12.10.1992

„Musik sagen, Kasse meinen“

SPIEGEL: Mr. Jarrett, Ihr berühmtes "Köln Concert" ist mittlerweile ein Super-Hit der Plattenbranche. Sind Sie darauf stolz?
JARRETT: Nein, man sollte alle die Aufnahmen einstampfen.
SPIEGEL: Wie bitte? Sie machen Witze.
JARRETT: Ich meine es ernst. Diese Bestseller sollten nach einer bestimmten Zeit vom Markt verschwinden, auch "Köln Concert". Genauso wie ich glaube, daß wahre Musik aus einem echten Bedürfnis heraus entsteht, so denke ich, daß man Musik auch vergessen muß. Sonst bleiben wir süchtig an Vergangenem hängen.
SPIEGEL: Wieso warnt neuerdings ausgerechnet Keith Jarrett, einer der Kings in den Charts, vor der Musikindustrie?
JARRETT: Wenn man sich heute mit jemandem über Musik unterhält, wird fast nur noch über Musik auf Konserve geredet und über das, was der Handel anbietet. Musik existiert viel besser ohne die Industrie, denn dann spielen auch wirklich nur die Musiker, die aus einem Bedürfnis heraus musizieren. Es gibt Musiker - beispielsweise in Ägypten, am Nil -, die machen wundervolle Musik, aber die tauchen damit niemals auf CD auf.
SPIEGEL: Und was wäre Mister Jarrett ohne die Musikindustrie?
JARRETT: Bis zu einem gewissen Maß hängt mein Leben einfach von der Musik ab, egal ob mit oder ohne Industrie. Ich würde immer irgend etwas mit Musik machen.
SPIEGEL: Sind Sie ein Top-Star? Fühlen Sie sich so?
JARRETT: Ich kann mir Keith Jarrett gut als einen Mann vorstellen, der nicht in der ganzen Welt bekannt ist. Für mich ist klar, daß ich an Neuem nur weiterarbeiten kann, wenn ich mich erinnere, wo ich herkomme. Wieviel Leute waren denn im New Yorker "Village Vanguard", als ich dort mit meinem Trio spielte? 15 bei 260 Plätzen. Aber ich war damals derselbe wie heute.
SPIEGEL: Vor einigen Wochen haben Sie in der New York Times eine recht pessimistische Bilanz der heutigen Musiksituation veröffentlicht: Der Jazz habe seine Seele verloren, Musik werde mit der Musikindustrie verwechselt, vor _(Das Gespräch führte Redakteur Klaus ) _(Umbach in Wien. ) allem fehle das Schweigen, das für Musik lebenswichtig sei. War dieser Beitrag Ihre Götterdämmerung?
JARRETT: Der Aufsatz wandte sich vor allem an amerikanische Leser, die die finstere Wahrheit nicht sehen wollen. Die meisten Artikel in der New York Times zu diesen Themen klingen positiv und besagen reinweg nichts. Deshalb mußte ich mal negativ schreiben und Klartext reden. Ich glaube, Musik ist eine ernsthafte Sache, aber sie wird mehr und mehr als Disneyland aufgezogen.
SPIEGEL: Wie das?
JARRETT: Die Straßen sind sauber, die Gebäude leer und die meisten Aktivitäten im modernen Musikleben Täuschungen, Fälschungen, Lügen. Musik aus den Händen der Musikindustrie ist im allgemeinen eine Computerversion der Realität. Ich will, daß junge Musiker das wissen und auch kapieren.
SPIEGEL: Sie unterscheiden populäre und Underground-Kultur. Wozu rechnen Sie sich selbst?
JARRETT: Ich gehöre zum Underground.
SPIEGEL: Ihr Underground zieht sich aber durch alle Musikzentren der Welt.
JARRETT: Ach, in vielen dieser Musikzentren fühle ich mich als Eindringling. Als ich auf dem Kreuzfahrtschiff "Rhapsody" mit dem English Chamber Orchestra Mozart-Konzerte spielte, war ich ein Fremdling, weil ich mit Dingen kam, die keiner von mir erwartet hatte. Alle anderen waren klassische Instrumentalisten. Ein Passagier, der sich Musikologe nannte, tat alles, meinen Namen an Bord nicht in den Mund zu nehmen, jede Begegnung mit mir zu vermeiden und auch zu verhindern, meinen Mozart hören zu müssen.
SPIEGEL: Dennoch bleiben wir dabei, daß Sie ein Weltstar sind.
JARRETT: Nein, und Leute, die mich wirklich kennen, wissen das auch.
SPIEGEL: Was ist Ihrer Meinung nach ein Star?
JARRETT: Die Existenz eines Stars hängt davon ab, ob der Künstler ganz bewußt in den Medien mitmischt und sich dort aufbaut. Wenn ich ein Star bin, dann wegen der Medien, die mich ohne mein Dazutun und auch ohne mein Interesse zum Star gepuscht haben. Ein Star hängt von der Masse und deren Beifall ab.
