02.11.1992

Die Masse schrie „hurra!“

SPIEGEL: Im Gegensatz zum Bürgersohn Bertolt Brecht stammen Sie aus eher proletarischen Verhältnissen. Wie ist Brecht mit Ihnen umgegangen?
STRITTMATTER: Brecht hat das Arbeitermilieu sehr romantisch gesehen und vergottet. Ich habe ihm immer gesagt: So sind die Arbeiter nicht.
SPIEGEL: Hat er sich das sagen lassen?
STRITTMATTER: Er hat genau zugehört, ich war doch eine seiner Außenantennen. Wenn er aber seine Schüler um sich versammelt hatte, wollte er der große Lehrer sein; in gewisser Weise war er es ja auch. Aber ich war damals, in den fünfziger Jahren, schon zu alt, als daß ich einfach in Anbetung verfallen wäre. Manches an ihm war mir doch fremd.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
STRITTMATTER: Am 17. Juni 1953 beobachteten wir gemeinsam, wie die sowjetischen Panzer die Friedensallee herunterfuhren, wie sie mit Steinen beworfen wurden und wie die Panzer die Straße leerfegten. Auf einmal reißt Brecht die Mütze vom Kopf und schreit "hurra!" Da schrien die Massen auch "hurra!"
SPIEGEL: Die Begeisterung galt den Panzern?
STRITTMATTER: Ja.
SPIEGEL: Kannten die Jubler Brecht?
STRITTMATTER: Jeder in Ost-Berlin kannte Brecht. Auch die Volkspolizisten. Ich bin mal mit ihm im Auto gefahren, er verstieß gegen irgendeine Verkehrsregel und wurde angehalten. Um den Polizisten abzuwimmeln, zückte Brecht gleich seinen Nationalpreisträger-Ausweis, aber der Mann sagte ganz ruhig: "Auch Sie, Herr Brecht, unterstehen der Verkehrspolizei." Oh, war er da wütend!
SPIEGEL: Derselbe Brecht, der den sowjetischen Panzern zujubelte, hat doch für den 17. Juni die listige Formel erfunden, die unzufriedene Regierung solle ihr Volk auflösen und ein anderes wählen?
STRITTMATTER: Das war später. Und es war natürlich ein Gag, den er gerne machte, wenn er im Kreis seiner Schüler saß und alle ihm mit blitzenden Augen lauschten.
SPIEGEL: Wie hat Brecht auf die Nachricht von Stalins Tod reagiert?
STRITTMATTER: Bei Stalins Tod wohnte ich bei Brecht. Wir beide saßen alleine beim Frühstück, und er sagte: "Stalin ist tot. Na ja, was er über die Sprache geschrieben hat, das war Scheiße. Aber das, was er über die Ökonomie geschrieben hat, das hat doch alles Hand und Fuß." Ein paar Wochen später war das alles auch Scheiße. Daß er, der kluge Brecht, sich in seiner Stalin-Beurteilung so furchtbar täuschte, hat ihn schwer belastet und, davon bin ich überzeugt, seinem frühen Tod ein Stückchen näher gebracht.
SPIEGEL: Standen Sie bis zu seinem Tod im August 1956 mit ihm in Verbindung?
STRITTMATTER: Das letzte Gespräch mit Brecht war, glaube ich, zwei Tage vor seinem Tod in seinem Landhaus in Buckow. Er saß in einem verdunkelten Zimmer, die Gardinen waren zugezogen. Ich sagte: "Was hockst du so in der Finsternis?", und er erwiderte: "Ach weißt du, da kommt man nicht so ins Grübeln." Und ich antwortete: "So kommt man doch erst recht ins Grübeln!" Beim Abschied sagte er: "Weißt du, eins muß ich sagen: Wir haben das Gefühl vernachlässigt." Das war derselbe Brecht, der sein Publikum immer provoziert hat mit Sätzen wie: "Glotzt doch nicht so romantisch!"

DER SPIEGEL 45/1992
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