07.11.1994

AutorenDas Zittern der Gräser

Im Herbst 1974, vor genau 20 Jahren, schrieb der junge Schriftsteller Peter Handke in Paris an einer Geschichte, die von einem jungen Österreicher handelt, der in Paris als Mitarbeiter der Botschaft lebt und sich von der Welt eigentlich nur gestört fühlt. Wenn dieser Gregor Keuschnig morgens am Kiosk in den Schlagzeilen liest, daß auf Zypern ein Krieg drohe, dann fällt ihm dazu ein: "Wie lästig . . . was für eine Einmischung in mein Leben!"
Mancher Kritiker hat das damals für ein reines Selbstporträt des Autors gehalten. Immer wieder wurden Handke Weltflucht und narzißtische Selbstbespiegelung vorgeworfen. Er sei unfähig, hieß es auch vorher schon, in seiner Literatur gesellschaftliche Zusammenhänge darzustellen.
Handke ließ sich nicht beirren. Selbstbewußt hielt er am poetischen Programm fest, das der Titel der 1975 publizierten Erzählung verhieß: "Die Stunde der wahren Empfindung". Der Dichtersmann ist seither viel auf Wanderschaft gewesen, hat mal in seiner Heimat Österreich, mal in Andalusien, mal in der kastilischen Provinz Soria seine meist vom Umfang her kleinen Bücher geschrieben - und vom großen Epos, von der weit ausholenden Erzählung bisher nur geträumt.
Nun hat er sich den Traum erfüllt. Handke, der seit 1989 in Chaville lebt, nicht weit von Paris entfernt, brachte dort innerhalb eines Jahres ("Januar bis Dezember 1993") sein Buch "Mein Jahr in der Niemandsbucht" zu Papier, ein Buch, das tatsächlich mehr als 1000 Seiten umfaßt - wobei der Verlag allerdings etwas nachgeholfen hat, indem er das Mammutwerk mit einer den Augen wohltuenden großen Schrift drucken ließ*.
Schauplatz: ein Vorort von Paris. Zeit: das Jahr 1997, "gegen Jahrhundertende". Handlung: kaum eine. Thema: die Entstehung eines Buches mit dem Titel "Mein Jahr in der Niemandsbucht".
Der fiktive Erzähler ist ebenjener Gregor Keuschnig, nun Mitte Fünfzig. Nach einer abgebrochenen Karriere als Jurist wurde er Schriftsteller. Und mit _(* Peter Handke: "Mein Jahr in der ) _(Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen ) _(Zeiten". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. ) _(M.; 1072 Seiten; 78 Mark. ) den Jahren versöhnlich gegen die Mitwelt. "Meine Epoche, mein Feind": Das gilt für ihn nicht mehr. Als Familienvater hat sich Keuschnig nicht besonders bewährt: Sein Sohn Valentin ist schon aus dem Haus, und Ehefrau Ana, "die Katalanin", hat den besessenen Schreiberling zum zweitenmal verlassen: "Du kannst dein Rauschen der Bäume und dein Zittern der Gräser nicht teilen - außer im Buch."
Da sitzt er in seiner Bucht, die ihm auch zur "Waldbucht" und "Allerweltsbucht" wird, "hinter den Hügeln, im Hinterland der Weltstadt", wo vom Eiffelturm nur die Spitze zu sehen ist, und er liebt es, wenn "in dem Laubschatten die Bleistifte gleichmäßig dahinfuhren". Zum Schreiben geht er nämlich am liebsten raus "in die Natur".
Eines Tages, als das Manuskript schon weit gediehen ist, trifft sich Keuschnig in einem Pariser Lokal am Pont Mirabeau mit einem Mann, hinter dem sich der Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld vermuten läßt. Keuschnigs Verleger fürchtet, anhand einiger fotokopierter Textproben, das Schlimmste. Schon der geplante Titel gefällt ihm nicht: Das Wort "Niemand" wirke "negativ und abschreckend". Im übrigen sei es "unzeitgemäß", die Haupthandlung in einer abgelegenen Vorstadt anzusiedeln, "eine Geschichte von heute" habe in den Zentren zu spielen.