SPIEGEL: Genau, und die Massen liegen Ihnen zu Füßen.
JARRETT: Der Beifall der Massen, den ich finde, der ist durchaus nicht unbedingt okay. Ich glaube, er rührt noch von der Star-Mache her, wie die Medien sie betrieben haben. Wenn überhaupt, dann bin ich ein Anti-Star.
SPIEGEL: Dieser Anti-Star taucht erst aus dem Underground auf und läßt sich dann in den berühmtesten Konzertsälen und Opernhäusern feiern.
JARRETT: Hören Sie mal, der Klang eines Klaviers im Opernhaus ist sehr, sehr viel schöner als in einem kleinen Klub. Jeder Pianist, ob Star oder nicht, möchte diesen Klang gern mal genießen. Vergessen Sie die vielen Menschen jeden Abend! Wenn ich wirklich ein Star wäre, würde ich wie Luciano Pavarotti in Stadien auftreten. Hoffentlich kann ich diesen Zirkus mein Leben lang verhindern.
SPIEGEL: Warum warnen ausgerechnet Sie, der Interpret auf Dutzenden von Platten, junge Musiker davor, Schallplatten aufzunehmen?
JARRETT: Eigentlich warne ich sie nicht. Mir geht es darum, zu verhindern, daß junge Musiker nur auf Umsatzzahlen stieren. Sie dürfen sich nicht von Geschäftemachern entmündigen lassen. Es ist unmöglich und unerträglich, daß sie alle mit jenen Leuten kungeln, die zwar Musik sagen, aber Kasse meinen.
SPIEGEL: Sie fordern mehr "bedeutungsvolle" Musik. Was meinen Sie damit?
JARRETT: Es ist recht schwer, für das, was ich zu erklären versuche, den treffenden Begriff zu finden. Sagen wir so: "Bedeutungsvolle" Musik ist für mich Musik, die ganz von innen kommt. Der Künstler muß einfach unter dem Zwang stehen, Musik zu machen, und diesen Zwang kann man der Musik dann auch anhören.
SPIEGEL: Sie glauben, daß Musik einen Nährwert hat - wörtlich verstanden. Für wen und in welcher Form?
JARRETT: Wenn man einen Menschen in einer Umgebung isoliert, wo es keine Zeit und kein Licht gibt, wo nichts passiert und alles leer ist, dann dreht dieser Mensch durch. Klänge, Licht, Farben genauso wie Musik, die wir hören, und Früchte, die wir essen - das alles kann man als Nahrung bezeichnen. Wir essen, was wir hören. Wenn wir schlechte Musik hören, essen wir auch die, weil wir gar keine Möglichkeit haben, das zu verhindern. Auch schlechte Musik ist Teil unserer Nahrung. Sie kennen die Redensart: Sage mir, was du ißt, und ich sage dir, wer du bist. Wenn das stimmt, dann sind wir auch, was wir hören.
SPIEGEL: Sehen Sie das Improvisieren eigentlich als eine romantische Kunstform an?
JARRETT: Nein, keineswegs. Aber das Klavier ist ein romantisches Instrument, und eines meiner Probleme als Musiker besteht darin, daß ich das Klavier nicht mag.
SPIEGEL: Ach, schon wieder eine Omelette surprise!
JARRETT: Tatsache, ich mag es nicht. Ich hasse es. Besonders, wenn ich Jazz spiele.
SPIEGEL: Was ist eigentlich Jazz?
JARRETT: Zunächst muß man sich vor Augen halten, daß Jazz mit gewissen Beziehungen der Rassen untereinander zu tun hat, egal ob man diese Beziehungen gut oder schlecht findet. Jazz ist Musik des Herzens. Jazz entsteht aus dem Risiko, sich ganz spontan selbst zu öffnen. Ich weiß: Das ist eine sehr weitgehende Interpretation. Aber, es gibt jedenfalls im Westen nichts mit dem Jazz Vergleichbares. Ich habe in anderen Musiksparten eine Menge Menschen getroffen, die niemals Jazz gespielt haben. Und die haben nun einen ganz dicken Frust.
SPIEGEL: Dann ist Jazz also ein Medium und eine Medizin gegen Frustration?
JARRETT: Ja, genau das. Jazz-Musiker kennen keinen Frust. Die haben vielleicht andere Probleme. Aber was die Musik angeht, sind sie so offen, wie man nur sein kann, und genau das ist das Wesen, das Wesentliche der Musik. Deshalb gehe ich auch soweit, zu behaupten, daß Jazz die wertvollste Form der Musik ist, die wir in der modernen Welt noch haben.
SPIEGEL: Aber droht nicht auch dem Jazz das Ende?
