30.11.1992

Hilflos in der Jauche

Blamabler Absturz: RTL-Talkmaster Gottschalk kapitulierte vor dem Republikaner-Chef Schönhuber.
Im deutschen Fernsehen ist der Moderator Thomas Gottschalk gewöhnlich ein Schwatzmann von beträchtlichem Vergnügungswert. "Prachtvoll onduliert, spitzbübisch lächelnd", so rühmte eben erst die Zeit, parliere der Entertainer "mit Menschen aus aller Welt, darunter immer öfter solchen aus Politik und Zeitgeschehen". Und sein neuer Trick, dargeboten in der werktäglichen RTL-Mitternachts-Show "Gottschalk", sei die "aparte Strategie: Flucht ins Niveau". Doch am vergangenen Donnerstag, um 23.15 Uhr, stürzte der redselige Niveau-Stürmer jäh und jammervoll ab.
Aufgeräumt, das üppige Haupthaar fönig gewellt, so trat er vor Deutschlands fernsehsüchtige Nachtmenschen und versorgte die erwartungstrunkene Gottschalk-Gemeinde zunächst einmal mit den "guten und schlechten Meldungen" des Tages. Die vollsynthetische Showstellerin Cher etwa leide nach einer mißlungenen Schönheitsoperation an einer "riesendicken Unterlippe", die sie unverzüglich "an Michael Jackson als Hintern weitergeben" könne. Solche abgeschmackten, sinistren Witzeleien waren das Präludium zu einem blamablen Gruseltheater.
Lange, so Gottschalk treuherzig, habe er mit seiner Redaktion gerungen, ob der folgende Studiogast, immerhin "Vorsitzender einer demokratischen Partei", auch in seiner exquisiten Late-Show auftreten dürfe. Nun stehe er vor der Tür: Denn "wenn wir solche Leute nicht mehr ins Fernsehen lassen, dann ist irgend etwas faul in diesem Land".
So stapfte denn, mit bräsiger Jovialität, der medial ausgebuffte Republikaner-Chef Franz Schönhuber in die TV-Arena; und es entspann sich ein wirrsinniges, rechtsradikales Schlagwort-Geplapper, das der Entertainer mit charmanter Ahnungslosigkeit zu kontrollieren versuchte - vergebens. Die hilflose Rede war von rechter Gewalt, von Fremdenhaß, Asylmißbrauch und republikanischer Mitverantwortung.
Zu den Türken-Morden in Mölln fiel dem Talkmaster nichts Besseres ein als die begriffsstutzige Standardfrage: "Was haben Sie dabei empfunden, gefühlt?" Schönhuber replizierte ölig, das seien "Untaten", ganz gleich, "ob ein Deutscher oder Nichtdeutscher" das Opfer sei. Gottschalk, unverblüfft von dieser quicken Einführung des Deutschtums in die Debatte, hatte trotzdem "ein bißchen das Gefühl", irgendwie seien die Möllner Grausamkeiten doch "die Konsequenz" des heimatkundlichen Rep-Slogans "Deutschland den Deutschen".
Daraufhin durfte der Veteran der Waffen-SS feinsinnig werden und zwischen grobem Nationalismus und seinem "patriotischen Anliegen" unterscheiden. Ein wohlpräparierter Gottschalk hätte an dieser Stelle dem rechten Schwadroneur ein passendes Zitat vorgehalten: Der "Zeitgeist", so hatte Schönhuber einmal geklagt, erlaube "ja keine anständigen ehemaligen Faschisten".
Nach einem Schönhuber-Exkurs über die "Heuchelei" der Demonstrationen gegen Fremdenhaß, nach seiner unwidersprochenen Behauptung, jeder erkennbare Antisemit fliege bei den Repsen raus, eröffnete Gottschalk überraschend: "Wir wollen doch hier nicht politisch diskutieren. Das kann ich nicht." Er sei nur "ein Mensch, der betroffen ist", zudem "ratlos" und "am Ende des Lateines".
Aus dieser wahrlich "schwierigen Situation" fand der unselige Allround-Schwätzer nur noch einen Ausweg: "Wir senden erst einmal Werbung, da machen wir nichts falsch." Der bayerische Kreidefresser, dem Gottschalk zuweilen sogar schmeichelte ("Ihre Eloquenz in Ehren, das hört sich alles glaubhaft an"), bedankte sich gönnerhaft für "den Glücksfall dieser Sendung" - sonst werde ihm in der hinterlistigen Television ständig das Wort verdreht oder gemein abgeschnitten.
Der ratlose Groß-Unterhalter, dem allenfalls noch einfiel, er "vermisse" Schönhubers "Eingreifen im positiven Sinne", lief schließlich nur noch verstört durchs Studio und stammelte: "Was kann ich sagen? Helft mir!" Als die aufgeweckte Sängerin einer Pop-Gruppe dem Moderator vorhielt, "daß du nicht härter sein konntest", applaudierte das Publikum einhellig. Selten wirkte der Populist so einsam: "Ich habe doch bloß Dinge gefragt, die mich interessieren."
Spätestens hier wurde überdeutlich, daß deutsche Talk-Show-Munterkeit ins Peinliche plätschert, wenn sie sich vollmundig an heiklen politischen Sujets vergreift. Der lärmige Solist Gottschalk, der kürzlich noch öffentlich gegen Fremdenhaß protestiert hatte, versackte sprachlos in der Demagogenjauche.
Die Stimme der Vernunft erhob sich am Ende dort, wo sie in dieser trüben Novembernacht niemand vermutet hätte - im gemeinen Volk. Der Auftritt Schönhubers, urteilte bündig ein junger Mann vor dem Gottschalk-Mikrofon, sei doch bloß ein kaltschnäuziges "Medienspektakel".

DER SPIEGEL 49/1992
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