28.12.1992

Der Herr der Tagebücher

Er sei bloß ein pedantischer „Buchhalter der Zeitgeschichte“, hieß es hämisch, doch unbeirrt schrieb der erfolgreiche Romancier Walter Kempowski seine Chronik des deutschen Bürgertums fort. Im Herbst 1993 soll sein Megawerk „Echolot“ erscheinen - der minutiöse Querschnitt durch zwei Monate im Jahre 1943.
Eines Nachts mußte der Häftling Walter Kempowski in der Elektrowerkstatt aushelfen. Ein Volkspolizist begleitete ihn über den Hof des DDR-Zuchthauses Bautzen. Nie zuvor war der wegen angeblicher Spionage und illegalem Grenzübertritt Verurteilte, damals knapp 20 Jahre alt, zu so später Stunde an dieser Stelle gewesen, und nie zuvor hatte er das eigenartige Gebrummel vernommen, das von überall her zu kommen schien. "Was ist das?" fragte er seinen Begleiter.
Das seien die Gefangenen, die sich gegenseitig etwas erzählten, war die Antwort. "Ich wurde über diesen Hof geführt", erinnert sich Kempowski, "und habe plötzlich mitgekriegt, daß sich die tausend oder mehr Häftlinge ununterbrochen etwas zu erzählen hatten, jahrelang, acht Jahre lang, die ich dort verbrachte."
Der Gedanke, daß all diese Stimmen im Nichts verhallen, daß all die Geschichten verloren sind, daß so viele Erlebnisse und Erfahrungen mit den Toten begraben werden, hat ihn nie mehr losgelassen. Als Schriftsteller hat Kempowski, der, vorzeitig entlassen, 1956 in den Westen kam, seine eigene Geschichte und die seiner Familie festgehalten und aufgehoben: indem er sie erforschte, notierte und ungemein erfolgreiche Romane daraus gewann, Romane, die zum Teil verfilmt worden sind. Das war ihm nicht genug.
Seit einigen Jahren arbeitet Walter Kempowski, 63, an einem gewaltigen Projekt: "Echolot". Es kommt seinem Traum von einer umfassenden Dokumentation des vielstimmigen Menschenchors zumindest nahe. Ein wahnwitziges Unternehmen, dem er sich da verschworen hat. Vielleicht wird sich "Echolot" als eines der letzten großen literarischen Wagnisse dieses Jahrhunderts erweisen: eine kollektive Alltagschronik und -collage, gegen die sich einst die Folianten eines Arno Schmidt wie Broschüren ausnehmen könnten.
Menschliche Komödie im O-Ton: Ursprünglich plante Kempowski, der seit 1980 ein "Archiv für unpublizierte Biographien" unterhält und sich heute von zwei weiblichen Hilfskräften bei der Auswertung helfen läßt, eine gigantische Textmontage aus der Zeit vom 1. Januar 1943 bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1949. Auf gut 20 000 Seiten wäre das gekommen - so eine frühe, eher vorsichtige Schätzung.
Mittlerweile hat der Herr der Tagebücher sein Puzzle aus Fremdstimmen, ein work in progress, eingegrenzt - zumindest hinsichtlich der anstehenden Veröffentlichung. Monoman und monumental genug bleibt das ehrgeizige Projekt trotzdem. Im Herbst 1993 soll ein erster Komplex erscheinen, streng beschränkt _(* In seinem Haus in Nartum, vor dem ) _(Regal mit dem Tagebuch-Archiv. ) auf die Monate Januar und Februar 1943.
Allein diese Kostprobe wird knapp 3000 Seiten umfassen - vier Bände mit Register im Schuber - und etwa 250 Mark kosten (im Verlag Albrecht Knaus).
Der Arbeitstitel "Echolot" ist der Seefahrt entliehen. Dort bezeichnet das Wort ein Gerät, das Schallwellen aussendet und empfängt. Mit ihnen wird die Beschaffenheit des Untergrundes abgetastet - und das unter der Oberfläche Versteckte in Umrissen greifbar.
Als die Vorarbeiten für den ersten "Echolot"-Komplex Ende 1991 weitgehend abgeschlossen waren, erlitt Kempowski einen Schlaganfall. Er hat sich davon bemerkenswert gut erholt. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt er sich inmitten der Tagebücher, Fotoalben, Briefsammlungen und sonstigen Dokumente des Archivs, oben im ersten Stock seines Hauses.
