Wie oft habe ich ihm in den sechziger Jahren vorhalten müssen, daß ein Stimmenzuwachs von drei bis vier Prozent für die Sozialdemokraten bei einer Bundestagswahl ein großartiger Erfolg sei. Er sah immer nur die Kampagne gegen den Emigranten.

Er hatte Mühe, sich mit der Linie Herbert Wehners anzufreunden, der die SPD seit 1959 opportunistisch dirigierte, um sie regierungsfähig zu machen. Ungern wurde er 1966 Außenminister in der Großen Koalition unter dem von seiner Vergangenheit belasteten Kurt Georg Kiesinger. Wehner, mit dem er trotz skandinavischer Gemeinsamkeiten nur schwer zurechtkam, mußte ihn ins Amt tragen. 1969 hat er den Spieß dann umgedreht und Wehner in die Schranken verwiesen, als der die Große Koalition fortsetzen wollte.

"Was heißt hier klein", trumpfte er als neuer Kanzler im Fernsehen auf, als ein Reporter von ihm wissen wollte, ob die Koalition mit der arg geschrumpften FDP nicht doch zu klein wäre. Das war nun seine Stunde, als er sich über durchaus begründete Einwände hinwegsetzte. "Daß ein Mann mit Willys Vergangenheit Kanzler werden kann", strahlte seine Frau Rut mit Tränen in den Augen Klaus Schütz und mich in der Küche der Brandtschen Dienstvilla auf dem Bonner Venusberg an*.

Mehr als zehn Jahre, so meine Rechnung, kann ein Spitzenpolitiker das Geschehen nicht mehr verantwortlich überblicken. Die Frist wird immer kürzer. Das war auch bei Willy Brandt nicht anders. Er hat den Radikalenerlaß mit zu verantworten. Der Fall Guillaume war nur der Auslöser für seinen Rücktritt.

Bundespräsident Gustav Heinemann war am 6. Mai 1974 im Hamburger SPIEGEL-Haus zu Gast, als er ans Telefon gerufen wurde. Willy Brandt wollte am nächsten Tag zurücktreten. Das war wohl folgerichtig, aber nicht nötig oder, wie Helmut Schmidt sagte, "out of proportions". Er stand als Nachfolger aber ja schon bereit.

Rut Brandt und Herbert Wehner sollen an seinem Rücktritt schuld gewesen sein, hat er behauptet. Warum? Weil sie ihm davon nicht abgeraten hatten. Wehner hatte wohl nichts dagegen.

Da unser großer Mann auch Macken hatte, schob er Unbequemes gern weit von sich. Eine seiner beiden Sekretärinnen an einem Sonntag zum Diktat zu bestellen konnte er sich nicht überwinden. Das sollte sein Kanzleramtsminister Horst Ehmke besorgen (der das ablehnte).

In meinem langen Journalistenleben bin ich in Deutschland zwei großen Staatsmännern begegnet (Herbert Wehner eingeschlossen, wären es drei). Mit dem einen, Konrad Adenauer, waren die Beziehungen zu Anfang und zum _(* Damals hatte ich ihn im Bundestag noch ) _(nicht zu wählen, 1972 aber doch. Mir ) _(widerfuhr das Mißgeschick, sowohl seinen ) _(Vor- wie seinen Nachnamen nicht korrekt ) _(zu schreiben, ohne Folgen. ) Schluß recht gut, dazwischen war nichts. Heimtückisch war der Alte, gleichgültig gegen jedermann der andere.

Mit Willy Brandt gab es wirkliche, wenn auch schwankende Beziehungen. Er bemerkte wohl, daß der SPIEGEL seine Ostpolitik ganz wesentlich vorbereitet hatte. Er wußte, daß ich seine lasche Haltung gegen Wehners Moskauer Anti-Bonn-Tiraden 1973 ("Der Kanzler badet gern lau") nicht billigte. "Ja, das sagt Rut auch", meinte er gegenüber Günter Gaus und mir, nachdem er wegen Wehners Unverschämtheiten seine Amerika-Reise abgebrochen hatte.

Aber er sah auch, daß der SPIEGEL ihm schon vor der Guillaume-Affäre nicht mehr folgen konnte, ihm sogar geschadet hatte. Und zu kränken war er.

Dann gab es die große Versöhnung in Norwegen, 1974, als ich in seinem Feriendomizil übernachten durfte. Zu unser beider Überraschung erschienen wir zum Frühstück, wohl wegen der guten norwegischen Luft, wie frisch.

Für das fällige SPIEGEL-Titelbild hatte unser Fotograf Jupp Darchinger eine elektrische Schreibmaschine ohne Kabel mitten in den Garten gestellt, die niemand hätte bedienen können. Ohne einen hier nicht weiter auszubreitenden Witz hätte Darchinger die halbe Sekunde nicht erhascht, um dem Morgenmuffel Brandt den Anflug eines Lächelns zu entlocken.

Später bat ich ihn um einen Artikel für ein SPIEGEL SPEZIAL über Hitler. Er lehnte ab. Ich sagte: "Das mußt du tun, und sei es mir zu Gefallen." Er lieferte einen ganz unentbehrlichen Aufsatz.

Brandt war natürlich anders, als die Leute ihn sahen, ihn sehen wollten, während Konrad Adenauer genau so war, wie seine Leute ihn sahen oder sehen wollten. Mir beispielsweise fiel es schwer, mit Adenauer zu reden, der mit einem nur Schlitten fuhr. Da waren die Wahlen, die USA und Frankreich. Mehr stand nicht auf dem Tisch.

Bei Willy Brandt hingegen hatte man zu kauen. Er konnte einem und man konnte ihm mit Sprüchen nicht kommen. Als er ohne Mantel bei schneidender Kälte völlig allein die Anlegestelle verließ, von der aus Carlo Schmid soeben zur letzten Ruhe geleitet worden war, sagte ich ihm: "Wir haben schon genug herausragende Sozialdemokraten verloren." Er antwortete nur: "Atterdag", nächstes Mal also. Dann würde er sich vermutlich, oder auch nicht, wärmer anziehen.

Seit Friedrich III., dem 99-Tage-Kaiser (1831 bis 1888), seit Konrad Adenauers langsamem, aber doch irgendwie "natürlichem" Tod im Jahre 1967, hat kein Deutscher seine Landsleute mit seinem Sterben so tief bewegt. Was immer über Willy Brandt geschrieben wird, ich kann nur sagen: " . . . und mir war er mehr."

* Damals hatte ich ihn im Bundestag noch nicht zu wählen, 1972 aber doch. Mir widerfuhr das Mißgeschick, sowohl seinen Vor- wie seinen Nachnamen nicht korrekt zu schreiben, ohne Folgen.

DER SPIEGEL 42/1992
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