Und anscheinend sei der Autor immer noch mit sich selbst beschäftigt - wieder ein Buch, in dem die Schriftstellerei zum Thema wird. Verleger wissen: Das Publikum schätzt derlei nicht besonders.
Dabei hat Keuschnig diesmal die besten Absichten gehabt. Diese Geschichte, nimmt er sich gleich zu Beginn vor, "soll von mir nur unter anderem handeln". Und als er einige Seiten später immer noch von sich redet (und das wird bis zum Ende so bleiben), ermahnt er sich: "Wollte ich in dieser Geschichte nicht Randfigur sein?"
Eigentlich soll es um sieben Freunde gehen, ferne Freunde, deren Wege der Erzähler sich imaginieren möchte: um den Sänger, den Leser, den Maler, die Freundin, den Architekten, den Priester und den eigenen Sohn. "Die Geschichte meiner Freunde" gibt es dann auch, doch sie beginnt erst auf Seite 437 und umfaßt nur ein Kapitel von vieren in diesem Buch.
Handkes Werk steht in der Tradition jener Schreibweise, in der die Umwege das Ziel sind. Seit Laurence Sternes "Tristram Shandy" (1759 bis 1767) sind das nicht die schlechtesten Bücher in der Literatur. Keuschnig wünscht sich, "aufgehen zu können in einem fraglosen ( . . .) mitvibrierenden Dahinerzählen" - nur deshalb habe er "bei dem Vorhaben hier so viele Umschweife gemacht, so viele Nebenwege eingeschlagen".
Immer wieder glaubt man, hinter dem Erzähler den realen Autor ausmachen zu können. Handke treibt in seinem neuen Buch ein souveränes Spiel mit der autobiographischen Suggestion. Die Abweichungen von der eigenen Biographie sind oft nur haarfein, aber eben vorhanden.
Keuschnig hat vor seiner Schriftstellerei eine Zeitlang als Jurist gearbeitet, bei den Vereinten Nationen in New York, in einer Kanzlei daheim. Handke gibt ihm vergnügt eine ganze Reihe fiktiver Werke mit auf den Weg, ein Debüt mit dem Titel "Halbschlaferzählung", eine "Rundreise eines Schriftstellers" und einen "Versuch über die Nachbarschaft". Einiges davon erinnert sicher nicht zufällig an Handke-Bücher wie den "Versuch über die Müdigkeit" oder "Langsame Heimkehr".
Er läßt seinen Keuschnig auf einen anderen Schriftsteller treffen - auch der ein alter Bekannter: nämlich Filip Kobal aus Handkes Buch "Die Wiederholung" (1986). Der ist daheim geblieben, nährt sich redlich und macht dem in der Fremde angesiedelten Keuschnig Vorwürfe, von Kollege zu Kollege gewissermaßen: "Von der Landschaft und den Leuten hier kannst du meinetwegen ein Tagebuch führen, auch eine Chronik. Aber sogar wenn du da noch einmal zwanzig Jahre absitzt und abgehst, wird nichts dir sich vertiefen hin zum Sagenhaften."
Dann eben nicht, sagt sich Keuschnig, darin nicht nur geographisch seinem Erfinder näher, und notiert über Kobal spitz: "Er ist für sein nächstes Volksbuch zurückgekehrt in unsere gemeinsame Talschaft."
So munter und leicht geht es oft in diesem "Jahr in der Niemandsbucht" zu. Die Verbissenheit, die manche Arbeiten Handkes zum Teil schwer genießbar machte, ist hier vollends gewichen: ein mitunter geradezu fröhlich wirkendes frühes Alterswerk.