JARRETT: Ich sehe eine große Gefahr. Die Jazz-Musiker müssen aufwachen und erkennen, daß sie weder Imitatoren noch Stars sein können. Wenn das Publikum einen mag und man das große Geld macht, dann gerät man schnell in das Räderwerk von Kommerz und Vermarktung, wenn man sich nicht selbst unter Kontrolle hat. Die Jazz-Musiker müssen einsehen, daß für sie die einzige Chance, wirklich ernstgenommen zu werden, darin besteht, in der Musik sich und nur sich selbst auszudrücken.
SPIEGEL: Ex-Beatle Paul McCartney hat 1991 sein "Liverpool Oratorio" uraufgeführt, der Alt-Rocker Frank Zappa soeben seine Orchestersuite mit dem Titel "The Yellow Shark" vorgestellt. Was halten Sie von dieser Art Crossover der Sparten?
JARRETT: Was soll das? Es ist schon schlecht, daß es dafür einen Begriff gibt. Das ist wie mit "Life Style", auch so ein albernes und leeres Klischee. Crossover ist nichts. Crossover was? Ich kann mir denken, was die Leute glauben, damit zu meinen. Wenn Crossover bedeutet, daß man in eine andere Sparte ausweicht und zurückkehrt und wieder geht und wieder zurücckommt - nein, das ist absolut nichts für mich.
SPIEGEL: In den letzten Jahren hat der Jazz-Pianist Jarrett viel und erfolgreich Bach, Mozart, neuerdings sogar Schostakowitsch gespielt. Betreiben Sie nicht auch Crossover?
JARRETT: Völlig falsch. Meine ersten zwölf Jahre am Klavier waren Jahre der Klassik, 90 Prozent dessen, was ich spielte, war notierte Musik. Der Grund, warum Jazz so wichtig wurde, lag darin, daß ich beim Mozart-Üben hier und da immer mal wieder ein paar Noten änderte. Meine Lehrerin sagte dann: Nein, nein, nein. Und ich entgegnete: Well, aber ich finde es besser. Da befahl sie: Du spielst so, wie es da steht. Natürlich, natürlich. Aber später fand ich trotzdem, daß man da eigentlich was hinzufügen müsse. So fing ich an, meine eigenen Klänge zu erfinden. Ich begann zu improvisieren.
SPIEGEL: Welcher junge lebende Komponist hat Sie - in welcher Weise auch immer - beeinflußt?
JARRETT: Keiner. Ich habe nirgends Musik gehört, die mich sehr tief berührt oder besonders gepackt hätte.
SPIEGEL: Wirklich? Nicht ein einziger bedeutender, eindrucksvoller Jungmusiker?
JARRETT: Nein.
SPIEGEL: So bleibt denn wohl nur Keith Jarrett, den die Wochenzeitung Die Zeit fast schon heilig gesprochen hat: Eines Tages würden die Mütter Ihnen ihre Kinder über die Rampe reichen, damit Sie sie segnen. Ist es mit dem Jarrett-Kult soweit gekommen?
JARRETT: Ich sehe durchaus, wie um Menschen, die irgend etwas Wertvolles tun, rasch ein Kult entsteht. Ich bin sicher, daß es einen Jarrett-Kult gibt, und ich finde das überhaupt nicht gut.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß Sie Ihr Publikum zu kollektiven Trips verführen können?
JARRETT: Ich bin jedenfalls nicht stolz darauf, Menschen manipulieren zu können. Einige meiner früheren Alben vermochten die Leute durchaus süchtig zu machen, das "Köln Concert" zum Beispiel. Die Leute erledigen ihre Hausarbeit und legen sich dazu diese Platte auf. Am Ende kaufen sie das sechste Exemplar, weil sie schon fünf abgespielt haben. So etwas ist Sucht, und der, der sie auslöst, ist womöglich ein Verführer.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß die Musik des Westens stirbt?
JARRETT: Wir machen im Westen große Fehler. Vor langer Zeit haben wir angefangen, Stars aufzubauen und so das Publikum von den Musikern zu trennen. Die stummen Zuhörer, die nur den Star anglotzen, gehören zum großen Finale der westlichen Musik.
SPIEGEL: Also doch Götterdämmerung?
JARRETT: Der ganze Musikbetrieb des Westens müßte mal eine Pause einlegen - so stopp, für eine Minute! Aber das ist natürlich Wunschdenken. So wird die Show, besser gesagt: der Showdown, weitergehen. Wir haben auf der Erde schon vieles getötet. Wir haben die Natur zerstört, und wir haben auch in der Tonkunst jede Menge Umweltgifte. Wir verdienen keine Musik mehr. Ich fürchte, wir werden auch sie kaputtkriegen.
SPIEGEL: Mr. Jarrett, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Klaus Umbach in Wien.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 42/1992
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