Später einmal möchte er das alles der Universität seiner Heimatstadt Rostock vermachen. Die Summe dessen, was er bisher zusammengetragen hat, ist schwindelerregend. Rund 300 000 Bilder sind hier gesammelt und registriert, gut 3000 biographische Texte stehen in den Regalen.
An ein Wunder grenzt das Vertrauen, das völlig Unbekannte in den Autor Kempowski setzten und weiterhin setzen. Der Zustrom reißt nicht ab. In Kleinanzeigen, auf Lesungen hat der Unermüdliche für sein Archiv geworben, auf Flohmärkten gesucht, einmal - in Göttingen - auch einen Karton mit Fotos aufgehoben, die auf der Straße lagen, achtlos fortgeworfen: Bilderchronik eines Lebens.
Das meiste kommt per Post ins Haus. Und immer noch ist Kempowski der erste, begierige Leser. Menschen schicken ihm ihre Lebensbeichte oder die Autobiographie eines Unbekannten, die sie auf dem Dachboden gefunden haben. Tagebücher ("Es ist so ein bißchen Voyeurismus dabei") sind ihm am liebsten.
Das Interesse an erlebter und erzählter Geschichte, andernorts hochtrabend als "oral history" zu Ehren gekommen, bildete den Ausgangspunkt des Schriftstellers Kempowski. Schon in den fünfziger Jahren, gleich nach seiner Entlassung aus der Haft, befragte er vor dem Tonband seine Mutter und andere Familienmitglieder: Keimzelle der zu Beginn der siebziger Jahre - mit dem Roman "Tadellöser & Wolff" - gestarteten mehrbändigen Chronik des deutschen Bürgertums, jener weitgehend autobiographischen Familiensaga, die Kempowski berühmt gemacht hat.
Es folgten bald gezielte Befragungen bei Zufallsbegegnungen, was zu Büchern wie "Haben Sie Hitler gesehen?" oder "Haben Sie davon gewußt?" führte - hausgemachte Demoskopie mit verblüffenden Ergebnissen.
Nun wächst, mit dem "Echolot"-Giganten, eine neue Dimension hinzu. Für Kempowski sind das zwei "Etagen", die zusammengehören: "Oben die Chronik mit den Beiwerken, unten das Echolot-Material." Ein Gesamtkunstwerk.
Die Frage ist natürlich: Wer wird das alles lesen wollen? Tagebuch- und Briefschnipsel von Unbekannten und Bekannten hat Kempowski zu einem neuen Ensemble kompiliert und sich dabei längst publizierter Quellen bedient: der Tagebücher Thomas Manns ebenso wie der Briefe Himmlers. Er ist der Arrangeur, der Chorführer: "Man muß die vielen Äußerungen der Menschen aufeinander beziehen, man muß sie einen Dialog führen lassen. Ganz behutsam, das darf der Leser kaum merken." Ohne Computer, sagt er, wäre das alles nicht gegangen.
Kempowskis Zitiereifer steht in der Literatur dieses Jahrhunderts nicht völlig einsam da. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs montierte Karl Kraus aus einer Vielzahl von Stimmen sein mehrere Abende füllendes Drama "Die letzten Tage der Menschheit" - mehr als ein Drittel davon Zitat. Kraus meinte dazu: "Als ob man so etwas erfinden könnte und als ob mein Anteil an diesen Gestaltungen darüber hinausginge, daß ich zu allem, was es gab, am rechten Ort und zur rechten Zeit die Anführungszeichen gesetzt habe." Zu zitieren und zu fotografieren - darin sah Kraus schon 1914 eine ideale Möglichkeit, das noch junge Jahrhundert zu erfassen.
Das "Echolot" beginnt am 1. Januar 1943, vor fast genau 50 Jahren. Das hat seinen Sinn: Die deutsche Expansion hatte ihr größtes Ausmaß gerade überschritten. Es ist erstaunlich zu verfolgen, wie in Briefen und Tagebüchern - dem Tagesbefehl Hitlers zum Trotz - die Ahnung vom kommenden Ende spürbar wird. Bis zur Kapitulation in Stalingrad ist es noch einen Monat hin. Landser-Seligkeit kommt auf diesen Seiten, die der SPIEGEL erstmals in Auszügen veröffentlicht, nur selten auf.
Mancher hatte, wie Paulheinz Quack in Wahn, am Neujahrstag ohnehin ganz andere Sorgen: "Könnt Ihr mir einen Punkt von Vaters Kleiderkarte schicken? Dann bekomme ich einen guten Kragen."
* In seinem Haus in Nartum, vor dem Regal mit dem Tagebuch-Archiv.

DER SPIEGEL 53/1992
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