Nur einmal kommt Verbiesterung auf: Da ist vom "Feind in Deutschland" die Rede, dem Kritiker - und da droht das feine Gewebe aus Fiktion und Metafiktion zu zerreißen. Als wäre nicht ohnehin deutlich, wer dieser Kritiker, "der schlaueste und zugleich beschränkteste", sein soll, gibt es - nicht zum erstenmal bei Handke - eine überflüssige Anspielung auf Marcel Reich-Ranickis Prägung durch das Warschauer Ghetto.
Doch ernstlich beschädigen kann dieser Ausfall Handkes Meisterwerk nicht - und sogar dem "einstigen Feind" gegenüber gibt sich Keuschnig am Ende milde. Hatte der vielleicht zu Recht in einem früheren Buch Keuschnigs eine verunglückte Metapher "erschnüffelt", nämlich: "ein Bedürfnis nach Heil, wie es einem der Helden auf die Augenlider drückt"? (Tatsächlich beginnt mit diesem schwerfälligen Bild Handkes eigenes Buch "Langsame Heimkehr" aus dem Jahr 1979.)
Von einem "Bedürfnis nach Heil", außerhalb des Schreibens und der Literatur, ist im "Jahr in der Niemandsbucht" nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Die Mythen scheinen dem Ich-Erzähler "verballhornt, verderbt, verdorben" zu sein, er möchte "dagegen die bloße Gegenwart, den Tag jetzt, den mythenfreien Augenblick gelten lassen". Und auch von einer "Gemeinschaft der Versprengten", von Auserwählten und Geheimzirkeln erwartet Keuschnig ausdrücklich nichts - hier mag Handke an Botho Strauß gedacht haben, den zwei Jahre jüngeren deutschen Kollegen.
Beide sind in ihrer Generation derzeit die auf- und anregendsten Schriftsteller deutscher Sprache. Beide sind, wie es sich gehört, umstritten. Beide sind sie Erzähler, Dramatiker, Lyriker und gelegentlich auch, voller Skrupel, Essayisten und Kommentatoren. Handkes Alter ego Keuschnig hat sich vorgenommen, die Weltgeschichte zu ignorieren, und dennoch immer wieder einmal "in eine todfalsche Mitte gezielt, ob als Redner vor Gericht oder als Artikelschreiber, der sich einbildete, wie einst Emile Zola Geschichte machen zu können".
Handke und Strauß haben vor allem dieses gemeinsam: Beider Werk ist nicht zu denken ohne das Nachdenken über die Tätigkeit des Schreibens - mitsamt den Selbstzweifeln und Verzagtheiten.
Und wovon sonst ist in der bedeutenden Literatur aller Zeiten und Nationen zumindest insgeheim die Rede? Kommentarlos zitierte der französische Dichter Albert Camus 1959, nicht lange vor seinem Tod, im Tagebuch die Worte seines russischen Kollegen Boris Pasternak: "Die größten Werke auf der ganzen Welt behandeln zwar die verschiedensten Dinge, aber in Wirklichkeit erzählen sie uns ihre eigene Entstehung."
"Mein Jahr in der Niemandsbucht" gibt sich weltfern und ist doch als Buch ganz Gegenwart. Der leichte zeitliche Vorsprung, den Handke seiner Geschichte dadurch gibt, daß er die Handlung um drei Jahre vorversetzt, macht aus der Vergangenheitsform eine nahezu tempusfrei irrlichternde Melodie.
Ist das nun die neuerdings auch bei einigen Kritikern gefürchtete "postmoderne Literatenliteratur"? Was zählen solche Etiketten, wenn die Prosa so intensiv wie entspannt, so überraschend wie einleuchtend, so schön wie eigenwillig ist. Ein gewaltiges Werk ist Peter Handke da nicht nur an Seitenzahl gelungen, eine trotzige Selbstbehauptung des einsamen, aber eben gerade dabei so wachen Träumers - eine einzige große Erzählung über das Erzählen, das nicht aufhört. Sie wird bleiben. Y
* Peter Handke: "Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.; 1072 Seiten; 78 Mark.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 45/1994
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